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Full text of "Versuch über den menschlichen Verstand"

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Locke'  s 
V     e      r     f    u     c     h 

über  den 

menfclilichen  Verltand. 

Aus    dem   Englifchen    überfeizt 

mit  einigen  Anmerkungen  und  einer  Abhandlung 
über 

den    Empirismus    in    ckr   PhilofophU 
von 

D,  Wilhelm  Gottlieb  Tennemann. 
Zweiter     T  h  e  i  1. 

L  e  i  p  z  i  g,. 

htj   Iohann   Arabrofius  Barth, 
17  9  7. 


Inhalt 

des      zweiten     T  heil  3. 


Zweites  Buch. 

Ein    und  zwanzigfies  Kapitel.      Von  dem  Ver- 
mögen und  der  Kraft.  S.     i 
Zwei  und  zwanz.  Kap.     Von    gemifchten  Be- 

fiimmungen.  —   ioi 

Drei  und  zwanz.  Kap.    Von  unfern  zu  fammen- 

gefetzten  Begriffen  der  Subftarizen.                   —  11$ 
Vier  uud  zwanz.  Kap.    Von  coliectiveu  Begrif- 
fen,der  Subfianzen.  l5<> 

Fünf  und  zwanz.  Kap.   Von  dem  Verhältnifs  162 

Seclis  und  zwanz.  Kap.  Urfachc  und  Wirkung 

nebfi  andern  Verhältniffen.  —  172'. 

Sieben   und  zwanz.  Kap.     Von    der  Identität 

und  Verfchiedenbeit.  j^cj 

Acht  und  zwanz.  Kap.  Von  andern  Verhält- 
nifTen.     219 

Neun  und  zwanz.  Kap.  Von  klaren  und  dun- 
keln ,  deutlichen  und  undeutlichen  Voritel- 
lungen.  —  244 

Dreifsioftes  Kap.     Von  realen  und  erdichteten 

Vorlullungen.  v_  263 


Inhalt. 

S. 

Ein  und    ireibiellei  Kap.     Von    vollkommt. 

nen  und  unvollkommenen  Vorßellnnge».     _  ;-■> 
Zwei  und  drei&igftea  Kap.     Von  wahren  und 

i'dllchcn  Vorftellungen.  —  s8jj 

Drei    und   dieifsigftes   Kap.     Von   der    Vcrge- 

rcHLli.iiiiuig  der  Voritellungen.  _  3  U 

Drittes  Buch. 

Elftes  Kap.  Von  den  Worten  oder  der  Sprach« 
überhaupt.  —   3. 9 

Zweites  Kap    Von  der  Bedeutung  der  Worte.  _  55| 

Drittes  Kapitel.  Von  allgemeinen  Sprachzei- 
chen. —  34I 

Viertes  Kap.  Von  den  Sprachzeichen  einfa- 
cher VorfU-llnngen.  —  360 

Fünftes  Kap.     Von  den  Weiten  der  gemifch- 

ten  Beftimnwngen  und  Verhältnille.  —  3*3 

Seclifles  Kap.     Von  jden  Worten  für  Subftan- 

7.CH.  — ;  388 

Siebentes  Kapitel.    Von  den   Partikeln.  —  429 

Achtes   Kap.     Von    abftrakten   und  concretea 

Worten.  —  434 

Neuntes   Kap.     Von  der   Unvollkonirnenheit 

der  Worte.  __  437 

Zehntes  Kap.  Von  dem  Mifsbrauch  der  Worte  —  463 

Eilftes  Kap.  Von  Jen  Gegenmitteln  gegen  die 
Unvollkoinmenheit  und  den  Mifsbrauch  der 
Werte.  —   JOI 


LokkeS 


Locke'  s 
V    e    r   f  u    c    h 

über  den 

rnenfchlichen    Verftand. 


Zweites  Buch. 


Ein  und  zwanzigfte3  Kapitel. 

Von  dem  Vermögen  und  der  Kraft.  *) 

$.    i. 

Entflehung  diefes  Begriffs. 

J-'ie  tägliche  Erfahrung  von  der  Veränderung 
der  Gegenßände  der  einfachen  Voiftellungen  aa 

AnfTen- 

•}  Ich  habe  das  Wort  power  bald  mit  Vermö- 
gen bald  mit  Kraft  überfetzt,  weil  Locke  die- 
le beiden  Begriffe  nicht  forgfältig  unierfcheidet. 
In  einigen  Stellen  fchien  es  mir  fogav  nothwen- 
dig  ,  beide  Bedeutungen  neben  einander  zu 
letzen. 

Locke1*.     II,  Thcil.  A 


4  Zweites  Cuch, 

Auflendingen  ;  die  Bemsrkung,  dafs  hier  einDing 
auf  »ort  zu  feyn,  dort  ein  andres  an  feine  Stelle 
tritt;     die  Beobachtung  des  beftändi»en  Wech. 
fels  der   Vorftellungen   in  dem   Gemiithe,    der 
theils  von  den  Eindrücken  ätifserer  Objecte  auf 
die  Sinne,  theils  von  der  Beftimmung  unfercr 
eigenen  Wahl  abhängt;  alles  diefes  leitet   den 
tnenfchlichen  Verftand   auf  den    Schlufs  ,    dafs 
eben    diefelben     bisher    beobachteten     Verän- 
derungen auch  in  der  Zukunft  an  denfelben  Ob- 
jeeten,  durch  diefelben  Urfachen  und  auf  die- 
felbe   Weife    ftatt   finden    werden.     Er    denkt 
fich  demnach  in  dem  einen  Wefen  die  Möglich- 
keit,   dafs  die    einfachen    Merkmale  dcllelben 
wechfeln,  und  in  dem  andern  die  Möglichkeit, 
diefen  Wechfel  hervorzubringen,  und  kommt 
hierdurch  auf  den  Begriff  von  einem  Vermö- 
gen»    So  fagt  man*  das  Feuer  habe  ein   Ver- 
mögen das  Gold  zu  fchmelzen  ,  oder  die'Kon- 
fiftenz  feiner  Beftandtheile  und  feiner  Härte  zu 
zerftöhren,  und  es  in  einen  flüffigen  Körper  zu 
verwandeln,  und  das  Gold  habe  das  Vermögen 
gefchmolren  zu  werden«     In  diefem  und  ähnli- 
chen Fällen  wird  das  Vermögen  nur  in  Bezie» 
hung    auf    den    Wechfel    der    Vorüel- 
laugen    und    der  dadurch   vorliellbaren   Be- 
fchaffenheiten   betrachtet.      Denn   wir  können 
keine    Veränderung    in  einem    Objecte,  keine 
Einwirkung  auf  dailelbe  als  nur  vermittelt  der 
Veränderung  in  der  Vorllellung  deflelben  wahr- 
nehmen und  denken. 

§.    S. 


Ein  und  zwanzigstes  Kapitel.  3 

Thatiges      und    leidendes     Vermö- 
gen. 

Das  Vermögen  ift  Jn  diefer  Rückficht  zwei- 
erlei, infbfern  es  in  der  Möglichkeit  befteht,  eine 
Veränderung  Zu  bewirken, oder  eineVeränderung 
anzunehmen,  Ienes  kann  thätiges,  diefes 
leidendes  Vermögen  heifTen.  Ob  nicht 
die  Materie  aller  mutigen  Kraft  beraubt,  ihr 
Urheber  hingegen  über  alle  leidendeKraft  erha- 
ben fey,  und  ob  nicht  der  Zwifchenzuftand  der 
erfchafienen  üeifter  in  der  Vereinigung  thati« 
ger  und  leidender  Kräfie  beftehe,  das  verdien- 
te wohl  eine  eigne  Unterfurhung.  Dazu  ift 
aber  hier  der  Ort  nicht;  denn  mein  Zweck  ift 
nicht,  den  Urfprung  der  Kräfte,  fondern  die 
Entftehungsart  diefes  Begriffs  zu  unterfuchen. 
Die  thätjgen  Kräfte  machen  ,  wie  wir  hernach. 
fehen  werden,  einen  grofsen  Theil  unfrer  zu- 
fammengefetzten  Begriffe  von  körperlichen 
Subftanzen  aus ,  und  ich  führe  fie  der  gemei- 
nen Vorftellungsart  gemäfs  hier  als  folche  an. 
Aber  vielleicht  find  fie  doch  im  Grunde  nicht 
fo  thätige Kräfte,  wofür  wir  fie  zu  voreilig  neh- 
men, und  es  dürfte  daher  nicbt  unzweckmäfsig 
feyn,  um  dem  Begriffe  von  Vermögen  und  Kraft 
die  gröfste  Klarheit  zu  geben,  auf  die  Betrach- 
tung Gottes  und  der  Geifter  zurückzugehen» 

A  2  §.   3t 


4  Zwen«s    Buch. 

$.     3- 

Das  Vermögen  fchlie fst  etwas  Re- 
latives ein. 
Der  Begriff  von  Vermögen  ent- 
hält zwar  etwas  Relative»,  eine  Be- 
ziehung auf  eine  Handlung  oder  Ver- 
änderung; aber  bei  welchem  Begriff  fin- 
det fich  uithi  nach  aufmerk. amer  Betrachtung 
das  nehinliche  ?  Enthalten  nicht  die  ßegtiffd 
Ton  der  Ausdehnang  Datier  und  Zahl  einever 
fhckte  Beziehung  auf  Theile?  Bey  der  Figur 
und  Bewegung  iß  das  noch  fichtbarer.  Was  find 
die  finnlichen  Bafchaffenheiten ,  Farben ,  Ge- 
rüche u.  f,  w.  anders,  als  die  Krafie  verfchiede- 
ner  Körper  in  Beziehung  auf  unfre  \  orftellun- 
gen  ,  und  hängen  diefe  Kräfte  nicht  felbft  von 
der  Gröfse,  Geftalt,  Verbindungsart  und  Bewe- 
gung der  Körpertheile  ab?  Da  alfo  bei  allen 
Begriffen  etwas  ßeziehliches  flatt  findet,  fo 
daif  auch  der  Begriff  von  Kraft  mit  Recht 
eine  Stelle  unter  den  einfachen  Begriffen  er- 
halten, weil  er  einen  HauptbefUndtheil  des 
2u(aininengefeizien  Begriffs  von  der  Subflanz 
ausmacht* 

§♦     4» 
Den  klärften  Begriff  von    thatigen 
Vermögen  erhalt« a  wir  aus  dem 
Geilt  erreiche. 

Vorftellnngen  von  leidenden  Vermögen  er- 
halten wir  in  reichlichen  Rlafse  fad  durch  alle 

Ob- 


Ein  und  zwanzigstel  Kapittl.  i 

Qbjeete     der     Sinne.         Durchgehend«     drin- 
gen    uns    die    Sinae    die    Wahrnehmungauf, 
cafs    die   finnücben    Befchaffenheiten  ,   ja    fo- 
gar    die    Subftar.z     ao    den    meiften    Außen* 
dingen     in     eine»     beftandigen     Veränderung 
und  ,     und   wir    denken    fie    uns    daher    mit 
Grund     als     durchaus    veränderlich.         Auch 
von  thäiigfn  Vermögen  (welches  die  eigentli' 
che    Bedeutung   des  Worts  power  ift)   finden 
fich  in  der  Erfahrung  nicht  weniger  BeiTpiele, 
Denn  wo  nur  eine  Veränderung    wahrgenom- 
men wird  ,  da  tnufs  fich  der  Verftand   auch  ir- 
gendwo eine;<Kraft,  von  welcher  die  Wirklich- 
keit abhängt,    und  in  dem  veränderten  Dinge 
eine  Empfänglichkeit  für  diefelbe  denken.     In- 
defs  wird  uns  eine  aufmeikfamere  Unterfuch- 
ung  überzeugen,  dafs  die  Sinne  keinen  fo  deut- 
lichen   Begriff     von     wirkenden    Kräften    als 
die  Reflexion  über  die  Thätigkeiten  unfers  GA- 
ftes  an  die  Hand  geben.     Denn   da   fich   jede 
Kraft  auf  eine  Thätigkeit  bezieht,  und  es  über- 
haupt fo  viel  wir  willen  zwei  Arten  von  Thf« 
tigkeiten ,     das    Decken    und   die    Bewegung 
giebt .  fo  wolleu  wir  unterfuchen ,  woher   wir 
die  kläTfte  Vorftellung  von  den  Kräften   diefer 
Thätigkeiten  erhallen,     1)    Von  dem   DenAen 
giebt  uns  die   Körperwelt  nicht  die  gerin-jfte 
Voiftellung;    fie  entlieht  allein   durch,  die  Re- 
fl  xion.      2)    Durch    rüe  Körper   erhalten   wit 
auch  keinen  Begriff  von  einem  Anfange  der  Be- 
A  5  we* 


6  Zweites  Euch.        — 

wegim»,  Ein  ruhender  Körper  giebt  uns  kei- 
ne Vorftellung  \  on  einer  thürigen  Bewepun^s- 
krift,  und  wenn  er  in  Bewegung  gefezt  wird, 
fo  ift  die  Rpwegung  in  ihm  mehr  .ein  Leidet» 
ah  eine  Th  ä  t  i  gkei  t.  Wenn  die  Billiardku- 
gel  dem  Stofse  des  Stahes  mchgiebt,  fo  ver- 
hiilt  fich  die  Kugel  nicht  thätig,  fondern  lei- 
dend; und  wenn  fie  durch  den  Siofs  eine  andre 
im  Wege  liegende  in  B  -wegung  fetzt,  fo  theilt 
fie  diefer  nur  die  Bewegung  mit,  die  fie  wo 
anders  empfangen  hatte,  und  verliert  fo  viel 
davon,  als  de  der  andern  mittheilet.  Wir  er- 
halten alfo  nur  einen  dunkeln  Begriff  von  ei- 
ner Bewegungskraft  in  dem  Körper,  weil  er 
die  Bewegung  nur  inittheilt,  nicht  anfangt,  und 
diefes  nicht  den  Anfang  einer  Thätigkeit  fon- 
dern die  Fortfetiung  eine«  leidenden  Zuftandes 
in  fich  enthalt.  Die  Vorftellung  von  dem  An- 
fan»e  einer  Bewegung  erhalten  wir  nur  allein, 
wenn  wir  über  das,  was  in  uns  vorgehet,  Te- 
flectiren.  Denn  die  innerre  Erfahrung  lehrt 
uns,  dafs  wir  durch  ein  blofses  Wollen,  durch, 
eine  blofse  Vorftellung  runende  Glieder  des 
Körpers  in  Bewegung  fetzen  können.  Die 
Wahrnehmung  der  Wirkungen  in  der  Körper» 
weit  fcheintmir  alfo  nur  einen  unvollkommnen, 
dunkeln  Begriff  von  einer  thärigen  Kraft  zu 
gewahren,  weil  fie  uns  in  derfelben  keine 
Kraft  auf  Weifet,  welche  eine  Thätigkeit,  es  fey 
iJenfcen  oder  eine  Be  wegung,  anlangt,     Glaubt 

aber 


Ein  und  zwanzig/tes  Kapitel.  y 

aber  doch  jemand  in  dem  Stofse,  mit  welchem 
Körper  auf  einander  wirken  ,  fchon  einen  kla- 
ren Begriff  von  Kraft  entdeckt  zu  haben,  fo 
ftreitet  das  mit  meinem  Zweck  gar  nicht.  Denn 
auch  die  Anfchauung  ift  eine  von  den  Quellen, 
woraus  der  Verftand  feine  Begriffe  gewinnet. 
Nur  fchien  mir  die  Unterfuchung,  ob  nicht  der 
Verftand  durch  die  Reflexion  einen  klärern  Be- 
griff von  der  thätigen  Kraft  als  durch  die  An- 
fchauung erhalte,  kein  der  Aufmerkfamkeit 
unwürdiger  Gegenstand  zu  feyn, 

§•     5- 

Verftand     und     Wille     find     zwei 
Kräfte. 

So  viel  ift  zum  wenigften  einleuchtend,  dafs 
wir  in  uns  ein  Vermögen  finden,  verfcbic- 
dene  geiftige  Handlungen  und  Bewegungen 
des  Körpers  anzufangen,  zu  unterlaffen  ;  fortzu- 
fetzen  und  abzubrechen,  und  zwar  durch  die 
bloTse  Vorftsllung  oder  Wahl  des  vorftellen- 
den  Subjects,  wodurch  die  Vollbringung  oder 
UnterlalTung  der  Handlung  gleichfam  vorge- 
fchrieben  wird.  Diefes  Vermögen  der  Seele, 
in  einem  beftimmten  Falle  die  Aufmerkfamkeit 
auf  eine  Vorftellung  zu  lenken  oder  abzuziehen, 
die  Bewegung  eines  Theils  des  Körpers  der 
Ruhe,  oder  diefe  jener  vorzuziehen,  ift  der 
Wille,  Die  wirkliche  Ausübung  deffelben, 
A  4  durch 


3  Zweite»  Biuh. 

durch  die  BpPimmung  zu  einer  Handlung  oder 
ihrer  (JnterlaüuDij  heif^t  das  Wollen,  Will- 
kübrlich  heifsr  -ie  Handlung,  welche  zu- 
fol  je  der  Vorfchrift  des  Gemüths  gethan  oder 
un'erlafleu  wird;  un  w  il  1  k  ü  h  rl  i  eh  aber, 
wenn  he  ohne  eine  folche  beftirnmende  Vor- 
ftellun^  zur  Wirklichkeit  kommt.  Das  Ver- 
mögen wahrzunehmen  ift  der  Veiftaiad.  Das 
Wahrnehmen  als  Handlung  des  Verftandes  ift 
too  dreierlei  Art;  I)  das  Wahrnehmen  der 
VoTitelliin*e': ;  2)  da»  Wahrnehmen  der  Bedeu- 
tungen der  Gedankenzeichen  ;  3)  das  Wahrneh- 
men der  Verknüpfung  oder  des  Widerfpruchs, 
der  Uebereinftirnrnung  oder  Nichtübereinfijm- 
muijg  der  Vorftellungen,  Alle  diefe  Wirkun- 
gen werden  dem  Verftande  oder  dem  Vorftel- 
lungsvermögen  beigelegt;  das  Denken  begreift 
aber  nach  dem  Sprachgebrauche  nur  die  bei- 
den letzten. 

§.    6. 

Seelenkräfte. 

Das  Vorftellungs-  und  das  Willensvermo- 
gen  der  S.:ele  werden  gewöhnlich  mit  einem 
Ausdrucke,  S  e  elenk  rä  fte  bezeichnet,  der 
immer  paflend  genug  ift,  wenn  er  nur  nicht 
fo  gebaucht  wird,  dafs  er  Verwirrung  und 
(was  wohl  hier  wirklich  der  Fall  feyn  möchte) 
deu  Wahn  veranlafst,  ab  wenn  dadurch  ein 
realc'6   Wefcn   in    der   Seele  angezeigt  würde, 

wel- 


Ein  und  zwanzigßes  Kapitel.  9 

welches  diefp  Handlungen  verrichtete.  Wenn 
man  fagt:  der  Wille  ift  die  oberfte  und  beftira- 
inende  Kraft  der  Seele;  fie  ift  frei  oder  nicht 
frei,  fie  benimmt  die  niedern  Kraft«,  fie  folgt 
der  Vorfchrift  der  Vernunft:  fo  mögen  diefe 
und  ähnliche  Ausdrücke  zwar  für  diejenigen 
einen  beftim raten  und  deutlichen  Sinn  haben, 
welche  ihre  eignenBegriffe  fcharf  unterfcheiden, 
und  ihre  Gedanken  mehr  nach  der  Evidenz  der 
Dinge  als  dem  Schalle  der  Worte  beftimmen. 
Allein  ich  befürchte  doch>  dafs  der  Ausdruck 
Seelenkräfte  bei  manchen  i\en  verwirrten  Be- 
griff von  mehreren  verfchiedenen  handelnden 
Wefen  in  uns  erzeugt  hat,  die  vermiedene 
Wirkungskreife  und  Rechtsanfprüche  hätten; 
von  denen  eins  Gefetze  gäbe,  das  andre  fie 
befolgte,  und  das  dritte  fie  ausübte.  Diefer 
Wahn  hat  nicht  wenig  Dunkelheit,  Verwirruag 
und  Zänkereien  in  der  Unterfuchung  diefer 
Gegenftände  veranlagt, 

?♦     % 

Begriff    von  Freiheit   und   Entfte> 
hang  deffelben. 

Jeder  Menfch  muTs  unßreitig  ein  Vermögen, 

verschiedene  Thätigkeiten  anzufangen  oder  zu 

unteilafien,  fortzufetzen  oder  zu  unterbrechen, 

in  fernem  Innern  entdecken.     In   der  Betrach- 

A  5  tung 


•  o  Zweites    Buch. 

lei  Vnita<  gs  diefes  Vermögens  der   S«ele 

•  inenfciiltehe  Handlungen  liegt  der  Grund 

der.  Begriffe  tob    Freiheit  und  Nothwen* 

djgkeit, 


$.      8. 

Alle  Thäti«keüen,  die  wir  kennenl  laffen  fich. 
wie  wir  fclio.)  gefaxt  haben,  auf  zwei  Arten, 
pehinlich  auf  d3i  Denken  und  die  Bewegung 
zuiückführen.  Infofern  nun  der  Menlch  das 
Vermögen  hat,  nach  eigner  Wahl  und  Beftim- 
nmng  zu  decken  und  nicht  zu  denken,  Geh  zu 
bewegen  oder  nicht  zu  bewegen,  infbfern  i(t 
er  frei.  V\  o  die  Vollbringung  oder  Unterlaf- 
fung  einer  Handlung  nicht  in  gleichem  Grade 
in  der  Gewalt  des  Menfchen  (lebet,  ein  Thun 
oder  Nichtthun  nicht,  das  eine  wie  das  andre, 
auf  die  beftimmende  Wahl  der  Seele  erfolgt,  da 
ift  er  nicht  frei,  aber  die  Handlung  kann 
noch  immer  willkührlich  feyn.  Der  Begriff 
der  Freiheit  ift  alfo  der  Begriff  von  dem 
Vermögen  eines  handelnden  Wefens,  eine  be- 
ftiimnte  Handlung  zu  thun,  oder  zu  unterlaf- 
fen,  der  Vorttellung  od^r  der  Beftimmung  der 
Seeh?  gemäfs  ,  wodurch  das  eine  dein  andern 
vorgezogen  wird.  Wo  das  eine  oder  das  am 
dere  nicht  in  der  Macht  des  handelnden  We- 
fens ftehet,  und  nicht  durch  fein  Wollen  her- 
vor« 


Ein  und  zwanzigstes  Kapitel.  H 

vorgebracht  wird,  da  ift  keine  Freiheit, 
fondern  das  handelnde.Wefen  fti'hpt  unter  dem 
Gefetz  der  Nothwendigkei  t.*)  Freiheit 
ift  alfo  nicht  möglich,  wo  kein  Denken,  Wollen, 
und  kein  Wille  ift,  aber  das  Denken  und  Wol- 
len ,  und  der  Wille  kann  ohne  Freiheit  feyn» 
Ein  kleine«;  Nachdenken  über  ein  oder  zwei 
bekannte  Falle  wird  das  klarer  machen, 

$-  9* 


*)  Man  darf  in  der  folgenden  weitläufigen  Abhand- 
lung nicht  erwarten  ,  dafs  Locke  zur  Auflöfung 
der  Schwierigkeiten  in  der  Lehre  von  der 
menfchlichen  Freiheit  etwas  beitrage.  Er  be- 
frachtet die  Freiheit  eigentlich  nur  in  pfycholo- 
gifcher  Hinlicht,  al*  das  Vermögen  der  Seele, 
iich  durch  Vorftellungeu  zur  Ilervororingung 
oder  Nichthervorbringung  einer  Handlung  zu 
beftimraen.  Der  Wille  ift  gleich  fam  die  wirk- 
liche Aeufserung  jenes  VWpäögens >  wodurch, 
die  unbeftimmte  Möglichkeit  iich  zu  einer  Hand- 
limg  oder  ihrem  Gegentheil  zu  entfcbli«fsen  in 
Wirklichkeit  verwandelt  wird.  Daher  betrach- 
tet Lo' ke  die  Freiheit  als  ganz  unvereinbar  mit 
dem  Willen.  Der  Wille  wird  durch  d.is  Begeh- 
ren, welches  durch  die  Vernunft  modiiicirt  i(t, 
beftimmt  *  §•  7*.  Es  ift  alfo  hier  nur  von  der 
comparativen  oder  pfychologifchrn  Freiheit  die 
Rede,  auf  welche  die  iin.ere  Wahrnehmung 
leitet,  aber  nicht  von  der  abfoluten  moralifcnen 
Freiheit,  welche  die  Vernunft  um  des  mibe, 
dingten  Sollens  wegen,  welches  mit  dem  Sit- 
tengefetz  verbunden  ift,    annehmen  mufs. 


H  Zweites  Buch. 

§       9- 

Fin    Ha!!  wird  r;ir  keiu  .'r-^andelnde?  We- 
fen  »ehalten  ,    t-r  ruhe  o.ler  bewege  fich  durch 
d       Schi   g  »Ines  Rdckets   und  zwar,  aus   keiner 
»ri  lei  i  '.'.'fache,  als  weil  m;in  glaubt,  er  könne 
ht    lenken  oder  Wollen,  und  daher  auch  nicht 
ieWegung  der  Ruhe  oder  di'("e  jener  vorzie- 
hen; beide  '  eränderungen  desBalls  gehören  un- 
ter den  Begriff  (ier  NrjlbWendigkeit.  Wenn  ein 
JVleofch  in  di*  WafTer  fallt,  indem  die    Knicke 
unter  ihm  eirjOürzt,  !o  ift  er  darin  kein  frt-ihan- 
delndes  Wcfen;  denn  ob  er  glrich  den  Willen 
hat,  nicht  in  das  Waller  zu   fallen,    fo  fiehet 
doch  die  Umerlaffuug  diefer  Bewegung  nicht 
in  feiner  Gewalt;  und  fein  Wollen  hat  keinen 
Emfluls  auf  das  Aufhören   derftdben.     Eben  fo 
ift  es,  wenn  ein  Menfch  durch  eine  konvulfivi- 
fche  Bewegung  fieb  oder  feinen  Freund  fchlägt  j 
es  fteht  nicht   bei  ihm,    durch   feinen   Willen 
oder  die  Beftlni mim»  feiner  Seele  diefe  Bewe- 
gung zu  unte>!aiTen,   oder  aufzuheben.     Nie-  , 
m  >nd    legt   ihm  in    diefem  Fdls   Freiheit   bei; 
jeder  bemitleidet  ihn  als  einen,  der  aus  Zwang 
Mnd  FsotUwendigkcit  handelt. 

§.      10. 
Die     Freiheit     gehet    den    Willen 
nicht  an. 

Man    detike   fich    noch    einen    andern    Fall. 
Ein  JMenfcU  wird  fchlafcud  in  ein  Zimmer  ge- 
bracht 


Ein  und  zw-nzigfies  Kapitel.  l5 

bracht,  wo  Geh  einePerfon  befindet,  die  er  zu 
fehen  und  zu  fpTechen  feunlichrt  wünfehte, 
und  roeirgefchk  flen.  dafs  es  nicht  in  feiner  Ge- 
walt ftehet  hinauszugehen.  Er  erwacht , 
freuet  fich ,  in  einer  fo  erwüniebteu  Gefell- 
fchaft  zu  feyn  ,  und  bleibt  fehr  gerne  da,  d, 
i.  er  ziehet  das  Bleiben  dem  Weggehen  vor* 
llt  fein  Bleiben  nicht  eine  Handlung  feines 
Willens?  daran  zweifelt  wohl  niemand.  Da 
er  aber  eingefrhloüeii  ift,  fo  hat  er  offenbar 
nicht  die  Freiheit,  nicht  zu  bleiben  oder  zu 
gehen.  Die  Freiheit  ift  alfo  kein  Merk- 
mal des  Willens,  oder  des  Vermögens  zu 
wählen,  fondem  der  Perfon,  welche  das 
Vermögen  hat,  zuhandelnund  nicht 
zu  handeln,  nachdem  die  Vernu.  ft  cas 
eine  oder  das  andre  befiiramt  oder  wählet,  to 
Weit  diefes  Vermögen  reicht,  fo  wejU«rftreckt 
fich  auch  der  Urnfang  de  B  -  '5  vo.  F  eih.  .r, 
Wo  tjie  Aeufseruii^,  ueffeiben  gehemmt,  oder 
durch  Zwang  die  unbeftiinrnte  Möglichkeit  einet 
Handlung  und  ihres  Gegentheils  aufgehoben  iß, 
da  rft  diu  h  keine  Freiheit  und  keine  AuW^dung 
da  üegnüi  ftdtthaft. 

§•     II. 
Das  W  i  1 1  k  ü  h  r  1  i  c  h  e  i  ft  d  e  m  U  n  w  i  1 1- 
kührlichen  aber  nicht  dem  Not h- 
w  endigen  entgegengefetzt. 

Hiervon    haben    wir    Belege    genug,     und 

felbfl 


I/|  Zweit«  Buch. 

felbft'  an  unTerm  Körper.  Das  Herz  fthlngf» 
dns  Filut  cirkuliret,  kein  Gedanke,  keire  Wil« 
len-harjdlung  kann  es  hemmen.  In  Rückficht 
auf  diefe  Bewegung  ift  der  Menfch  nicht  frei, 
weil  das  Gegentheil  derfelben  nicht  von  feiner 
Wahl  abhiinet,  und  wenn  er  es  wollte,  doch 
nicht  durch  die  Beftimmung  feiner  Seele  wirk- 
lich werden  würde.  In  der  fonderbaren 
Krankheit,  dem  Veitstanze,  bewegen  lieh  die 
Füfse  des  Kranken  convulfivifch ,  dafs  ergän- 
zen mufs,  er  mag  wollen  oder  .nicht,  und  er 
kann  durch  keinen  Einflufs  feiner  Vorftellungen 
die  Bewegung  hindern.  Ein  lolcher  Wunfeh 
hat  bei  diefer  Handlung  keine  Freiheit  >  er  ift 
unter  dem  Gebiet  der  Notwendigkeit,  wie  ein 
Stein  der  fällt,  Wie  ein  Bali  ,  der  durch  das 
Kacket  fortgetrieben  wird.  Auf  der  andern 
Seite  wird  die  Ausführung  des  Vorfatzes,  den 
Körper  an  einen  andern  Ort  zu  bewegen,  ge- 
hindert ,  wenn  ein  Menfch  die  Gicht  hat  oder 
in  Feffeln  gelegt  ift.  In  diefen  Fällen  Fehlet 
die  Freiheit;  aber  das  Stillfitzen  felbft  des 
Gichtkranken  ift  noch  immer  eine  Willenshand« 
lung,  wenn  es  dem  Herumgehen  vorgezogen 
wird.  D  as  Wil  1  kür  liehe  ftehet  alfo  nicht 
dem  Not h wendigen  fondern  nur  dem 
1\  icht  will  kü  hr  lieh  enen  tgegen.  Denn 
ein  Menfch  kann  feine  Handlung  einer  andern 
nicht  möglichen,  oder  feinen  jetzigen  Zufland 
dem  Nichtdafeyn  oder  der  Veränderung  deffel- 

ben 


Ein  und  zwanzigfies  Kapitel.  l£» 

ben  vorziehen,  Tollte  auch  die  Nothwendig- 
keit  alle  Veränderung  dabei  unmöglich  gemacht 
haben* 

Was  Freiheit  i  ft. 

Wie  es  Geh  mit  den   Bewegungen  des  Kör- 
pers, fo  verhält  es  lieh  auch  mit  den  Vorfteihin- 
gen.     In  Rückficht   derfelben   Gnd   wir  nur   da 
frei»    wo  wir  eine  Vorftellunc  nach  eigner  Be- 
ftimmung  ergreifen,    oder   inrückweifen    kön* 
üen.     Da  ein  Menfch  in   dem  wachenden   Zu- 
ftande  immer  einige  \  o:  fieUurgeii  in   dem   Be- 
wut'stfeyn  haben  mufs  -,  fo  hat  er  eben  fo  wenig 
Freiheit  ,    ob    er    denken  oder    nicht  denken 
will*  als  ob    fein   Körper  einen    ändert!   berüh- 
ien    oder    nicht   berühren    foll.      Aber  er    hat 
zuweilen  die  Wahl,  ob  er   feine   Aufmerkfam- 
keit  von  einem  Gedanken  ab*  auf  den  andern 
richten  will ,    und   in   Rücklicht   dieser   Vorftel- 
lungen  ift  er  frei,  to  wie  in   Anfehung  der  Kör* 
per.  aufweichen  er  ruht,  die  er  nach  Wiilkühr 
verändern   kann.      Es  giebt  aber  gewifle  Vor- 
sehungen ,     fo    wie    einige    Bewegungen    des 
Körpers,     welche    unter    gewillen    Umftänden 
unvermeidlich  find,  und  durch  keine,  auch  die 
gröfste  Anftrengung  nicht  abgewendet  werden, 
können.   Ein  Menfch  auf  der  FobeT  bat  nkln  die 
Freiheit,  die  Empfindung  des  Schmerzes  zu  un- 
ter- 


IjS  Zweites  Buch. 

terdn'icken ,  und  (ich  mit  andern  Betrachtun- 
gen zu  zerftreuen.  Zuweilen  reifst  eine  ftiir- 
ni'ihe  Leider.fchaft  unfere  Gedanken  fort, 
wie  ein  Orkan  unfere  Körper,  ohne  uns  die 
Freiheit  zu  laflen ,  an  einen  andern  Gegen, 
fhnd  zu  denken ,  den  wir  eher  wählen  füll- 
ten. Soh-dd  aber  ein  Menfch  wieder  fo  viel 
Gewdl  über  Och  erhält,  dafs  er  eine  äuff  re 
Bewegung  des  Körpers,  oder  eine  Vorftellung 
in  feinem  Innern  durch  die  Vorftellung  des 
BeiTerfeyns  aufhalten  oder  fortfetzen,  anfangen 
oder  uuterlalTen  kann ,  fo  betrachten  wir  ihn 
auch  wieder  als  ein  freihandelndes 
Wefen. 

§•     33- 

Wo  das  Denken  ganz  und  gar  oder  das 
Vermögen,  fich  durch  das  Denken  zum  Handeln 
oder  Nichthandeln  zu  beftimmen,  fehlet,  da 
rindet  Not h wendigkeit  ftatt,  Sie  heifst 
bei  einem  Wefen,  das  der  Willensbeftiramung 
fähig  ift,  Zwang,  wenn  der  Anfang  oder  die 
Fortsetzung  einer  Handlung  gegen  eigne  Wahl 
und  Ueberzengung  lauft;  Einfchränkung, 
■wenn  die  Veihinderung  oder  Hemmung  einer 
Handlung  mit  feinem  Wollen  ftreitet.  Wefen, 
die  des  Denkens  und  Wollens  völlig  beraubt 
find,  und  in  jeder  Kückficht  noth wendig 
(pbyfifcn)  wirkende  Wefen. 


Ein  und  zvr.ir.zigftes  Kapitel,  17 

Wenn  dieses  richtig  ift.  wie  es  mir  fcheint, 
fo  ftelle  ich  den  L.  f<  :r»  anheim  ob  es  nicht 
dazu  dienen  kann,  eine  Streitfrage  zu  beendi- 
gen ,  welche  fcbon  fo  lange  Zeit  den  Denkern 
zu  fcli-ffen  machte,  unti,  wie  mir  dünkt,  r.icht 
vernünftig  ift.  weil  fte  nicht  denkbar  ift,  die 
Frage  nehmlirh:  ob  der  rnenfchliche 
Wille  frei  fe  y  oder  nicht.  Denn,  wenn 
ich  mich  nicht  irre,  fo  folgt  aus  dem  Gefügten, 
dafs  die  Frage  ganz  i  mtattbaft  ift,  und  fo 
weoigzu  bedeuten  bat.  al  die:  ob  der  Schlaf  des 
Menfchen  fchneh,  oder  feine  Tugend  vierek- 
kigt  ift.  Die  Fteibeit  lülst  fifch  fo  wenig  mit 
dem  Willen  als  die  Gefchwindigkeit  der  Bewe- 
gung mit  dem  Schlafe,  oder  die  viereckige 
Figur  mit  der  Tugend  zufammendenken.  Ue- 
berdiß  Ungereimtheit  der  letztem  Fragen  lacht 
Jedermann,  weil  die  Unvereinbarkeit  der  Vor-' 
Teilungen  einleuchtend  ift.  Uh'tl  über  die  er- 
llere wird  man  nicht  anders  urtheilen ,  wenn 
man  nach  reiflicher  Unterfuchong  eingefehen 
hat,  dafs  die  Freiheit,  ab  ein  bloßes  Vermö- 
gen; nur  ailein  dem  handelnden  Subjente  zu- 
kommen, und  nicht  für  eine  Jfii^enfchaft  oder 
IModification  des  Willens  ,  der  auch  nur  ein 
Vermögen  ift,  gehalten  '.Verden  kann. 


Locke's.    H.  Tteft  B  $»'*$, 


8i  Zweites  Buch. 

§.      I* 

Von  dem  Wollen. 

Es  ift  änfferft  fchwer,  die  innern  Handlun- 
gen des  Gemü'hs  durch  klare  Begriffe  zu  erklä 
xen,  und  fie  durch  Worte  auszudtücken ,  und 
ich  mufs  d^her  die  Lefer  erinnern  ,  dafs  die 
Ausdrücke,  Vorrchreiben,  Anordnen, 
Wählen,  Vorziehen,  keinesweges  das 
Wollen  deutlich  genug  darfteilen,  woferne 
fie  nicht  felbft  darüber  reflectiren  ,  was  fie  bei 
dem  Wollen  thun.  Der  Ausdruck  Vorzie- 
hen fcheint  die  Willenshandlung  noch  am  be- 
ften  auszudrücken,  und  beftimmt  fie  doch 
nicht  fcharf  genug.  Es  ift  möglich,  dafs  ein 
Menfch  das  Fliegen  dem  Gehen  vorzieht;  aber 
kann  man  wohl  Tagen  :  er  wi  1 1  es?  Das  Wol- 
len ift  offenbar  eine  Thätigkeit  des  Gemülhts, 
wodurch  es  mit  Befonnenbeit  die  Herrfchaft 
äuffert,  die  es  über  etwas  in  dem  Menfthr>n 
fich  verfchaft  hat,  um  dadurch  eine  Handlung 
zu  vollbringen  oder  zu  verhindern.  Und  Was 
ift  der  Wdle  anders  als  die  Kraft  diefes  zu 
thun?  Ift  aber  diefe  Kraft  wirklich  etwas  mehr 
als  ein  Vermögen,  und  zwar  der  Seele,  ihre 
Gedanken  zur  HervO'bringung  ,  For  fet/ung 
oder  Unterbrechung  einer  Handlung  zu  befttm. 
inen,  iu!o^ern  das  von  uns  abhängt?  Kann 
in  im  wohl  laugneu  ,  da  s  ein  wirkendes  Wefen, 
verfehen  mit  dem  Vermögen  über  feine  Hand- 

lun- 


Ein  und  zwanzigftes  Kapitel.  ig 

hingen  nachzudenken  un  1  ihre  Ausübung  oder 
Unterteilung  zu  beVhliefsen  ,  diefes  Vermögen 
des  Willens  befitze?  Der  Wille  ift  alfo  nichts 
anders  als  diefes  Vermögen.  Die  Freiheit  ift 
auf  der  andern  Seite  das  Vermögen  des  Men- 
fchen,  (ich  zur  Vollbringuiig  einer  Handlung 
zu  beftimmen  oder  nicht  zu  beftimmen,  je  nach- 
dem die  Ausübung  oder  die  Unterlaifung  der- 
felben  wirklich  in  der  Seele  vorgezogen  wor- 
den, oder,  mit  andern  Worten,  je  nachdem 
lie  das  eine  oder  das  andere  will. 

$.     16. 

Die  verfchiedenen  Vermögen  ge- 
hören dem  handelnden  Subjec- 
te  an. 

Es  ift  alfo  einleuchtend,  dafs  der  Wille 
nichts  anders  ili,  als  ein  Vermögen  oder  eine  Fä- 
higkeit, und  dafs  die  F  r  e  i  h  e  i  t  ein  andres  Ver- 
mögen ift.  Die  Frage;  ob  der  Wille  frei 
fey,  heifst  alfo  mit  andern  Worten  fo  viel 
als:  ob  ein  Vermögen  ein  andres,  eine  Fähig- 
keit eine  andre  Fähigkeit  befitzt,  eine  Frage, 
deren  Ungereimtheit  zu  fehr  in  die  Augen 
fällt,  als  dafs  Ge  eine  Antwort  oder  Unterteil- 
ung verdiente,  Wer  flehet  nicht  ein ,  dafs 
Vermögen  nur  handelnden  Wefen  angehören, 
nur  Eigen  fchaften  der  Subftanzen  nicht 
anderer  Vermögen  find?  Wer  die  Frage  auf« 
B  2  ftellt; 


20  Zweites  Buch, 

ftel't:  ob  der  Wille  frei  fey,  fragt  In  der 
That   nicht»    anders   als:    ob  der  Wille    eico 
Subftanz,  ein  handelndes  Wefen    fey  ?  oder 
fetzt    das  weni^flens    voraus,    da  die  Freiheit 
nur  einer    Subfhuz     beigelegt     werden     kann. 
Wrenn  die  Freiheit  in  einer  beftimmten  Bedeu- 
tung einem  Vermögen  beigelegt  werden   kann, 
fo  ift  a  das    Vermögen    des   Menfchen   durch 
eine   Wahl    eine   Bewegung   in  einem   Theile 
feines  Leibes  hervorzubringen,    oder  zu  uuter- 
laflenf  das  ift  aber  eben  das,  weswegen  man  den 
Menfchen    frei  nennt  ,    ift   die    Freiheit   felbft. 
Und  wer  noch  fragen  könnte,   ob  die   Freiheit 
frei  fey,   von  dem  würde  man  mit  Recht  urthei- 
len  ,  er  wiffe  nicht,  was  er  fchwatze  und  ver- 
diene nicht  weniger    mit  Midas  Ohren  geziert 
tu  werden,  aL  einer  der  fragen  wollte:  ob  der 
Reichthum  felbft  reich  fey. 

$•     17* 

Man  kann  zwar  das  Ungereimte  des  Ausdrucks 
Kraft  CFaculty,)  wodurch  man  das  Willens.- 
vermögen  bezeichnete,  und  welches  Veranlaf- 
fung  g.b,  von  demfelben  als  einem  für  fich  be- 
gehenden handelnden  Welen  zu  reden,  durch 
eine  gewiffe  WTendung  ,  die  den  wahren  Sinn 
aus  den  Augen  rückt,  einigennaafsen  verbergen* 
Allein  der  "\\  ilie  b  beutet  in  Wahrheit  nur  ein 
Vermögen  ,  eine  Fähigkeit  zu  wählen  oder 
vorzuziehen.  Und  in  diefer  Ilückucht  leuch- 
tet 


Ein  und  zwanzigfi.es  Kapitel.  21 

tet  es    von   felbft    ein ,    wie    ungereimt  es  ift, 
dernfelben  Freiheit   beizulegen.      Wenn  es   ver, 
nünflig  ift ,  Kräfte  als  für  fich  beftehende   Hin- 
ge anzunehmen ,   welche  wirken  können  (wie 
r.ian   unter  andern   fagt,    der    Wille  beftimme, 
der    Wille   fey  frei),     fo  darf  man   auch   eine 
Kraft  zum   Sprechen,  Gehen,    Tanzen  anneh- 
men ,    wodurch   diefe   Wirkungen    als  gewiffe 
Modifioatjouen      der     Bewegungen     hervorge- 
bracht werden,  fo  wie  man   den  Verftänd   und 
den  Willen   als   Kräfte  betrachtet ,    welche   das 
Vorftellen  und  Wählen,  als  Modificationen  des 
Denkens  ,  hervorbringen.   Dann  kann  man  eben 
io  richtig    fagen  :   die  Kraft  zum   Singen  finget, 
die    Kraft  zum    lenzen  tanzet,    als  der  Wille 
wählet,    der  Verftänd    denket;     die    Kraft    zu 
reden     beftirnmt    die    Kr*ft  zum   Singen    und 
diefe  ift  der  erften  gchorfam  oder  un^ehorTam., 
als  der.  Wille  beftimnu  den  Verftänd,   der  Ver- 
ftänd  befolgt   den    Willen    oder   befolget  ihn 
nicht, 

§.     18. 

Gleichwohl  haben  diefe  Ausdrücke  allge- 
meinen Eingang  gefunden  ,  zugleich  aber  auch 
grofse  Verwirrung  geftiitet.  Denn  alles  jenes 
lind  verfchiedene  Vermögen  der  Seele  oder  des 
ÄJenfchen  auf  verfchiedene  Art  zu  wirken, 
nnd  er  äuffert  f;e,  jenachdem  er  es  für  gut 
hält,  Aber  kein  Vermögen  wirkt  auf  das 
ß  3  an- 


22  Zweites  Buch. 

andere;  das  Vermögen  zu  wühlen  nicht  auf 
dav  Vermögen  zu  denken,  oder  umgekehrt,  noch 
das  Vermögen  zu  tanzen  auf  das  Vermögen  zu 
fingen,  oder  umgekehrt.  Und  doch  drückt  man 
fich  gewöhnlich  fo  aus;  der  Wille  wirke  auf  den 
Verftand ,  oder  der  Verftand  auf  den  Willen, 

§.     19. 

Ich  will  gar  nicht  läugnen  ,  dafs  ein  Ge- 
danke Veranlaffung  zu  einer  Willensbandlung 
geben,  und  diele  das  Nachdenken  über  einen 
beftitnmteu  Gegenfland  veranLfien  kann.  Eben 
fo  kann  der  Gelang  einer  gewiflen  Melodie  mit 
einem  gewilTen  Tanz,  und  ein  Tanz  von  einer 
Art  mit  einem  Gefange  in  Verbindung  flehen. 
Aber  in  allen  diefen  Fällen  wirkt  kein  Vermö- 
gen auf  «las  andre.  Es  ift  die  S.'cle,  die  wir- 
ket und  diele  Vermögen  ausübt  ;  es  ift  der 
Mönrch.  der  die  Handlung  ausübt,  er  befitzt 
das  Vermögen  oder  die  Fähigkeit  zu  der  be" 
ftimmten  Handlung.  Das  Vermögen  flehet 
in  Beziehung  auf  das  handelnde  S  u  b- 
jeet,  aber  es  ift  diefes  nicht  felbft.  Das  Su  b- 
jeet,  welches  das  Vermögen  zu  wir- 
ken oder  nicht  zu  wirken  be  fitzt, 
k  an  n  alle  in  fr  ei  od  er  nicht  fre  i  fey  n, 
aber  nicht  das  Vermögen,  Die  Freiheit 
kommt  nur  demjenigen  zu,  was  ein  Vermögen 
zu  wirken  h^r. 

§-   20. 


Ein  und  zwanzigftes  Kapitel.  23 

§.      20, 

Alle  (liefe  Vorftellungsarten  find  dadurch 
veraniafst  worden,  dafs  man  den  Kräften  bei- 
legte, was  ihnen  nicht  zukommt.  Die  Ein- 
führung und  der  häufige  Gebrauch  diefes  Be- 
griffs in  der  Seelenlehre  und  Armeikunde 
hat  unfre  Erkenntnifs  von  der  Natur  unfers 
SeJbft  und  unfers  Körpers  wenig  befördert. 
Ich  läugne  nicht  das  Dafeyn  von  Kräften  fo- 
vrohl  in  der  Seele  als  in  dem  Körper,  Beide 
würden  nicht  wirken,  wenn  fie  nicht  gewiffe 
Vermögen  dazu  hätte".  Denn  kein  Wefen. 
kann  wirken,  wenn  es  nicht  fähig  dazu  ift, 
und  es  ift  nicht  fähig,  wenn  es  kein  Vermögen 
befitzt.  Ich  läpgue  auch  nicht,  dafs  diefe 
und  ähnliche  Worte,  da  fie  einmal  in  Umlauf 
gekommen  Gnd,  in  dem  Sprachgebrauche  ih- 
re Stelle  behalten  muffen.  Sie  ganz  abfchaffen 
wollen,  würde  nur  zu  fehr  Ziererei  verrathen. 
Und  felbft  die  Philofophie,  fo  wenig  Ce  ein 
üppiges  Gewand  liebet,  raufs  doch,  wenn  fie 
vor  dem  Publikum  auftritt,  fo  viel  als  es  mit 
der  Wahrheit  und  Deutlichkeit  beftehen  kann, 
2u  gefallen  fuchen  ,  und  fich  in  die  Mode  und 
Sprache  des  Volkes  kleiden.  Man  begieng  nur 
dabei  den  einzigen  Fehler,  dafs  man  von  den 
Kräften  fo  fprach,  als  wären  fie  eben  fo  viel 
befonders  wirkende  Wefen.  Denn  wenn  man 
fragte:  was  ift  es  ,  das  macht,  dafs  die  Spei- 
B  4  fen 


»4-  Zweiirs  Buch,. 

Ten  in  demMasen  verdauet,  d^fs  etwas  aus  dem 
Körper  ausgelühre<  wird,  und  da/s  lieh  etwis 
b-weget,   fo  beg' ügte  m  in   fich  mit  der  leich- 
ten   Antwort:    e>  fei  die  Verdauungs-  die   Aus- 
;    Iriings     und  Bewegkraft.     Und  fo  Tagte  man 
auch    in   Ansehung  der   Seele:    die    Denkkrdfß 
oder  der  verltand  denket  die  Willenskraft  will 
oder    gebietet.      Das    ifr.    mit    andern    Worten 
fo  viel  als:    das  Vermögen    zu   verdauen   ver- 
dauet ,     das     Vermögen    zu    denken     denket« 
Denn    Kraft,    Fähigkeit,    Vermögen    find  nu* 
vrrfchiedene  Ausdrücke  für  eine  und   diefelbe 
Spi.he,     Jene    Sätxe,    auf  eine  verftändliclure 
Weife  ausgedrückt,  bedeuten  aTo  nuT  fo  viel: 
die    Verdauung,  die    Bewegung,    das  Denken 
wird  durch  etwas  verrichtet,  was  die  Fähigkeit 
zum  Verdauen,  zum  Bewegen   und  zum  DenA 
ken  hat.      Und  das  kann  auch   wohl    nicht  an« 
ders  (Vyn  ,  fo  wie  der  Menfch   ohne  ein   Ver* 
tnögnn  der  Freiheit  nicht  frei  feyn  kann. 

Die  Freiheit  gehört  dem  handeir- 
den Wefen  oder  dem  Menfchen 
nicht  dem  Willen  an» 

Doch  wir  kehren  wieder  zu  unfrer  Unter» 
[uchung  über  die  Freiheit  zurück.  Die  Frage 
ift    eigentlich   nicht,   ob  der  Wille,  fondern 

ob  der  Menfch  frei  ift.     Ich  bemerke  er  ft- 

•      lieh 


Ein  lind  zwanzigfiej  "Kinkel.  %h 

lieh,  dafs  ein  Menfch  fo  weit  frei  ift,  als 
er  durch  die  Beftimmung  oder  Wahl  feiner  Seele, 
welche  die  Wirklichkeit  einer  Handlung  der 
JSichtwirklichkeit  oder  diefe  jener  vorzieht» 
bewirken  kann  ,  dafs  die felbe  wirklich  oder 
nicht  wirklich  werde ,  z.  B.  den  Finger  in  ße« 
wegung  zu  fetzen ,  wenn  er  ruhet  oder  umge» 
kehrt  ihn  wieder  ruhen  zu  laffen  ,  Worte  aus- 
zufprechen  oder  zu  fchweigen.  So  weit  a  I  fo 
das  Vermögen  zu  handeln  oder  nicht 
zu  handeln  zufolge  der  Beftiminung 
des  Denkens,  welche  das  eine  oder 
das  andere  verzieht,  rei  c[h  t  i  n  f  Q  f  e  r  n 
ift  ein  Menfch  frei.  Denn  läfst  Heb  wohl 
oine  größere  Freiheit  detken,  als  dt$  Vermö- 
gen zu  thun  was  man  wi'l?  Man  kann  aber 
thun  was  man  will,  wenn  man  dadurch,  dafs 
man'  einem  Handeln  oder  Nicht  handeln  den  Vor« 
zug  giebt,  das  eine  odrr  das  andere  wirklich 
macht.  Denn  Wollen  heifst,  eine  Handlung 
dem  Nichtdaftyn  detfeiben  vorziehen  in 
Rückficht  auf  die  Handlungen  ,  welche  in  dem 
Gebiete  diefes  Vermögens  liefen,  fcheint  aiio 
der  Menfch  fo  frei  zu  f"eyn,  als  er  es  durch  die 
Freiheit  cur  immer  feyn  kann, 

§.     22, 

Allein   das  befriediget  noch  nicht] den  Un- 

terfuchungseeift  des  Menfchen,     der  von   fich 

alle  Gedanken   einer  Schuld,   fo  weit  als  mög* 

B  5  hch 


26  Zweites  Buch. 

lieh,  entfernen  will,  und  Tollte  es  auch  dadurch 
gcfciienen,  dafs  er  fich  in  einen  fchliininera 
Zuftafld  als  einer  blinden  Notwendigkeit  ver- 
letzte. Eine  Freiheit,  welche  nicht  inehr  als 
das  in''  fich  beg"ift,  fcheint  nich*  des  Na- 
mens Werth  zu  leyn;  und  man  betrachtet  es 
als  ein'-  gute  Ausfließt,  dein  Menfch en  alle  F  ■  i- 
heit  äbzü Tprectie n  ,  weil  er  nicht  fo  t r *- i  ift, 
zu  wollen,  als  zu  thun  was  er  will.  M.m  hat 
daher  in  Beziehung  auf  die  Freiheit  auch  di« 
Frage  aufgeworfen:  ob  der  Menfch  Freiheit 
des  Willens  befiue?  Diefes  ift  wo  il  der 
Sinn  der  Sireilfrage,  ob  der  Wille  frei  ley. 

$.       23. 

Ich  denke  darüber  fo.  Das  Wollen  ift  eine 
Handlung.  Die  Freiheit  beliebet  aber  in  ei- 
nem Vermögen  tu  handeln  oder  nicht  zu  han- 
deln. Ein  Menfch  kann  alfo  in  A  n  fe- 
il u  n  g  des  W  o  1  lens  oder  der  Willens- 
h  ..  .i  d  i  u  n  g  nicht  frei  l'eyn,  wenn  fich 
der  Verftand  einmal  eine  Handlung, 
die  in  feinet  Gewalt  (lebet,  als  etwas, 
das  fo gleich  a  usg  ef  ü  h  r  t  w  er  d  en  in  u  fsi 
vorge  (teilt  hat'  Der  Grund  davon  liegt 
vor  Augen.  Denn  da  eine  Handlung,  welche 
von  feinem  Willen  abbangt  ,  unvermeidlich 
entweder  wirklich  oder  nicht  wirklich  werden 
nmfs,  und  da  das  eine  fowohl  als  das  andere 

auf 


Ein  und  zvranzigftes  Kapitel.  aj 

auf  die  Beftimmung  und  Wahl  feines  Willens 
regelmäfsig  erfolget,  fo  ift  es  für  ihn  fchlech- 
terdings  nothwendig,  das  eine  oder  das  andere 
zn  wollen,  d.  i.  eines  dem  andern  vorzuzie- 
hen, weil  eines  von  beiden  nothwendi^  folgen 
inufs;  und  was  erfolgt  das  erfolgt  durch  die 
Wahl  und  Beftimmung  feines,  Geiftes ,  das  ift, 
durch  fein  Wollen:  denn  wollte  er  es  nicht, 
fo  würde  es  auch  nicht  zur  Wirklichkeit  kom- 
men. In  Rück  ficht  auf  die  Willenshandlung  bar; 
alfo  ein  Menfch  in  einein  folchen  Fall  keine 
Freiheit;  denn  das  Vermögen  zu  handeln  oder, 
nicht  iu  handeln,  worin  die  Freiheit  bellehr, 
findet  bei  dem  Wollen  nicht  ftatt.  Es  ift  unver 
meidlich  noth wendig,  die  Vollbringung  oder 
UnterlafTung  einer  Handlung,  die  in  der  Ge- 
walt des  Menfchen  ftehet,  vortuziehen,  wenn 
fie  einmal  befchioflen  ;  und  man  mufs  das  eine 
erder  das  andere  nothwendig  wollen,  und  hier- 
auf folgt  die  Handlung  oder  die  UnterlafTung 
derfelbtn  wirklich  und  zwar  ganz  willkühriicb» 
Das  Wollen  ift  alfo  der  Nothwendigkeit  unter- 
worfen, und  in  An^ehiiug  deflen  hat  der  Menfch 
keine  Freiheit;  fonft  müfste Freiheit  und  Noth 
wendigkeit  beifainmen  beftehen  ,  und  der 
MenCch  zugleich  frei  und  nicht  frei  feyn 
können. 

Es  ift  alfo   einleuchtend,  dafs  der   Menfch 
in  dem  Augenblick,  da   er  fich  eine  Handlung 

%or- 


?8  Zweites   Buch. 

vorfet't,  keine  Freiheit  hat,  zu  »vol- 
le n  o  d  e  r  nicht  zu  w  o  1  e  n ,  weil  das 
XV  o  i  1  e  ;  b  fti  i  int  und  unvermeidlich  i  ll. 
Wenn  eiu  Mendel)  ftüle  fitzt,  fo  ift  er  doch 
m»ch  frei,  infoftrn  er  £e*hen  kann,  wenn  er 
will,  er  ift  nicht  frei ,  wenn  er  nicht  das  Vc*~ 
iri)  en  hat  fi'cb  zu  bewegen,  fo  wie  einer,  der 
von  einer  fteiien  Höhe  herabftürzt ,  weil  er 
diele  Bewegung  nicht  aufhalten  kann,  wenn 
er  gleich  wollte.  Diefes  vorausgefetzt,  i(t  es 
offenbar,  dafs  ein  lUsnlch,  der  gehet,  wenn 
er  Geh  vorgefetzt  hat  nicht  mehr  zu  gehen,  kei- 
ne Fieiheit  mehr  hat.  fich  zu  dem  Gehen  oder 
Nichtgehen  zu  entfchlieilen«  Zu  dem  eine» 
o  U  t  a in! ein  niul's  er  (ich  nothwendig  beftimmen. 
So  verhält  e^  fich  mit  allen  andern  Handlun- 
gen die  in  unfrer  Gewalt  find,  wenn  einmal 
eiu  Entfchlufs  gelafst  ift.  Von  diefer  Art  lind 
die  in eifteti  luenfchiicheo  Handlungen,  Dem: 
unter  der  giafsen  Anzahl  willkührlicher  Hand-  - 
Jungen ,  welche  während  des  ganzen  l  ebens 
im  wachenden  Zufrand  je  en  Augenblick  auf 
einander  folgen,  find  nur  wenige,  weh  he  voi 
der  Vollzienung  überdacht  und  dem  Willen 
vorgehalten  werden.  Bei  allen  diefsn  Hand- 
lungen hat  das  Gemüth  in  Anfehung  des  Woi- 
lens  kein  Vermögen  zu  wirken  oder  nicht  zu 
wirken,  alfo  auch  keine  Freiheit;  denn  es 
fohlt  an  dem  Vermögen,  die  Willenshandlung 
zn  untei;:»ffen ;    es  tnufs  in  Anfehung  derfelben 

et 


Ein  und  zwanzigfies  Kapitel,  29 

etwas  befti.nmen  die  Ueberlegung  fey  noch 
to  kurz,  der  Gedanke  fb  fchnell,  fie  lauen  den 
Meuteren  entweder  in  dem  Zuitand  vor  dem 
Denken,  oder  verändern  ihn,  fie  beftimruen 
das  Geinüth  entweder  zur  Fortfetzung  oder 
zur  Umerldilupg  der  Handlung»  Das  Geinüth, 
entCchüefst  lieh  alfo  offenbar  eius  vorzuziehen, 
und  das  andre  nachzufefzen ,  und  die  Förtfetz.- 
ung  oder  Unterbrechung  einer  Handlung  iä 
dann  willkünrlicu  aber  unvermeidlich. 

So  viel  ift  alfo  klar,  dafs  der  Menfch  in 
den  meiften  Fällen  keine  Freiheit  hat,  zu  wol- 
len oder  rieht  zu  wollen.  Näcbft  diefem  ent- 
fteht  aber  die  Frage:  Ob  der  MenTch  die 
Freiheit  hab.e,  das  zu  wollen,  was 
ihm  von  zwei  Dingen  gefällt,  z,  B.  Ru- 
he oder  Bewegung,  eine  Frage,  die  zu 
offenbare  Ungereimtheiten  enthält  ,  als  dafs 
fie  nicht  die  Ueberzeugung  herbeiführen  füllte, 
dafs  die  Freiheit  den  Willen  nichts  angehet. 
Denn  fie  heifst  foviel  als:  ob  ein  Menfch  wol- 
len kann,  was  er  will,  oder  ob  ihm  das  gefal- 
len kann,  was  ihm  gefällt.  Die  Fja;e  bedarf 
wohl  keiner  Antwort.  Wer  aber  fo  fragen 
kann,  mufs  einen  Willen  vorausferzen,  der  die 
Handlung  diefes  Willens,  und  einen  andern, 
der  wieder  jenen  und  fo  ins  Unendliche,  be- 
ftitnmr. 

.§  26, 


30  Zweites   Bucli. 

§•       26. 

Zur  Vermeidung  diefer  und  andrer  Unge- 
reimtheiten ift  nichts  fo  nüt7.1ich,  als  die  Be- 
griffe von  dem  Gcgenftande  einer  Untersuchung 
genau  zu  beftimmen.  Halte  man  immer  die 
Bp^rifFe  von  der  Freiheit  und  dem  Wollen  feft- 
gefetzt,  und  zu  allen  Streitigkeiten  über  dieTe 
Gtge  '^iinde  mitgebracht,  fo  würde  unftreiiig 
ein  grqfser  Theil  der  Schwierigkeiten  ,  welche 
die  Menfchen  bei  ihrem  Denken  verwirren, 
leichter  aufgelöfst,  und  der  Punc!  u^ld  entdeckt 
•werden,  wo  die  unentwickelte  Bedeutung  der 
Worte,  oder  die  Natur  des  Gegenftandes  die 
Duukelheit  verurfacht, 

§.   27.   2g.  29. 

Man  erinnere  fich  daher  immer  an  folgen- 
de lJ unkte.  Erftlich,  die  Freiheit  he- 
fte ht  in  der  Abhängigkeit  der  Wirk- 
lichkeit oder  Nicht  Wirklichkeit  ei- 
ne r  H  a  n  dl  u  n  g  von  dem  Wollen,  aber 
nicht  in  der  Anhangigkeit  einer 
Handlung  oder  ihres*  Gegentheils 
\  o  n  unfrer  Wahl.  Em  Menfch,  der  auf 
einer  Klippe  ftehet,  hat  die  Freiheit  zwanzig 
Klaftern  abwärts  zu  fpringen ,  nicht  weil  er 
das  Vermögen  hat,  die  entgegengeletzte  Hand- 
lung zu  thun  ,  d,  i.  zwanzig  Klaftern  in  die  Ho- 
he zu  fpiingen,   denn    das  ift  unmöglich;   lon- 

dein 


Ein  und  zwanzigßcs  Eapitel.  3i 

dem  weil  er  das  Vermögen  h;t.  zu  rprin«:^n 
oitr  nicht  zu  fpringen.  Wenn  ihn  aher  (ine 
gröffere  Gewalt  feft  halt,  o  er  hin'unterfmrzt, 
i'o  hurt  feine  Fieiheit  ai  f,  weil  das  J  hun  o  1er 
Nichtihun  nicht  mehr  in  feiner  Gewalt  ift. 
Ei»  Gefangner  in  einem  wohlverwahrten  Zim- 
mer von  20  Fufs  im  Viereck,  der  auf  der 
r.ördlichen  Seite  deffelben  ift,  hat  die  Fteiheit, 
20  Fwfs  füdwärts  zu  gehen,  denn  er  hit  das 
Vermögen,  das  zu  thun ,  oder  nicht  zu  thun. 
Aber  darin  ift  er  nicht  trei,  um  in  demfelben 
Augenblick  20  Futs  nordwärts  zu  gehen«  Die 
Freiheit  beliehet  alfo  in  dem  Vermögen  zu 
handeln  oder  nicht  211  handeln,  nachdem  .ran 
lieh  durch  den  Willen  zu  dem  einen  o<ier  i\en 
andern  beftimtnt.  Zweitens.  Das  Wol- 
len ift  eine  Handlung  der  Seele,  indem  f:e  ihr 
Denken  auf  die  Htrvo.bricgung  einer  Hand- 
lung richtet,  und  dadurch  ihr  Vermögen  fie 
hervorzubringen  äufserr«  Man  erlaube  mir 
zur  Erfparung  vnn  Worten,  unter  einer  Hand- 
lung allezeit  aach  die  Unterlailung  einer  vOr- 
gefetzten  Handlung  zu  verliehen.  Denn  die 
Unterlaflung  einer  Handlung  erfordert  nicht 
weniger  eine  ßefthnmung  des  Wilieus,  und 
hat  oft  eben  fo  wichtige  Folgen  als  eine  wiik- 
liihe  Handlung;  fie  kann  d^ner  in  dieler  Kück- 
hcht  gar  wohl  für  eine  Handlung  gehen.  Ich 
erinnere  das  nur,  damit  man  mich  nicht  mifs- 
vsrltehe,  wenn  ich  der  Kürze   Wegen   mich  fo 


52  *        Zweites  Buch. 

ausdrücke.      Drittens.     Du    Will«  ii\  Jas 
Vermögen  der  Seele,  di«  wirkenden  Kräfte  des 
Meufc'hen  zur  Thäiigkeit  oder  NichtthätigkeU 
zu  beftimmen,  infofern  diefes  von  der  Bcftim- 
mimg  des  Willens  abhängt.     Wenn   man  fragt: 
was    bcflimmt    den    Willen?    fo    ift    die  einzig 
richtige  um!  paffende  Antwort:   die  Seele:  denn 
dasjenige,    was  das   allgemeine    Beliimmungs- 
vermögen    zu  diefer   oder  jener   Richtung  be- 
ftimmt    ift    nichts    anders,    als,  das  handelnde 
Subiect    teibft,    indem   |es    fein  Vermögen    auf 
diefe  befondere  An  äußert.     W7enn  diefe  Ant- 
wort nicht   befriedigend  ift,    fo  ift   jene    Fura- 
ge   offenbar    mit    diefer    gleichgeltend:    was 
beilimmt   die  Seele    in    jedem   befondern  Fall, 
ihr   allgemeines  \  ermogen   üch    zu  beftimmen 
auf  diefe  beftimmte  Thätigkeit  oder  Nichtthä- 
tigkeit  zu  richten  ?  Hierauf  antworte  ich:  der 
einzige    Bewegungsgrund  zur  Fortfetzung  des 
nehmlicheu  Zuftandes    oder  derfelben    ihä'ig- 
keit  ift  das  damit  verknüpfte  Vergnügen.     Zur 
A.    nderung   eines  Zuftandes    oder   einer  1  hä- 
tigkeit  kann  uns  aber  nichts  reitzen ,  als  etwas 
Unangenehmes;    Unluft   ift  öer  giofse  Bewe- 
gungsgrund, der  auf  die  Seele  wirkt,    um  fie 
rin  Thätigkeit  zu  letzen,  weh  lies  ich,  der  Kürze 
wegen,  das  lieftimmen  de*.  Willens  nenne.  Die- 
fes  werde  ich  jett  ausführlicher  erklären,  j 


§•     30. 


Ein    und  zwanzigftes  Kapitel,  53 

U  n  t  e  r  f  c  h  i  d  z  w  i  feh  en  dem  Wol- 
len und  Begehren  (Wiiiinfch  e'n 
d  e  fi  r  e). 

Diefer  Unterfuchung  miiiTen  wir  noch  eine 
Betrachtung  vorausschicken.  Ich  fuchte  eben 
die  W  i  ilen  shan  d  1  u  n  g  durch  die  Aus- 
drücke Wählen,  Vorziehen  und  ähnliche 
zu  erklären,  welche  fowohl  einen  YVunfch 
als  den  Willen  bezeichnen,  weil  ich  keine 
andern  Worte  dazu  fand.  Da  es  aber  eine 
fehr  einfache  Handlung  ift ,  fo  wird  man  fie 
immer  beiTer  durch  die  RefiexiOB  auf  das,  was 
bei  dem  Wollen  in  dem  Gemüthe  vorgehet, 
als  durch  noch  fo  mannigfaltige  Ausdrücke  ken- 
nen lernen.  Diefe  Warnung,  fich  nicht  durch 
Worte  tänfchen  zu  lallen ,  welche  den  Unfer- 
fchied  zwifchen  dem  Willen  und  andern  Thä- 
tigkeiten  des  Gemüths  nicht  fcharf  genug  be- 
ftiiumen.  fcheint  defto  nothwendiger  zu  feyn, 
da  ich  das  Wollen  oft  mit  andern  Gemüthsbe- 
Üimmungen  vorzüglich  mit  dem  Wünfchen 
wnd  Begehren  fogar  von  denjenigen  verwech. 
feit  finde,  welche  fich  hier  Undeullichkeit  in 
Begriffen  und  Ausdrücken  nicht  gerne  möch- 
ten vorwerfen  lalfen.  Ein  großer  Theil  der 
Dunkelheit  und  der  Mifsverftändniffe  in  diefer 
Sache  fcheint  mir  eine  Folge  diefer  Wrwech- 
felung  gewefen   zu    feyn ;     um    fo   mehr  mufs 

Locke's.    II   Theil.  C  man 


34  Zweites  Buch. 

man    fie   zu    vermeiden   fliehen.       Wer    fein« 
Aufmerkfamkeit  auf  die   Veränderung    richtet, 
welche  in  dem  Geinöthe  bei  dem   Wollen   vor- 
geht, wird  huderv,  daTs  der  Wille  ein  Vermö- 
gen  ift,   das    nichts  anders   zum  ;  Gegenstände 
hat,    als  die  jedesmalige  Beftimmung  des  Ge- 
iniiths,  vermitteln  welcher  es  durch  das  blofjft) 
Denken  eine  Handlung,    die   es  in   feiner  Ge- 
walt zu  haben  meint,     anzufangen,   fortzuse- 
tzen oder  abzubrechen  ftrebt,     Diefe  Betrach- 
tung zeigt  oöenbar,    dafs  der   Wille   ron  dem 
Wunfche  ganz    verfchieden  ift.     Denn  bei  ei- 
ner und  derfelben  Handlung  kann  ein  Wunfeh 
auf  etwas  g^nz  anders    gerichtet  feyn ,   als   der 
Wille.     Eine  Perfon  verlangt  von  mir,  ich  füll 
eine  andre  zu   etwas  bereden,  ich  übernehme 
das  Gefchäft ,  weil  ich  es  nicht  wohl  abfehia- 
gen    kann;    aber  indem    ich  Vorftellungen  zu 
dem  Ende  thue,   kann  ich  wünfehen,  dafs  fie 
keinen    Eingang    finden  mögen.      Mein   Wille 
und  mein  Wunfeh  find  in  diefem  Falle   offen- 
bar widerstreitend.      Ich  will  die    Handlung, 
welche  auf  einen  gewifTen  Punkt  gerichtet  ift, 
aber   ein    Wunfeh    nimmt  die  ganz  entgegen- 
gefetzte   Richtung.       Ein     Menfch   findet  bei 
einem  heftigen  Anfa'l  der  Gicht  in  den  Gliedern 
feinen    Kopf    erleichtert  und   den    Mangel  an 
Efslufl  in  feinem    Magen  gehoben  j  er  wünfeht 
auch  von  den   Schmerzen  in   den  Händen  und 
Füfsen   befreiet   zu  feyn;    denn    wo  Schmerz 

ift, 


Ein  und   zwanzigstes  Kapitel,  23 

ift,  da  ift  auch  ein  Wunfch  nach  Entfernung' 
deffelben.  Und  doch  beftimmt  fich  fein  Wille 
zu  keiner  Handlung  1  die  den  Schmerz  heben 
konnte«  weil  er  befürchtet,  die  fcbä Jüchen 
Säfte  möchten  fich  dadurch  auf  einen  edler» 
Theil  werfen.  Das  Wollen  und  das  Be- 
kehren find  alfo  zwei  ganz  vetfchjedene 
Thätigkeiten  des  Gemüths  ,  und  der  Wille, 
als  das  Vermögen  zu  wollen,  mufs  von  dem 
Begehrungsvermügen  unterfchieden  werden. 

Die  Ünluft  beftiramt  den    Willen. 

Wir  kehren  jetzt  zur  Unterfuchnng ,  was 
den  Willen  in  Rück  ficht  auf  unfre 
Handlungen  beftimmt,  zurück.  Nach 
ivied erholten  Nachdenken  bin  ich  überzeugt, 
dafs  nicht  die  Ausficht  auf  ein  grofferes  Gut, 
wie  man  geglaubt  hat;  fondern  dieUrlnft,  vor- 
züglich wenn  fie  fehr  ftark  ift,  den  Willen  von 
Zeit  zu  Zeit  beftimmt  i  und  zu  Handlungen 
jeitzt.  Die  Unruft  kann  man,  wie  fie  es 
auch  ift,  ein  Verlangen  nennen.  Denn  Verlan- 
gen ift  Unbehaglichkeit  des  Geiftes,  welche  aus 
dem  Bedihlnifs  eines  abwefenden  Guts  entfteht. 
Jede  Art  des  körperlichen  Schmerzes,  jede 
Art  der  Beunruhigung  des  Gernülhs  ift  Unhiit, 
mit  welcher  ein  Wunfch  in  gleichem  Verb .,1t- 
nifs  verknüpft»  und  kaum  davon  zu  uoterfchei- 
G  2  den 


-Jj  Zweites  Buch. 

den  ilt ,  und  man  kann  daher  die  Unluft  fo 
lan^e  ein  Verlausen  nennen.  bis  jfnes  Gut 
erlangt  ift.  Denn  niemand  fohlet  ein«-n 
Schurerz,  ohne  in  demfelben  Verhältnifs  zu 
wünff  hen,  von  demfelben  bt freiet  zu  werden, 
als  der  Schmerz  empfunden  wird.  Aufler  (lie- 
fern Verlangen  nach  Befreiung  von  Schmerz, 
giebt  es  noch  ein  andres,  welches  aus  der  Ab- 
wefenheit  eines  poGtiven  Guts  emfpringt.  Auch 
hier  flehet  (las  Verlangen  und  die  Unluft  in 
gleichem  Verhältnifs ;  in  dem  Grade  man  ein 
abwefendes  Gut  verlangt ,  in  demselben  leidet 
man  für  daflelbe.  Aliein  jedes  abwefende  Gut 
pflegt  nicht  eine  Unluft  zu  erzeugen,  welche 
mit  feiner  wirklichen  oder  rorgeftellten  GröTse 
in  gleichem  Verhältnifs  flehet,  fo  wie  der 
Schmerz  allezeit  ein  gleich  ftarkes  Verlangen 
hervorbringt.  Denn  der  Mangel  eines  Guts 
erregt  nicht  allezeit  Unluft,  und  kann  daher 
ohne  Verlangen  betrachtet  werden.  Wo  aber 
Verlangen  ift,  da  ift  auch  UnbehagÜchkeit  und 
beide  flehen  in  gleichem  Verhältnifs, 

§       32.       ( 

Dals  das  Verlangen  ein  Zufland  der  Unluft 
ift,  davon  kann  lieh  jeder  durch  Selbftbeobach- 
tung  überzeugen.  Wer  hat  nicht  in  diefem 
Gernüth6znftande  empfunden,  was  jener  Weife 
von  der  HoftYung,  die  nicht  lehr  davon  ver- 
fchieden  ift,    fagt:      Eine  fleh  weiter    entfer- 

nende 


Ein  und  zwanzigftes  Kapitel.  39 

nende  Hoffnung  macht  das  Herz  krank.  Je 
gröfser  daß  Verlangen  ift,  defto  gröfser  ifl 
auch  die  Unluft,  ja  diefe  fteigt  zuweilen  bis 
a  if  den  Grad,  d^fs  fie  ähnliche  leiden fchifiliche 
Ausdrücke  als  jener  wjr  :  gieb  mir  Kinder,  oler 
ich  fterbe,  ausprefst.  Das  Leben  mit  allem 
feinen  Genufs  wird  dann  felbft  zuweilen  zu 
einer  Laft ,  die  man  unter  dem  fortdauern- 
den Druck  der  Unluft  nicht  langer  ertragen 
mag. 

§♦     05. 

Gutes  und  EöTcs,  gegenwärtiges  und  abwe- 
fenrles  wirken  zwar  auf  das  Gemüth ;  aber 
doch,  wird  der  Wille  zu  wiükührlichen  Hand- 
lungen unmittelbar  nur  durch,  die  Unluft  be- 
ftimmt,  welche  mit  einem  auf  die  Abwesenheit 
eines  Guts,  theils  eines  negativen  (Befreiung 
von  Schmerz),  theils  eines  pofitiven  (Genufs 
eines  Vergnügens)  gerichteten  Verlangen  ver* 
knüpft  ift.  Ich  werde  durch  die  Erfahrung 
und  durch  objeetive  G.ünde  zeigen  ,  dafs  die 
Unluft  dtn  Willen  zu  den  fuccefnven  willkür- 
lichen Handlungen  beftinamt  ,  welche  den 
gröfsten  Theil  des  menfchlichen  Lebens  aus- 
machen ,  und  uns  auf  verfchiedenen  Wegen 
verfchiedenen  Zwecken  entgegenführen. 


C  3  $.34 


3t  Zweites   Buch. 

§•     54. 

Wenn  ein  Mer.Uh  mit  feinem  gegenwärti- 
gen Zuftaide  volikom  ien  zufrieden,  d.  h, 
wenn  er  oh.e  alle  Unluftift.  was  bleibt  denn 
dem  Willen,  i'er  Thäti,  kut  und  Hetriebfamkeit 
roch  üb'ig,  als  in  demfelben  zu  verharren? 
Diefs  ift  eine  Thatfachc,  wovon  lieh  jeder 
IWenfc-h  durch  Beobachtungen  ubeizeugen  kann. 
Dsr  weife  Schöpfer ,  der  wufste,  was  den 
Willen  befiiniint,  unterwarf  daher  den  Men- 
fchen  auf  eit.e.  feinem  Zufiand  und  VVefen  an- 
gemrffene,  Weife  der  Unbtha^Jichkeit  des 
Hungers,  desDiufb,  und  anderer  natürlichen 
Bedürf-iifle,  welche  eu  beRimmtcn  Zeiten  iu^ 
rückkehren »  um  den  Willen  zur  Erhaltung 
der  Individuen  und  der  Gattung  zu  beftim- 
men  und  anzureitzen.  Wenn  die  blofse  Be- 
trachtung der  guten  Folgen,  welchen  uns  die 
unangenehmen  Empfindungen  ent^egenführen, 
zureichend  gewei'en  wäre,  den  Willen  in  Tha> 
tigkeit  zu  fetzen,  fo  dürfte  wohl  wenig  oder 
gar  kein  Schmerz  und  phyfifches  Uebel  in  der 
Welt  angetroffen  werden.  Allein  das  Gefühl  der 
kleinften  Unbeha^lichkcit  ift  ein  ftärkerer  Be- 
wegungsgrund als  die  Ausficht  auf  ein  grofses 
Vergnügen,  i 


i.  * 


Ein  und  swanzigßes  Kaphel.  3p 

Nicht  das  gTöTste  pofitive  Gut, 
fondern  die  Unluß  beftirarat  den 
Willen. 

v  Dafs  die  Vorftellung  eines  Guts  und  eines 
großem  Guts  den  Willen  beftimrae,  fchein* 
ein  fo  gründlicher,  und  durch  die  allgemeine 
Einfütnmung  aller  Menfchen  beftätigter  Grund- 
fatz  zu  feyn ,  dafs  ich  mich  nicht  wundere, 
wenni  ch  inj  der  erden  Ausgabe  denfelben  an- 
nahm. Und  vielleicht  werden  die  Menfchen 
dies  für  verzeihlicher  halten,  als  dafs  ich  jetzt 
von  diefer  allgemein  angenommenen  Meinung 
abzugehen  wage.  Allein  nach  einer  fcbärfem 
Umerziehung  kann  ich  nicht  umhin  zufchliefsen, 
dafs  ein  Gut,  ja  ein  gröTseres  Gut,  obgleich 
vorgeftellt  und  anerkannt,  doch  den  Willen 
nicht  beftimmet,  wenn  nicht  ein  mit  demfelben 
verhältnifsmäfiiges  Verlangen  entlieht ,  und 
durch  das  Bedürfnifs  eine  unangenehme  Em- 
pfindung erzeugt.  Man  überzeuge  einen  Men- 
fchen noch  fo  fehr,  dafs  Ueberflufs  der  Ar- 
muth  vorzuziehen  ift;  man  laffe  ihn  erkennen 
und  eingesehen,  dafs  die  Bequemlichkeit  eines 
feinern  Lebens  hefler  ift,  als  eine  fchmuzige 
Dürftigkeit,  alleß  das  wird  ihn  nicht  rühren, 
fo  lange  er  mit  der  letzten  zufrieden  ifi,  und 
nichts  Läftiges  in  <|erfelben  findet ;  fein  Wille 
wird  fich  zu  keiner  Thätigkett  entfchlieflen, 
C  4  um 


4°  Zweites   Buch. 

um  (ich  in  einen  andern   Zuftand  zu  verfetzen. 
Wenn    ein    Menfch    bei   voller    Ueberzeugung 
von  den  Vorzügen  der  Tugend,  dafs  fie  für  ei- 
nen Menfcheu,  der  hohe  Zwecke  in  diefem,  und 
grofse  Hoffnungen  in  dem  künftigen  Leben  bat. 
fo  unentbehrlich  ift,  als  Nahrungsmittel  für  das 
thieriTche   Leben,    noch    nicht   nach   Recht- 
feh a  ff  e  n  h  e  i  t      hungert     und     d  ü  r  ß  e  r, 
und  keine  Unluft   über    den    Mangel   derfelben 
empfindet,    fo    wird    fich  der  Wille  zu  keiner 
Thätigkeit    beftimmen,     um    diefem   erkannten 
gröfsern   Gut  nachzuftrebiju ;   fondern  ft-itt  def- 
fen    durch    andere     unangenehme    Etnpfiucliin- 
gen    zu   andern    Handlungen    gereit/t  werden. 
Man  lafle  auf  der  andern  Seite  einen  Zecher  ein-" 
fehen  ,   dafs  feine  Gefündheit  und  fein  Vern.ü- 
gen  zerrüttet  wird;  dafs  Verachtung,  Krankhei- 
ten, Mangel  an  allen  Dingen,  felbft  an  feinein 
geliebten  Getränke  ihn  endlich  bei  diefer  foit- 
ge'etzten  Lebensart  treffen  muffen;  die  zurück- 
kehrende Unluft,    wenn  er  feine  Gefellfchafter 
vermifst,     und    das    zur    Gewohnheit  gewor- 
dene   Bedürfnifs    wird    ihn    doch    wieder  zur 
gewöhnlichen    Zeit  in    das    Zechhaus   treiben, 
follte  er  auch  den  Verluft  der  Gefündheit,  des 
Ueberfhiffes  und  vielleicht  gar  der  Freuden  ei- 
nes andern  Lebens  vor  Augen  haben,  und  das 
geringfle   jener  Güter    dem   Kitzel    feines  Gau- 
mens und  dem  leeren  Gtfehwätz  einer  beraufch- 
ten  Gefellfchaft  vorziehen.     Es   fehlt  ihm  kei- 
nes- 


Ein  und  zwanzigstes  Kapitel.  41 

nesweges  an  der  Keuntnifs  des  gröfgern  Guter* 
deun  er  erkennt  es  an,  und  entfchliefst  (ich  in 
den  nüchternen  Au genblicken  ihm  nachzuge- 
ben. Allein  wenn  ihu  das  Bedürfnifs  der  gewohn- 
ten Zerfireuungen  wieder  quält,  fo  verlieren  jene 
Vorftellungen  ihre  Kraft ,  und  die  vorhandene 
Unluft  beftimmt  dann  feinen  Willen  wieder  zu 
der  gewöhnlichen  Handlungsweife,  Diefe  Em- 
pfindung wurzelt  alfo  immer  ftärker  ein,  dafs 
fie  bei  nächfter  Gelegenheit  die  Oberhand  ge- 
winnt, ob  er  lieh  gleich  in  feinem  Innern  ver- 
fpricht,  nicht  mehr  fo  zu  handeln,  und  es  das 
letztemal  feyn  zu  laßen,  dafs  er  der  Erlangung 
eine9  gröf.ern  Guts  entgegen  arbeitet.  Er  ift 
alfo  von  Zeit  zu  Zeit  in  dem  Zuftände  jenes 
unglücklichen  Weibes,  welches  klagte:  Ich 
erkenne  und  billige  das  Beflere  und  wähle  das 
Schlechtere.  *)  Ein  Gedanke,  der,  fo  fehr 
ihn  die  Erfahrung  bestätiget,  doch  vielleicht  nur 
auf  diefe  Weife  erkläret  werden  kann. 


§.     56. 

Wenn  wir  den   Urfachen    diefer  unleugba- 
ren  Thatfache    nachforfchen ,    fo  werden   wir 
in   Rückficht   auf   die    Glückfeligkeit,    worauf 
C  5  all« 

*)    Ovids   Verwandlung. ,    B.   VIF.   v.   20,    21.    — 
Yideo  meliora  proboqne  —  Deterioia  feqnor. 


/\t  Zweites  Buch. 

alle  unlYe  Handlungen  ab/wecken,  es  fim  na- 
türlich fiiiüen  ,  dafs  die  gegenwärtige  Empfin- 
dung der  Unluft  nur  allein  aif  die  Wahl  des 
Willens  Einflufs  hat,  weil  nur  eine  Willensbe- 
ßunmiuig  auf  einmal  möglich  ift.  Denn  fo 
Lange  wir  Unluft  empfinden,  können  wir  uns 
unmöglich  überzeugen  ,  d>fs  wir  im  Befitz 
oder  auf  nein  Wege  der  G  ürkf  ligkeit  find. 
Unluft  und  Unbehaglrchkeit,  die  von  jedermann 
für  unvereinbar  mit  der  Glückl'eligkeit  gehal 
ten  werden,  rauben  uns  auch  die  Empfänglich* 
keit  für  das  Gute,  das  wir  beGtzenJ,  und  ver- 
bittern jeden  Genufs  des  Vergnügens.  So  lan- 
ge man  daher  noch  Unluft  enjpfindet,  wird  die 
Entfernung  dsrfelben  als  der  erfie  uud  noth- 
wendigfte  Schritt  zur  Glückfeligkeit  immer 
In  der  Regel  die;  Wahl  des  Willens  ;am  elften 
befti  sinnen. 

§.     37. 

Ein  anderer  Grund  beftehet  darin.  Die 
Unluft  ift  allein  gegenwärtig,  und  es  ift  gegen 
die  Natur,  dafs  das  Abwefcrule  da  wirken  foll, 
tvo  es  nicht  ift.  Das  abwefeude  Gut,  könnte 
nian  fagen ,  werde  auch  durch  die  Betrachtung 
der  Seele  vergegenwärtiget.  Die  Vorsehung 
davon  kann  in  der  Tbat  der  Seele  vorfchweben, 
und  infofem  als  gegenwärtig  betrachtet  wer- 
d«n;  allein  nichts  kann  als  ein  gegenwärtiges 
Gut  in  der  Seele  den  Wunfeh  nach  Entfernung 

einer 


Ein  und  xwanzigfies  Kapitel.  43 

einer  Unluft;  die  uns  jezt  zur  Laft  ift ,  über- 
wiegeo,  bis  es  ein  Verlangen  erwecket,  und  die 
damit  verknüpfe  Unluft  mehr  Einfiufs  auf  die 
Befiiromung  df  s  Willens  hat,  als  je/e.  Bh  da- 
hin ift  die  Yorfteliung  jedes  Guts  von  einer  an- 
dern Vorflellung  ia  nichts  verfchieden,  fondern 
nur  ein  Gegenstand  piner  untbätigen  Bctrach- 
Inngi  der  auf  den  Willen  niht  wirket,  noch 
uns  in  Thäligkeit  fetzt.  Die  Urfache  davon 
werden  wir  gleich  zeigen.  Wie  viel*  Men- 
fchen  gicbt  es ,  weiche  fear  lebhafte  Vorftellun- 
gen  von  den  unausfprechiichen  Freuden  de* 
Himmels  haben,  und  Ge  für  möglich  ja  w7ahr- 
fcheinlich  haken,  und  doch  mit  dem  GenuTs 
der  irdifchen  Glückfeligkeit  zufrieden  find? 
Und  fo  beftimmt  das  übt  1  wiegende  nnacgeneh- 
me  Gefühl  ihrer  auf  die'es  Leben  eingefchräuk« 
lenBedürfnifse  ihren  Willen  unaufhörlich  ,  ohne  % 
indt-ffen  einen  Schritt  zu  thun,  um  fich  der  künf- 
tigen Glückfeligkeit  zu  nähern,  wie  grofs  fie 
fich  diefelbe  auch  vorftellen, 

§.    33. 

Wenn  der  Wille  nach  der  gewöhnlichen 
Meinung  durch  die  Aussicht  eines  Guts  beftimmt 
Würde,  iu  fo  fern  es  in  der  Betrachtung  dem 
Verftande  gröfser  oder  kleiner  erfcheint  — 
und  fo  ift  es  mit  jedem  abwtfenden  Gute  — 
[o  fehe  ich  nicht  ein  ,  wie  er  fich  von  der  un- 
endlichen Glückfeligkeit  des  Himmels  je  los- 
reif- 


44  Zweites  Buch. 

rei'en  kann,  wenn  e  einmal  als  möglich  vor» 
grüpllt  iit.  Denn  da  jeck-r  abwcit'ntie  I 
dmcii  ('eilen  blofce  Vor  t  in  •  der  Wille  be- 
nimmt wejrden  foft  ,  nur  uro«  ich  aber  nicht  un- 
trüglich gewiis  iit.fo  um i  sie  in  i.ncndlicb  grüf- 
ftre«  mögliche  Gut  einen  regehnäfl  !  be- 

fiäudigen  Einllufv  aut  den  WjUen  bei  allen  auf 
einander  folgenden  Handlungen  hdben;  und 
dann  müf-ten  wir  auf  der  Laufbahn  zum  Him- 
mel immer  mit  unverwandtem  Blick,  o;jne 
Stiliftand  fortrücken,  und  keine  unfrer  Hand- 
lungen dürfte  auf  ein  anderes  Zielgerichtet  feyn. 

5o  würde  unter  jener  Vorausfetzung  der 
Zuft-tnd  des  Gemüthsund  die  regelmäßige  Ilich- 
tung  des\V'llens  bei  allen  feinen  Beftimmungen 
feyn.  Allein  dafs  diefes  sieht  fo  ift,  lehrt  die 
Erfahrung  offenbar.  Das  unendlich  gröfste  und 
dafür  erkannte  Gut  wird  oft  vernachläffiget , 
um  die  abwechselnden  unangenehmen  Empfin- 
dungen, welche  aus  dem  Bedürfnifs  von  Kler- 
ni^keiten  entflohen,  zu  befriedigen  Es  rührt 
zwar  zuweilen  das  Gemü:h.  aber  es  erhält  nicht 
den  Willen  in  einem  unveränderlichen  Streben 
darnach  Wenn  aber  eine  grofse  überwiegende 
Unluft  fich  einmal  des  Willens  bemächtiget  hat, 
fo  hält  lie  ihn  feft.  Hieraus  laTst  fich  ficher  auf 
das  fcbliefsen,  was  den  Willen  beftimmt.  Ein 
heftiger  körperlicher  Schmerz,  die  unbändige 
Leidenfchait  der  Liebe,  die  unruhige  Begierde 

nach 


Ein   und   z'.v  anzielt  es   Kaiitel.  <jö 

nach  Rache  erhält  den  Willen  in  beftändlger 
Spannung,  und  fo  lange  er  durch  den  Liiifiufs 
diele r  Harken  Be  im  d  der  fortdauern- 

den Unluft  benimmt  wiid,  läfst  er  nie  den  Ver- 
ftar.d  dasObjrCt  aus  dem  Gefichtspttnkt  Tücken, 
fondern  lichtet  alle  Gedanken  und  Kräfte  des 
Küipers  dahin.  Hieraus  fchciut  mir  einleuch- 
tenri  zu  werden,  da^s  d-^r  Wille  oder  das  Ver- 
mögen, den  IVleiiCchen  \  ovzncswe»fe  zu  einer 
Handlung  zu  beftimmen,  durch  das  Gefühl  der 
L'.iliiü  beftimmt  werde;  um  !  ich  berufe  mich 
de  h  lb  auf  die  Seibitbeobachtung  eines  jeden 
Menlchen. 

5      39. 

Ich  habe  mich  bi-her  hauptfächlich  auf  das 
mit  dem  Verlangen  verknüpfte  Gefühl  der  Ln- 
luft  eingefchränkt  Denn  dicfes  wirkt  vorzüg- 
lich und  am  deutlich  Ren  auf  den  Willen;  feiten 
wir  !  eine  Handlung  befchlofTen  oder  eine  will- 
kührliche  Tath  vollzogen,  ohne  dafs  ein  Ver- 
lanen mitwirket.  Diefs  ift  wohl  auch  die  Ur- 
fache,  warum  der  Wille  und  das  Begehren  fo 
oft  verwechselt  werden.  Demungeachtet  darf 
man  nicht  glauben,  daf>  die  Unluft,  welche  ein 
Beftandtheil  oder  wenigftens  eine  Begleiterin 
anderer  Lcidenfthaften  ift,  hier  ganz  au<;ze- 
fchloÄeTU  fey.  Mit  der  Abneigung,  der  Furcht, 
dem  Zorn,  dem  Neide',  der  Scbaaro  u.  f.  w.  ift 
im.uer   auch   eine   Art    voa   Uuluft   verbunden  , 

wo- 


\6  Zweitem  Rr 

wodurch  fie  einen    btfftimm  enden    Einrlu1"«;   aut 
den  Willen  erbalten.    Seilen  find  ilh-fe  Leiden 
fchafien  in  (fem  wirklichen  Leben  einfach,   rein 
und  unvermifcht ;    obgleich   in  philorophifcheu 
Un'erfuchungen  nureiue  den  Namen  führt,  wel- 
che am   ßärkflen   wirkt   und    in   dem   Zuflandc 
des  G^mühs   am    meiften  hervorfticht.      Ia   es 
giebt  meines  Ei  achtens  kaum  eine  Lcidenfchaft, 
mit  welcher  uicht    ein  Verlangen   (Bpgehren) 
verbunden  ift.    Wo  eine  Art  von  Unluft  ift,  da 
ift  auch  gewifs  ein  Verlangen,     Denn  Glückfe- 
lig'^eit  ift  der  allgemeine  Wunfeh  ■,  und  in  dem 
Verhältnifs  wir  Unluft  empfinden,  in  demfelben 
fehlt  es  uns.  auch,  nach  unfrer  eignen  Ueberzeu- 
gung,  ohneRückficht  auf  unfern  übrigen  Zufiand, 
an  Glückfeligkeir,      Zudem  ift  der  gegenwärtige 
,  Augenblick  keine  Ewigkeit;  bei  jedem  Vergnü- 
gen üt-het  man  über  das  Gegenwärtige  hinaus; 
das  Verlangen  hält  mit  jedem  Blick  in  die  Zu- 
kunft gleichen  Schritt  und  hat  immer  den  Wil- 
len,   im  Gefolge.     Selbft    bei  der  Freude  wird 
daher  durch  das  Verlangen,  es  iemer  zu  genief- 
fen  und  durch  die  Furcht  es  zu  verlieren,  die 
Thätigkeit,    von    welcher  das    Vergnügen    ab- 
hängt,   genährt  und  unterhalten.     Wenn  aber? 
ein  anderer  höherer   Grad    der  Unluft  an    die 
Stelle  tritt'!  fo  wird  der  Wille  gleich  zu  einer 
neuen  Thätigkeit  beftimmt  und  das  gegenwär- 
tige. Vergnügen   vernachläffiget. 


Ein  und  tvranzigftes  Kapitel.  4? 

§.  40. 
Da  es  aber  in  der  Welt  nicht  an  mannich- 
faltigen  Anläfsen  zu  unangenthmen  Empfindun- 
gen and  an  verichiedenen  zerftreuenden  Wün- 
fchen  fehlet,  fo  entliehet  zuur'chft  die  Frage , 
■was  den  gröfstpn  Elnfiufs  auf  den  willen  hat» 
In  der  Regel  ift  es  das  dringendfte  Bedürfr.i's* 
defseu  Befriedigung  in  derufeiben  Zeitpunkt 
für  n.öglich  gehalten  wird,  Denn  der  Wille  iß 
das  Vermögen,  die  wirkenden  Kräfte  zu  einer 
Handlung  um  eines  Zwecks  willen  tu  befiira- 
men,  und  er  kann  daher  zu  keiner  Zeit  auf  d-S 
gerichtet  werden,  wa«  gerade  jtzt  für  uner- 
reichbar gehalten  wird.  Cenn  für  fcir-e  Sache 
aibeiten,  d>e  nicht  erreichbar  ift,  hiefse  bey  ei- 
nem veiftändigen  V\elen  ;ovjei,  als  abfitutiiöEl 
zwecklos  handeln.  Daner  Wirkt  das  ftärklk  Ge- 
fühl clerUnluft  nicht  auf  den  Willen,  Wenn  diö 
Kmiernung  derfelben  als  unmö-lieh  erfcheint. 
IMit  diefer  Ausnahme  beftimmt  in  der  ganzen 
Reihe  von  willkühnichen  Handlungen,  die  das 
menfehhehe  Leben  ausmachen,  immer  das  drin- 
gendste und  ftarkfte  Gefühl  von  L'nluft  den 
Willen:  die  Unlultift  der  ftärkfis  Reitz  zur  ThäJ 
tigkeit,  und  von  ibr  hängt  in  den  rüeiften  Fäl- 
len die  Wahl  der  nächlten  Handlung  ab.  Denn 
das  eigentümliche  und  einzige  Object  des  Wil- 
lens' find  unfre  eigenen  Handlungen  und  das 
Wollen  kann  nichts  hervorbringen,  als  eine 
Handlung,   die  in     unferm   Vermögen    flehet« 

Diefs 
1 


48  Zweites    Buch. 

Diefs  ift  der  Wirkung  kreis,    auf  welchen  der 
Wüle  eingefchrankt   ift. 


$.     41- 

Alle  Menlchen  wünfeben   G  1  ü  c  k  f  e- 
ligke  it. 

Wenn  man  weiter  fragt :  was  erregt  das  B  e- 
gehren:  fo  antworte  ich:  Nichts  anders,  als 
die  Glückfeligkei  t.  Glückfeligkek  und 
Unglückfeligkeit  fiml  Ausdrücke  für  zwei  ent- 
gegengefezte  Zuftände,  deren  lezte  Grenzen 
wir  nicht  kennen;  üe  find  das,  was  kein  Auge 
gefehen ,  kein  Ohr  gehört  hat  und  w«  keines 
IVlenlchen  Herzfafsen  und  begreifen  kann.  Doch 
erhalten  wir  fehr  lebhafte  Eindrücke  von  eini- 
gen Graden  derfelben  durch  mannichfahige  Em- 
pfiudungen  von  Vergnügen  und  Freude  und  von 
Schmerz  und  Kummer,  die  ich  unter  den  Wor- 
ten Vergnügen  und  Schmerz  der  Kürze  wegen 
zufa in men raffe.  Es  giebt  ein  Vergnügen  und 
Schmerz  des  Körpers  und  der  Seele  oder  rich- 
tiger, fie  gehören  beide  der  Seele  an,  nur  mit 
dem  Lnterfchied  ,  dafs  einige  in  der  Seele  durch 
gewiß,«  Vorftelluugen ,  andere  in  dem  Körper 
durch  gewifse  Modificationen  der  Bewegung 
ihren  Urfpruug  haben. 


§,  42. 


Ein  und  zwanzigftes  Kapitel.  49 

§•      42. 

Gl  ü  ck  fei  i  gkei*  nach  ihrem  gröfstpn  Um- 
fa  ge  ift  das  h  ö  c  b  ft  e  Vergnügen  utrfl  Un- 
glückfeligkeit  deT  höchfte  Schinerz ,  dcffen  Men- 
f(hen  empfang'ich  find.  Der  niedrigfte  Grad 
der  Glückfeligkeit  beftehet  darin,  dafs  man  fo 
wenig  Schmer?  und  fo  viel  wirkliches  Vergnü- 
gen empfindet  \  als  man  ohne  d<2S  nicht  zufrie- 
den leben  kann.  Vergnügen  und  Schmerz  wer- 
den in  verfchiedenen  Graden  durch  die  Einwir- 
kung gewiffer  Gegerftande  theils  auf  die  Seele 
theils  auf  den  Körper  hervorgebracht.  Alles, 
was  daher  fähig  ift,  Vergnügen  zu  erzeugen, 
heifst  Gut,  und  wa-,  »Schmerz  hervorbringen 
kann/  Uebel  und  zwar  nur  weg^n  Erzeugung 
diefer  Empfindungen,  welche  unfre  Glückfelig- 
keit und  Unglückfeligkeit  ausmacht  n.  Ob- 
gleich aber  jedes  idbject  g't  an  [ich  ift,  was 
ei  igen  Grad  des  ^er^nügens,  und  böfe  an 
fich ,  das  eiiiigen  Grad  des  Schmerzen  hervor- 
bringen kann,  fo  werden  doch  beide  wegen 
KöliiliOn  mit  einem  hohem  Grade  oft  nicht  o 
genannt.  Denn  in  holiilion-failen  bat  ein  Grad 
des  Vergnügens  und  des  Schmerzes  einen  Vor- 
zug vor  dem  andern.  Es  kommt  alfo  bey  der 
richtigen  Beurtheilung  deiieu  ,  Wa«  gut  und 
böfe  ift,  Tehr  viel  auf  die  \  ergleichung  an; 
denn  die  U»  fache  eine«  kleinern  Grades  •  On 
Schmerz    und  eines    grölsern    von    Vergnügen 

Locke1 ».     11.  Tkeü,  D  Wird 


5*  Zweites  Euch. 

wird  für  ein  Gut  gehalten,  und  fo  auch  umge- 
kehrt» 

$.     43- 

Welches  Gut  ein  Objectdes  Begeh- 
rens oder  nicht  ift. 

Jedes  Gut  ift  zwar  überhaupt  das  eigentüm- 
liche Object  des  Begehrens;  aber  darum  erregt 
es  doch  nicht  nothwendig  in  jedem  Menfchen 
ein  Verlangen ,  wenn  es  gleich  dafür  erkannt 
ift,  Condern  nur  dann  und  in  dem  Grade,  als 
man  glaubt,  dafs  ts  einen  notwendigen  Beftand- 
theil  der  Glückfeligkeit  ausmacht.  Ein  Gut,  das 
nicht  in  Beziehung  mit  der  Giückfeli°keit  fte- 
het,  die  bei  jedem  Menfchen  individuell  ift,  er- 
zeuget kein  Verlangen,  fo  grofs  es  auch  der 
Wahrheit  oder  dem  Scheine  nach  ift.  Jeder 
Menfch  ftrebt  in  diefer  Rücklicht  nach  Glück- 
feligkeit und  begehrt  dasjenige,  was  zu  derfel- 
ben  gehöret;  andere  Dinge,  obgleich  auch  für 
gut  erkannt],  betrachtet  er  ohne  Verlangen,  er 
eutfaget  ihnen,  und  lebt  ohne  fie  zufrieden. 
Kein  Menfch  ifi  fo  geiftlos,  der  nicht  geliehen 
follie,  dafs  die  Erkenntnifs  Vergnügen  gewäh- 
ret; und  was  das  finnliche  Vergnügen  betrift, 
fo  findet  es  nur  zu  viele  Anhänger  ,  als  dafs  noch 
die  Frage  feyn  kann,  ob  es  für  Menfchen  Reifz 
habe.  Wenn  nun  ein  Menfch  in  dem  finnli- 
chen, ein  anderer  in  dem  geiftigenGcnufs  feine 

volle 


Ein  und  zwanzigfies  Kapitel,  f  t 

volle  Befriedigung  findet,  fo  mufs  zwar  der  eine! 
und  der  andere  gtftehen ,  dafs  das  Object,  wel- 
chem der  andre  nachflrebt,  grofses  Vergnügen 
gewahret;  allein  da  diefes  keinen  1  heil  feiner 
Glückfeligkeit  ausmacht,  fo  empfindet  er  kein 
Verlangen  darnach,  er  ift  ohne  den  Genufs  des 
andern  zufrieden  und  fein  Wille  wird  nicht  be- 
nimmt,  derafeiben  nachzuftreben.  —  Da  alfö 
das  Gefühl  der  Unluft  in  dem  Bedürfnifs  defferi 
befteht,  was  zur  Glückfeligkeit  für  nothwendig 
erachtet  wird,  fo  entftehet  jederzeit  ein  Ver- 
langen, wenn  ein  Gut,  als  zur  Giückfeligkeif 
gehörig,  vorgeftelllt  wird; 

§.     44. 

jeder  Menfch  kann  zum  wenigßen  an  fich 
und»  andern  beobachten,  dafs  nicht  immer  die 
Vorftellung  eines  gTöfsern  Guts  ein  Begehren 
erzeuget,  welches  mit  der  erkannten  oder  ein- 
gebildeten Gröfse  deflelben  in  Vethältnifs  ftebetj 
da  hingegen  jeder  kleine  Grad  von  Unluft 
uns  afficiret  und  zur  Entfernung  deifelben  in 
Thätigkeit  fetzt.  Der  Grund  diefer  Erfchei- 
nung  leuchtet  febon  aus  der  Natur  unfrerGlük- 
feligkeit  und  ihies  Gegertheils  ein,  Jede  Art 
von  unangenehmer  Empfindung  macht  eineri 
Theil  unfers  jetzigen  unglückfeligen  Zuftandes 
aus;  aber  nicht  jedes  abwefende  Gut  ift  zu  je- 
der Zeit  ein  notwendiger  Befbndtheil  unfe- 
rer  Glückfeligkeit,  noch  der  Mangel  dtffeiben 
D  2  ein 


jj  Zweitoe  Bucb.     ^ 

ein  Unghirk  in  unfern  Augen.  Denn  fonft 
wi"i"'pn  die  Me  riehen  uoa  ifliörticfa  in  dem 
hür'  ii   n    G  m  ,     da    es   uriendl     h 

viel  .    :  en 

Beliz  fie  r  I«  bl  f.  1.  Wenn  .;iie  unängeueh- 
men  Empfindungen-entfernt  find,  fu  iTt  f.hon 
eiu  kleiner  Antheil  an  dein  G  tcr;  und  ein  ge- 
ring' r  Grad  \on  Vergnügen  in  dem  Kreife  •  e- 
wöhnlicher  Zerftreuungen  hinreichend,  eine 
für  die  grö  sie  Anzahl  von  Menfchen  heftiedi« 
gei  de  G  uckfeli^keit  zu  begründen.  Und  wo- 
her käme  es  fonft,  dafs  der  Wille  fich  fo  gerne 
einen  fo  großen  Theil  des  Lehens  hindurch 
init  fo  gleichgültigen  Dingen  und  Kleinigkeiten 
befchänigte?  Die  meiften  Menfchen  find  von 
der  Mo4hchkeit  einer  voll^ömmnen  fichern  und 
ewigen  Glückfeli^keit  in  jenem  Leben  und  von 
dem  ^rofsen  Vorzug  derfelben  vor  der  irdifchen 
überzeugt j  fie  erkennen,  dafs  fie  jene  nicht 
erlangen  können ,  wenn  fie  in  diefem  Leben 
ihre  Glückfeligkeit  auPblo^en  Geuufs  und  die 
xnedrigften  Zwecke  einlchräuken :  gleichwohl 
wird  ihr  Begehren  durch  jenes  gröfsere  Gut 
nicht  gereizt,  und  ihr  Wille  nicht  zum  Streber! 
nach  demfelben  beftimmt. 

§.     4S- 

Die  immer  tmeiierten  Gefühle,  welche  fich 
auf  die  gewöhnlichen  Bedürfnifie   als  Hunger, 
Dürft,  Hitze,  haue,  Ermüdung,  Schlaf  bezie- 
hen, 


Ein  und  zwanzigfles  Kapitel.  53 

hen,  erfüllen  einen  grofsen  Tneil  des  menfch> 
liehen  Lebens.  Hiezu  gesellen  (ich  noch  man- 
che zufällige  Unannehmlichk« iten  ,  eingebilde- 
te Bedürfnifle,  als  das  unruhige  Streben  nach 
Ehre,  Macht,  Reiehthum,  wozu  uns  die  Er- 
ziehung, die  Mode  und  die  öeifpiele  einen 
Hang  einflöfsen.  Alle  diefe  natürlichen  und 
zur  Natur  gemachten  BedürfniiTe  und  Gefühle 
lauen  uns  feiten  ruhi*  vor  ihren  Forderungen , 
um  unbefangen  nach  einem  entfernten  Gute  ftre- 
ben  zu  können.  Denn  die  Entfernung  eines  un- 
angenehmen und  luftigen  Gefühls  reifst  uns  aus 
einem  unangenehmen  Zuftande,  und  ift  der  er- 
fte  Schritt  zur  Glückfeligkeit»  Unterdeilen 
denkt  man  wohl  an  ein  entferntes  Gutj  weil 
es  aber  durch  feine  Abwefenheit  den  unange- 
nehmen Zuftand  nicht  vermehrt,  fo  weift  man 
es  von  fich,  um  nicht  der  Befriedigung  der  ge- 
fühlten BedürfniiTe  im  Wege  zu  feyn,  Eift 
nachdem  eine  anfmerkfarne  und  wiederholte 
Betrachtung  es  dem  Gemüthe  naher  gebracht 
und  einen  Vorfchmack  davon  gegeben  hat, 
wird  es  begehrt;  es  tritt  nun  mit  andern  un- 
angenehmen Gefühlen  in  das  Verhähnifs  der 
Gleichheit,  fodert  Befriedigung  und  befümmt 
den  Willen. 

§.     4*. 

Es  ftehet  airo  in  untrer  Macht  durch  die  auf- 

merklame  Betrachtung  und  Prüfung  eines  vor- 

D  3  ge- 


54  Zweites  Buch. 

geseilten  Gutes  ein  Begehren  hervorzubringen, 
welches  feinem  Werthe  angemeffen  ift,  und 
den  Willen  rejjelmäOig  beftimmen  kann,  Denn 
fo  lange  ein  Gut,  es  mag  noch  fo  grofs  in  der 
Vorftellung  erfcheinen,  kein  Verlangen ,  keine 
Unbehaglichkeit  durch  das  gefühlte  Bedürfnifs 
verurfat  lut,  fo  liegt  es  aufser  dein  Kreife  der 
Wirkhmkeit  des  Willens.  Denn  der  Wille  flehet 
pur  unter  dem  Einfluffe  derjenigen  ßedürfinfTe> 
die  wir  jettt  fühlen,  und  die  eine  augenblickli- 
che Befriedigung  fodern,  und  das  Geinüth  kann, 
dabei  nichts  weiter  erWagen,  als  welches  Be- 
gehren zuerft  befriediget,  welche  Uuiuft  zuerft 
gehoben  weiden  fall. 

§•     47- 
Nähere   Beftimmung    der  Freiheit» 

Es  ift  natürlich,  dafs  aus  der  grofsen  Man- 
nichfaltigkeit  von  unangenehmen  Empfindun- 
gen, welche  auf  den  Willen  Einflufs  haben,  je- 
desmal nur  die  ftärkfte  und  dringendfte  den  Wil- 
len zunächft  zum  Handeln  beftimmt.  Das  ge- 
fchiehet gewöhnlich,  doch  nicht  allezeit.  Denn 
die  Seele  hat,  d,er  Erfahrung  zufplge,  ein,  Ver- 
mögen, die  Vollziehung  und  Befriedi- 
gt] n  g  eines  Begehrens  auf/ulchieben  ,  und  alle 
Objecte  der  Begierden,  eins  nach  dem  andern, 
von  allen  Seiten  zu  betrachten  und  gegen  ein- 
ander abzuwägen.  Hierin  bsfteht  die  Frei- 
heit 


Ein  un<J  zwanzigftes  Kapitel.  55 

heit  des  Menfchen.  Die  unzähligen  Verir- 
rcDgen  ,  Fehler  und  MiTsgriffe  in  dem  menfch- 
lichen  Leben  und  in  dem  Streben  nach  Glück- 
feligkeii  entfpringen  alle  aus  dem  unrichtigen 
Gebrauch  der  Freiheit,  indem  isau  fich  bei  ße- 
ftimmung  des  Willens  übereilet,  und  handelt, 
ehe  die  Sache  ffehorig  überlegt  ift.  Dagegen 
fichert  uns  allein  jenes  Vermögen,  die  fiefriedi? 
gung  eines  beftimmten  Begehrens  aufzufchie- 
ben ,  worin  mir  die  Quelle  aller  Freiheit  und  das 
Wefen  des  nicht  ganz  fchicklich  fogenannten 
freie  n  Willens  zu  liegen  fcheint.  Denn  ehe 
der  Wille  beftimmt  und  die  Handlung  ausgeführt 
wird ,  giebt  uns  diefer  Auffchub  Zeit  und  Ge- 
legenheit,  die  gute  und  bö  e  Seite  von  dem, 
was  wir  thun  wollen ,  zu  prüfen  und  mit  Ue- 
berlegung  den  letzten  Entfchlufs  zu  faflen.  Ift 
das  gefchehen ,  fo  haben  wir  alles  gethan,  was 
wir  bei  dem  Beftreben  nach  Glückfeligkeit  thun 
konnten  und  follten. 

§•     48. 

Hierin  liegt  fo  wenig  eine  Einfchrankunj 
der  Freiheit,  dafs  es  vielmehr  den  End- 
zweck, die  Vollkommenheit  und  das  Wehlthä- 
tige  derfelben  ausmacht.  Je  weiter  man  fich 
von  diefer  Beftimmur.g  entfernt,  defto  näher 
ift  man  dem  Elend  und  der  Sclaverei.  Eine 
vollkommene  Gleichgültigkeit  des  Geinüths  ge- 
gen alle  BelUtnmungen  des  enlfcheidenden  Ur- 
D  4  ibeils 


$6  Zweites  Buch, 

theils  über  Gutes  und  Böfe%  welches  den  Eut- 
(chlufs  begleitet  ,  wäre   kein  Vorzug  oder  Voll- 
kommenheit vprriüuf'igPT  Wefen,  fonderu  viel- 
mehr eine  •  ben  fo  grorse  Uuvollkoinmenheit, 
als  der  Mangel  der  Gleichgültigkeit  zum  Han- 
deln  oder   Nicldhandeln    vor  det    Belli mmung 
des  V\  illens.     Es  ift   fo  gut  eine  Vollkommen- 
heit,  dafs  das  Begehrungsvcrmöo«  n  durch   das 
Gute,  als  dafs  dis  Vermögen  zu  handeln   durch 
den    Willen   beflimmt   wird,    und    je    gtwifser 
diefe  Beßimmung  ift,   clefio  gröfser  ift  die  Voll- 
kommenheit.      Ia    wir  wären   überhaupt  nicht 
frei,    wenn    wir  durch   etwas  anders    als   das 
letzte  Refultat  unfers  über  das  Gute  und  Böfe 
einer  Handlung    reflektirenden     Ichs    beftimmt 
würden.     Der  eigentliche  Endzweck  der  Fiei- 
heit   ift,    das  Gute    zu   erlangen,  welches  Wir 
felbft  gewählet  haben.     Jeder  Menfch  ift  dahtr 
fchon  durch  feine  eigene  Natur,  als  vernünfti- 
ges Wefen,  der  Notwendigkeit  unterworfen, 
hch  bei  feinem  Wollen  durch   feine  eignen  Ge- 
danken und   Urtheile    über  das,    was  iür    ihn 
das  Befte   ift,  beftimmen  zu  lallen;  fonft  wäre 
er  der  Beftiiniiiung  eines  andern  Dinges,  als  fei- 
nes Ichs,  untei  warfen,  d.  h,  er  hätte  keine  Frei- 
heit,  Leugnen  zu  wollen;  ddfs  der  menfehliche 
V\il!e  bei  feinen  Bcftimmungen  dem  eignen  Ur- 
theile falge,  heilst  fo  viel  als:  ein  Menfch  will 
etwas   und   handelt  für  einen  ge willen  Zweck, 
welchen  er  zu  deiftlben  Zeit  nicht  will  und  für 

wel- 


Ein  und  zwanzigftcs  Kapitel.  5n 

welchen  er  fich  nicht  intereffirt.  Denn  wenn, 
er  etwas  nach  feiner  jetzigen  Einficht  allem  an- 
dern vorzieht,  fo  mtifs  er  es  für  das  heilere  er- 
kennen, wofern  er  ni"ht  zu  einer  und  derfel- 
uen  Zeit  es  wünfehen  und  nicht  wünfehen ,, 
wollen  und  nicht  wollen  foll  —  ein  Wider- 
fpruch,  der  zu  offenbar  iß,  als  dafs  man  ihn 
einräumen   könnte» 


V     49» 

Richten  wir  unfern  Blick  auf  Wefen,   die 
über  uns  erhaben  lind  und  einer  vollkommenen 
Glückfeligkeit  geniefsen,  fo  daif  man  wohl  mit 
gutem  Grund  vermuthen,  dafs  fie  mit  mehr 
Feftigkeit   als   wir    bei  der  Wahl    des 
Guten    beftimmt   werden,    ohne  deshalb 
weniger  glüekfelig  oder  frei  zu  feyn.     Wäre  es 
nicht  für  fo  endliche  Wefen,  als  wir  find,  zu 
vermellen,  entfeheiden  zu  wollen ,  was  die  un- 
endliche  Güte  und  Weisheit   thun  könne,  fo 
dürften  wir  wohl   behaupten,    dafs  Gott  felbft 
nichts  wählen  könne,   was   nicht  gut  ift  ,   und 
dafs   die    Freiheit  des    Allmächtigen  nicht  mit 
dein   Beftitnmivverden  durch  das  Befte  ftreite. 


D  s  $.  5o« 


50  Zweites  Buch. 

§•      50. 

Die  Freiheit  wird  durch  das  durch- 
gängige Beftiinrnt  werden  zum 
S  treben  nach  Glück  feiig  keit  nicht 
ein  ge  fchr  an  k  t. 

Um  das  Mjfsverftändnifs ,  welches  in  die» 
fem  Tbeil  der  Lehre  von  der  Freiheit  herrlcht, 
noch  mehr  ins  Licht  zu  fetzen,  fo  frage  ich: 
kann  wohl  jemand  wünfchen,  ein  Thor  zu  feyn» 
weil  diefer  fich  weniger  als  ein  Weifer  durch 
vernünftige  Gründe  beftimmt?  Verdient  wohl 
eine  willkürliche  Gewalt,  die  Rolle  des  Tho* 
ren  zu  fpielen ,  und  fich  felbft  Schande  und  Un- 
glück, zuzuziehen,  den  Kamen  der  Freiheit? 
Wenn  wahre  Freiheit  darin  befiehet,  fich  aller 
Leitungder  Vernunft  zu  entziehen,  und  alle  Fef- 
felu  der  Prüfung  und  Beurtheilung  abzufchüt- 
teln,  wodurch  man  verhindert  wird,  Böfes  zu 
thun,  fo  find  Wahnfinnige  und  Narren  allein 
freie  Menfchen.  Aber  fichcrlich  kann  nur  ein 
Wahnfinniger  um  einer  folchen  Freiheit  willen 
Wünfchen,  wahnfinr.ig  zu  reyn.  Der  allgemei- 
ne Wunfeh  nach  Glückseligkeit  und  die  da- 
durch auferlegte  Notwendigkeit,  fie  zum  Ziel 
aller  H-mdlungen  zu  machen  .  wird  wohl  nicht 
leicht  von  einem*  Menfchen  für  einen,  —  zum 
weniglen  nuht  für  einen  b»  klagt nswerthen, 
Abbruch  der  Freiheit  gehalten  werden.  Der  all- 
mächtige Gott  ftehet  felbft  unter  der  ISothwen- 

dig- 


Ein  und  zwanzigftcs  Kapitel.  Bcj 

digkeit,  feiig  zu  feyu  J  und  je  mehr  es  ein  ver- 
nünftiges Wefen  i ft ,  defto  mehr  nähert  es  fich 
der  unendlichen  Vollkommenheit  und  Seligkeif, 
Damit  wir  kurzüchtige  Wefen  in  dem  jetzigen 
Zuftands  des  Wahns  uns  nicht  in  der  wahren 
Glückseligkeit  tätlichen  Tollten,  erhielten  wir  das 
Vermögen,  die  Befriedigung  einer  einzelnen  Be- 
gierde aiif/.ufchieb*n  ,  und  zu  verhindern,  dafs 
fie  nicht  foglcich  den  Willen  zur  Handlung 
reitzte.  -Man  ftehet  ftille,  wenn  man  des  rech- 
ten Weges  nicht  verfichert  ift;  man  prüft 
um  gleichfam  einen  Wegweifer  zu  befragen; 
derfWi!!e  entfchliefst  fich  nach  der  Unterfuch- 
urg,  d;:s  ift :  erfolgt  dem  Rath  diefes 
Wegweifcrs.  Wer  das  Vermögen  hat,  nach 
dieTen  Beftimmungsgründen  zu  handeln,  oder 
nicht  zu  handeln,  der  ift  ein  frei  handelndes  We- 
fen. Wie  follte  denn  dadurch  die  Freiheit  ver- 
kürzt werden?  Man  nehme  einem  Gefangenen 
die  Feffeln  ab,  und  öfne  ihm  die  Thüren»  fo 
ijt  er  vollkommen  frei,  \veil  er  fortgehen  oder 
bleiben  kann,  wie  es  ihm  gefällt;  wenn  er  lieh 
?ber  wegen  der  Dunkelheit  der  Nacht,  wegen 
des  üblen  Wetters,  oder  des  Mangels  an  einem 
Nachtlager  entfchliefst  za  bleiben,  fo  hört  er 
deshalb  nicht  auf  frei  zu  feyn ,  wenn  der 
Wunfeh  nach  gtwiflen  Bequemlichkeiten,  die 
er  hier  ruber»  kann,  ihn  unabänderlich  be- 
nimmt, das  Gtfäugnifs  noch  niciit  zu  Ver- 
la II»  n. 

§•   51 


Zweite«    Buch. 

P  i  e  Notwendigkeit,  nach  wahrer 
G I  itckf  el  i  g  k  e  i  t  zu  [heben,  i  (t  der 

(/rund  der  Freiheil, 

Die  hüchfie  Vollkommenheit  der  vernünf- 
tigen INatur  befhhet  alfo  in  einem  ununterbro- 
chenen und  eifrigen  Streben  nach  wahrer  und 
gründlicher  Glückseligkeit,  und  die  Achtfam- 
keitaufuns,  uru  nicht  eine  eingebildete  Glück- 
feligkeit  ftatt  einer  wahren  zu  ergreifen,  ift  der 
Grund  untrer  Freiheit.  Mit  je  fhirkeren  Ban- 
den wir  an  ein  unveränderliches  Sireben  nach 
Gluckfeligkeit  überhaupt,  welche  unier  höch- 
ftes  Gut  ift,  und  ah  folches  alle  unfre  Wüniche 
auf  fich  zhht,  gebunden  find,  defio  freier  find 
wir  von  der  Beltiininung  des  Willens  zu  einer 
einzelnen  Handlung  und  von  der  erzwungenen 
Erfüllung  belonderer  Wüofche,  die  auf  ein 
einzelnes  fcheinbares  grpfseres  Gut  gerich- 
tet find,  bis  wir  Teiflich  überlegt  haben,  ob 
fie  mit  der  .Glückseligkeit  vereinbar  oder  nicht 
vereinbar  find.  Das  Naturgeiefz,  die  wahre 
Glückseligkeit  als  hücliftes  Gut  vorzuziehen 
und  zu  fuchen,  verpflichtet  uns  alfo  die  Bi-fncdi- 
gung  unfrer  Wünichi.- in  einzelnen  fallen  fo  lan- 
ge aufzufchieben,  als  es  um  noch  an  der  Ktnnt- 
nifs  und  U<  beizeugung  fehle:,  welche  die  Wich- 
tigkeit der  Soihe  und  die  ßelchaifenbeif,  des 
beftumuteu  Falls  eiiudert. 

§.   52. 


Ein    und  zwanzigfies  Kapitel.  6l 

§•      52. 
Um   dieren  Pnnct    drehet   fich.    die  Freiheit 
-Vernünftiger  Wefen  in   den    ununterbrochenen 
Bestrebungen    ruch  wahrer  Glück  eügkrit ,   dafs 
fie  nehmlich  in   befiimmten   Fällen  das  Handeln 
auffchieben  können,  bis  fie   gehörig  untemch- 
tet  lind,  ob  der  Ge^enftand   ihres  Begehren«:  zu 
ihrem  Hauptziele  hi   Führet.,   und  einen  reellea 
Beftandtheil  de<  hörhften  Guts  ausmacht.     Die 
natürliche  Neigung  nrid   Richtung  zur  Glückfe- 
li^keit  ift  ein    Verpflichtung« -rund  für  fie,   fleh 
vor  Verirrungen   und  Mifs  griffen   darin   zu  hü- 
ten .   und  empfiehlt  ihnen  bei  der  Wahl  der  Mit- 
tel   VorGcht ,   ßehutfamkeit    und  Üeberlegung* 
Eben  daflelbe  NatuTgefetz;     welches    uns    das 
Streben   nach  Glückfeligkeit   auferlegt,    rnacltf 
uns  auch  das  letzte   zur  unerläßlichen   Pflicht. 
Diefes  fcheint  mir  ein'grofses  Vo.  recht  endlicher 
vernünftiger  Wefen  zu  U  yn.     Esifieine  Unter- 
fuchun'g,  die  alle  Aüfineil^färnkeit  und  Empfeh- 
lung verdient,  ob  nicht  die  Bedingung  und  Aus- 
übung aller  wirklichen  möglichen  und  für  Men- 
fchen  nützlichen  Freiheit;  von  welcher  die  Rich- 
tung   der    Handlung    abhangt,     darin   befteht* 
dafs  fie  die  Befriedigung  ihrer  Regehrunsen  und. 
das  Beftimmtwerden  des  Willpn-  zu  einer  Ha  «,d- 
lnng  anffchieben  können,   bis  fie   die  gut«  und 
böfe  Seite  davon    reiflich  und   gründlich  ,   wie 
es  die  Wichtigkeit  der  Sache   erfodert,    Unter- 
fucht  haben«     Diefa  können  wir  tihia  und  wir 

ha- 


62  Zweite»  Bucht 

haben  dann  alles  gethan,  was  für  uns  Pflicht* 
was  in  unferm  Vermögen  und  überhaupt  was 
Für  uns  nöthig  ift.  Denn  da  der -Wille  Kennt- 
nilTe  vorausfetrt ,  um  feine  Wahl  7.11  leiten,  fö 
ift  alles,  was  man  thun  kann,  den  Willen  nicht 
beftimmt  werden  zu  lallen,  bis  unterfucht  ift,  ob 
das,  was  begehrt  wird,  gut  oder  büle  ift.  Die 
Reihe  von  verketteten  Handlungen,  welche 
darauf  folget,  hängt  ganz,  von  dem  letzten  en(- 
hheidenden  Urlheil  ab;  ob  diefes  das  Refultat 
einer  flüchtigen  und  übereilten  Anficht  oder  ei- 
ner reiflichen  und  gründlichen  Unterfuchung 
feyn  foll,  das  flehet  in  untrer  Gewalt;  denn 
die  Erfahrung  zeigt  uns,  dafs  wir  in  den  mei- 
ften  Phallen  die  augenblickliche  Befriedigung  ei- 
ner Begierde  auflchieben  können. 

I'     53- 

Wenn  aber  in  dem  gtüfsten  Aufruhr,  in  Wel- 
chen das  Gemüth  zuweilen  geräih ,  der  Schmeri 
der  Folter  oder  eine  ungcfiüme  Leidenfchaftj 
z,  B,  Liebe,  Rache,  uns  dahin  reifst,  und  uns 
den  freien  Gebrauch  des  Denkens  zur  reilli 
chen  Uiitcrfut billig  und  Prüfung  und  die  Herr- 
febaft  über  uns  felLfti raubt,  fo  wird  Gott,  der 
Mitleiden  mit  unfrer  Schwachheit  hat,  nicht 
inelir  fächert,  als  was  in  unfern  Kriirteu  flehet; 
unfre  Gebrechlichkeit  kennt  und  ueifs,  was  in 
unfrer  Gewalt  ifl,  um  als  ein  gütiger  uachlichts- 
1  oller  Vater   beurtheiieii.        Ailein    die    eii^ig 

Wdh' 


£in  und  zwanzigstes  Kapitel,  63 

Wahre  Einrichtung  unfers  Verhaltens  zur  Glück« 
feligkeit  erfüllen ,  daTs  man  fich  die  fchnelle 
Befriedigung  der  Begierden  vetfagt,  die  Lei- 
denfchaften  mä  füget  und  einfchränket ,  damit 
das  Reht  des  Verbandes,  zu  prüfen ,  und  der 
unbeftechlichen  Vernunft ,  zu  entscheiden  ,  im- 
geftört  bleibe^  Und  das  füllte  unfre  erfte  Ange- 
legenheit und  unfer  ernftliches  Beftreben  feyn. 
Man  füllte  fich  daher  Mühe  geben,  dem  Geifte 
für  das  wahre  innere  Gm  e  undßöfean  den  Din- 
gen mehr  Sinn  und  Empfänglichkeit  zu  gebenj 
und  keinen  Gedanken  von  einem  möglichen 
gTofsen  und  wichtigen  Gut  uns  entziehen  laf- 
fen ,  ohne  Gefchmack  und  Neigung  dafür  zu 
empfinden,  bis  nach  vielseitiger  U'eberlegung 
feines  wahren  Weiths  eiu  ihm  angenieffenes  Be- 
gehren in  der  Seele  entftehet,  und  das  Bedürf- 
nifs  feines  Befitzes  fowohl,  als  die  Furcht  feines 
Verluftes  uns  unruhig  macht.  Wie  fehr  diefes 
in  unfrer  Gewalt  i/t ,  kann  jeder  an  fich  felbft 
erfahren,  wenn  er  fulche  Er.tfchliefiüngen  fafst, 
denen  er  treu  bleiben  kann*  Niemand  darf 
fagen*  es  fey  ihm  unmöglich,  feine  Leiden- 
fchaften  zu  beherr  chen ,  ihren  Ausbruch  zu 
verhindern  und  fich  von  ihnen  nicht  hinreiffen 
zu  laffen;  denn  wras  er  vor  den  Angen  eines 
Fürften  oder  großen  Mannes  kann  ,  das  kann 
er  auch,  wenn  er  will,  in  der  Einsamkeit  durch 
die  Vorftellung  von  Gottes  Allgegenwart« 

$•    54. 


6<\  Zweites  Buch. 

§.     54» 

Warum  die  Beflrebungen  der  M  e  ii  - 
fchen  fo  verfchieden  find. 

Obgleich  alle  Menfiben  Gliickfeligkelt  ver- 
langen, fo  nimmt  doch  ihr  Wille  fehr  cnige- 
•»engefetzte  Richtungen,  und  lenkt  (Ich  bei  eini- 
gen fogar  aim  Böfen.  Diefe  F.rfcheinung  lafat 
lieh  ans  dem  Gcfjgten  leicht  erklären.  Die 
mannichfaltigen  und  entgegengefeUten  Beftre- 
bungen  der  Menfcheo  beweifen  nicht,  dafs  fie 
nicht  alle  nach  dem  Guten  ftreben ,  fondern 
tlafs  nicht  jedes  Object  für  jeden  Menf<  hen 
gleich  gut  ifl;  dafs  fie  nicht  alle  ihre  Gliickfe- 
ligkeit in  einerlei  Gfgenftande  fetzen  und  nicht 
immer  denfelbfn  Wc£  Wählen.  '  So  liebt  der 
eine  Kenntniile,  der  andere  Iagd  und  Vogel« 
r\ing.  ein  dritter  Luxus  und  \ r<  1  fchwtndm'g, 
fein  vierter  Mäßigkeit  und  Reichlbum.  'l'iti- 
fenl  wir  daher,  du  Antwort,  welche  ein  Arzt 
feinern  augeakrinkeri  Patienten  g;>b:  Wenn  der 
WeingeXchniacJj  Ihnen  mehr  Veignügin  gewäh- 
ret, als  der  G -brauch  der  Augen i  fo  ilt  der* 
"Wein  für  fie  ^ut;  gewahrt  ilmm  aber  das  Se- 
hen gröfseres  Vergnügen  ,  als  das  Trinken ,  fo 
ift  ihnen  der  Wein  Ichadlich. 

§•     5.5. 

Der  menfchliehe  Geift    hat  einen    eben    fo 
verfchiedentiu  Geichuiack  als  der  Gaumen«  Die 

Be- 


Ein  und  zwanzigßes  Kapitel.  6$ 

Blühung  alle  Menfchen  mit  Ruhm  oder  Reich- 
thum,  worin  einige  ihre  Glückseligkeit  fetzen, 
zu  befriedigen  .  ift  eb^n  fo  vergeblich,  als  alle 
mit  Räfe  oder  Meerkrebfen  fätiigen  zu  wollen, 
Diefe  Speifen  find  für  einige  ein  '  eckeibifien, 
für  andere  aber  ekelhaft  und  widerlich;  und 
mancher  würde  die  Unhehaglichkeit  eines  hung- 
rigen Magens  .  diefen  Gerichten  vorziehen» 
die  für  andre  eine  koftbare  Mahlzeit  und.  Aus 
dem  Grunde  war  es  ganz  zwecklos,  wenn  die 
alten  Philosophen  uuierfuchten  ,  ob  das  höch- 
ße  Gut  in  dem  Reichthum ,  dem  köperücheft 
Vergnügen,  der  Tugend  oder  Betrachtung  he- 
fte he ,  und  es  war  eben  fo  vernünftig,  als 
wenn  fie  über»  die  Frage,  ob  Aepfel,  Pflaumen 
oder  Nüfle  am  beften  fchmecken,  geftriften 
und  ficht,  darüber  in  verfchiedene  Sekten  ge- 
theilt  hätten.  Denn  der  Wohljjefchinack  hänst 
nicht  von  den  Dingen  felbft  fondern  von  ih- 
rem Veihältnifs  zu  dem  Gefchmacksorgan  ab , 
worinn  eine  grofse  Mannichfaltigkeit  ftatt  fin- 
det. Eben  fo  beftehet  die  gröTste  Glückfelig- 
keit  in  dem  Befitz  derjenigen  Dinge,  welche 
das  gröfste  Vergnügeuj  und  in  der  Abwefen- 
lieit  derjenigen,  welche  Unannehmlichkeiten 
und  Unruhe  verurfachen.  Das  find  aber  nach 
Verfchiedenheit  der  Menfchen  fehr  verfchiede- 
ne  Dinge.  Wenn  daher  Menfchen  nur  in  die- 
fem  Leben  Genufs  finden  und  erwarten,  fo 
jft  es  nicht  befremdend  noch  unvernünftig,  dafs 
Locke's.    H,  Tlieii.  E  fie 


•jb  Zweites  Buch. 

fie  mit  Fnifprnung  alles  de  (Ten  ,  was  Unluft  er- 
zeugt, demjenigen  nachftreben  ,  was  ihnen 
*  "igoügf-n  macht,  -  welches  ganz  natürlich  von 
£rofser  Manuichfdltigkeit  ift —  und  dadurch  ihre 
Güickfeligkeit  futhen*  Gefetzt,  es  gäbe  kei,  e 
Ausficht  über  das  Grab  hinaus,  fo  würde  das : 
1  a  f  s  t  uus  eTfen  und  trinken,  und 
jedes  Vergnügen  geniefsen,  denn 
morgen  find  wir  t  od  t,  eine  gan2  richtige 
Folgerung  feyn.  Hieraus  lüfst  (Ich  der  Grund 
einfehen,  warum  die  Menfchen,  obgleich  alle 
Wünfche  durchgängig  auf  Giückfeli^keit  ge- 
richtet find,  doch  nicht  von  einerlei  Gegen- 
fiänden  auf  gleiche  Weife  geTührt  werden. 
Sie  können  verfchiedene  Dinge,  und  dabei 
doch  alle  richtig  wählen.  Man  ftelle  Pich  die 
Menfchen  nur  als  einen  Schwärm  von  elenden 
Jnfekten  vor,  von  denen  einige,  gleich  den 
Bienen,  an  den  Blumen  und  ihrem  füfsen  Saft, 
andere,  als  Käfer,  an  andern  Nahrungsmitteln 
Gefallen  finden ,  und  nachdem  fie  da>  einige 
Zr.t  genofl'en,  auf  ewig  in.  ihr  voriges  Nichts" 
zurückkehren  fallen. 

§.     56. 

Inwiefern  die  Menfchen  das  Böf* 

erwählen. 

Die  oigfältige  Erwägung  aller  diefer  Punk* 

te   wird    uns .    wie    ich    hoffe  ,    einen    hellen 

Biic*  in  den  Zuftand  der  menfehlichen  Freiheit 

v.  ifchnffen.      Die    Freiheit  beflehet,  unleugbat 

in  dem  Vermögen  zu   handeln  und  nicht    zu 

NU' 


Ein  um!  zwantigftes   Kapitel.  67 

handeln,  je  nachdem  fich  der  Wille  zu  dem  ei- 
neu  oder  andern  entfchliefst.  Da  fie  aber 
mch  diefem  Begriff  nur  diejenigen  Handlungen 
in  fich  zu  fairen  fcheint,  welche  auf  das  Wol- 
len erfolgen,  fo  hat  man  noch  weiter  gefragt: 
ob  der  Menfch  die  Freiheit  habe,  zu  wollen 
oder  nicht  zu  wollen?  Die  Antwort  darauf  war : 
Der  Menfch  hat  in  den  meiften  Fällen  kfine 
Freiheit,  die  Willenshandlung  zu  unterlaffen ; 
er  mufs  einen  Akt  des  Wolleos  ausüben,  wo- 
durch die  vorgeftellte  Handlung  entweder  zur 
"Wirklichkeit  kommt,  oder  nicht,  doch  giebt 
es  einen  Fall,  in  welchem  der  Menfch  in 
Anfehung  des  Wollens  Freiheit  hat  ,  nehmlich 
ein  entferntes  Gut  zum  Ziele  feine  Beftrebun- 
gen  zu  wählen.  Hier  kann  er  die  Handlung 
d~s  Wählern  auffchieben,  ohne  für,  oder  ge- 
gen eine  vorgeftellte  Sache  zu  entfcheiden,  bis 
er  unterfucht  hat,  ob  fie  ihrer  Natur  und  ihren 
Folgen  nach  von  der  Beschaffenheit  fey,  daf* 
fie  ihn  glücklich  machen  kann.  Nach  gefche- 
hener  Wahl  gehört  das  Object  mit  zum  Inbe- 
griff feiner  Glückreligkeit ,  es  .erweckt  ein 
Verlangen ,  und  diefes  verurfacht  ihm  ver- 
häknifsmäfsig  ein  Mißbehagen,  welches  feinen 
Willen  beltimmt,  und  zur  Uealifirung  des  Ent- 
fchlufles  in  jedem  Fall  antreibt.  Hieraus  läfst 
fich  der  Grund  einfehen,  warum  ein  Menfch 
ftraffällig  wird  ,  wenn  es  gleich  ausgemacht  ift, 
$als  er  bei  jeder  einzelnen  wiilkührlichen 
£  2  Hand* 


68  Zweites  Buch. 

Handlung  mir  das  thut,  und  nothwendig  thun 
uiufs,  was  er  zu  der  Zeit  für  gut  hielte.  Sein 
Wille  wird  zwar  immer  durch  das  Urtheil  des 
Verftandes  über  das  Gute  beltimmt,  das  ift  aber 
keine  Entfchuldigung ,  weil  er  durch  feine 
eigne  übereilte  Wahl  falfcbe  Begriffe  vorn  Gu- 
ten und  Böfen  eingewogen  hat,  welche,  obgleich, 
betrüglich  und  unrichtig,  doch  denfelben  Ein- 
flufs  auf  fein  künftiges  Betragen  haben  ,  als 
wenn  he  wahr  und  richtig  wären.  Er  hat  fei- 
nen eignen  Gefchmack  verdorben  ,  und  inufs 
fich  felhft  für  den  darauffolgenden  krankliehen 
Zuftand  und  Tod  verantwortlich  feyn.  Das 
ewige  Gefetz  und  die  Natur  der  Dinge  darf 
nicht  verändert  werden,  um  fich  nach  feiner 
fehlerhaften  Wahl  zu  bequemen.  Wenn  er 
irre  geführt  wird,  weil  er  die  Freiheitj,  zu 
untersuchen  ,  was  wirklich  zu  feiner  Glückfelig- 
keit  gehört,  nicht  gebraucht  oder  raifsbrauchr, 
Co  muffen  die  daraus  entftehenden  Fehltritte 
feiner  eignen  Wahl  zugefchrieben  werden, 
ilr  konnte  feinen  Entfchlufs  anffchieben;  es 
ftand  bei  ihm,  die  Sache  zu  prüfen,  für  feine 
Glückfeligkeit  zu  wachen  und  fich  vor  Täu- 
fchungen  zu  hüten.  Er  konnte  nie  urtheilen, 
tlafs  es,  zumal  in  einer  fo  wichtigen  ihn  fo 
nahe  angehenden  Angelegenheit,  beller  fey,  be- 
trogen als  nicht  betrogen  zu  werden.  Aus 
dem  Getagten  läfst  fich  alfo  die  Urfache  einfe- 
hen ,  warum  die  Menfchen  in  diefer  Welt  ver- 
fehle- 


Ein    und  zwanzfg/tes  Kapitel.  6g 

fchiedene  Dinge  vorziehen  ,  und  auf  ganz  ver- 
leb iedenen  Wegen  ihre  Glückfeli^keit  fuchen» 
Allein  da  fie  in  allenDingen,  welche  diefe  Ange- 
legenheit betreffen,  [mit  fo  vielErnft  und  anhal- 
tenden Eifer  zu  Werke  gehen ,  fo  bleibt  doch 
immer  die  Frage:  Woh  er  kommt  es,  dafs 
die  Men  fchen  oft  das  Schlimmere 
dem  Befferen  vorziehen  und;  dasjenige 
wählen,  was  fie  nach  ihrem  eignen  Geftänd- 
xuTs  unglücklich  macht? 

$;  $7. 

Um  diefe  Frage  zu  beantworten,  mufs  zuerft 
unterfucht  werden ,  woher  jdie  mancherlei 
unangenehmen  Empfindungen  entfpringen, 
welche  den  Willen  bei  der  Entfchliefsung 
zu  willkührlichen  Handlungen  beftimmen. 
Er  ft  lieh  entfpringen  einige  von  Urfachen, 
die  nicht  in  unfrer  Gewalt  liehen,  als  körper- 
liche Schmerzen  von  Mangel,  Krankhtiteni 
äüffern  Verletzungen.  Wenn  diefe  einmal  vor- 
handen und  fehr  ftark  find,  fo  haben  fie  mei- 
ftentheils  einen  überwältigenden  Einflufs  auf 
den  Willen,  und  ziehen  die  Befirebungen  der 
Menfchen  von  Tugend,  Frömmigkeit,  Rp'igi- 
on  und  von  alle  dem  ab,  was  fie  vorher  für 
unentbehrlich  für  ihre  Glückfeligkeit  hielten. 
Nicht  jeder  hat  den  Willen,  auch  oft  wegen 
Mangel  an  Uebung  ,  nicht  das  Vermögen  durch 
die  Betrachtung  des  entferntem  ,  künftigen 
E  5  Gu 


70  Zweites  Buch. 

Gutes,  ein  Verlangen  darnach  zu  erweck«!, 
welches  ftark  genug  ift ,  die  Unbehaglichkeit 
bei  körperlichen  Schinerzen  aulzuwiegen,  und 
den  Willen  unverrürkt  in  di-r  Richtung  auf 
die  Mittel  zur  künftigen  Glüclcfeeligkeit  zu 
erhalten.  Ein  benachbartes  Land  war  vor 
kurzem  ein  Schauplatz  vou  tragifchen  Begeben- 
heiten, welche,  wenn  es  nüthig  wäre,  und 
die  Welt  nicht  zu  allen  Zeiten  und  in  allen 
Ländern  ßeifpiele  davon  genug  an  die  Hand 
gäbe,  die  fchon  oft  gemachte  Bemerkung: 
Noth  verleitetzu  fchändlic  henHa  n  d- 
lungen,  beftätigen  und  uns  belehren  könn- 
ten, wie  viele  Urfache  wir  haben  zu  beten; 
Führe  uns  nicht  in  Verfuch  ung.  Zwei- 
tens andere  unangenehme  Empfindungen  enr. 
fpringen  aus  unferm  Verlangen  nach  einem 
abwefenden  Gute.  Diefes  flehet  allezeit  in 
Verhältnifs  mit  unferm  Uitheil  und  deT  Em- 
pfänglichkeit für  daffelbe.  Doch  find  wir  da- 
bei mannichfaltigen  Täufchungen ,  und  zwar 
durch  unfere  eigne  Schuld  ,  ausgefetzt« 

§.     58. 

Ich  werde  zueTft  die  falfcben  Urtheile  der 
Menfchen  über  das  künftige  Gute  und  Böfe 
betrachten  ,  wodurch  ihre  Begierden  fich  ver- 
irren. Denn  in  Anfehung  der  gegenwärtigen 
Luft  oder   Unluft,     an    fich   betrachtet,    ohne 

Rück- 


Ein  und  zwanzigftes   Kapitel.  ;-l 

Rückficht  auf  die  Folgen,  wählt  kein  Menfch 
übel,  infefem  jeder  weifs ,  was  ihn  am  beüen 
vergnüget,  und  das  allen  andern  wirklich  vor- 
ziehet. Die  Dinge  find  in  Rücklicht  auf  ihren 
gegenwärtigen  Genufs  das  ,  was  fie  icheinen> 
das  wahre  Gute  hat  in  diefem  Falle  nichts 
vor  dem  fcheiubaren  voraus«  Schmerz  und 
Vergnügen  find  gerade  fo  grofs  und  nicht  grüf- 
fer,  als  das  Gefühl,  und  das  gegenwärtige  Gute 
und  BöTe  alfo  eben  fo  grofs  als  es  erfcheint. 
Wir  würden  daher ,  wenn  jede  Handlung  auf 
fich  felbflt  eingefchränkt  und  ohne  alle  Folgen 
wäre,  zuverläffig  nie  in  unTrer  Wahl  irren, 
fondern  allezeit  das  Belle  vorziehen.  Man 
lege  einem  auf  einmal  die  Befchwerlichkeit 
eines  ehrlichen  Fleißes  und  den  Tod  vor  Hun- 
ger und  Kälte,  die  Befriedigung  einer  Luft» 
und  den  augenblicklichen  Be  itz,  der  hirmnli- 
fchen  Glückfeligkeit  zur  Wahl  cor;  erjwirl  'o- 
gleich  wiffen ,  was  er  zu  wählen  hat,  und  ge- 
wifs  richtig  wählen. 

§♦     5g. 

Unfre  willkührlichen  Handlungen  führe» 
aber  nicht  fogleich  bei  ihrer  Vollziehung  alle 
Glückseligkeit  und  alles  Elend  herbei ,  das 
von  ihnen  abhängt;  fie  find  die  vorgängigen 
Urfachen  von  einer  langen  Reihe  von  guten 
und  böfen  Folgen,  welche  uns  nur  dann  tief 
£  4  reo, 


72  Zweites  Buch. 

fen  .  wenn  fie  felbft  fchon  lange  vorbei  find; 
daher  blcken  unfie  Wünfche  über  den  gegen- 
wärtigen Genufs  hinaus  ,  und  leiten  unfern 
G.  ift  in  d.m  Verhältnis  at.t  abwefende  Güter, 
ah  wir  (]f  l  .r  Beförderung  oder  Vermehrung 
untrer  Glückseligkeit  für  unentbehrlich  halten. 
Lnfre  Meinung  von  ihrer  Unentbehrlichkeit 
giebt  ihnen  erft  ihren  Reitzj  ohne  diefen  ha- 
ben fie  kein  lutereffe  für  uns.  Denn  nach 
unrern  eingefchräi.kten  Vermögen  rührt  uns 
nicht  jedes  entfernte  felbft  fcheinbare  Gut. 
Wir  genielsen  nur  ein  Vergnügen  auf  einmal» 
■nd  !o  lange  diefes  dauert  und  jedes  Gefühl 
d^-r  Unluft  eu'.fernt  ift,  kann  es  uns  in  unfern 
Augen  vollkommen  glückfelig  machen:  wir 
find  dann  mit  diefern  Zuftande  zufrieden,  und 
wagen  es  nicht  eine  Veränderung  zu  vvün- 
fchen,  Wer  zufrieden  ift,  der  ift  auch  glück- 
felig. Sobald  aber  ein  neues  Gefühl  der  Un- 
luft  eintritt,  wird  diefe  Glückfeligkeit  geftöh- 
ret,  und  nun  gehet  die  Betriebfarukeit  für  die- 
felbe  wieder  von  neuem  an, 

§.  6o, 

Das  Urtheil  alfo,  dafs  man  ohne  das  gröfste- 
abwefende  Gut  glückfelig  feyn  könne  ,  zu 
welchem  «He  Menfchen  fo  geneigt  find,  ift  die 
erlte  wichtige  Urfathe  von  dem  Mangel  eines 
Beftrebens  nach  demfelben.      So  lange  diefes 

Vor- 


Ein  und  twanzigltes  Kapitel.  73 

Vorurtheü  herrfcht ,  können  die  Freuden  eines 
künftigen  Zuftandes  keinen  Eindruck  rrucben; 
man  bleibt  kalt  ,  und  ohne  Intereffe;  der 
Wille,  frei  von  dem  EinflulTe  diefer  edlen 
Wünfche  ,  überläfst  Och  ganz  dem  Streben 
nach  nähern  GenulTe  und  zur  Entfernung  der 
unangenehmen  Gefühle,  welche  das  Bedürf- 
nis und  die  Sehnfucbt  nach  jenem  erzeugt. 
Man  fteile  alfo  nur  einem  Menfcben  diefe 
Dinge  aus  einem  andern  Gefichtspunkte  dar, 
man  überzeuge  ihn,  dafs  Tugend  und  Religion 
für  feine  Glückfeligkeit  unentbehrlich  find; 
man  richte  feinen  Blick  auf  den  künftigen  Zu- 
ftand  der  Seligkeit  und  des  E!?nds;  man  lege 
ihm  ans  Herz,  dafs  Gott,  ein  gerechter 
Richter,  jedem  Menfchen  nach  fei- 
nem Thun  vergelten,  denen  die  im  Gu- 
testbun  gedultig  ausharren  ,  Ruhm,  Ehre,  Un- 
Aerblichkeit ,  denen  aber  die  Böfes  thun,  Qual 
und  Angft  austheilen  wird:  feine  Grundfätze 
von  dem  Guten  und  Böfen ,  die  ihn  bei  feiner 
Wahl  leiten ,  werden  eine  grofse  Veränderung 
erleiden,  fobald  er  die  verfchiedenen  Zuftände 
der  vollkommenen  Glückfeligkeit  undUng!  :ck- 
feligkeit  überfiebet ,  welche  von  feinem  \  er. 
halten  in  diefem  Leben  abhängen  ,  und  in  je- 
nem zu  erwarten  find.  Denn  da  kein  Vergrau« 
gen,  kein  Schmerz  diefes  Lebens  mit  der  end- 
lofen  Glückfeligkeit  und  Ungiückfeligkeit  in 
dem  künftigen  Leben  kann  verglichen  werden, 
E  5  f • 


74  Zweifes  Buch. 

Po  wird  er  natürlich  hei  der  Beftimmung  xu 
-  «•Ülki'ihrlichen  Handlungen  nicht  auf  das  ver- 
.  tagliche  Vergnügen  oder  Mißvergnügen,  wel- 
che1 fie  für  diefes  Leben  haben  ,  fondern  dar. 
auf  Ruct.icht  nehmen,  ob  fie  fiebere  Mittel 
find,  feine  künhig«,  vollkommene,  dauerhafte 
Glückseligkeit  zu  befördern, 

f.    61. 

Wenn  Wir  die  Urfache,  warum  Menfchen, 
ungeachtet  ihres  ernftlichen  Strebeiis  nach 
Glückftiigkeit,  fich  oft  durch  eigne  [Schuld  in 
Unglück  bringen,  noch  uraftändlicher  erklären 
wollen,  müfTe.1  wir  unterteilen ,  unter  wel- 
chem betrüglichen  Schein  die  Din- 
ge dem  ßegehrungsver  mögen  vor- 
g  erteilt  werden,  Diefes  gefchiehet  über- 
haupt durch  ein  Urtheil,  das  etwas  Falfches  von 
ihnen  ausfagt.  Um  nun  den  Umfang  und  die 
Urfachen  diefes  falschen  Urtheils  einzufehen, 
ift  zu  bemerken,  dafs  das  Gute  und  ßöfe  auf 
eine  gedoppelte  Art  beurtheilt  wird.  Erftlich: 
das  Gute  and  ßöfe  i  ft  in  dem  eigent- 
lichen Sinne  nichts  anders,  als  Ver- 
gnügen und  Schmerz.  Zweitens:  da 
nicht  nur  das  gegenwärtige  Vergnügen  |und 
MLfsvergnügen  ,  fondern  auch  alles,  was  durch 
)•  ine  Wirk fa m kfrif  und  Folgen  in  der  entfern- 
tem Zeit  angenehme   oder  unangenehme  Era- 

pfin» 


Ein  und  zwznzigßes  Kapitel.  7$ 

nfindurgen  erweckten  kann,  das  eigentümliche 
Object  des  Brgehrens  ift,  und  für  ein  WeTen, 
das  Vorftelluugen  von  der  Zukunft  hat,  be- 
ftimmend  feyn  kann,  fo  werden  auch  dieje- 
nigen Dinge  für  gut  und  böfe  gehal- 
ten, welche  Vergnügen  und  Schmerz 
zur  Folge  haben, 

§.     62. 

Das  falfche  Urtheil,  welche  den  Wil* 
Jen  zum  Böfen  verleitet,  beftehet  darin,  daf$ 
man  diefe  veifcbiedenen  Yergleichungen  nicht 
richtig  anftellt.  Da«  fehlerhafte  Urtheil,  wo- 
von hier  die  Rede  ift,  ift  nicht  dasjenige,  wel- 
ches ein  IVlenfch  nach  wahrfcheinlichen  Grün- 
den von  dem  Entfcblufs  eines  andern  fällen 
mag,  fondern  welches  jeder  Menfch  als  falfch 
eingeftehen  mufs.  Denn  ich  fehe  es  als  einen 
Gruntlfatz  an,  dafs  jedes  vernünftige  Wefen 
in  Wahrheit  nach  Glühkfeligkeit  ftrebt .  welche 
in  dem  Genufs  des  Vergnügens  ohne  beträcht- 
liche Zumifchung  von  Unluft  beftehet,  und 
es  ift  daher  nicht  anders  als  durch  ein  folthes 
Urtheil  möglich,  dafs  einer  mit  Willen  in  den 
Inbegriff  feiner  Glückfeligkeit  etwas  unange- 
nehmes aufnimmt  oder  aus  demfelben  etwas 
Mögliches  auslafst,  welches  zu  Befriedigung 
und  zur  Vollendung  feiner  Glückfeligkeit  die- 
nen kann,     Ich  weide  hier   nicht  von  deuje^ 

nigen 


76  Zweites   Bach» 

ni^en  Fehltritten  redest«  welche  Folgen  eines 
linäbefwind  liehen  Irrthums  find.  Denn  dirTer 
v(  fdient  kaum  den  Namen  eines  fallchen  Ur- 
tlieils  ,  fondern  von  demjenigen  fehlerhaften 
Urtheüe,  weiches  fclbft  jeder  Menfch  dafüt 
anerkennen  mufs. 

§.     63. 

F  a  1  f  c  h  9  U  r  t  h  e  i  1  e   in  V  e  r  g  1  e  i  c  h  n  n  g» 
des  Gegenwärtigen    und    Künfti 
gen. 

Der  Verfhnd  irrt  nie  in  der  Beurtheilung 
des  O-ten  und  BöTen  in  Beziehung  auf  das 
gegen  wattige  Vergnügen  und  Mißvergnügen, 
Denn  das  gsofsereVergnügen  oderMifsvergnügen 
ift  gerade  das ,  und  fo  ,  wie  es  eifcheint;  die 
Uni;  rrchiede  und  Grade  find  fo  klar  und  ein- 
leuchtend, daf\  kein  Irrthum  ftatt  finden  kann. 
Bei  V  er  g  lei  ch  uiig  der  gegenwärtigen 
Luft  und  Uniuft  mit  d  e  111  'künftigen, 
welche  gewöhnlich  bei  den  withiigften  Ent- 
fehl üffen  des  Willens  angeftellt  wird,  urthei« 
len  wir  hingegen  oft  fehr  falfch  von  dem 
letztern  nach  Veifuhiedenheit  der  Entfernung 
und  des  GeCchtspunKts.  Objecte.  die  unferna 
Auge  näher  find,  erfahrnen  gröfser  als  ent- 
ferntere, wenn  die  letzten  gleich  an  (ich  gröf- 
fer  find.  So  ift  es  auch  mit  den  angenehmen 
und  unangenehmen  Gefühlen.    j£ie  Vergleich- 

ungen 


Ein  und  zwanzigßes  Kapitel.  77 

ungen  fallen  allezeit  zum  Vortheil  der  gegen- 
wärtigen -und  zum  Nachtheil  der  entferntem 
aus.  Die  '  meiden  IV'Ienichen  find  wie  vet" 
fchwenderifche  Erben,  die  ein  kleines  Vermö- 
gen im  Befitz  für  beller  halten,  als  ein  groltes 
in  der  Hoffnung;  und  für  den  Belitz  einer 
Kleinigkeit  rie  '  nwartfchaft  auf  gröfsere  Gü- 
ter fahren  laßen.  Dals  diefes  aber  ein  falfches 
Unheil  fey ,  muis  jeder  einräumen,  das  Ver- 
gnügen beftehe  worin  es  wolle.  Denn  gewifs 
kommt  tinft  die  Zeit,  da  das  künftige  Vergnü- 
gen ein  gegenwärtiges  feyn  ,  und  fleh  durch 
den  Vortheil  der  Nähe  in  feiner  vollen  Gröfse 
zeigen  wird«  Dann  mufs  fich  der  vorfetzliche 
Irrthuro  delTen ,  der  es  nach  einem  faKchen 
Maafsftabe  niaf*,  offenbaren.  Wäre  die  Luft  des 
Weintrinkens  auf  dei  Stelle  mit  Schwächung 
des  Magens  und  Kopfweh  verbunden,  welche 
bei  einigen  Menfchen  nach  einigen  Stunden 
gewifs  erfolgen ,  fo  würde  unter  diefen  Umm 
fiänden  Hcheilich  kein  Menlch  den  Wein  [ei- 
ne Lippen  berühren  LiTen,  wenn  er  auchüoeh 
fo  grofses  Vergnügen  daran  fände;  fo  aber 
fchüttet  man  ihn  täglich-  hinunter ,  und,  £2,e- 
täufcht  durch  einen  kleinen  Zeitunterfchieü, 
wählet  man  da-  Schlimmere.  Luft  und  Unluit 
kann  alfo  nach,  Verlauf  einiger  Stunden  vrr- 
Tingert  werden;  und  wie  viel  mehr  mufs  das 
nicht  durch  eine  gröfsere  Zeitentfernung  bei 
einem  Menfchen  gefchchen,  der  durch  richti- 
ges 


78  Zweites  Buch. 

ges  Urtheil  nicht  das  thun  will,    was  einft  die 
Zeil  Celbet    thun    wird,    d.    h,    die    üin^e   (ich 
_    iiwüi  ti-en  ,   und  fie  nach  dem   richtigen 
ii'sftabe     beurtheilen.        Auf    die'e    Weife 
hl    man  lic  ii    felbft   in    Rücklicht  auf  das 
Tffiihl  dei  Luft  und  Unlult,    und  in  An- 
g    «icr    wdiren    Grade   der    Glückleligkeit 
Uli  ;löclii«iligkeit,      Djs    künftige   verliert 
;  iiciitiges  Verliaitnifs,  und  das  Gegenwärtige 
wird  als  das  Gröfsere  vorgezogen.     Ich  erwäh- 
ne j^tzt  nicht   des    falfchen   Unheils,  wodurch 
das   Abwefende   nicht  nur  verringert,  fondern 
auch    in   eine    Null   verwandelt   wird,    wenn 
nehmlich  Menfchen    nur    auf    den   gegenwar- 
tigen Genufs  beJacht  find,  und  um   üch  denen 
zu   veruchern  ,    den    falfchen   Schlufs   machen, 
dafs  nichts  Böfes  daraus  für   fie   folgen    wüide. 
Denn  da  liegt  der  Fehler  nicht  in  der   Verglei- 
chutig    der  GrülVe;   wovon  hier  die  Kede  üb 
fon   em  in  der  falfchen  Beurtheilung  des  künf- 
tigen Guten  und  Bö  feil  als  Urfache  und  Veran« 
lailang  des  Vergnügens  und  Mißvergnügens» 

§.    64. 

Der  G  r  u  n  d  der  falfchenBeurtheilung  bei  die» 
fer  Vetgleichung  fcheint  in  der  S  cu  w  a  ch  h  eit 
und  Eingefchrünktheit  unfers  Gli- 
tte s  zu  liegen.  Der  Menfcb  k^nn  nicht  zwei 
angenehme    Empfindungen    auf  einmal,    und 

faft 


Ein  und  zwanzigßes  Kapitel.  ~.y 

fafl  noch  weniger  ein  Vergnügen  geniefsen, 
wenn  fein  Gemüth  von  S»;hmerz,  erfüllt  ift, 
T  a  gegei  wärtige  Vergnügen  erfüllt  ufifre  be- 
fcbränkte  Empfänglichkeit!  ganz  aus,  wenn 
es  rieht  Z"  matt  ur.d  e'Wjs  wehr  als  Null  ift; 
es  befchäftiget  das  Gemürh  fo  fehr ,  dars  kaum 
eine  Vorftellung  da  Abwesenden  Raum  findet, 
Oder  wenn  aueb  eiid^e  angenehme  Empfin- 
dungen nicht  fo  lebhaft  find,  dafs  fie  alle  Be- 
trachtung entfernterer  Dinge  ausfchliefsen ,  fo 
jfl  doch  unfte  Abneigung  gegen  unangenehme 
Gefühle  fo  grofs  *  das  febon  ein  kleiner  Grad 
derfelben  alles  Vergnügen  zerftöhret.  Wir 
fchmecken  das  Siifse  nicht,  wenn  nur  ein 
wenig  Bitteres  darunter  gemifcht  ift.  So  lange 
eine  Ichmerzhafte  Empfindung  dauert,  hat  de* 
Menfch  gar  keine  Empfänglichkeit  für  den  ge- 
ringeren Grad  der  Glück  eligkeit.  Daher  flellt 
er  fich  das  gegenwärtige  Uebel  fo  gröfs  vnr, 
dafs  es  mit  keinem  entferntem  in  Vergleichi.ng 
kommt;  daher  wünfeht  er,  es  koftewas  es  wolle 
von  demfelben  befreiet  zu  werden.  Belege 
dazu  find  die  täglichen  Klagen  der  Menfchen: 
Ich  wollte  lieber  alles  andere  dul. 
den,  als  diefs.  Nichts  kann  fo  uner. 
träglich  feyn,  als  was  ich  jezt  leide. 
Daher  find  alle  Beftrebungen  und  Gedanken 
vor  allen  Dingen  auf  die  Entfernung  de.«  ge- 
genwärtiger* Uebels  gerichtet,  ui  d  man  glaubt, 
diefa  fey  die  eilte  und  ßothwendige  Bedingung 

der 


S«  Zweites    Buch. 

der  Gliickfeligkeit  ,  was  auch  immer  darauf 
folge.  Nichts  kann  nach  dem  leidenfchahli- 
chen  Unheil  den  Schmerz,  der  uns  jezt  preist, 
übertreffen,  oder  auch  ihm  nur  gleich  kom- 
men. Und  da  d;js  Entbehren  eines  Genuffts, 
der  fich  felbft  darbietet,  ein  fchmerzliches  Ge- 
fühl, und  da5  oft  in  einem  hohen  Grade  ilr, 
wenn  das  Begehren  durch  einen  nahen  verfüh- 
rerifchen  Gegenftand  gereizt  wird,  fo  darf  man 
£ch  nicht  wundern,  wenn  diefes  Gefühl  eben 
fo  wie  der  Schmerz  wirket,  alle  Vorftellungen 
an  das  Künftige  fchwächt,  und  uns  zwinget, 
den  Gegenftand  gleichfam  blindlings  zu  er- 
greifen. 

0,    65. 

Hierzu  kommt  noch,  dafs  ein  abwefendes 
Gut,  oder,  welches  eben  das  ift,  ein  zukünfti- 
ges Vergnügen,  vorzüglich  wenn  es  weniger 
bekannt  ift ,  feiten  der  gegenwartigen  Unan- 
nehmlichkeit, fie  entlpiinge  aus  einem  Schmers 
dler  einem  Verlangen  ,  das  Gleichgewicht  hal- 
ten kann.  Die  Menfch^n  find  nur  zu  geneigt, 
die  Grörse  deffelben  ,  welche  nichts  anders  ift, 
als  der  Grad  des  Vergnügens,  den  man  empfin- 
det ,  wenn  es  wirklich  genoflen  wird ,  zu 
Gunften  einer  gegenwärtigen  Begierde  herab- 
zufetzen  und  anzu-ehmen,  der  V  erfuch  werde, 
wenn  es  dazu  komme,  der  allgemeinen  Mei- 
nung 


Ein  undzwanzigfies    Kapitel.  gl 

Oung  nicht  entfprechen  ;  zumal  da  He  oft  die 
Erfahrung  gemacht  haben,  dafs  dafs  eisige, 
was  andere  priefen,  oder  fie  wohl  felbft  zu 
einer  Zeit  mit  Yorgnügen  geuoften ,  zu  einer 
andern  unfch mackhaft  und  ekelhaft  war;  und 
daher  finden  fie  nichts  an  dem ,  was  tu  erwar- 
ten ift ,  um  deflen  Willen  fie  fich  einen  gegen- 
wärtigen Gsnufs  verfagen  mäfsten.  Dafs  diefe 
Art  zu  ur'.heilen,  auf  die  Glückseligkeit  des 
iünfugen  Lebens  angewandt,  falfch  ift,  mufs 
Jeder  eingerieben ,  wenn  er  nicht  behaupten 
will,  Gott  könne  die  zur  Glückfeligkeit  be. 
fiimmten  Wefen  nicht  glückfeüg  machen.  Denn 
was  zur  Summe  des  glückfeiigen  Zuftandes  be» 
ftimmt  iß ,  das  mufs  jedes  Wünfchen  und  ße- 
gehrungsverraögen  angemeffen  feyn, 

5.     66. 

Falfche   Urt heile    in   Betrachtung 
der  Folgen  einer  Handlung. 

UebeT  die  Ding®,  welche  durch 
ihre  Folgen  gut  oder  böfe  find,  und  über 
ihren  Einfiufs  auf  unfern  folgenden  Zuftand, 
urtheilt  man  auf  v^rfchiedene  Weife  falfch. 
Er ßlich,  wenn  man  glaubt,  dafs  fie  nicht 
fo  viel  Bofes  zur  Folge  haben,  als  doch  wirk- 
lich der  Fall  ift.  Zweitens,  man  giebt  die 
Wichtigkeit  der  Folgen  zu,  bezweifelt  aber  ihre 
Gewifsheit;  man  meint,  fie  könnten  vielleicht 
Locke's,    ir.  TheU.  F  an- 


82  Zweites  Euch. 

anders  auffallen,  o  le^  durch  gewifle  Miafs- 
re^eln  ,  als  Arbeitfamkeit  ,  üeichicklichkeit 
und  Reue  vermieden  werden.  Dafs  jedes  die- 
fer  Urtheile  ialfch  iftf  wäre  leicht  zu  zeigen, 
wenn  wir  fie  einzeln  ausführlich  prüfen  woll- 
ten. Ich  begnüge  mich  aber  mir  einer  allgemei- 
nen Bemerkung.  Es  ift  ein  fehr  unrichtiges 
und  unvernüntSges  Verfahren,  ein  größeres 
Gut  für  ein  kleineres  auf  das  Spiel  zu  fetzen, 
und  das  nach  fehr  unQchern  Muthmafsungen, 
ohne  eine  folche  vorgängige  Unterfuchung,  als 
die  Wichtigkeit  der  Sacne  und  unfer  Interelle 
uns  nicht  felbft  zu  tätlichen,  erfodert.  Hie- 
von  kann  lieh  Jeder  überzeugen ,  zumal  wenn 
er  die  gewöhnlichen  Urfachen  diefes  falfchen  Uf* 
theils  betrachtet» 

§.     67. 

Einige  der  gewöhnlichen  Urfachen  find ; 
l)  Un  wi  ffen  b  eit.  Derjenige  raufs  not- 
wendig falfch  urtheilen  ,  der  fich  nicht  angele- 
gen feyn  läfst  ,  fo  viel ,  als  in  feinen  Kräften 
flehet ,  richtige  KenntnilTe  von  der  Sache  zu 
erlangen.  2)  Unachtfamkeit.  Wenn 
ein  Menfch  auch  das,  was  er  weifs,  unbeachtet 
läfst.  Es  ift  gleicbfam  eine  affectine  Unwillen- 
heit ,  welche  eben  fo  viel  fchädlicheu  Einfhifs 
auf  unfer  Urtheil  hat,  als  die  erftere.  Urthei- 
len ift  gleicbfam  das   Abfcühelsern    einer  Rech. 

XlllLIg 


Ein  uml  zwaazigftes  Kapitel.  83 

nung,  wodurch  beftimmt  wird,  auf  wrlcher  Seite 
der  Ueberfchufs  ift.  Wenn  man  fich  nun  in 
einem  Theil  der  Rechnung  übereilt,  und  ver- 
fchiedene  wefentliche  Summen  übergehet,  fo 
inufs  diele  Uebereilung  nicht  weniger  als  eine 
vollkommene  Unwidenheit  fallche  Urtheile 
erzeugen.  Die  gewöhnliche  Urfache  davon 
ift  das  Uebergewicht  einer  gegenwärtigen  Luft 
o  ler  Unlufl,  und  diefes  eine  Folge  von  der 
Schwachheit  des  menfchlichen  Herzens ,  dafs 
es  fich  von  dem  'Gegenwärtigen  am  (tärklien 
rühren  läfst.  Um  diefe  Uebereilung  zu 
verhindern  ,  wurde  uns  Verftand  und  Ver- 
nunft gegeben,  wenn  wir  üe  recht  anwen- 
den ,  um  zu  unterfuchen  und  zu  prüfen, 
und  dann  endlich  zu  entfcheiden.  Ohne  Frei- 
heit wäre  der  Verftand  zwecklos  und  ohne 
Verftand  wäre  die  Freiheit,  wo  nicht  unmöglich 
doch  ohne  Bedeutung,  Wenn  ein  Menfch 
eintiehet,  was  für  ihn  gut  oder  böfe  ift,  was 
ihn  glückfelig  oder  elend  machen  kann  ,  ohne 
doch  einen  Schritt  thun  zu  können,  um  fich 
dem  erftern  zu  nähern,  und  von  dem  letztern 
zu  entfernen,  was  hilft  ihm  dann  die  Eiaficht? 
Wenn  einer  die  Freiheit  halte,  in  einer. dich- 
ten Finfternifs  herumzutappen ,  wäre  er  da- 
durch befler  daran,  als  wenn  er  wie  eine  Waf- 
ferb'afe  von  einem  heftigen  Winde  auf  und 
nieder  getrieben  würde?  Ob  man  von  innm 
oder  außen  durch  einen  blinden  Stofs  getrie- 
F  2  ben 


8$  Zweites  Buch. 

ben  wird,  macht  keinen  grofsen  UnterfcHerl 
aus.  Der  erfte  und  wichtigste  Zweck,  der  Frei- 
heit ift  daher,  eine  blinde  Uebereilnrg  m  ver- 
hindern .  und  die  voriüglichfte  Aeufierung  der* 
ftlben  ifti  ftille  zu  ftehen,  mit  offenen  Au^.en 
mn  iich  ber/ublicken  ,  und  nach  dem  Verhält- 
nifs  der  Wichtigkeit  des  Gegenftandes  alle 
Folgen  von  dem,  was  man  thun  will,  zu  über- 
fchauen.  Ich  übergehe  hier  den  grofsen  Ein- 
flufs,  welchen  Trügbeit,  Nachläffigkeit,  leiden- 
schaftliche Hitze,  die  Herrfchaft  der  Mode 
oder  der  Angewöhnung  aiif  diefe  Art  von 
falfchen  Urtbeiien  meiftentheiis  hat.  Aber 
noch  ein  anderes  falfches  Urtheil,  welches,  un- 
geachtet feines  grofsen  Einfhiffes,  doen  viel- 
leicht noch  nicht  fehr  ift  beachtet  worde^ 
kann  ich  nicht  unberührt  laffen. 

§.     6S. 

Falfche   Li  r  t  heile  über  das,  was  zu 
unfrer    G 1  ü  ckf  eligk  ei  t  no  t  h  we  n- 

d  i  g  ilt. 

Es  ift  eine  ausgemachte  Wahrheit,  dafs  alle 

?vlen!chen    GlücLi  Ji°keit    wüufchen,      Allein 

in    he    von    einem    unangenehmen   Gefühl 

btfreiet  find  ,   fo  genügt  ihnen  leicht  an    einem 

Vergnügen,  das  nicht  weit  zu   lucben  ift,  oder 

h  die  Mode  einen    Werth  erhalten  hat;   in 

a  iic  hch  befiied>g\t  und  glütkfe- 

lis 


Ein  und  zwanzigstes  Kapitel.  85 

lig;  und  W"ia     keine  neue  Begierde  ihre  "Ru- 
he und  Giückfeiigkeit  ftöhret    und    ihnen    die 
Augen    öffnet,    dafs   ße  noch  nicht    im   Befirz 
derfelben  find,  fo  blicken  ße  nicht  weiter  vor 
fich.  und  ihr  Wille  wird  zu  keiner  Thätigkeit 
gereizt,    um    einem    andern     erkannten    oder 
fcheinbaren  Gute  nachzustreben.      Denn  weil 
wir  nicht  alle  Arten  des  Guten  auf  einmal    ge- 
niefsen  können,    und   das  eine   das  andre  aus- 
fchliefst,    fo    wird  unfer  Begehrungsvermögen 
nicht   von  jedem    vorgeftelken  gröfsern    Gute 
gereitzt,     woferne  es  nicht   als  GJückfeligkeit 
angefehen    wird.      Hier    findet    fich  eine  neue 
Veranlaflung  zu  einem  falschen  Urthcüe,  wenn 
man  etwas  nicht  für  nothwendig   zur   Glückse- 
ligkeit hält,  was   doch  nothwendig  ift.     Hier- 
aus  entliehen   theils  in   der  Wahl  des  Guten» 
dem    wir    nachftreben  ,    theils ,    wenn  es  ein 
entferntes  Gut  ift,  iu  der  Wahl  der  Mittel  dazu 
Verirrungen.      In   beiden  Fällen  verfehlt  man 
feines  grofsen  Endzwecks,  und  urtheilt  daher 
unrichtig.     Die  wirkliche  oder  vermeinte  Un- 
annehmlichkeit     der     Handlungen  ,      welche 
Mittel  zu  diefem  Zweck  find,   trägt  dazu  fehr 
viel  bei ,    und  es  koftet  Mühe ,  ehe   fich  die 
Menfchen    dazu   entfcblieföen,    weil  es  ihnen 
ungereimt  fcheint,  fich  um  der  Glückfeligkeit 
willen  unglückfelig  zu  machen» 


F  3  §♦  69. 


86  Zweites  Tauli. 

§.      69. 

Wir    können     die    Annehmlichkeit 
'oder  Unannehmlichkeit  der   Din- 
ge andern, 

Die  letzte  Unterfuchung  in  diefer  Sache  be- 
trifft alfo  die  Frage:    ob  es   in  des   Menfchen 
Gewalt  (teilet,  die  Annehmlichkeit ,  oder  Unan- 
nehmlichkeit, welche  eine  beftimmte  Handhing 
begleitet,  zu  ändern?  Offenbar  ift  das  in  vielen 
Fällen  möglich    Die  Menfchen  können  und  füll- 
ten die  Empfänglichkeit  ihres  Gaumens  verbef- 
fern,  um  an  dem  Gefchmackzu  finden,  was  wirk- 
lich nicht,  oder  nur  in. ler  Einbildung  unfehmack- 
hafi:  ift.     Der  Gefchmack  des  Geifte*    ift  eben 
fo  v^rfchieden  und  einer  Aenderung  fähig-,  als 
die  Empfänglichkeit  des  Gaumens,     Und  es  i(l 
ein  Irxthum.  wenn  man  glaubt,  die  Menfchen 
könnten  das  Widrige  und  Gleichgültige  einer 
Handlung  nicht  in  Vergnügen    und   Verlangen 
verwandeln.     Freilich  müden  wir  dabei  thun» 
\V3s  in  unfrer  Macht  ftshet.     Eine  reifliche  Ue- 
berlegung  wird  diefes  in  einigen,  in  den  raei- 
fien  Fällen  aber  Uebung,  Anhihfamkeit  und  Ge- 
wohnheit   bewerkftelligen.      Die    Handlungen 
find  entweder  an  fich  angenehm,  oder  in  fofe-m 
fie  als  Mittel  zu  einem  wichtigen  und  wünfehens- 
werthen  Zweck  betrachtet  werden.     Das  ElTm 
einer  Speife,    die  gut  gewürzt  und   nach    dem 
Gaumen  eines  Menfchen   ift,    reizt   vielleicht 

fchon 


Ein  und  zwanzigftes  Kapitel.  87 

fchon  das  Gemtith  durch  das  unmi'telbar  be- 
gleitende Vergnügen  ohne  Rücklicht  auf  einen 
andern  Zweck.  Die  Betrachtung  des  angcneh  , 
u. en  Zuftandes  der  Gefundheit  und  Stärke,  wo- 
zu jene  Speife  dienlich  ift,  kann  ihr  einen  ganz 
ne  en  G  fchmack  geben,  um  defiVn  willen  man 
•wohl  auch  ein  weniger  fchmakhaftes  Nahrungs- 
mittel geniefsen  würde.  Eine  Handlung  wird 
nehr  oder  weniger  angenehm  durch  die  bloße 
Betrachtung  des  Zwecks  und  den  gröfsern  oder 
kleinern  Grad  der  Ueberzeugung  von  dem  Zu> 
fammenhange  zwifchen  beiden,  ^ber  das  Ver- 
gnügen der  Handlung  felbft  wird  am  beften 
durch  eigne  Erfahrung  und  Uebung  empfunden 
und  verftärkt.  Die  Erfahrung  lohnt  uns  oft  mit 
Diugen  aus,  die  wir  in  der  Entfernung  mit  Ab- 
fcheu  betrachteten,  und  durch  öftere  Wiederho- 
lung wird  manche  Handlung,  die  uns  beim  er- 
ften  Verfuche  mifsfiel,  zu  einem  Gegenftande 
dos  Vergnügens.  Angewöhnung  und  Fertig- 
keit ift  fo  anziehend  und  wirft  um  das,  was 
ni3n  gewöhnlich  thut,  ein  fo  reitzendes  Ge- 
wand der  Leichtigkeit  und  Gefälligkeit,  dafs 
man  es  wenigftens  nicht  ohne  Gefühl  der  Un« 
behaglichkeit  unterlaffen  kann.  DieMenfchen 
vernachläffigen  aber  diefe  Sache,  deren  Mög- 
lichkeit fo  fehr  einleuchtet  und  durch  ihre  ei- 
gene Erfahrung  beftätiget  wird  ,  gleichwohl  in 
ihrem  Verhalten  in  Rückficht  auf  ihre  Glück- 
feligkeit  in  einem  folchen  Grade,  dafs  fie  es  wahr- 
.  F  4  fchein- 


8g  Zweites  EikH. 

fcheinlich  paradox  finden   werden  ,  wann  man 
behauptet,   dafs    fie    Objecto  und  Handlungen 
mehr  oder  weniger  annehmlich    inachen,  und; 
dadurch  einer    mit  Recht  dafür  erkannten  Ur- 
fache     vielen    Verirr ungen    abhelfen    können. 
Wenn    die  Mode    und    hergebrachte  Meinung 
falfche  Begriffe,  die  Erziehung  und  Angewöh- 
nung büle  Fertigkeiten    erzeugt   hat,    fo    wird 
der  VVerth  der   Dinge  unrichtig  gefchätit  und 
die  Empfänglichkeit  der  Menfchen  verdorben. 
Diefe  zu  verbeffern,  follte  man  Geh  alle  Mühe 
geben,  und  die  dein  Vergnügen  widerftreiten- 
den  Gewohnheiten  ändern  und  die  Empfänglich* 
keit  auf  alles  das  lenken,  was  für  die  Giückfe- 
ligkeit  unentbehrlich  oder  beförderlich  ift.     Ie- 
der  Menfch  mufo  eingeftehen,    dafs    diefes   ia 
feinem  Vermögen   ftehet,  und  wenn  fein  Glück 
fich  in  Elend  verwandelt,  Geh  felbft  wegen  Ver* 
nachläffiguag  die  Schuld  davon  beirneffen.  Und, 
ift  nicht  jeder  Menfch  oft  in  diefem  Fall  ge* 
wefen  ? 

§.     7o. 

Es  ift  ein  o  ff  enbar  verkehrtes  Ur> 
theil,  wenn  man  das  Lauer  der 
Tugend   vorzieht« 

Doch  ich  will  nicht  länger  bei  'liefen  prakti- 
fchen  falTchen  Urtheilen  und  der  Vernaehläffi- 
suns    des    Gebrauchs    der   Freiheit  verweilen. 

Die- 


Ein  und  zwanzigstes  Kapitel,  89 

Dieter  Gegenftand    erfoderte    ein  eignes  Buch 
und    er    liegt    eigentlich   aufscr    meinem    Plan. 
Auch  davon;  abgefehen,  ift  es  fchon  unbezweU 
feit  gewifs  ,  dafs  die  Moralität,  auf  ihren  wah- 
ren  Grund    geftüti-t,    den  Willen  jedes    Men- 
fchen,  der  eiuer  Ueberlegung  fähig  ift,  beftim- 
men  rnufs.     Ein  Menfch,  der  eicht  einmal   fo 
weit  verniinft»»  iß,   dafs  er  übor  die  unendli- 
che Glückfeligkeii  und  Unglückfeligkeit  ernfi- 
lich  nachdenket ,   mufs  in  feinen  eignen  Augen 
als  ftrafbar  ei  Scheinen,  dafs  er  von  feinem  Ver- 
ftande  nicht  den  Gebrauch  macht,  den  er  Tollte. 
Die  Belohnungen  und  Strafen  eines  künftigen 
Lebens,  welche  der  Allmächtige  mit  der  Befol- 
gung oder  Kichtbefolgung  feines  Gefetzes  ver- 
bunden hat,  um  demfelben  defio  mehr  Kraft 
und  Anfehen   zu  geben,    find  wichtig  genug, 
um  die  Wahl  des  Willens  gegen  jedes  Vergnü- 
gen,  gegen  jede  Unluft  diefes   Lebens  zu   ent- 
fcheiden  ,  wenn  auch  das  künftige  Leben  blofs 
feiner  Möglichkeit  nach ,  die  doch  kein  MenTch 
bezweifeln  kann  ,  betrachtet  wird.     Wer  über- 
zeugt ift,   dafs    eine  endlofe   unausfprechliche 
Glückfeligkeit  und  der  entgegengefetzte  Zuftand 
nur  eine  mögliche  Folge  des  jetzigen  guten  und 
böfen Lebenswandels  ift,  kann  in  feinen  eignen 
Augen    nicht    vernünftig   urtheilen,    wenn    et 
nicht  urtheilt,  dafs  ein  tugendhaftes  Leben  mit 
der  gewiffen  Erwartung  eines  künftigen  ewig 
dauernden  feiigen  Zuftandes,   dem  lafteihaften 
F  5  Le» 


$>•  Zweites  Buch. 

f  •  vorzuziehen  ift,  womit  <!ie  Furcht  einrs 
i!"-;nl:  s  i.rcckl'.i.brn  elenden  Zulande»,  n  >r 
noch  inflir  dir  fchreklich  ungewille  Erwartung 
de»  Vernichtung  verknüpit  ift,  Dieles  iit  ein- 
nd,  und  wenn  auch  in  ciieftm  Lebeu 
mit  der  Tuprnd  lauter  LTn£P;nach  und  mit  dem 
Lalttt  ein  iir-iiii(t,iurnchenes  Vergnügen  verbun- 
den wäre.  Und  doch  verhält  fich  dieles  giöfs. 
tenthejli  ganz  anders.  Der  Lafterhalte  hat  lieh 
bej  allen  feinem  Genufs  eben  keines  grofsen 
Vorzugs  zu  rühmen  und,  alles  wohl  übeilegt. 
auch  hier  Tehon  den  fcblimmftenTheil  erwählt. 
Aber  wenn  m^n  die  unendliche  Giückfeligkejt 
in  die  eine  und  in  die  andre  Wagfchale  die  un- 
endliche Unglückfeligkeit  legte,  wer  würde 
wohl  fo  unlinnig*  feyn ,  und  es  daraufhin  wa- 
gen, geletzt  auch  das  Schlimmfte,  das  dem 
Recblfc halitnen,  wenn  er  irrt,  btgegrete,  wäre 
das  Befte,  <'üs  der  Höfe  erlangen  kann,  wenn 
er  Recht  l;„ttr.  Wer  kann  mit  Befonnenheit 
lieh  der  möglichen  Gefahr  eines  endlofen  Elends 
aussetzen,  da  er  durch  das  W'ageftüc.k  nichts 
gewinnt,  wenn  er  auch  der  UngTuckfeligkei't 
entgeht.  Der  Rectfchaffene  fetzt  hingegen  die 
Erlangung  der  ewigen  Gliickfeiigkeit  nicht  aufs 
St;iel,  wenn  feine  Ei  Wartung  eintrifft,  Ift  lei- 
ne Hotnung  gegründet,  fo  ift  er  ewig  glückfe 
li£,  (äufcht  er  fich  darin,  fo  ift  er  nicht  un- 
glückfeü^,  denn  er  empfindet  gar  nichts  mehr. 
Auf  der  andern  Seite  ift  der  Bofe  nicht  glück 

fe 


Ein  und   zwanzigftes  Kapitel.  §T 

[elig,  wenn  er  Recht  hat,  aber  unendlich -elend» 
wenn  er  fich  irrte.     Wie  verkehrt  rnfifue  nicht 
der  Verftaud   feyn,    der   nicht   auf  den  erften 
Bück  einfeben  könnte,    welche  Möglichkeit  in 
diefem   Falle    vorgezogen  werden   müde?    Ich 
habe  hier  absichtlich  nichts  von  der  Gewifsheit 
oder  Wjbrfcheinüchkeit  eines  künf  igen  Lebens 
erwähnt,  da  ich  blofs  die  Abficht  hatte,    das 
Unheil  zu  beleuchten,  nach  welchem  das  kur- 
ze Vergnügen  eines  tafierhaften    Lebens  unter 
allerlei  Vor  wände  über  alles  gefchäzt  wird,  ein 
UrtheiJ,  deflen  Unrichtigkeit  jeder  Menfch  nach 
eignen  beliebigen  Grundfätien  eingesehen  inufs, 
da  er  mit  Evidenz  willen  kann,  dafs  ein  künf- 
tiges Leben  zum  wenigften  möglich  ift. 

§.     71. 

R  e  f  u  1 1  a  t. 

Ich  befchlieffe  hier  diefe  Unterfuchungüber 
die  menfchliche  Freiheit.   Da  ich  gleich  von  An- 
fange   diefer    Abhandlung   befürchtete,    einen 
Fehler  zu  begehen,  und  ein  einfichtsvoller  Freund 
feit  ihrer  Bekanntmachung  wirklich  einen  ent- 
deckt zu  haben  glaubte,  ob  er  ihn  gleich  nicht 
beftimmt   anzugeben  wufste,    fo  fah  ich  mich 
genöthiget,  dielen  Abschnitt  noch  einmal  einer 
ftrengen  Mufterung  zu  unterworfen.      Ich  fand 
wirklich  einen  kleinen  aber  kaum  bemerkbaren 
Fehler,  dafs  ich  r.ehmlich  ein,  wie  mir  fchien. 

gle.ch- 


J>J  Zweites  Euch. 


gleichbedeutendes  Wort  für  ein  anders»  gcPetgü 
hatte.      DicTe  Entdeckung  bahnte  mir  den  W >g 
zA  folgender  Darfteilung,  welche  ich  hier  in  der 
aweiten  A.   gäbe  etwas  zufammen  geerrängt  dem 
Unheil  der  gelehrten  Welt  unterwerfe.     Frei- 
heit ift  das   Vermögen    nach  ßeftiiumung    des 
Wittens    ?u   handeln    oder  nicht    zu    handeln. 
Das  Vermögen  ,  die  wirkenden  Kräfte  des  Men- 
fchen  in    beftiramten    Fällen    zur    Wirkfamkeit 
oder    zum   Gegeniheil  zu   beftimmen,    ift    der 
Wille.   Dasjenige,  was  in  der  Reihe  von  will- 
kührlichen  Handlungen   den  V\  illen   zu    einer 
andern  Thätigkeit   beftirarat,    ift  das   Gefühl 
der  Uuluft,  welche  entweder   felbft  ein  Be- 
gehren (Verlangen)  oder  doch  weni^üens  al- 
lezeit damit   verknüpft   ift.      Das  ßöfe  erweckt 
allcztit  ein  Begehren  und  denWunfch  nachEnt» 
fernung  dclfelben,  denn   die  gänzliche  Befrei- 
ung von  Schmerz  ift  ein  notwendiger  Beftand- 
theil  unfrer  Glückfeligkeit.     Ein  Gut  hingegen, 
ja  auch  ein  gröfseres,  erregt  nicht  iramer  ein  Bt- 
gclircn,   weil    es   entweder   an    üch    oder  der 
Meinung    nach    keinen    notwendigen    Theil 
der  Glückfeligkeit  ausmacht.      Denn  obgleich 
der  Inhalt  aller  unfrer  Wünfche  nur  Glückfelig- 
keit ift,  und  diefer  Wunfeh  zu  jeder  Zeit  und 
unveränderlich    fich.    äufsert,    fo   'kann    doch 
die  Befriedigung    einer   einzelnen    Begehrung 
aufgefenoben   werden,  dafs  fich  der   Wille  zu 
keiner    dazu     beförderlichen     Handlung    ept- 

[chiie- 


Ein  und  zwanzigftes  Kapitel.  93 

fchliefst,  bis  gehörig  unterfucht  ift,  ob  das  ein* 
zelne    fich    darbietende  Gut,  welches  der  Ge- 
genftand  des  Begehrens  ift,  zu  dem  Inbegriff  der 
reellen  Glückfeligkeit  gehört,  ob  es  mit  derfel- 
ben   vereinbar  oder  nicht  vereinbar  ift.      Das 
Refultat  des  Urtheils  nach  diefer  Unterfuchung 
beftimrnt  endlich  den  Menfchen,  der  nicht  frei 
feyn  könnte,   wenn  fein  Wille  durch   etwas 
anders  als  fein  eignes  durch  den  Verftand 
geleitetes  Begehren  befti  in  mt  würde, 
ich  weifs  wohl,  d3fs  Einige  die  Freiheit  in  ei- 
ner vor  der  Beftirnmung  des  Willens  vorherge- 
henden   Gleichgültigkeit    des    Menfchen 
fetten.  Ich  hätte  gewünfeht,  dsfs  fse,  die  fo  viel 
Gewicht  auf  diefe  Gleichgültigkeit  Tetzen,  möch- 
ten beftimrot  haben,  ob  öe  nicht  nur  vor  dem 
Entfchlufs  des  Willens,  fomlern  auch  vor  dem 
Denken   und  Urtheilen  des  Verftandes   vorher- 
gehen   foii.     Denn  zwifchen   beiden   kann  Qe 
nicht  wohl  eingefcheben  werden,  weil  dre  Be- 
ftiminung  de-s  Willens  unmittelbar  auf  das  Ur- 
theü  des  Verftaudes  folgt;   foii  he  aber  vor  dem 
Denken    und  Urtheilen    vorausgehen,    fo   fetzt 
man  fie  in  einen  dunklen  Zufiand,  in  dem  man 
nichts    wahrnehmen   und   unterfcheiden  kann, 
und  legt  fie  einem  Subject  bei,   das  ihrer  nicht 
empfänglich  ift,   infofern   ein  Wefen  nur  in  fo- 
weii   Freiheit   hat,    als  es    denkt  und     urtheilt 
Ich  bin  in  ^nfeUung  der  Ausdrücke  nicht  fo  ei- 
ger.finnig,  dafs  ich  r.icht  dtnen,  die  diefe  For- 

mal 


9* 


Zweites    i 


roel  lieben,   einräumen  Tollte,    die   Freiheit,! 
beüehe   in  einer  G  1  e  i  c  h  g  ü  1 t  i  gvk  r  i  t,    doch   i| 
mii  die  Ter  Befiiinmung,    dafs    t:e   weder  durch   i. 
das  Urthfil  des  Verftande«,  noch  auch  durch  die   i, 
Eni  chliefsung   des  Willens   aufgehoben   wii 
un .1  dafs  fie  nicht  eineGleichgültigkeit  des  Men-    < 
fchen  (denn  wenn  er  geurtkeilt  hat,  dafs  eine 
Handlung  oder  das  Gegentheil  das  Hefte  ift,  fo    | 
ift   er   nicht   weiter   gleichgültig)    fondern  oine    : 
Gleichgültigkeit  der  wirkenden  Kräfte  des  Men- 
fcheu   ift.      Denn    die  Möglichkeit   zu  wirken 
oder    nicht     zu      wirken  ,      bu  ibt     vor     wie    i 
nach   der  Beftimmung    des    Willens,     und    die    I 
Kräfte  find  in  einem  Zuftand,   den    man,   wenn 
man  will,  G  leichgültig  k  ei  t  nennen  kann. 
So  weit,  als  diefe  reicht,  fo  weit  ift  der  Menfch 
frei,  aber  nicht  weiter.  Ich  habe  z  B.  das  Ver- 
mögen, meine  Hand  zu  bewegen,  oder  fie  ruhen 
2u   laffen;  die  wirkende    Kraft  ift  weder   zum 
Bewegen  noch   zum   Nichtbewegen  der  Hand 
beftimmt;  in  diefem  Falle  bin  ich  vollkommen 
trei.      Itzt  beftimmt  der  Wille  diefe  Kraft  zur 
Ruhe;  ich  bin  noch  immer  frei,  weil  dieGleich- 
gültigkeit  d.  i.  die  Möglichkeit, zu  wirken  oder 
nicht   zu  wirken  vor  oder  nach  diefer  Beftim- 
m ui  ^  unverändert  bleibt.   Davon  kann  man  Geh 
Überzeugen»  wenn  der  Wille  zürn  Verhieb.«  das 
G  'jentheil  anordnet.     Wenn  aber  meine  Hand 
auf  einmal  von  einer  Lähmung  oder  einer  kon- 
vuluvirchen  Bewegung  betallen  wird,    fo  hört 

die- 


Ein  und  zwaupigfirs  Kapitel,  9^ 

(liefe  Gleichgültigkeit  und  mit  ihr  meine  Frei- 
heit in  tiefem  Falle  auf,  denn  es  ift  eine  [V,. 
turnothwendi^keit ,  dafs  ich  dort  die  Elana 
nicht  bewegen  und  hier  nicht  ruhen  lallen 
kann.  Ich  fette  diefes  hinzu  um  zu  zeigen,  in 
welcher  Art  von  Gleichgültigkeit  mir  die  Frei- 
heit zu  beliehen  fcheint,  und  um  fie  von  jeder 
andern  wirklichen  oder  eingebildeten  zu  1.  titer, 
fcheiden» 

§.     72. 

Richtige  Begriffe  über  die  Natur  und  den 
Umfang  der  Freiheit  find  von  fo  gfoTser  Wich- 
tigkeit, dafs  man  mir,  hoffe  ich,  diefe  Ais- 
fchweifung  verzeihen  wird,  welche  durch  den 
Wunfeh  die  Siehe  aufzuklären  ,  veranlagt  wur- 
de. Die  Begriffe  vom  Willen,  dem  Wollen,  von 
Freiheit  und  Nothwe-ndigkeit  (teilten  firh  indie- 
fem  Kapitel  ganz  natürlich  auf  dem  Wege  der 
Untertuchung  dar.  In  der  erften  Au^gjbe  u'ie- 
IVs  Verfuchs  legte  ich  meine  Gedanken  über 
diefun  Gegenftand  nach  meiner  damaligen  Einb- 
richt dem  Publicum  vor;  und  jezt  gefieheich» 
als  Freund  der  Wahrheit  und  nicht  als  ein  blin- 
der Verehrer  meiner  eigenen  Lehren  $  dafs  fieh 
meiue  Begriffe  darüber,  und  ich  glaube  nicht 
ohne  Grund,  geändert  haben.  Was  ich  zuerft 
frhiieb,  war  das  Refult^t  eines  läutern  unp3r< 
theiifchen  Strebens  nach  Wahrheit.  Da  ich 
aber  weder  aus  Eitelkeit  Aufbrüche  auf  Un- 
fehl- 


g6  Zwcii«»  r 

feblbaikeit  mache,'  noch  au*  Unredlichkeit, 
um  mein  Anfehen  nicht  zu  verdunkeln,  mei- 
ne eignen  Verirrungen  zu  verhehlen  fli- 
ehe; fo  finde  ich  keine  L'rfacbe  zu  erröthen, 
wenn  ich,  mit  dcmfelben  lautern  Intercfle  für 
Wahrheit «  dasjenige  bekannt  mache,  was  ich 
durch  eine  ftrengere  UnteiTuchung  gefunden 
habe.  Vielleicht  werden  manche  meine  frü- 
hem Ueberzeugungeut  andere  (wovon  ich 
fchon  di«  Erfahrung  gemacht  habe)  die  fpä- 
tern,  und  noch  andere  weder  jejue  noch  diefe 
für  die  richtigem  halten,  Diefe  Verfchieden« 
heit  in  den  menfehlichen  Mainungen  wird  mich 
nicht   befremden.      Unp-  ie  Darftellun* 

gen    ftretti^er  Punkte    r..  luaUgtünden 

find  fo  feiten,    und  vollkomu  terungen 

bei  abftraktenBc  a]  bsi  einiger  Lan- 

ge, fo  fchwer(  dafs  ich  Jedem,  der  nach  die- 
fen  oder  andern  Grundfätzen ,  die  Lehre  von 
der  Freiheit  von  den  noch  zurückbleibenden 
Schwierigkeiten  befreiet,  auch  für  meine  Per- 
fon  lehr  verbindlich  feyn  werde. 

Es    wird    vielleicht    nicht    nnzweckmäf  ig 
feyn,  und  unfern  Begriffen  von  Vermögen  und 

Kraft  noch  mehr  Klarheit  geben,  wenn  wir 
noch  vor  Beichlufs  diefes  Abfchnitts  den  Be- 
griff der  Thätigheit  etwas  lchäiier  in  BsJrach- 
tung  ziehen.  Wir  kennen  ,  wie  ich  oben  £e- 
fagt   habe,    nur   zwei  Arten    von   Thätigkeit, 

nehm- 


Ein  und  zwanzigstes  Kapitel.  97 

nehmlich  die  Bewegung  und  das  Denken, 
Dafs  aber  nicht  alles,  was  man  darunter  rech- 
net. Thä'igkeit  im  eigentlichen  Sinne  ift,  wird 
eine  nähere   Untcrfuchung  lehren.       Denn    es 
giebt ,   wo    ich   nicht  irre,    Beifpiele  von   bei- 
den Gatturgen  ,   welche  nach  fchärferer   Uuter- 
fuchung    keine   Thatigkeiten     fbnrlern  lei- 
dende  \  eränderimgea  und    folglich  nur 
Wirkungen  leidender  Vermögen  in   denjenigen 
Subjec  en   find,     w^'che   g!  ichwohl   in   Rück- 
kehr diefer  für  thafige  Wefen  gehalten  werden. 
Denn  in  diefen  Fallen  erhält  die  Subftanz,  wel- 
cher eine  Bewegung  oder  ein  Denken    beige- 
legt wir!,   einen  Eindruck  von  außen,   der  fie 
in  Thätigkeit  fetzt,  und  lle  wirket  blofs  durch 
das  Vermögen ,    folche  Eindrücke  von   äußern 
Gegenftänden    aufzunehmen,      Diefes    Vermö- 
gen ift  alfo  im  eigentlichen  Sinne  kein  t  h  a  t  i- 
ges  Vermögen,  fondern   eine  blofse  lei- 
dende Empfänglichkeit  des  Subj*>cts.  Zu- 
weilen fezt  fich  eine  Subftanz  durch  ihre  ei->ne 
Kiafr  in  Thätigkeit,  und  das  ift  eigentlich   das 
felbftthätige  Vermögen,  die  thätige  Kraft   —  Je- 
de   Beftimmung  einer  Subftanz  .    wodurch  fie 
Wirkungen  hercorbrinot,  heikt  eine  Thätig. 
keit   (action).     So  witkt  z.    B,  eine  körper- 
liche   Subftanz   auf  eine  andere    durch  Bewe- 
gung und  verändert  ihre  Befchaffet  hohen ;  die- 
fe  beftimmte  Bewegung  nennen  wir   eine  Thä- 
tigkeit.    Aber  n^ch  ftrengern  Begriffen  ift  die- 
Locke'».    II.  Theü.  G  fe 


yS  Zweites   Buch. 

fe  Bewegung  eines  Körpers  ,  wenn  He  von 
einem  andern  mitgctheilt  war,  ein  blof*e>  Lei- 
den. Eine  Siibftanz,  welche  Weder  üch  noch 
eine  andere  aus  de«  Kühe  iu  l  ewegung  ver- 
fetten, oder  die  Bewegung  felbi.1  anfangen 
kann,  befitzt  alfu  keine  i  aalige  Bewegung*- 
kraft.  So  ift  e>  auch  beim  Denken.  Das 
Vermögen  durch  die  Wirkung  der  Allmendinge 
Yorftellungen  zu  empfangen,  wird  gewöhulich 
die  Denkkraft  genannt;  allein  es  ilt  eine 
blofse  Empfänglichkeit,  ein  leiden- 
des Vermögen.  Hingegen  Vorfiellungen 
willkührlich  in»  Bewufstfeyn  zurückzuru- 
fen, und  fie  mit  einander  zu  vergleichen,  daa 
ift  das  felbfttbätige  Vermögen.  Diefe 
Bemerkung  beugt  manchem  Irrthuin  vor,  wo- 
zu die  Grammatik  und  der  gemeine  Sprachg«. 
brauch  leicht  verleiten  kann.  EinVerbum,  wie 
es  die  Sprachlehrer  nennen ,  bedeutet  nicht  al* 
lezeit  eine  Thätigkeit.  Z  B.  in  den  Redensar- 
ten,  ich  fehe  den  Mond,  ich  fühle  die  Hitze 
der  Sonne.  Hier  kommt  keine  Thätigkeit  vor, 
wodurch  ich  auf  diefe  Dinge  wirke,  fondern 
nur  ein  Empfangen  von  Vorl.sllungen ,  die  lieh 
mir  bei  der  Lage  meines  Auges  und  meines 
Körpers  aufdiingen,  und  wobei  ich  mich  blofs 
leidend  verhalte.  Wenn  ich  aber  meine  Augen 
auf  einen  andern  Gegenftand  richte,  oder  den 
Körper  aus  den  Sonnenftrahlen  entferne,  dann 
bin  ich  eigentlich  thätig,  denn  ich  fange  diefe 

Bs- 


Ein  und  zvrsnzigRcs  Kapitel.  pg 

Bewegung  willkührlich  nnd  felbfhhätlg  an. 
Eine  folehe  Thati  gkeit  ift  das  Proauct  ei- 
ner f  e  1  bittli  ätigen  Kraft* 

§.     73* 

Diefes  ift  alfo  eine  kurze  UeberGcht  vott 
unfern  urfpr  üngli  che  n  Begiiffen,  aus 
welchen  alle  übrigen  abgeleitet  und  zufammen- 
£efetzt  werden.  Wollte  man  fie  philo;ophi<ch 
behandeln,  und  ihre  Urfachen  und  ihren  In- 
halt untersuchen,  h  könnten  fie  vielleicht  auf 
folgende  wenige  Hnuptbegriffe  zurückgeführt 
werden.  Ausdehnung,  Dichtheit,  Be- 
weglichkeit oder  das  Vermögen  bewegt  zu 
werden;  diefe  erhalten  wir  von  Körpern  durch 
die  Ssrne  :  V  or  ft  e  l  lungs  f  ä  higke  i  t,  das 
Vermögen  vorzugehen  oder  zu  denken;  ße- 
w  eg  u  n  gsf  ü  h  igk  e  i  t ,  das  Vermögen  zu  be- 
Wegen;  diefe  erhalten  wir  durch  die  Reflex- 
ion von  unferrn  Gemüthe.  Wenn  wir  zu  die- 
fen  noch  hinzufetzen  :  Exiftenz,  Dauer, 
Zahl,  welche  zu  beiden  gehören,  fo  haben 
wir  vielleicht  alle  urfprüngliche  Begriffe  ,  von 
weichen  alle  übrigen  abhängen.  Denn  durch. 
£e  möchte  man  wohl  im  Stande  feyn  ,  die  Na- 
tur der  Farben,  der  Töne,  der  Geruchs-  und 
Gefchmacksemphndungen  und  aller  übrigen 
Vorftellungen  zu  erklären  ,  wenn  nur  unfre 
Sinne  fcharf  genug  wären,  die  mannichfahi^en 
G  2  Mo- 


ioo  Zweites  Buch. 

Modifikationen    der    Ausdehuung    und   Bewe- 
gung in  den  kleinen  Körpertheilen,  welche  d.iefe 
Empfindungeu  erzeugen,  wahrzunehmen.     Da 
aber  die  Unterfucbuug  der  Erkenntnifs  von  dtn 
Dingen  durch  Vorftellungen  ,  welche  die  Seele 
vermöge    ihrer  Einrichtung   von    den    Dingen 
empfängt,  und  der   Art    und  VVeiTe,    wie  der 
inenfehliche  Getft  zu  diefer  gelangt,  nicht  aber 
die  Unterfuchung  über  die   Urfachen   und   die 
Entftehungsart    diefer    Vorftellungen,  den   G  - 
genftaud  diefer  Schritt  ausmacht,  fo  wäre  eine 
philofophilche    Nachforlchung    über   die    Ein- 
richtung und  Bildung  der  Körper,   wodurch  fie 
lene  Vorftellungen  in  uns  erzeugen,  zweckwi- 
drig.    Ich  bemerke  daher  uur  noch  folgendest 
Gold  und  SafFran  haben  das  Vermögen,  in   uns 
die  Vorftelluug  von  der  gelben  fo  wie  Milch 
und  Schneö  die  von  der  Weifsen  Faibe  hervor- 
zubringen,     Wir  erlangen  diefe  Vorftellungen 
duich  das  blofse  Sehen  ohne  weitere  Unterfu- 
chung  über  das   Gewebe   diefer  Körper    oder 
über  die  Geltalt  und  Bewegung   der  von  ihnen 
abprallenden  1  heile,  wodurch  die  Empfindung 
verurfacht  wird.     Wenn  man  ab«  über  diefe 
Vorftellungen  hinausgehet,    um  ihre  Urfachen 
zu   erforfchen,    fo  läfst   fich  an  den   Objecten 
nichts  anders  als  die  Größe,  Geftalt,  Zahl,  Ge- 
webe und   Bewegung  der  feinden    Theile  als 
Urfache  der  Vorftellungen  denken. 

Zw« 


Zwei  und   zwanzigstes  Kapitel.  101 


Zwei  und  zwanzigfies  Kapitel. 

Von   gemifchten  Beftimmungen. 


Was   geiuifchte   Beftimmungen    find. 

In  den  vorhergehenden  Kapiteln  habe  ich 
von  den  einfachen  Beftimmungen  ge- 
handelt, und  durch  Beifpiele  von  den  merk 
würdigften  gezeigt,  was  fie  find,  und  wie  wir 
die  Begriffe  derfelben  erlangen,  Iezt  kommt 
die  Reihe  an  die  gemifchten  Beßimmun- 
gen,  das  ift,  zufamraengeretzte  Begriffe  z,  B. 
Verbindlichkeit,  Trunkenheit,  eine  Lüge,  wel- 
che aus  der  Verbindung  einfacher  verfchie- 
denartiger  Vorftellungen  beftehen.  Durch 
die  Benennung  gemifchte  Beftimmungen  wer- 
den fie  von  den  einfachen  Beftimmungen  un- 
terschieden ,  welche  zwar  auch  eine  Verbin- 
dung einfacher  Vorftellungen  abeT  nur  einar- 

G  3  ti 


I©2  Zweites  Buch. 

tig  er  enthalten.  In  fo  fern  fie  nicht  folche 
Verbindungen  einfacher  Vorftellungen.  welche 
als  charakteriftifche  Merkmale  eine»  realen  bo- 
lurrlichen  Wefens  betrachtet  werden,  fontlern 
Verbindungen  zerftreuter  unabhängiger  Vorftel- 
lungen Gnd,  die  nur  durch  den  menfehüchen  V«r- 
Itaud  Einheit  erhalten  haben,  fo  unterfcheiden 
fie  fith  dadurch  von  den  zufammcngefetzt«u Be- 
griffen d«r  Subftanien, 

§.       2. 

Sie  werden  durch  den  Verftsnd  ge- 
bildet. 

Di«  Erfahrung  lehrer,  dafs  f;ch  der  Verftand 
in  Rückficht  auf  die  einfachen  Vorftellungen 
blos  leidend  verhalt  ;  denn  er  erhalt  he  durch 
dasDafeyu  und  die  Wirkung  der  Dinge,  fo  wi& 
fiedie  Empfindung  und  Reflexion  giebt,  und  er 
kann  freine  einzige  derfelhen  eigenmächtig  her- 
vorbringen. Die  Vorftsllungen ,  von  denen 
hier  die  Rede  iß,  entftehen  aber  auf  eine  ganz 
andre  Art,  Der  Verftand  a  u  fsert  nehin- 
lich  bei  Bildung  derfelhen  oft  ein 
thätiges  Vermögen.  Denn  wenn  ihm  einmal 
einfache  Vorftellungen  gegeben  find,  fo  kann 
er  de  auf  verschiedene  Art  verbinden,  und  ein« 
grofse  Mannichfaltigkeit  von  zufammengefezten 
Vorltellungen  daraus  bilden,  ohne  dafs  er  da- 
bei uiiterfuchet  j  ob  fie  fo  in  der  iSatur  zufam- 

men 


Zwei  und   zwanzigßes   Kapitel.  103 

tren  angetroffen   werden.     Daher  nennt    man, 
wie  ich  glanbe,    diefe  Vorftellungen  Verftan- 
desbegrifFe,  (N  0  t  i  on  s)  als  wenn  fie  ihren 
Urfprung  und  ihr  Dafeyn  mehr  in  dem  raei  Tch- 
lichen  Denken  als    in    einem   aufser    demfelben 
befindlichen  Dinge  hätten.     Zu   ihrer  Bildung 
ift  nur  erforderlich,  dafs  der  Verffand  die  ein- 
zelnen Beftandtheile  zufammenfetzt,    und   dafs 
fie  in  einen  Begriff  vereinbar  find,  nicht  aber 
die  Unterfuchung,  ob  fie  objective  Realität  ha- 
ben.    Hiermit  will  ich  aber  nicht  leugnen  ,  dafs 
rieht  einige  aus  der  Beobachtung  entlehnt  feyn 
können,  indem  gewilfe  einfache  Begriffe  in  der 
Erfahrung   fo    verbunden    vorkommen,   als  fie 
der  Verftand   verbindet.     Derjenige,  der  zuerft 
den  Begriff  von  Heuchelei   bildete,  konnte 
ihn  durch    die  Beobachtung  eines  Menfchen, 
der    den  Schein  von    guten    Eigenfchiften  an- 
nahm, die  er  nicht  befafs,  erhalten  haben;  es 
iß  ;>ber  auch  möglich,  dafs  er  ihn  wilikührlich, 
ohne  ein  folches  Vorbild  vor  Augen  zu  haben, 
bildete.     Denn   es   ift   einleuchtend,    dafs,   als 
die  Sprachen  und  die  menfehlichen  Gefellfchaf- 
ten  fich  zu  bilden  anfiengen,  verfthiedene  von 
diefen   zufaniinengefetr.ten    Begriffen  ,     welche 
eine  Folge  von 'ge  willen  in  der  Gefellfch>ft  ge- 
troffenen Einrichtungen  find,  in  dem  Verftan- 
de  der  Menfchen  exiftieren  mufsten,  ehe  ihre 
Cbjecte  noch  irgendwo  anzutreffen  waren,  Di« 
V/orte,  die  fie  bezeichneten,  waren  fchon   im 

G  4  Ge* 


2<H  Zweite»    Buch. 

Gebrauch  und  folglich  die  Begriffe  gebildet, 
ehe  Hie  Verbindungen ,  welche  fie  anzeiget.», 
iui  Wirklichkeit  gekommen  waren. 


§.    3. 

Man  erhält  diefe  Begriffe  zuwei- 
len durch  die  Erklärungen  ihrer 
Werte. 

Da  jezt  die  Sprachen  gebildet  find,  und  eine 
Menge  Worte  für  folche  Zulairimenfetzungen 
enthalten,  fo  ift  die  Entwickelung  ihrer 
Sprachzeichen  eine  gewöhnliche  Art,  diefe 
zufammengefetzten  Begriffe  felbft  zu  bilden. 
Denn  diefe  Begriffe,  welche  eine  Verbindung 
einfacher  Vorftellungen  enthalten,  können  durch 
die  Worte,  welche  die  einzelneu  Vorftellungen 
anzeigen,  fobald  man  fie  verliehet,  vorgeftellt 
werden,  wenn  gleich  jene  Verbindung  an  kei- 
nem wirklichen  Objecto  vorkommt.  So  kann 
ein  Menfch,  der  weder  durch  eigne  noch  frem- 
de Eifohrung  etwas  von  einem  Kirchenraub 
oder  Mord  weifs,  ditie  Begriffe  durch  die  Aus- 
zählung dar  in  den  Worten  ei». halteneu  einla- 
chen Vorftellungen  erlangen. 


I   4« 


Zwei  und  zwanzigßes  Kapitel.  jo5 

§.     4- 

Worte  vereinigen  die  Beftand- 
t  h  e  i  l  e  der  g  e  rn  i  f  c  h  t  e  n  -B  e  ft  i  rn  ra- 
un g  e  n  in   einen   B  e  g  t  i  ff. 

Da  jede  geraifchte  ßeRimmung  aus 
verfchiedenartigen  einfachen  Vorftelluneen  be- 
ftehet,  fo  fcheint  die  Frage  nicht  ungereimt: 
woher  de  ihre  Einheit  haben  und  war- 
um gerade  diefe  beltimmte  AazahJ  von  einfa- 
chen Vorftellungen  einen  Begriff  ausmacht,  da 
doch  diefe  Verbindung  nicht  allezeit  in  der  Na- 
tur vorkommt?  Offenbai  erhält  lie  ihre  Einheit 
durch  eine  Handlung  des  Verbandes ,  weicher 
diefe  verschiedenen  einfachen  Vorftellungen  ver- 
einiget und  das  Ganze  als  einen  aus  diefen  Be- 
ftandtbeilen  zufammengefezten  Beguff  betrach- 
tet. Das  Kennzeichen  der  Vereinigung  oder 
das,  was  fie,  wie  man  glaubt,  vollendet,  ift 
die  Bezeichnung  des  Begriffs  durch  ein  Wort. 
Denn  gewöhnlich  beftimmen  die  Menfchen  die 
Anzahl  der  mancherlei  zufamrnengefetzten  Be- 
griffe blos  nach  den  vorhandenen  Worten;  wo 
es  an  diefen  fehlet,  fo  betrachten  fie  feiten  eine 
Anzahl  von 'einfachen  Vorftellungen  als  den  In- 
halt eines  zufam mengefetzten  Begriffs.  Die  Er- 
mordung eines  alten  Mannes  ift  nicht  weniger 
Stoff  für  einen  zufammengefeizten  Begriff,  als 
die  Ermordung  eines  Vaters;  da  es  aber  für  je- 
ne That  kein  befonders  Wort  giebt,  wie  für 
(*  ri  diefe 


\ 


diefe  da* Wort  Vatermord,  fo  Verden  diefe 
(      ..:-!nen  V:.?  Heilungen  nicht  in   einen  Bt 

;:ge;afst, 

§•  5. 
Die  Ur  fa  che  ihrer  Bildung. 
Wenn  "«vir  weil  er  unterfucben,  worin  der 
Grund  He»r.  dafs  die  Menfcheu  einige  einfache 
Vorftellung-n  verbinden,  und  daiais  verfchie- 
dene  gleich  Tarn  flirte  Beftimmungen  bilden, 
und  da-,  boi  andern  Vorftellungen,  die  ihrer  Na- 
tur nach  eben  derfelben  Verbindung  fähig  find, 
unterlaffen,  fo  werden  wir  finden,  dafs  der 
G.-und  davon  in  dem  '/werk  der  Sprache  lie^f. 
Diefpr  i(t  kein  andrer,  als  die  Bezeichnung  und 
möglichft  fchnelle  Mntheilung  menfchlicher  Ge- 
danken. Daher  vereinigen  die  Menfchen  ein- 
zelne \orPelIüngen  in  zufammengeTeUte  Be- 
griffe, ui  >  diefe  mit  Worten,  wenn 
fie  in  ihren  VerhältnüTen  und  in  dem  gefell- 
fchaftlicben  Leben  oft  vorkommen.  Andere 
hingegen,  zu  denen  Geh  Teilen  eine  Veranlaf- 
fung  findet,  laiTtu  fie  ifoürt  und  ohne  Benen- 
nung, wodurch  fie  zur  Einheit  verbunden  wer- 
den,  und  Hellen  fie  lieber,  wenn  es  nöthig  ift, 
einzeln  mit  ihren  befondern  Worten  dar,  als 
dafs  fie  ihr  Gedächtnifs  mit  fo  vielen  zufammen- 
geTeuien  Befüllen  und  ihren  Sprachzeichen 
belaftigen  frühen,  zu  deren  Anwendung  fie  fei- 
ten oder  nie  Gelegenheit  finden, 

§♦  6* 


Zwei   und  swanzfgftes  Kapitel.  107 

Warum  es  Worte  in  einer  Sprache 
giebt.  denen  keins  in  einer  an- 
dern entfpricht. 

Hieraus  erhellet  die  Ur'ache,  warum  in 
jeder  Sprache  mehrere  einzelne  Wor- 
te vorkommen,  welche  durch  einzel" 
ne  Worte  in  andren  Sprachen  nicht 
zu  überfetzen  und.  Denn  die  verschiede- 
nen Gebräuche.  Gewohnheiren  und  Sitten  des 
einen  Volkes  machen  verfchiedene  Ideenver- 
bindungen gewöhnlich  odf>r  r.othweruüg.  zu  de- 
ren Bildung  oder  Bemerkung  in  einem  andern 
alle  Gelegenheit  fehlet;  an  diefe  knüpfen  Geh 
Von  felbft  gewifle  Worie  an,  um  in  dam  tätli- 
chen Umgänge  lange  Umfchreibungen  voja  be- 
kannten Dingen  zu  vermeiden,  wodurch  lieh 
zuletzt  in  ihrem  Gemütbe  diefe  zu  fam  mengefetz- 
ten Begriffe  bilden.  Von  diefer  Art  war  das 
Wort  OTtracismus  bei  den  Griechen  und 
Profcriptio  bei  den  Römern;  man  findet 
Für  fie  in  andern  Sprachen  kein  vollkommen 
ansprechendes  Wort,  weil  fie  zufa-ümengefetzte 
Begriffe  bezeichnen ,  welche  bei  andern  Natio- 
nen nicht  gefunden  werden.  Wo  diefe  Ge- 
wohnheit nicht  war,  da  fehlte  es  auch  an  ei- 
nem zufammengefetzten  Begriff  und  Weite  zur 
Bezeichnung  denselben. 


'c8  /wcit*s  Buch. 

§.     7.  ; 

Warum  fi  r  li  die  Sprachen   ändern« 

?^irht  weniger  leuchtet  hieraus  dieUrfa- 
thc  von  der  Veränderlichkeit  der 
S[>  rächen  ein.  Neue  Ausdrücke  werden  auf- 
g.-iuinu.H  n  nn  Jaite  kommen  aus.  dein  Gebrauch, 
vweil  ilitt  Veränderung  in  den  Gewohnheiten  und 
Meinungen  tiene  Ideeuverbindungen  einführet« 
und  dieTe  machen  neue  Ausdrücke  zur  Vermei- 
dung langweiliger  Umfebrcibungen  nothwendig, 
•weil  fieGeseriftande  betreffen,  über  welche  man 
oft  zu  denken  und  zu  fprechen  veranlafst  wird. 
Es  entliehen  alfo  neue  Arten  von  zufammenge- 
fir&ien  Berufen,  Welche  Manuichfdltigkeit 
von  verfchiedenen  Vorftellurgen  auf  diefe  Art 
in  einen  Ausdruck  zwfammeugefafst  und  wie 
viel  Zeit  und  Worte  durch  diefe  erfparet  wird, 
kann  j*der  einfehen  ,  wenn  er  Geh  die  Mühe 
giebt. ,  alle  Vorftellungen  aufzuzählen,  welche' 
durch  die  Worte  gerichtliche  Frift  und  Ap- 
pellation br zeichnet  werden,  und  wenn  er 
durch  eiue  Umfchreibung  ihren  Inhalt -für  ei- 
nen  andern  verständlich  zu  machen  fucht. 

§.   8* 

Wo  die  gemifebten  Berti  in  raungen 
e  x  i  ft  i  r  e  n . 
Ob  ich   gleich  weiter  unten,  wenn  ich  von 
den  Worten  und  ihrem  Gebrauch  handle,  Ge- 
le 


Ein  und   zwanzigßes  Kapitel,  U9 

legenheit  finden  werde,  umftändlicher  von  den 
Sprachzeichen    der  gemifchte:)    Beltiinuungen 
zu  handeln,   fo  konnte  ich  doch    nicht  umhin, 
hier  etwas  davon  zu  beiühren.  Denn  da  iie  ver- 
änderliche und  vergängliche  Verbindungen  ein- 
facher Vorftellungen  lind,  die  nur  in  dem  Ver- 
ftande   ein    kurzes    Dafeyn    haben ,    und    nicht 
länger  dauern,  als  fie  gedacht  werden,   fo  wird 
ihnen   nur   in    den    bezeichnenden    Worten 
eine  Art  von  beharrlicher  und  dauer- 
hafter  E  x  i  ft  e  n  z   g  e  ü  c  h  e  r  t.     Daher  kön- 
nen in  die  Fem  Falle  die  Worte  ftibft  fiir  die  Be- 
griffe   genornmen    werden,      Denn    wenn   man 
fragt,  wo  die  Vorftellung  eines  Triumphs  oder 
der  römifchen  Apotheofe  exiftire,  fo  kann  man 
nicht    fagen ,   in    den   Objecten   felbft,    Weil   es 
Handlungen  find,  die  in  der  Zeit  nach  und  nach 
gefchehen,  und  niemals  voilftändig  und  zugleich 
exiflireu  ;  und  in    dein  Verftande,    wo   fie  ei- 
gentlich anzutreffen  feyn   follen,   haben  fie  nur 
ein   fehr  unftetes  Dafeyn,     Daher  knüpft  man 
fie  gerne  au  Worte,  durchweiche  fie  wieder  ins 
Bfcwufstfeyn  gebracht  werden. 

%.     9. 

Wie   wir  die  Begriffe    von   gemifch- 
ten  ß  e  ft  i  m  tu  u  n  gen   erlangen. 

Es  giebt  alfo  drei  Wege,  aufweichen    wir 
die  zufainuiengefetzten  Begriffe  von  gemüchten 

Be- 


iio  Zweit«  Buch. 

Beftiminungen  erlangen,    i)  Durch  die  Er fah» 
tu  114    nu'l     die    Beobachtung    der     Dinge 
!t.      Wenn   wir  z.  B    zwei  Meufchen  iech« 
i   ringen   fcheu  ,  fo    bekommen!  wir  den 
\    thieu   und  Ringen.     2)  Durch 
I  u  ii  g  oder  willkülirlicht  Zurararnenfetz- 
rfchiedener    einfacher  Voiftellungen    in 
i  ei  [lande.    So  hatte  der  Erfinder  der  Buch, 
druckerei  u$<j  dtr  Kupferflecüerkunft  einen  Be- 
grifl    davon    in    feinem   Verftande,    ehe    beide 
hünde  exiftirten.      3)   Die    gewohnlicbfte     Art 
und  Weife  ifi  aber  die  Zergliederung  der 
Worte  von   nie  gefehenen    Handlungen   oder 
nicht,  anfchauiichen  Begiifieii,  indem   man  da- 
durch alle  VoritellungeD  ,   welche  ihre  B.fiand- 
thede  ausmachen,  aufzählet  und  gleichfam  der 
Einbildungskraft  einzeln  vorführet.      Wenn  un- 
fer  Gedächuiifs  mit  einfachen  Vo.  ftellungen  durch 
die  Sinne  und  die  Reflexion  bereichert  ift,  und 
wir  durch  dt;ri  Gebrauch  ihre  Sprachzeichen  ge- 
lernt h^ben ,  fo  können  wir  durch   die  letzten 
jeden  beliebigen  zufammengefetztf  n  Begnil  ei- 
nem andern   vorstellig   machen,  fo  d*fs    er  in 
demfelben  fich   nichts    anders,    als  iliin    fchon 
bekannte  Vorftellungen   mit  denielben   Sprach- 
zeichen,   als  wir,  vorfteilet.     Denn  alle  zuTarn- 
rnengefetzte   Begriffe    lafsen    Geh    in    einfache 
Vorftellungen  auflöfen,  wenn  auch  ihre  nach- 
ften  Beftandtheile  wieder  zurammer>gefetzte  Be- 
griile  lind.     So  enthält  z.  B.  der  BegrifF,  den 

das 


Ein  und  zTrfSaiwÄgfiesyjSapitel.  uz 

i 

das  Wort  Lüge  bezeichnet,  folgende  Beitand- 
Jheile:  articulirte  Töce,  gewifle  Yorftellungen 
in  dem  Gimüihe  des  Sprechenden,  Worte  zur 
Bezeichnung  deife'bea  und  eine  von  dem  Silin 
d*s  Sprechenden  abweichEr.de  Verbindung  der 
Worte  durch  Bejahung  oder  Verneinung-  Ehen 
das  kann  mit  alleu  fcnfeinrmerigefettteu  Begriffen 
gefchehen,  ihre  Eeftandi  :eiie  mögen  einfach, 
od.  ,  <>ngeffcLzt  feyn,  fo  köncen  fie  doch. 

.  iX  in  einfache  VurftpHung^n  anfgfelöfst  wer« 
den,  und  diefe  find  die  Materialien  aller  Er- 
keuntnifs.  alles  möglichen  u.id  wirklichen  Den- 
kens, Wie  grundlos  die  B.-«'orgnifs  fey,  der 
menfchliche  Verltand  möchte  da  urch  auf  eine 
zu  dürftig«  Anzahl  von  Vriffteüungen  einge- 
fch  änkt  werdf-n,  erhellet  fchon  daraus,  wenn 
man  die  unzählbare  Merige  von  einfachen  Be- 
ftimmungen,  welche  die  Zahl  und  die  Figur 
darbieten,  betrachtet«  LTnd  wie  wenig  man 
Armuth  in  Aufehung  der  gemifchtenBeftimmun« 
gen  zu  befürchten  habe,  läf-s t  üch  fchon  daraus 
fchliefsen,  dafs  fie  mannichfaltige  Verbindungen 
der  einfachen  Vorftelluisgen  und  ihrer  Modifi- 
cationen  fiud.  Koch  vor  Beendigung  diefes 
Werks  wird  es  Jedermann  einleuchtend  wer- 
den, dafs  er  zur  Ausbreitung  feines  Denkens 
einen  nur  zu  grofs^n  Spielraum  hat,  wenn  gleich 
alle  Gedanken  auf  einfache  Vorftellungen  zu- 
rückkommen   und    die  letzten    nur    durch  die 

Sin« 


112  Zweites   Buch. 

Sinne,  die  Reflexion  und  ihre  verfchiedene  Ver- 
bindungen entliehen. 

I«     *°. 

Ei  verdient  eine  eigne  Unterfuchung,  wel- 
che einlachen  Vor  Heilungen  am  raei- 
ften  modificiret,  und  aus  welchen  die 
m  e  i  lt  c  n  gemifchten  ßeltinimungen 
gebildet  und  in  Worte  gefafst  find. 
Es  lind  diele  drei,  das  Denken,  die  B  \ve2un2 
(weiche  alle  Thaügkeiten  in  fich  fallen);  Ver- 
mögen und  Kralt,  als  Grund  diefer  Thätigkei- 
ten-  Thätigkeit  bezeichnet  den  grofsen  Wir- 
kungskreis der  Menfchen  ,  und  das  einzige 
Object,  worauf  fich  Gefetze  beziehen.  Es  ilt 
daher  ganz  natürlich  ,  dafs  die  mannichfalii- 
gen  Modifikationen  des  Denkens  und  der  Be- 
wegung beobachtet,  in  Begriffe  gefafst,  indem 
Gedachtnifs  aufbewahret,  und  mit  Worten  be- 
zeichnet wurden.  Hierauf  beruhet  die  Mög- 
lichkeit aller  Gefetze;  ohne  das  könnten  Lafter 
und  Unordnungen  nicht  in  Schranken  gehal- 
ten werden,  und  überhaupt  keine  Verbindun» 
geu  unter  Menfchen  beliehen.  Um  deswillen 
haben  lie  die  verfchiedenen  MoJiricationen  der 
Thätigkeit  in  Rückficht  auf  ihre  Urfachen 
Mittel,  Objecte,  Zwecke,  Werkzeuge,  Zeit 
und  Ort  und  andere  Umftände,  u.  f.  w.  auch 
die  Vermögen  dazu  in  Begriffe  gefafst  und  mit 

Wor- 


Zwei  und*  zwauzigftcs' Kapitel.  113 

Worten  bezeichnet.  So  ifi  Drenftigkrir  das 
Vermögen  vor  andern  ohne  Furclit  und  Verle- 
genheit auf  beliebige  Art  iu  handeln  und  zu 
tprecben;  für  die  Dreuihgkeit  im  Reden  ha- 
ben die  Griechen  ein  eignem  Wort  ttz^ictiz, 
Das  Vermögen;  etwas  zu  thun,  heiTst  Fertig- 
keit, wenn  es  durch  öftere  Wiederholung  der; 
felben  Handlung  erworben  ift;  Heng  aber, 
wenn  es  bei  jeder  Gelegenheit  in  wirkliche 
Tbat  auszubrechen  fueht, 

|i    ir» 

Einige    Worte    Scheinen    eine    T  h  ä-  - 
tigkeit  anzuzeigen,    bezeichnen 
aber  b  I  o  f  s  eine  Wirkung. 

Das  Vermögen  i(t  die  Quel'e  ai'?r  Thä'ig- 
keit.  Wenn  die  Subftanz,,  Welche  ein  \ "ermö- 
gen  befitzt,  daflelbe  durch  eiue  Handlung  auf- 
fert ,  To  hei  (st  fie  U  r  f  a  c  h  e.  W  i  r  k  0  ngen 
fir.d  aber  die  Snbftanzen  oder  die  Objecte  ein- 
facher Vorftellungen  ,  welche  durch  die  Kraft1- 
äufferung  in  einem  Dinge  hervorgebracht  wer- 
den. Die  ThSfcigkeit .  wodurch  eine  neue 
Subftanz  oder  Vorfteliucg  hervorgebiacht  wird, 
heifst  in  dem  Whk'enden  Subjecte  eiue  Hand- 
lung, in  dem  erzeugten  oder  veränderten 
Objecte  aber  ein  leiden.  So  mannichfajtig 
rtun  aber  auch  die  Triftigkeiten,  und  f a ft  unend- 
lich verschieden  die  Wirkungen  find,  fo  latfen 
Locke's  II.  Tkeil.  H  üe 


114.  Zweites    BucJi, 

fie  fich  doch  bei  denkenden  Wefen  nur  als 
Modifikationen  des  Denkens  und  Wollen«,  und 
bei  körperlichen  Subftanzen  al»  Modificatiooea 
der  Bewegung  denken.  Denn  ich  mufs  gefte- 
hen  ,  dafs  ich  a'fler  diefer  von  keineT  Thätig- 
keit,  welche  Wirkungen  hervorbringt,  einen 
Begriff  habe ,  und  jede  andre  Kraft  ift  fo  weit 
aufler  dem  Kreife  meines  Vorfiellens,  Denkens 
und  Erkennens  und  fo  unbekannt,  als  fünf 
andere  Sinne  für  mich  oder  die  Farben  für 
einen  Blinden  find.  Daher  zeigen  Viele  Wor* 
te,  welche  feine  Thätigkeit  z  u  -  b  ff- 
zeichnen  fcheinen,  gar  keine  Hand- 
lung oder  Wirkungsart  fondern  nur  die 
Wirkung  mit  gewiflen  Umftänden  der  wir- 
kenden Urfache,  und  des  leidenden  Subjecti 
an.  So  enthält  z.  B.  das  Wort  Schöpfung, 
Zernichtung  keine  Vorftellung  von  der  Hand- 
lung oder;  WirkungsaTt,  Tondern  nur  von  der 
Wirkung  und  der  Urfache.  Wenn  der  Bauer 
fagt,  die  Kälte  macht  das  Waffer  gefrieren,  fo 
wird  dadurch  nur  die  Wirkung,  dafs  das  Waf- 
fer, welches  vorher  flüfüg  war,  nun  hart  und 
dichte  ift,  aber  nicht  die  Wirkungsartj  wodurch 
das  gefchieht,  angezeigt. 

§.      12. 

Es  ift  wohl  überflüfCg,  hier  noch  zu  be- 
merken, dafs,  obgleich  Kraft  und   Tüätjgkeit 

den 


Zwei  unil  zwaHzigftes  Kapitel.  II J 

den  »rarsten  Theil  der  gemeinften  und  durch 
Worle  bezeichneten  gemifchten  Beftimmungen 
ausmachen  ,  doch  andre  einfache  Vorftellungen 
nebft  ihren  Verbindungen  dabei  nicht  ausge« 
/chloffen  find,  Noch  weit  weniger  notwen- 
dig ift  es  aber,  alle  gebildete  und  {mit  Worten 
bezeichnete  gemifchte  Beftimmungen  aufzuzäh- 
len, denn  da  müfste  man  ein  Wörterbuch  der 
meiden  in  den  Willen  fchaften  vorkommenden 
"Worte  fchreiben.  Mein  gegenwärtiger  Zweck 
erloderte  nur  fo  viel,  dafs  ich  die  Begriffe  von 
gemifchten  Beftimmungen  erklärte  und  zeigte» 
wie  fie  entfiehen,  und  dafs  fie  aus  den  ein- 
fachen Vorftellungen  der  Sinnlichkeit  und  der 
Reflexion  gebildet  werden.  Und  diefs  ift, 
wie  ich  hoffe,  gefchehen, 


Drei   und]  zwanzigstes   Kapitel. 

Von    unfern     zufammengefezten    Be- 
griffen der  Subltanzen. 

§.    x. 

Wie  die   Begriffe   von   Subftanzen 
entliehen, 

Indem  dem  Verftande ,    wie   fchon  erklärt 

worden  ,     eine  grofeß    Anzahl   von  einfachen 

H  %  Vor- 


Il6  Zweites  Buch. 

Vorftpllnngen,  iheils  durch  die  Sinne,  inCofcrn 
fie  an  ändern  Objecten  angetroffen  werden. 
th»üs  »UiTch  die  Reflexion  über  die  Wirkungen 
der  Seele  zngeführet  werden  ,  fn  bemerkt  er 
auch,  dafs  eine  gewiffe  Anzahl  einfacher  Vor- 
ftellnngeu  immer  mit  einander  vergefellfchaf-' 
tet  ift.  Diefe  werden  in  ein  Subject  rereiniget 
und  zu  defto  gefchwindem  Mitiheilung  det 
Gedanken  mit  einem  einzigen  Wort  bezeich- 
net, weil  man  vorausfezt,  dafs  He  einem  Din- 
ge angehören,  und  weil  die  Worte  fleh  nach 
der  gemeinen  Vorftellungsart  richten.  Diefe 
Begriffe  find  eigentlich  Verbindungen  mehrerer 
Vorftellun^en  ,  aber  aus  Mangel  an  Aufmerk- 
famkeit  werden  fie  als  einfache  Bi^riffe  betrach- 
tet. Denn  da  wir  uns  nicht  vorftellen  können, 
wie  diefe  einfachen  Vorftellungen  an  fich  fub- 
fißiren  können,  fo  gewöhnen  wir  uns,  ein  ge~ 
wiffes  Su  b  ff  r  at  vorauszufetzen  .  in  welchem, 
fie  befteh^n ,  und  woher  fie  entfpringen  ,  wel- 
ches wir  dann  eine  Subita  uz   nennen.  *j 

*")  Locke  handelt  in  diefero  Kapitel  nicht  von  der 
Subßanz  überhaupt,  fondern  ynn  den  Arten 
deiMben  ;  und  zeigt ,  wie  wir  zu  Regiifh-n  von, 
den  lezrer«  gelangen.  Da  aber  dnt  Hauptmerk- 
mal diefer  zufanimengefetzten  ttegi  ifle  dei  Betriff 
Subftauz  iit  _  em  Begriff,  von  welchem  Locke 

gefreut; 


JDiei  und  zwanzigftes  Kapitel.  I»7 

§■      2. 

Von  dem     Begriff     Subftsnz     über. 

h  a  u  p  t. 

Wenn  -man  alfo  über  den  Begriff  von 
jler  blofsen  Subftanz  überhaupt  nach- 
denkt, fo  wird  man  finden,  daTs  er  nichts 
anders  enthält  ,  als  die  Vorausfetzung  von 
«inern  unbekannten  Etwas,  welches  denjeni- 
gen Eigenfchaften,  welche  vermögend  lind, 
Vorftellungenin  uns  zu  erzeugen,  und  gewöhn* 
lieh  Accidenzen  genennt  werden»  zum 
H  $  Grun- 

gefteht,  dafs  er  ficli  weder  ans  der  Empfindung 
noch  aus  der  Reflexion  erklären  Lfle,  i  B  4 
Kap.  §.  ig;  deflen  Realität  er  auf  keine  andre 
Art  begründen  kann,  als  dafs  er  fagt,  wir  wä. 
ren  genikhiget,  ein  Subftrat  der  einfachen  Vor- 
fiellungen vorauszufetzen,  weil  fie  nicht  an  lieh 
fubfiltiren  können,  2  B.  23  K  §.  1.;  fo  war  e» 
kein  Wunder ,  wenn  er  fchon  von  Zeitgenoflen 
befchuldiget  wurde,  er  mache  den  objeetiven 
'Gebrauch  diefes  Begriffs  verdächtig,  indem  er 
ihn  blosj  auf  fubjeetive  Vorfiellung  und  Ge- 
wohnheit gründe.  Gegen  adiefe  Belchuldigung 
vertheidigte  fich  diefer  Philofoph  durch  die 
Unterfcheidung  zwifchen  derSubftanz  und  dem 
Begriff  derfelben.  Dafs  es  Subfianzen  in  dei" 
Welt  gebe .  wolle  er  weder  leugnen  noch  be- 
zweifeln, nur  behaupte  er,  dafs  man  keiner* 
deutlichen  Begriff  von  dem  habe,  was  eine  Sub- 
ita ns  fey. 


Hf  Zweites  Buth. 

Grunde  liegt.     Auf  die  Fraget  was  ift  das  Sub- 
ject  von  den  Farben  und  der   Schwere,    k^un 
inan  nichts  anders  antworten,  als:  die  dichten 
ausgedehnten  Theile.      Aber   was  ift   das  Sub- 
ject  von  der  Dichtheit  und  Ausdehnung?    Bei 
diefer  Frage  wird  man  eben  fo  in  Verlegenheit 
feyn,  als  jerfer  Indianifche  Philofoph,    der  be- 
hauptete, die  Welt  werde  von  einein    großen 
Elephanren    getragen.      Als  er  gefragt  wurde, 
worauf  d^r  Elephant  ruhe,  fo  gab  er  zur  Ant- 
wort auf  einer  grofsen  Schildkröte.    Man  drang 
von  neuem  in  ihn  ,  was  diefe  Schildkröte   mit 
ihrem  breitenUücken  unterftüze;  er  erwiederte: 
es  fey  etwas,  von  dem  er  nicht  wiffe, 
was  es  f  e y.  Und  fo  fprechen  auch  wir  in  allen 
FäÜpn  ,  wo  wir  mit  den  Worten  keine  klaren 
und    beftimmten  Begriffe  verbinden,    wie    die 
Kinder,  welche  auf  die  Frage,  was  eine  Sache 
fey,    die  fie    nicht   kennen,  fogleich  diefe(nur 
für    fie  befriedigende   Antwort  geben;    es    fey 
ein    Etwas,      Allein    diefer    Ausdruck,    von 
Kindern    oder   Männern   gebraucht,    bedeutet 
doch  in  der  That  nicht  mehr,  als  das  fie  nicht 
willen,  was  die  Sache  ift,  und    wenn  üe  auch 
vorgeben   fie    zu  kennen,    fo  haben  fie  doch 
keinen    deutlichen    Begriff   davon.      Der   Be. 
griff,  den  wir  mit  dem  Wort    Subftanz   be- 
zeichnen,   bedeutet  alTo    nichts,  anders,  als  das 
vor.usgefeute    aber    unbekannte    Subject    der 
Eigenf6hafien ,  welche   wir  in   der  Erfahrung 

fin- 


Drei  und  Ewantigfle«  Kapitel.  tig 

finden,  und  die  wir  unj  nicht  ohne  etwas  Sub- 
fiftirendes,  in  welchem  fie  enthalten  find,  den- 
ken können, 

§.    3. 
Von  den  Arten  der  Subftanzen. 

Wenn  auf  diefe  Art  der  dunkle  und  rela- 
tive Begriff  von  der  Subftanz  überhaupt  gebil- 
det ift,  fo  gelangen  wir  zu  Begriffen  von  be- 
fnndern  Arten  von  Subftanzen,  indem 
wir  diejenigen  einfachen  Vorftellungen  in  ei- 
nen Begriff  zufammenfaffen  ,  welche  nach  der 
äußern  Erfahrung  und  Wahrnehmung  zufara- 
men  exiftieren,  und  wie  man  vorausfezt,  aus 
der  innern  befondern  Einrichtung ,  oder  aus 
dein  unbekannten  Wefen  diefer  Subftanz  ent- 
fpringen.  So  entftehen  z.  B.  die  Begriffe  von 
einem  Menfehen  ,  einem  Pferde,  von  Gold, 
Waffer  u.  f.  w.  Ich  berufe  mich  auf  eines  je- 
den Menfehen  Erfahrung,  ob  wir  von  diefen 
Subftanzen  einen  andern  klaren  Begriff  haben, 
als  dafs  die  Objecte  gewifler  einfachen  Vorfiel" 
jungen  zugleich  mit  einander  exiftiren.  Die 
Verbindung  der  beftändigen  an  dem  Eifen  und 
dem  Diamant  wahrnehmbaren  Eigenfchaften 
macht  den  wahren  zufammengefezten  Begriff 
von  diefen  Subftanzen  aus,  welche  ein  Schmid 
und  Juwelirer  beffer  kennt,  als  ein  Philcfoph, 
H  4  fo 


l2o  Zweite«  Bück, 

fo  viel  auch  der  letzte  von  inbftanziellen  For- 
men [Yh.\  •  rzt.      Dab^i  ift  ahrr  noch  zu  bemei' 
ker> ,  dafs  auffpr  dem  Inbegriff  von  allen  dielen 
einfachen     \  (»rfteliunge«  ,     noch    ein    dunkler 
Be  griff  von  eifern   Etwas,   'Vulchem    je- 
ne angehören     und   worin   f  i  e    ihr  Da- 
feyn  h  a  b  n  n,    in  (Jen   ztifarnmengeretzten  Be- 
|;riffpu    von    S'ibftanzen   enthalten   ift.      Wenn 
man  daher  von  einer  Art  von  Subftanz   fpricht,* 
fo  Tagt  man  allezeit,  fie  fey  ein  Ding  mit  die- 
len oder  jenen  Eigenfchaften ;   z.  B.  eiu  Körper 
ift  ein  Ding,  welches  Ausdehnung,  Geftaltund 
Beweglichkeit  befitzt;  ein   Geift  ift  lein  Ding, 
welches  da«  Vermögen  zu  denken  hat.     So  fa j^> 
man:  die  Härte,  die  Zerreiblicnkeit,    und  dis 
Vermögen  das  Eilen  anzuziehen  find  die  Eigen- 
fchaften ,    welche  an  einem  Magnet  gefunden 
werden,      Diefe    und    ähnliche  Ausdrücke   be* 
weifen ,    dafs  die  Subftanz  allezeit  als  ein  vou 
der   Ausdehnung,    der   Qeftalt,   der  Dichtheit, 
Bewegung,    dem    Denken    und   andern  Eigen- 
fchaften  verfchiedenes    Etwas    gedacht   wir<*. 
ob  wir  gleich  nicht  willen  ,  was  es  ift. 

Von    der    Subftanz    überhaupt    hat 
man  keinen  deutlichen  Begriff. 

In  jedem   Begriff   einer  körperlichen    Sub- 
ftanz, x,  B,  Pferd,  Stein,  denken  wir  uns  blcs 

die 


Drei  und  zwanzigstes  Kapitel,  121 

die  Verbindung  von  verlchiedenen  einfachen 
Begriffen  der  Sinnlichen  Eigenfchaften,  welche 
wir  gewöhnlich  an  dielen  Dingen  vereiniget 
finden.  Allein  weil  wir  nicht  begreifen  kön- 
üen,  wie  diefe  Eigenfchaften  für  fich  abjjefon- 
dem  oder  eine  in  der  andern  exiitiren  können, 
fo  nehme»,  wir  an,  dafs  de  in  einem  gemein» 
fchaftiichen  Subjecte  exiftirea  und  gegründet 
find,  Diefes  Gegr  undetfey  n  drücken  wir 
durch  das  Wort  S  u  b  ft  3  n  z  aus.  Dafs  wir  da- 
%ron  und  vOn  dem  als  Subftrat  vorau>gefez- 
ten  Dinge  keinen  klaren  deutlichen  Begriff 
haben,  ift  einleuchtend, 

S>     5. 

Eben  fo  ift  es  mit  den  Wirkungen  dei 
Seele,  z.  B.  dem  Denken,  Schhöfsen.  Da 
ps  für  uns  ungedenkbar  und  unbegreiflich  ift, 
dafs  Ge  für  Geh  felbft  beftehen  ,  und  wie  fie 
dem  Körper  angehören  oder  durch  denfelben 
hervorgebracht  werden  können,  fo  denken 
wir  fie  uns  als  Handlungen  einer  andern  Suh- 
ftanz,  die  wir  Geift  nennen  Hieraus  erhel- 
let, dafs  der  Begriff  von  de'r  Sibftanr 
des  Geiftes  fo  klar  ift,  als  der  von 
der  Subßanz  eines  Körpers.  Denn 
unter  diefero  (teilen  wir  uns  ein  Etwas,  in 
Welchem  die  Eigenfchaften  ,  welche  unfre 
Sinnsn  afficiren,  unter  jenem  aber  ein  Etwas 
H  S  vor. 


121  Zvreit«»  Buch. 

vor,  in  welchem  das  Denken,  das  Erkennen, 
Zweitein  u.  f.  v.\  gegründet  ift;  das  eine  den« 
ken  wir  uns  als  das  Sibftrat  der  einfachen 
Vorftellungen  ,  welche  wir  von  auffen  erhalten, 
,  das  andre  als  das  Subftrat  der  Thätigkriten,  - 
welcbe  wir  in  unierm  Innern  wahrnehineu, 
ohne  von  dem  einen  oder  dem  andern  eine 
beftimmte  Erkenntnifs  zu  haben.  Es  ift  alfo 
klir,  dafs  der  Begriff  von  einer  körperlichen 
pdar  materiellen  Subftanz  eben  fo  weit  von 
unfrer  Erkennt nil's  und  Einficht  entfernt  ift, 
als  der  von  einer  geiftigen  Subftanz  oder  einein 
Gf  ifte.  Deswegen  darf  man  aber  eben  fo  we- 
nig von  dem  Mangel  einea  befiimmten  Begriffs 
von  der  Subfuni  eines  Geiftes  ,  auf  das  INicht;- 
dafeyn  deffsiben  fchliefsen,  als  man  aus  die- 
fem  Grunde  die  Exifteuz  der  Körper  leugnen, 
darf.  Das  eine  wäre  fo  wenig  vernünftig  als 
das  andre» 

*.     6. 

Von  den  Arten  der  Subftanzen« 

Von  welcher  Art  daher  auch  das  verborgene 
Wefen  der  Subftanz  überhaupt  feyn  mag,  fa 
i'nd  doch  alle  unfre  Begriffe  von  einzel- 
nen befoHdemSubftanzeu  nur  verfchie- 
dene     Verbindungen    einfacher    Vorftellungen, 

i  n  Objet'e  in  dem  ,  obgleich  nicht  erkann- 
ten Grunde  ihrer  Vereinigung  und  der  Subfi- 

ften* 


Drei  und  zwanzigßes  Kapitel.  153 

ftenz  de$  Ganzen,  xufammen  exifüren.  Durch 
folche  Verbindungen  der  Begriffs  allein  ftellen 
wir  uns  befondre  Arten  von  Subftanzen 
vor.  Von  der  Art  find  die  Begriffe  von  Menfch, 
Pferd,  Sonne  u,  f.  w.  Jeder,  der  diefe  Worte 
jn  einer  ihm  verftändlichen  Sprache  höret,  ver- 
knüpft damit  in  feinem  Verftande  diejenigen  ein- 
fachen Vorfteilungen,  von  welchen  er  glaubt  dafs 
fie  nach  Erfahrung  oder  Einbildung  zuTammen 
exiftieren,  und  in  dem  unbekannten  gemein- 
fchaftlichen  Subject,  weiches  keinem  andern 
Dinge  angehöret,  gegründet  und  enthalten  find. 
Was  itt  z.  B.  der  Begriff  der  Sonne  anders,  als 
die  Vereinigimg  verfchitdener  einfacher  Begrif- 
fe, des  Lichts,  der  Hitze,  der  runden  Geftalt 
der  beßändigen  regelmäffigen  Bewegung,  einet 
gewiffen  Entfernung  von  uns  und  vielleicht 
noch  anderer  Merkmale,  je  nachdem  derjenige, 
der  über  die  Sonne  denkt  oder  fpricht,  mehr 
oder  weniger  forgfaltig  in  Beobachtung  der 
Merkmale  war,  welche  an  dem  Dinge,  was  es 
Sonne  nennt s  angetroffen  werden. 

§•     7. 
Vermögen    und    Kräfte    machen    ei- 
nen grofsen   Theil   unfr'er   zufam. 
mengefetzten    Begriffe   von   Sub- 
ftanzen   aus. 

Derjenige  hat    den  vollkommenften  Begriff 
von  einer  einzelnen  Art  der  Subftanzen,   de* 

die 


13*  Zweite»    Bück.' 

die  meifl^n  in  ihr  enthaltenen  einfachen  Vcrftel- 
l.,-i>fn  gebmmlet  und  vprknüpfi  hat.  Uanmter; 
müfleti  und  können  auch  der  Kü'ze  wegen  Infi 
lieh,  die  thätigen  und  leidenden  Ver- 
m  ö  »  r  ri  gerechnet  werden,  ob  fie  gleich  ei- 
gentlich keine  einfachen  Vorftf  Illingen  find  Sa 
ift  das  Vermögen  das  Ei  en  anzuziehen  ein  Be- 
ftandtheil  des  zufammengefeUten  Begriff-  de» 
Magnets,  und  das  Vermögen  vom  Magnet  ange- 
zogen zu  werden,  ein  Merkmal  des  EilVns .  in- 
dt-rn  diefe  vermögen  füt  innere  fÜgenTchaften 
diefer  Objecte  gelten,  Dpnn  jede  Subftanz, 
kann  durch  die  Kräfte,  die  wir  an  ihr  beobach- 
ten, fowohl  gewifle  wahnehnbare  EigenTchaf. 
ten  in  andern  Dingen  verändern  ,  ale  dadurch 
unmittelbar  gcwilfe  einfache  Vorftellungen  in 
ans  erzeugen,  und  offenbaret  durch  jenes  gewifle 
Klüfte,  welche  eben  fo  regelmäßig  unfre  Sinne 
mittelbar  afficieren ,  als  es  ihre  wahrnehmbaren 
Eigenschaften  unmittelbar  thun.  So  empfinden 
wir  z.  ß.  an  dem  Feuer  unmittelbar  durch  die 
Sfnne  feine  Hitze  undFarbe,  welche  im  eigent- 
lichen Sinne  nichts  anders  als  Vermögen  des 
Feuers  find,  diefe  Vorftellurgen  zu  erzeugen- 
Die  Wahrnehmung  der  Farbe  und  derZerbfech- 
lichkeit  der  Holzkohle  leitet  uns  auf  die  Er- 
kenntnifs  eines  andern  Vermögens  des  Feuers. 
nemlich  die  Farbe  und  die  Fettigkeit  des  Hol 
aes  zu  verändern.  Durch  das  erftere  entdeckt 
uns  das  Feuer  unmittelbar  durch  das  leztere  mit- 
tel 


Drei  und  zwanzigltes  Kapitel.  125 

telb^r  diefe  \erfthiedenen  Kräfte,  die  wir  da. 
ber  -ls  zum  Inbegriff  der  Eigen  fxhaften  d^iTel- 
b*ui  gehörig  betra(  iiten  und  in  den  zufnrunen- 
ee  eilten  Begriff  aufnehmen.  Denn  alle  für 
uns  erkennbare  Vermögen  b^iiefae'n  ficii  z  ib>rzt 
Hur  allein  auf  föiche  Veränderen:  wahrnehm- 
barer. Bcfchaffe  Weiten  in  denObjecen,  \Vor:mf 
fie  wirken,  wodurch  diefe  neue  V»rfteUungeri 
in  ua>  veranlafst  werden.  A'is  diefem  Grunde 
rechne  ich  diefe  \  erwogen  unter  die  einfachen 
Vorftellungea ,  weiche  ien  Inhalt  der  zufam- 
roengefe  zien  Begriffe  von  S  ib!~taiizen  aufma- 
chen, ob  fie  gleich  au  (Ich  bunchre  w  rklich 
zufammenge  erzte  Begriffe  find  ,  und  bitt*  die 
Le  et,  es  in  wiefern  weitern  Sinne  zu  vrrfti-hen, 
wenn  die  Vermögen  hier  unter  dan  einfachen 
Vorftellungen  v.irkommen.  Denn  ihre  Betrach- 
tung ift  zum  deutlichen  Begriff  von  den  trer- 
Fchiedenen  Arten  der  Subftanzea  nothwendig* 

i.  g. 

Und  darüber  darf  man  Geh  nicht  Wundern» 
weil  die  abge'elteten  Ei^en fehlten  der  Subffan- 
zen  vorzüglich  dazu  dienen,  um  he  von  ein- 
ander zu  unterfcheiden,  und  daher  xneiftentheils 
einen  beträchtlichen  Beffandtheil  dieier  zulam- 
»eugefetzten  Begriffe  ausmachen.  Denn  da 
wir  uns  oftvonden  Sinnes  verladen  fehen ,  um 
die  G>öfse,  die  Verbindungsart  und  die  Geftalt 
der  kleinen  ßeftandtheile  der  Körper  zu  entde- 
cken, 


Il6  Zweite»  Bück. 

cken ,  von  welchen  ihre  reale  Einrichtung  und 
ihr  Unterrcbied  abhangt,  fo  lind  wir  g^nöthi- 
gef,  ihre  abgeleiteten  Eigenfchaften  als  characte- 
rilbfche  Merkmale  zu  brauchen,  um  Begriffe 
von  ihnen  tu  bilden,  und  fie  unter  einander 
xu  unterfebeiden.  Alle  abgeleitete  Eigenfchaf- 
ten  Gnd  aber  nichts  anders,  als  blofse  Vermö- 
gen. *)  Die  Farbe  und  der  Gefchmack  fowohl» 
aK  die  Schlaf  erweckende  und  Schmerz  ftillen- 
de  Kraft  das  Opiums  find  Vermögen,  welche 
in  den  urfprünglicheD  Eigenfchaften  deffelben 
gegründet  find,  und  wodurch  es  auf  verfchie- 
d«ne  Att  auf  verlchiedene  Theile  des  meufch- 
lichen  Körpers  wirken  kann. 

§•    9. 

Die  zufammengefetzten  Begriffe  von  körper- 
lichen Subftanzen  beftehen  aus  drei  Arten  von 
Begriffen.  Er  ft  lieh  gehören  dahin  die  Be- 
griffe von  den  urfpriinglichen  Eigenfchaften  der 
Dinge:  Zweitens  die  abgeleiteten  Eigen- 
fchaften (II  Buch.  8  Kap.  §.25.)  Drittens 
die  Fäbigkeit  eiuer  Subfianz,  folche  Modifica- 
tiouen  in  tlen  ursprünglichen  Eigenfchaften  her- 
vorzubringen oder  anzunehmen,  dafs  fie  da- 
durch, andere  Vorftellungen  in  uns  erzeugen, 
oder  die  fo  genannten  thütigen  und  leidenden 
Vermögen ,  welche  lieh,  in  fo  weit  wir  fie  ken- 
ne u> 

•)  II  B.  8  K.  $,  23. 


Drei  und   zwanzigft.es  Kapitel.  1:7 

nen ,  auf  die  förmlichen  einf  chen  Vorstellungen 
zurückführeü  tafTen.  Denn  was  für  Kräfte 
auch  ein  Magnet  befäfse  die  feinften  Beftand- 
thcile  des  Ei'ens  zu  verändern,  fo  würden  wir 
doch  nicht  da*  geringfte  davou  willen,  wenn 
fie  uns  nicht  die  w?.hinebmbare  ßc-wpgung  des 
ETifeus  entdeckte.  Und  ohne  Zweifel  giebt  es 
unzähliche  Veränderungen ,  welche  die  bekann- 
testen Körper  in  einander  hervorbringen  kön- 
nen, deren  Vermögen  wir  aber  nicht  einmal  ahn- 
den ,  weil  fie  fich  durch  keine  Wirkungen  in 
der  Sinnenwelt  äufsern, 

§.     io. 

Die  Vermögen  machen  dsher  mit  Recht 
einen  grofsen  Theil  unfrer  zufammerjgefetz- 
ten    Begriffe  von  S  üb  fta  nzen  aus.     Wenn 

s 

man  den  Begriff  vom  Golde  zergliedert,  fo 
wird  man  finden,  lUfs  verfchiedene  Tbeiivor- 
iteüungen  nur  Vermögen  Gnd,  z.  ß.  das  Vermö- 
gen im  KöuigbWafler  aufgelöfst  und  im  Feuer 
ge'chmolzen  zu  werden,  ohne  zu  verfliegen, 
Diele  Merkmale  find  zum  Begriff  des  Goldes  fo 
unentbehrlich,  als  feine  Farbe  und  fein  Ge- 
wicht, welche  nach  richtigen  Begriffen  auch 
nichts  anders  als  vprfchiedene  Vermögen  find. 
Denn  eigentlich  ift  die  gelbe  Farbe  nicht  wirk- 
lieh  im  Golde,  fondern  nur  das  \  ertröien  die- 
fe  Vorfiellunt  durch  Afficirung  der  Augen  bei 
«forderlichem   Lichte  hervorzubringen-      Die 

Hitze, 


128  ZvrWtej  Buch. 

Hitze.  welche  vom  Betriff  der  Sonne  unzer- 
trennlich ift  ,  ift  eben  fo  wenig  etwas  reales  in 
der  Sonne,  als  die  weiffe  Farbe,  welche  Go 
dem  WachTe  mittheilt.  Beide«,  lind  nur  Ver- 
mögen durch  die  Bewegung  und  .Geftalt  der 
nicht  anschaulichen  Theile  auf  den  Menfchen 
und  auf  das  Wachs  zu  wirken,  und  in  dein  rr- 
Aen  Falle  die  Empfindung  der  Hitze  in  dem  an- 
dern die  \  orfteilung  von  der  weilten  Farbe  her- 
vorzubringen. 

§.      II. 

Die  abgeleiteten  Eigen  fc  haften, 
welche  wir  j  e  t  /.  t  in  den  Körpern 
\v  a  b  X  n  e  h  m  e  n  ,  würden  v  e  rf  c  h  w  i  n» 
den,  wenn  wir  die  urfprüng'I- 
eben  Eigen  fc  haften  der  klein  ften 
Beftandtheile  entdecken  könn- 
ten. 

V\  ären  unfre  Sinne  ieir?  genug,  die  klein- 
ften  Beftandtheile  der  horper  zu  unterfcheiden, 
und  die  wahre  innere  Einrichtung  zu  entdecken, 
von  welcher  ihre  finnliehen  Eigenschaften  ab- 
hängen ,  fo  würden  die  Körper  ohne  Zweifel 
ganz,  audre  Vorstellungen  in  uns  erzeugen.  Die 
gelbe  Farbe  des  Goldes  würde  dann  verfchwin* 
den.  und  an  deren  Qatt  ein  bewundernswürdi- 
ge* Gewebe  der  Theile  von  gewiffer  Gi 
und  Geiialt  unfern  &ugen  Heb  darftellen.     J>3- 

v  o  n 


Drei  und  zvranzi^ßes  Kapitel.  up 

Tun  überzeugen  uns  die  Microfcope  offenbar. 
Denn  was  fich  unTern  blofsen  Ao^en  unter  ei- 
tler gewiflen  Farbe  zeigt,  erfebeint  den  bewaff- 
neten ah  ein  ganz  andres  Ding,  und  indem 
diefe  Vergröfserungsgläfeir  gleichfam  difGröfsen- 
rerhältnifse  der  kleinen  Beftandtheile  iu  gefärbt 
erTcheinenden  Objecten  veräudern ,  fo  gehen 
auch  ganz  andre  Vorstellungen  hervor.  So  ift 
der  Saud  und  gefchmolzenesGlas,  durch  ein  Mi- 
CtO'Cop  gefehen ,  durchfichlig ,  da  fie  den  biof- 
fen Augen  &U  weifs  und  undurchficbiig  erfchei- 
rien  ",  und  das  Ha^r  verliert  feine  vorige  Gefldt; 
es  i 1 1  gröf  tentheils  durchGchtig  und  mit  hell- 
funkelnden  Farben  von  der  Art  vermifcht«  als 
Diarnante  und  andere  durchsichtige  Körper  zu- 
rückwerfen. Das  Blut  erfcheint  dem  biofsea 
Auge  völlig  roth;  aber  durch  ein  gutes  Micro- 
fcop,  welches  feine  kleinem  Theile  darfteilt, 
erblicken  wir  nur  einige  rothe  Kügelchen, 
Welche  auf  einer  durchüchtigen  'Flüfügkeit 
fchwimmen.  Und  wer  weifs ,  wie  diefe  Kügel- 
chen erfcheinen  würden ,  wenn  man  Glnfer 
hätte,  welche  looooder  icooo  mal  mehr  ver* 
gröfserten? 

§•      12. 

Der     unendlich     weife      Schöpfer      der 
Menfchen    und   aller    Dinge     hat    unfre     Sin- 
ne ,      Werkzeuge    und    Vermögen    der    Seele 
den   BedürfnilTen   und    Befch'äftigungen  diele« 
Lock«'*.  II.  TUil.  -  I  Li- 


130  Zweites    Buch, 

Li  br i  $  angepvst.  Wir  find  durch  unfre  Sinne 
in  den  Stand  gefetzt,  die  Dinge  zu  erkennen» 
zu  unterfcheiden,  und  fi»  in  fo  weit  zu  erf<>r~ 
fchen ,  als  es  ihre  Benutzung  zu  unfern  Zwe- 
cken und  zur  Befriedigung  der  ßedürfnifse  die- 
fr*  I  ebens  erfodert.  Unfre  Einficht  in  ihre 
wunderbare  Einrichtung  und  Wirkungen  ift  aus- 
gebreitet genüg,  um  die  Weisheit,  Allmacht 
und  Gute  ihres  Urhebers  zu  bewundern.  Es 
fehlt  uns  nicht  an  Mitteln  zu  diefer.  unfrem  ge- 
gen wältigen  Zufiand  au*emeflenen  Erkenntnifs. 
Aber  es  war,  wie  es  fcheint,  nicht  Gottes  Ab- 
heilt, uns  eine  vollkominnedeutJiche  und  voll- 
ftändige  Erkenntnifs  davon  zu  geben,  und  De 
lag  vielleicht  ganz  aufser  dem  Faffungskreife 
eines  endlichen  Wrefen«,  Wären  unfre  Sinne 
anders  eingerichtet,  fchärfer  und  lebhafter,  fo 
würde  die  Auflenfeite  der  Dinge  uns  unter  ei- 
ner ganz  ardern  Geftdlt  erfcheinen  ,  aber  auch, 
wie  ich  glaube  mit  unferm  Dafeyn  oder  zum 
wenigsten  mit  unferm  Wohlfeyn  auf  diefem  für 
unfern  Aufenthalt  hefiimmten  Theil  der  Welt 
nicht  znfammenftimmen.  Wer  erwäget,  dafs 
nnfie  Organifation  nicht  leicht  eine  Verfetzung 
in  eine  etwas  höhere  Lufiregion  verträgt,  als 
die  ift  ,  in  der  wir  gewöhnlich  a'hinen,  wird 
fchon  darin  einen  überze ugenden  Grund  finden, 
dals  der  weifsefte  Urheber  der  Natur,  die  zur 
Wohnung  der  MenJchen  beftimmte  Erdkugel 
für  unfre  Organe  zweckmäßig  eingerichtet  und 

fo- 


Drei  und   zwatizigftes  Kapitel.  iji 

fowöhl  die  Organo,  als  die  Körper,  die  jene  af- 
ftcieren ,  zu  einander  angepaßt  hat.  Was  für 
unaufhörliches  Geräufch  würde  uns  zerftreuen, 
wenn  rinfer  OehörGnn  taiifer.dir.ai  feiner  wäie? 
In  der  ruhigften  Eiufamkpif  würde  man  weniger 
fcklafen  und  nachdenken  können,  als  in  der 
Miste  eines  Seegefechts.  Ja  wenn  das  Geficht, 
der  fruchtbar  Ire  Sinn,  lCCOoder  loooomal  fcBär- 
fer  wäre,  als  er  es  jetzt  durch  das  hefte  Ver- 
gröfserungsglas  ifi,  fo  würden  Objecte,  die  meh- 
rere Millonenmai  kleiner  find,  al>  das  fei u  ficht- 
bare kleinfteObject,  für  das  blöke  Aug  aolt  neu- 
lich feyn ,  und  man  würde  in  eben  dem  Ver- 
hältnifs  der  Entdeckung  des  Zufrinmenbangs 
und  der  Bewegung  der  kleinften  Reftandtb«  ile 
^er  Körper  näher  kommen,  ja  wohl  gar  die  in- 
nere Einrichtung  Vfth  einig  n  erkennen.  Al- 
lein ein  folcher  Menfch  würde  in  einer  ganz 
andern  Welt  fryn  und  jedes  Object  ihm  ganz 
anders  erfcheinen ,  als  den  übrigen  Men- 
fchen»  Und  ich  zweifle,  ob  er  bei  der  gänzli- 
chen Verfchiedenheit  der  fcrfcheinutvgen  mit 
andern  über  achtbare  Gegenwände  fprechenoder 
fich  über  die  Farben  unterhalten  könnte.  Und 
vielleicht  könnte  ein  fo  feines  und  fcharfes  Ge- 
ficht den  hellen  Sonneofchein,  ja  nicht  einmal 
das  helle  Tageslicht  aushalten,  und  dabei  doch 
nur  einen  fehr  kleinen  Theil  eines  Objects  auf 
einmal  und  zwar  nur  in  der  Nähe  auffafsen» 
Wenn  ein  Menfch  vermöge  folcher  mikrofr.opi- 
I.  2  fchen 


13*  ZweitM  Buch. 

fchen   Augen   (wenn   ich    fie    fo  nennen  darf) 
mehr  als  gewöhnlich  in  den  urfprünglichen  und 
verborgenen  Bau  d«r  Körper  eindringen  könn- 
te, Fo  würde  er  doch  nicht  viel  dabei  gewinnen 
wofern  nicht  fein  fcharfes  Geficht  fein  Führer 
auf  dem   Markt  und   auf  der  ßörfe  feyn,    und 
wenn  er  nicht,  wie  andre  Menfchen.  durch  die- 
Telben  finnlichen  Eigenfchaften  diejenigen  Din- 
ge, welche  er  fliehen  oder  mit  denen  er  üch 
befchäftigen  foll,  in  der  gehörigen  Entfernung 
unterfcheiden    könnte«       Wenn    einer    ein   fo 
fcharfes  Geficht  hätte ,  dafs  er  die  Bildung  der 
klein  ften  Theil«  einer  Feder  in  der  Uhr  fehen, 
und  beobachten  könnte,  von  welchem  Bau  und 
Triebwerk  .hie  elaftifche  Bewegung  abhieuge, 
der  würde  unßreitig  manches  Wunderbare  ent- 
decken; allein  das  alles  würde  keine  Wohlthat 
für  ihn  feyn,  wenn  er  nicht  zugleich  den  Zei- 
ger und  die  Ziffern  auf  der  Platte  überfeinen, 
und  dadurch  in  der   Ferne  erkennen  könnte, 
um  welche  Uhr  es  ifi;    wenn  über  der  Entde- 
kung  der  verborgenen  Einrichtung  diefer  Ma- 
fcbine  und  ihrer  Theile  die  Anwendung  det- 
felben  zu  feinem  Nutzen  unmöglich  würde» 

$.     i?» 

Man  erlaube  mir  hier  eine  kleine  Abfchwei- 
fung  xu  machen  ,  und  eine  Vermuthung  mit- 
z>  the-len.  W^nn  man  Erzählungen  lolcher 
Dinge,  von  welchen  dieThilofophie  keine  Wif- 

fen- 


Brei   und  zwanxigftei  Kapitel»  iS5 

fenfchaft  hat,  Glauben  beimeffen  darf,    fo  hat 
roan  einigen  Grund  anzunehmen  .  dafs  die  Gei- 
fter  Körper  von  'verTchiedener  Gröfse ,   Geftalt 
und  Bildung  annehmen  können.     Es  fragt  fich 
alfo,  ob  nicht  der  grofse  Vorzug,    den   einig« 
vor  uns  haben,  darin  beliebt .  dafs  fie  die  Or. 
gane  der  Sinnlichkeit  und  des  VorfteUens,    fo 
bilden  und  modificiren  können,  als  ihr  jedesma- 
liger Zvreck  und    die  Beschaffenheit    des  Ob- 
jeots,  das  fie  betrachten  wollen,  erfodert?  Denn 
wie  fehr  würde  nicht  derjenige  Menfch  alle  an- 
dere in  der  Erkenn trifs  übertreffen,  der  nur  das 
Vermögen  befäfse,  den  Bau  eines  einzigen  Sin- 
nes ,z  B. der  Augen,  fozu  modiSciren,  dafs  er  aller 
Grade  des  Sehens  empfänglich  würde,  die  uns 
die  zufällige  Erfindung   künftlicher   Augenglä- 
fer  bekannt  gemacht    hat?    Was    für  Wunder 
würde  er  entdecken ,  wenn  er  ff  in  Gefichtsor- 
gan  allen  Alten  von  Gbjecten  anpafl&a  kör.nte, 
dafs  er   z.   B.   die  Geftalt    und  Bewegung  der 
kleinften  Theile  des  Blutes  und  andrer  thieri- 
fcher  Säfte  fo  deutlich  betrachten  könnte,  als 
er  zu  einer  andern  Zeit  die  äufsere  Bildung  und 
Bewegung  der  Thiere  wahrnimmt,      Aber  für 
uns  in  unfrer  jetzigen   Lage  würden  unverän- 
derliche Organe  von  der  Befchaffenheit ,   dafe 
fie    die   Geftalt  und  Bewegung   der   kleinften 
Theile  der  Körper,  von  welchen  die  wahrnehm- 
baren Gnnlicben  Eigenfcbaften  abhängen,  viel- 
leicht von  keinem  Kutzen  feyn.     Gott  hat  fie 
1  3  ohne 


13+  Zweites  Buch. 

ohne  Zweifel  fo  eingerichtet,  wie  fic  für  um 
in  unferm  g^g.  nw.irtigen  Zultand,  .im  heften  lind* 
Er  h-st  uns  für  die  uns  KU  nach  fi  umnebenden; 
Körper,  mit  denen  wir  zu  thun  haben,  zweck- 
maHii  ausgelüftet:  unri  können  wir  gleich  durch 
untre  Seelenkr&fte  keine  vollkotumne  Erkennt- 
nis der  Dinge  erlangen,  fo  find  fie  doch  für 
die  ohen  erwähnten  Zwecke,  die  uns  am  rnei- 
ften  intcrefliren,  zureichend.  Man  verzeihe 
mir  diefe  feltfame  Vorflellung  von  der  Erkennt- 
nifsart  der  über  uns  erhabnen  Wefen;  fo  aus- 
fchweifeud  fie  aber  auch  vielleicht  fcheint,  fo 
zweifle  ich  doch,  ob  wir  davon  auf  eine  an* 
dere  Art  als  nach  der  Analogie  unfrer  Erkennt- 
nifsart  etwas  verrauthen  können.  Ungeachtet 
es  unläugbar  ift,  dafs  die  unendliche  Weisheit 
und  Allmacht  Gottes  Wefen  mit  taufend  andern 
Vorftehungivermögen  und  Erkenntnifswegen  , 
als  die  unfrigen  find,  erfchaflen  konnte,  fo  find 
doch  unfre  Gedanken  in  dem  Kreife  unfrer  Fä- 
higkeiten eingefchränkt,  und  wir  können  felbft 
bei  unfern  M  ihmafsnngen  nicht  über  die  Vor- 
ftellungen  hinaus  gehen,  welche  wir  durch  un- 
fere  eigne  Sinne  und  Reflexion  erhalten.  Zum 
Wenigsten  darf  uns  die  Hypothefe,  dafs  die 
Engel  zuweilen  Körper  annehmen,  nicht  be- 
fremden, d*  d^e  alteften  und  gelehrteften  Kir- 
cheiva'er,  wie  ee  fcheint,  annehmen,  dafs  fie 
Körper  haben.     Üo  viel  iß  gewifs,  dafs  ihr  Zu- 

ftand 


Drei  und  zwanzigstes  Kapitel.  135 

fbnd  und  ihre  Erkenntnifsart  kein  Gegenftand 
unfrer  Erkenntuifs  ifr, 

I*     14. 

Zu  fam  in  engefetzte     Begriffe     von 

Subftanzen, 

Doch  wir  kehren  zu  uoferm  G^genftande 
zurück,  nehmlich  zu  unfern  Begriffen  von  den 
Subftanzen  und  der  Art  und  Weife,  wie  wir 
fie  erlangen.  Ich  behaupte  alTo,  dafs  unfre 
Art  begriffe  vo  1  Subftanzen  nichts  an- 
ders find,  als  Verbindungen  einer  ge- 
wiffen  Anzahl  von  einfachen  Vor- 
Heilungen,  deren  Objecteals  in  einem 
Dinge  vereiniget  betrachtet  werden. 
Qb  nun  diefe  Begriffe  und  ihre  Benennungen 
gleich  gewöhnlich  für  einfache  gelten,  fo  find 
He  doch  in  der  That  zufarnrnengefetzt.  So  ent- 
hält der  Begriff,  welchen  das  Wort  Schwan 
andeutet,  folgende  Vorftellungen :  weifse  Far- 
be, ein  langer  Hals,  TOther  Schnahel,  fchwar» 
ze  Schenkel,  ungetrennte  Füfse,  eine  beflimra» 
te  Gröfse  aller  diefer  Theile ,  die  Fähigkeit 
in  dem  Wafler  zu  fchwimmen  ,  und  einen  ge- 
wiffen  Laut  hervorzubringen;  und  vielleicht 
noch  mehrerer  eigen  hümlinhe  Merkmale,  wel- 
che ein  Mann  durch  vieljährige  B  obachtung 
entdecken  kann.  Alle  diefe  Meiknale,  wel- 
che üch  auf  finnliche  einfache  Voilteliungen 
I  4  zu. 


156  Zweite»   Buch. 

zurückführen   laden,    find    in    einem    gemein* 
fchaftlichen  Subjecte  vereiniget, 

$.     «5. 
Per  Begriff  von  g  e  i  ft  i  g  e  n    S  u  b  ft  a  n- 
zen  i l\    Tu    klar,    als    der  von  kör- 
perlichen Subftanzen. 

Ander  den  zufammengefetzten  Begriffen  von 
materiellen  Gnnlichen  Subftanzen ,  von  denen 
ich  bisher  geredet  habe,  können  wir  auch  aus 
den  einfachen  Begriffen  von  den  Wirkungen 
der  Seele,  welche  wir  täglich  in  uns  beobach- 
ten ,  als  dem  Deuken ,  Wollen ,  Erkennen, 
Handeln  und  welche  zufammen  in  einem  Subje  te 
exiftieren,  den  z  u  fa  m  m  en  g  e  fetzten  Be- 
griff von  einem  immateriellen  Geifte 
bilden-  Die  Verbindung  diefer  Vorftellun- 
gen  in  einen  Begriff  gewährt  uns  einen  fo 
klaren  Begriff  von  immateriellen  Subftan- 
zen als  von  materiellen.  Denn  wenn  wir  die 
Begriffe  vom  Denken  und  Wollen  ,  oder 
dem  Vermögen  ,  den  Körper  in  Bewegung  0  ler 
Ruhe  zu  fetzen  verknüpfen,  und  mit  der  Sub- 
ftanz  verbinden,  von  der  wir  keinen  deutli- 
chen Begriff  haben,  fo  erhalten  wir  den  Be- 
griff von  einen  immateriellen  Geifte,  und  die 
Verbindung  der  Begriffe  vom  Zufammenh-inge 
dichter  Thcile  und  dem  Vermögen  der  Beweg- 
lichkeit mit  der  Snbftanz,  von  dcr  wir  eben  fo 
wenig  einen  pofitiven  Begriff  haben  ,  giebt  den 
gegriff   von  einer  materiellen   Subftanz.     Der 

ein« 


Drei  und  zwanzigftes  Kapitel.  137 

•ine  Begriff  ift  fo  klar  und  deutlich,  als  der  an- 
dre,, und  fo  ift  es  auch  mit  den  Befhndth<?ilen 
beider.  Denn  in  beulen  Fallen  haben  wir  ei- 
nen gleich  dunkeln  oder  eigentlich  gar  keinen 
Begriff  von  der  Subftanzj  fie  iß  nur  ein  vor- 
ausgefetztes Etwas,  das  wir  nicht  kennen,  in 
welchem  die  Accidenzen  gegründet  Gnd.  — 
Nur  aus  MaDgel  an  Reflexion  kann  man  glau- 
ben, die  Sinne  Hellten  uns  nur  materielle  Din- 
ge dar.  Jede  Anfchauung  führt  uns  ,  wenn  fie 
gehörig  erwogen  wird,  eben  fo  khr  auf  geifti- 
ge  als  auf  körperliche  Weien.  Denn  indem  ich 
durch  das  Sehen  und  Hören  erkenne,  dafs  auf- 
fer  mir  ein  körperliches  Wefeo  der  Gegenftand 
diefer  VoTft«l!ung  ift,  fo  weifs  ich  mit  noch, 
mehr  Gewilsheit,  dafs  in  mir  ein  geiftiges  We- 
fen  ift,  welches  fiehet  und  hörot.  lcti  rauf« 
mich  notbwendig  davon  überzeugen  ,  da's  clie- 
fes  keine  Wirkung  der  blo!sen  empfindungslo- 
fen  Materie  ift.  und  dafs  es  ohne  ein  deukondet 
immaterielles  Welen  gar  nicht  feyn  würde. 

§.     16. 

Der  zufammengefetzte  Begriff  eines  Wefeni, 
dem  Ausdehnung  ,  Geftalt,  Farben  und  andre 
ßnnliche  Beschaffenheiten  zukommen,  welch  # 
alles  ift,  was  wir  von  der  körperlichen  Sub- 
ftanz  willen,  bringt  uns  dem  Begriff  Mer  Sub- 
ftanz  an  fich  fo  wenig  näher  ,  als  wean  wir 
1  5  gar 


>5S  Zvrciiea  Buch. 

gar  »u'chts  davon  wüfsten.  Und  vielleicht  wird 
es  hell  nach  einer  forg/cilrigern  Ur.terfuchung 
ausWeifeM  ,  daft  man  ungeachtet  aller  vemiein- 
ten  innigen:  'ehalt  mit  der  Materie  und 

ihren  Eigen  ii. -.haften  ,  do-h  nicht  mehrere 
noch  deutl  ich  er  e  Begriffe  von  den 
G  r  u  n  A  »■  i  g  en  i  c  h  a  f  te  n  der  Körper  als 
von  LieiiSii  eiusi  iuima  t  er  iellen  Geifte« 
hat. 

§•     17. 

Die  Hauptmerkmale,  welche  dem  Körpey 
im  Hegenfaize  mit  einem  Geifte  zukommen,  ifi; 
der  Ziifammenhang  der  dichten,  folg- 
lich t  r  e  n  n  b  a  reu  Theile  und  das  Vermö- 
gen, die  Bewegung  durch  den  Stofs 
mitzutheilen.  Diefes  find ,  wie  ich  glau- 
be, die  urfjn  üngh'cheu,  dem  Körper  eigenthüm- 
lichen  BegrifFe,  denn  die  Geftalt  ift  nur  eine 
Folge  der  bekreuzten  Ausdehnung. 


Die  eigenthümlichpn  Merkmale  de«  Regnffs 
«inps  Geiftes  find  das  Denken  und  Wol- 
len, oder  da?  Vermögen,  den  Kö;per  durch 
Vorftellungen  in. Bewegung  zu  fetzen,  und  die 
Freiheit  welche  eine  Folge  davon  ift.  Denn  fo 
wie  ein  Korn  r  eifern  andern  ruhenden  blols 
durch   den  ötofs  Bewegung    «-ittiieilen  kann, 

fo 


Drei  und  zvranzigßes  K^piteL  t%$ 

fo  kamdieSeeleKörper  in  Bewegung  oder  Ru- 
he durch  die  Wiiikühr  fetzen.  Die  Begriffe  von 
der  Exiftenz,  Dauer  und  Beweglichkeit  gehö' 
ren  fowohl  dein  Körper  als  dem  Geifte  an. 

§.     19. 

Ich  fehe  keinen  Grund,  warum  man  es 
befremdend  finden  folite,  dafs  ich  die  Beweg' 
lichkeit  auch  zu  einem  Merkmal  de?  Geiftes 
machte.  Denn  da  der  Begriff  der  Bewegung 
nichts  anders  als  die  Veränderung  des  Abltands 
von  andern  Dingen  enthalt  j  da  die  Geiftet 
fo  gut,  als  die  Körper,  nur  da  wirken  können, 
wo  fie  find,  und  es  ausgemacht  ift,  dafs  fie  zu 
verfchiedenen  Zeiten  in  verfchiedenen  Räumen. 
wirken,  fo  mufs  man  die  Veränderung  der 
RaumverhähniLfe  allen  endlichen  Geiftern  — • 
denn  von  dem  Unendlichen  ift  hier  die  Rede 
nicht  —  nothwendig  beilegen.  Meine  Seele 
ift  fo  gut  als  der  Körper,  ein  reales  Wefen,  und 
fie  kann  eben  fo,  wie  der  Körper  den  Abftancl 
von  andern  Dingen  verändern,  fie  ift  alfo 
einer  Bewegung  empfanglich.  Und  wenn  der 
Muthernatik-r  den  Abftand  zwifchea  zwei 
Puncten  und  die  Veränderung  deflelben  be- 
trachten kann,  fo  lätst  fich  gewi 's  auch  ein  Ab- 
ftand, und  deflen  Veränderung,  alfo  auch  Be- 
wegung, Annäherung  oder  .Entfernung  zwi- 
fslian  Geiftern  denken» 

§.   2«, 


If»  Zweites  Buch. 

§        20. 

Das  Bewufst(Vyn  fagt  jedem  MenTchen,  dafs 
fein«  Seele  denken ,  wollen  und  auf  feinen 
Körper  in  dem  Räume,  wo  er  ift,  wirken 
kann;  aber  nicht  fo  auf  einen  Körper  und  an 
einem  One,  der  hundert  Meilen  entfernt  ift. 
Kein  Menfch,  der  xu  London  ift,  hält  es  für 
möglich ,  dafs  feine  Seele  in  einem  Körper  tu 
Oxford  denken  oder  denfelben  bewegen  kann. 
Allein  wenn  jemand  eine  Reife  von  London 
nach  Oxford  macht,  fo  inufs  er  (ich  nothwen- 
djg  voifteilen5  dafs  feine  Seele  wegen  der 
Verbindung  mit  dem  Körper  während  derfel- 
ben  den  Ort  in  dem  Verhältnis  wechfelt,  als 
die  Kutfthe  oder  das  Pferd  fich  fortbe- 
wegt, und  map  kann  alfo  mit  Recht  lagen,  dafs 
üe  lieh  in  derselben  Zeit  bewegt.  Wem  die- 
fes  noch  keinen  deutlichen  Begriff  von  der 
Bewegung  der  Seele  giebt,  der  wird  ibn  doch 
ficuer  in  ihrer  Trennung  vom  Körper  nach 
dorn  Tode  finden.  Denn  diefe  Vorftellung, 
dafs  fie  den  Körper  verlaffe,  fcheint  mir  ohne 
den  Begriff  der  Bewegung  unmöglich  zu  feyn 

§      ff. 

Vielleicht  wird  mancher  faßen:  die  Seele 
kann  keinen  Ort  wechfeln ,  denn  die  Geifter 
fjnd  an  keinem  Orte,  fondern  nur  irgend  wo, 
Allein  ich  follte  meinen ,    eine  folche  Sprache 

könn- 


Di«i  und  iwanzigftes  Kapitel.  141 

könnte  in  einem  Zeitalter ,  das  nicht  fehr 
groeigt-ift.  folche  unverftändliche  Ausdrücke 
zu  bewundern,  oder  heb  durch,  dielelben  fäu- 
fchen  zu  bffen,  nicht  viel  Eingang  finden. 
Wenn  aber  jemaod  glaubt  ,  dars  in  diefem  LJn- 
terfchiede  fin  verftändiger  Sinn  liegt,  der  auf 
diefen  Gegenfbnd  Be*.'>hung  hat,  ho  mag  er 
ih'i  in  verständlichen  VVorten  ausdrücken  und 
(iaracu  durch  Schluß«  zeigen,  dafs  immaterielle 
G^ifter  keiner  Belegung  fähig  find.  Die  Be- 
wegung kann  freilich  Gott  nicht  bcTgelegt 
Wernen,  aber  nicht  weil  er  ein  immaterieller, 
fondern  weil  er  ein  unendlicher  Geift  ift. 

§.      22. 

Vergleichung  des  Begriffs  von  der 
Seele  und  von  dem   Körper. 

Jezt  wollen  wir  unfren  zurammengefetz'en 
BegTiff  von  einem  itnmattriellen  Ge  fte  und  ei- 
nem Körper  vergleichen  und  unterfuchen,  ob 
der  eineoder  der  andre  mehr  Dunkelheit  iufich 
enthält.  Wir  denken  uns  einen  Körper  als 
eine  ausgedehnte  dichte  Subftanz.  welche  das 
Vermögen  hat,  Bewsgung  durch  den  Stnfs  mit- 
xutheilen  \  und  die  Seele  als  einen  immate- 
riellen Geift,  als  eirje  Subftanz,  welche  denkt 
und  das  Vermögen  hat,  durch  den  Willen  o -er 
durch  Vorftellunoen  der>  Körper  in  Bewegung 
Zu  letzen.  Diele»  ilt ,  wie  ich  glaube,  der  In- 
halt 


14»  Zweites  Buch. 

halt  untrer  7.ufa;nmergefetz.tei.  Co  griffe  von 
Körper  und  Seele,  als  entgegengesetzter 
Wefen.  Welcher  ift  nun  der  dunklere  und  un- 
verftänJlichere?  Ich  weifs  woli! ,  dafs  Men- 
fche-n.  deren  Vorftellungen  zu  grob  finnlich  find, 
und  fich  beim  Henken  fo  wenig  von  den  Sin- 
nen lofsreifscn  können,  dafs  üe  feiten  über  ein 
übersinnliche-;  Wefen  rcHectiren ,  gerne  be- 
haupten möchten,  eio  denkendfs  Wefen  fey 
für  fie  unbegreiflich-  So  wahr  diefes  auch  ift, 
fo  werden  üe  doch  nach  reiflichem  Nachden- 
ken finden,  dafs  fie  ein  ausgedehntes  Dingeben 
fo  wenig  begreifen  können, 

§.     23. 

Wenn  einer  Tagt,  er  wiffe  nicht  was  das  fey, 
das  in  ihm  denkt,  fo  will  er  fo  viel  fagen  als: 
er  habe  keine  Erkenntnifs  von  der  Subftanz 
diefes  denkenden  Wefens ;  und  das  behaupte 
ich  auch  von  der  S.ibftanz  eines  dichten  Kör- 
pers, Noch  mehr,  wenn  er  fagt,  er  wiffe 
nicht  wie  er  denke,  fo  antworte  ich,  er  hat 
auch  keinen  Begriff  davon,  wie  fein  Körper 
ausgedehnt  ift,  wie  die  dichten  Theile  deflel- 
ben  vereiniget  find,  oder  zufammenhängen , 
dafs  fie  ein  ausgedehntes  Wefeu  bilden-  Wenn 
man  auch  den  Z  u  f a  m  men  h  a  n  g  der  ver- 
fcuiedenen  Materien  theile  aus  dem 
Druck  der  Lul'tlheile,  welche  kleinerfind 
und  gröfsere  Zwischenräume  haben,  als  jene,  er- 

kla- 


Drei  und  zwanzigftcs  Kapitel.  143, 

klären  wollte,  fo  kann  doch  die  ScflWewfctaft 
und  der  Druck  der  1  ufttheile  nicht  die  Ur  fache 
von  dem  Zufannnenhanga  der  Lut'nhe\.e  Iclbft 
feyn.  Und  follte  etwa  der  Druck  des  Aethers 
oder  einer  andern  feinen  Materie  die  Lufttheile 
und  andre  Körper  vereinigen  u:k!  zu'anunen- 
hahen,  fo  kann  in  ihm  doch  nicht  felbfi:  der 
Grund  von  dem  Zufammenhange  feiner  eignen 
Theile  liegen.  So  Gnnreich  slfb  auch  dief* 
Hypothefe  den  Zufammenhang  der  wahrnehm- 
baren Körper  durch  den  Druck  eines  feinen 
nicht  wahrnehmbaren  Körpers  erkläret,  fo  er- 
fireckt  fie  fich  doch  nicht  über  die  Theile  des 
Aethers  felhft;  und  je  überzeugender  fie  dar- 
thut,  dafs  der  Zufarnmeuhang  und  die  Verbin- 
dung der  Körper  keine  andere  Urf.iche  als  den 
äufsem  Druck  des  Aethers  haben  kann,  defto 
mehr  lüfst  Ge  uns  in  Anfehuug  deflelbeo  im 
Dunkeln.  Denn  die  ätherischen  Körper  kön- 
nen als  Körper  felhft  nicht  anders,  als  aus  Tnei- 
len  beftehend  gedacht  werden. 

§.   24,    . 

Der  Druck  eines  umgebenden  flüffigen 
Körpers  kann  aber  nicht  einmal  wirklich  als 
die  begreifliche  Urfache  von  dem  Z  u- 
l'aminenhang  der  feiten  Theile  der 
Ivl  a  ter  ie  gedacht  werden,  wenn  er  auch  hoch 
fo  grofs  wäre.  Denn  er  kann,  wir-  das  Experi- 
ment mit  zwei  gutten  Maruiorpiatten  bWeifsf, 

wohl 


144  Zweit«»  BiwL. 

Mobl  hindern,  dafs  zwei  glatte  Oberflächen  in 
'.hier  Linie,  aber  nicht  dafs  fie  in  einer 
Oberflächen  parallelen  Linie  von  einander 
.den  werden.  Die  umgebende  flüffige  Ma- 
ie bat  nehinlich  völlige  Freiheit  in  jeden 
.»•im  zu  treten,  wo  keine  B  wegung  von  der 

die  anzutreffen  ift,  und  widerftthet  daher  der 
Bewegung  diefer  fo  verbundenen  Körper  nicht 
m*-hr,  als  wenn  diefer  Körper  von  diefer  Flüf- 
ligkeit  auF  aller»  Seiten  umgeben  und  von  kei- 
nem andern  Körper  berührt  würde,  Und  wenn 
es  daher  keine  andre  Urfache  des  Zufammen- 
bangs  gäbe,  fo  müßten  alle  Theile  der  Körper 
durch  eine  nach  der  Seite  au  gleitende  Bewe- 
gung leicht  getrennt  werden  können.  Denn 
ift  der  Druck  des  Aethers  die  zureichende  Urfa- 
che  von  dem  Zufammenhang,  fo  mufs  dielet 
aufhören,  wo  jene  Urrache  nicht  wirken  kann, 
Diefes  findet  aber  ftatt,  wie  wir  vorher  gezeigt 
haben,  bei  einer 'horizontalen  Trennung,  da- 
her könnte  bei  jeder  denkbaren  ebenen  Fläche, 
welche  eine  Malle  von  Materie  durchlchneider, 
nicht  mehr  Zufammenhang  vorhanden  feyn  als 
bei  zwei  poiirten  Oberflächen ,  welche,  unge- 
achtet des  vorgegebenen  Drucks  einer  Flüffig- 
keit,  doch  leicht  von  einander  abgleiten.  So 
klar  daher  auch  der  Begriff  ift,  welchen  wir 
von  der  Ausdehnung  der  Körper  (welche  nichts 
anders  ift,  als  der  Zufaminenhang  drr  dichten 

Theile)  zu  haben  glauben,  fo  kann  man  doch 

nach 


Drei  und  «vanzigfies  Kapitels  14J 

■  ach   fchärFerer  ErWagiing   diefes    lieg  riß«,    mit 

Recht  den  Schrlufs  machen,  d;<Ts  iqm  eben 
fo  wenig  bpj?r<  ifpn  k  :nn  .  wic»fllei  SeeT«--  denkt 
als  wie  dt-  Körpe»  ausgedehnt  ift  Dnon  da 
ein  Körper  nicht  anders  als  durch  ^ip  Vetei  ii- 
gung  und  der  Zir.Mimpr.h  f»  feiner  dicrnen 
T  teile  au^gedehi:t  ift,  fo  i i t  die  An  d-hf.ii/ig 
für  uns  fo  lange  unbegreiflich,  als  wir  nicht 
erkennen,  worinn  die  Vereinigung  und  der 
Z'ufammenhang  <U-r  Thei^e  beuVhet.  Das  ift 
aber  wie  mir  feheint,  fo  unbegreiflich  als  die 
bcfiin  mte  Art  und  Weife,  wie  das  Denken 
gefchiehet, 

§.     23. 

Ich  weif«  wr>h!,  die  meiftenMenfchen  wun- 
dern ficb  gewöhnlich,  wi»  man  SiJnvieiigkei- 
ten  bei  einer  5^a  he  finden  könne,  welche  man 
taglich  vor  Augen  liehet.  Sei^n  wir  nicht, 
werden  Sie  fageu ,  dafs  die  7h:;le  rh-r  '  ör- 
per  feftzufamnie/ häng^r. ?  G  ■  l,r  e  0  ttwis 
b- ka.n  teres?  Und  'lüb.r  kann  man  lieh  .  o  ;h 
Z  •  eifel  erlauben?  Ehe«  da-  behaup  '  ich  ^uch 
in  Anfehung  de*  Dt  »>kens  u^d  der  w.  ,  [i  i- 
chen  Bewegung,  H^ben  wir,  e  ich  jeüen  Au. 
genbiiek  Erfahrung;  n  davon  in  ti-i«  feiÜßr  und 
kann  man  noch  darin  er  zweifelhaft  fey'n?  Bei- 
de Thatfachen  find  an  lieh  '  L»r,  das  ift  nicht 
zu  hugnen,  w^  □  man  he  aber  etwa»  näner 
Locke«.     II.  TheÜ.  K  be- 


146  Zweites  Bm.Ii. 

betrachten  und  unterfuchen  will,  wie  fie  ei- 
gertlich  wirklich  werden,  fo  ift  man  verlegen» 
und  nun  bpgreift  fo  wenig,  wie  die  Körper 
zufammrn'iängen  ,  als  wie  wir  denken  oder 
uns  willkührüch  bewegen.  Ich  fodere  jeden 
auf,  mir  zu  erklären,  wie  es  kommt,  dafs 
die  Theile  des  Golds  oder  Kupfers,  die  bei 
dem  Schmelzen  fo  w»nig  zufanimenhängen  als 
die  WafTertropfen  Oiier  die  Sandkörner  in  ei- 
nem Stundenglafe,  einige  Augenblicke  dar-t  E 
fo  feft  vereiniget  Gnd  ,  d-ifs  die  angeftreng'efte 
Kraft  eines  menfcblichen  Arms  fie  nicht  tren- 
nen kann.  Jeder  denkende  Kopf  mufs  gelie- 
hen ,  dafs  er  nicht  im  Stande  ift,  das  auf  eine 
für  ihn  und  andre  befriedigende  Weife  zu  er- 
klären. 

§.     26. 

Die  kleinen  Körperchen  ,  welche  das  flüf- 
fige  Wefen  des  Waflers  ausmachen,  find  fo 
klein,  dafs  ich  noch  nie  von  einem  Menfchen 
rühmen  hörte,  er  habe  ihre  Giöfso,  Geftalt 
und  Bewegung  durch  ein  Microlkop  entdeckt, 
wenn  es  auch  10000  ja  100000  mal  vergröfeer- 
te.  Alle  diefe  Theile  hängen  fo  locker  zufatn- 
nien,  dafs  fie  durch  diegeriugfte  Kraft  getrennt 
werden  können,  und  wegen  ihrer  beftändigen 
Bewegung  kann  man  nicht  einmal  Zufammen- 
hang  unter  ihnen  annehmen.  Und  doch  wer- 
den 


Drei  und  zwanzigftes  Kapitel.  I47 

den  di?Ce'  kleinen  Atomen  durch  eine  fcharfe 
Kälte  fo  innig  vereinigt  und  zufammengekettet, 
dafs  fie  nicht  ohne  grofse  Gewalt  zu  trennen 
find.  Wer  die  Binder ,  welche  die  Aggregate 
diefer  unverbundenen  kleinen  Kö>per  fo  :  r. ig 
mit  einander  verbinden ,  wer  den  Kitt  ausfin« 
dig  machen  konnte,  wodurch  fie  fo  fefte  an 
einander  gekettet  werden  ,  würde  unttreitig 
ein  grofses  bis  jetzt  unbekanntes  Geheiranifs 
entdecken,  aber  noch  immer  Weit  gentig  von 
Erklärung  der  Ausdehnung  der  Körper  entfernt 
feyn.  wofern  er  nicht  zeigen  könnte,  worin 
die  Verbindung  und  Verkettung  der  1  heile 
diefer  Bänder  oder  diefes  Kittes  oder  6er  klein- 
ften  Materientheile  beftünde.  Es  erhellet  dar- 
aus, dafs  diefe  urfpTÜugliche,  und  wie  es  fcheint 
fo  hekatinte  Eigenfchatt  der  Körper  nach  näheret 
Unterfachung  eben  fo  unbegreiflich,  ais  irgend 
eine  Eigenfehaft  der  Seele,  und  dafs  eine 
dichte  ausgedehnte  Subftanz  eben 
fo  unerklärbar  ift,  als  eine  den- 
kende unmaterielle  Subftanz,  fo  viele 
Schwierigkeiten  auch  einige  gegen  die  letzte 
erheben, 

§.     27. 

Denn  verfolgen  wir  unfere  Gedanken    et- 
was weiter,  fo  werden  wir  finden,    dafs    der 
Druck,  aus  dem  man  den  Zusammenhang   der 
K  a  Kör- 


148  Zweites    Buch. 

Körper  erklären  will,  eben  fo  unbegreiflich  ift, 
als  der  Zufainritenhan«  felbft.  Wenn  die  Ma- 
terie endlich  ift,  wie  fie  es  denn  wirklich  ift, 
fo  verfetze  man  Geh  in  Gedanken  an  die  Gren- 
zen desUniverfums,  und  fuche  die  Bänder  und 
Reife  zu  erfonchen,  welche  die  ganze  Mafle 
von  Materie  durch  den  Druck  fo  fefte  zufam- 
nienhalten,  dafs  dadurch  der  Stahl  feine  Fettig- 
keit, der  Diamant  feine  Härte  uad  Unauflös- 
barkeit erhält.  Wenn  die  Materie  endlich  ift, 
fo  mufs  üe  ihre  Grenzen  haben  .  und  es  mufs 
da  etwas  vorhanden  feyn  ,  das  ihre  Trennung 
und  Zerflreuung  hiudert.  Und  wenn  man,  um 
diefsr  Schwierigkeit  auszuweichen ,  feine  Zu- 
flucht zur  Hvpothefe  einer  unendlichen  M  terie 
nehmen  wollte,  wird  man  dadurch  mehr  Licht 
über  den  Zufammenhang  der  Körper  verbrei- 
ten? Wird  man  ihn  verftändlir.her  machen, 
wenn  man  feinen  Grund  in  der  ungereimteften 
und  unbegreiflichften  Hypofhefe  zu  finden 
glaubt?  Soviel  fehlt  daran,  dafs  wir  von  der 
Ausdehnung,  in  Rückficht  auf  ihr  Wefen  und 
Urfache  einen  klärern  oder  deutlichein  Begriff 
ah  von  dem  Denken  habeu"  foliten. 

§»     28. 

Ein  anderes  Merkmal  unfers  Begriffs  vorn 
Körper  ift  das  Vermögen,  d  i  e  Bewegung 
du  ich  den  S  t  of  s  mitzutheilen>  und  von 

der 


Drei  und   zwanzigßfis  Kapitel.  149 

dar  Se  ple  das  V  e  r  rn  ö  g  en,  die  Rewgnng 
dureh  Vörft  eilungen  anzufangen.  Kla- 
re Begriffe  davon  erhaben  wir  durch  die  tägli- 
che Erfahrung.  Wenn  wir  aber  fracen,  wie 
das  zugehet,  (o  befinden  wir  uns  iu  derfelben 
Dunkelheit.  Denn  die  Mitfheilung  der  Bewe- 
g  np  durch  den  Stofs,  wo  dereine  Körper 
fo  viel  von  feiner  Bewegung  verliert,  als--der 
andre  erhält,  welches  der  gewöbnlicbfte  Fall 
ift,  können  wir  uns  nicht  anders  denken,  als 
dafs  die  Bewegung  aus  einem  Kö'per  in  den 
andern  übergehet;  das  ift  abeT  fo  dunkel  und 
unbegreiflich  ,  als  wie  die  Seele  unfern  Kör- 
per durch  Vorfteüuiigen  in  Bewegung  oder 
Ruhe  fetzt,  weiches  wir  doch  alle  Augenblicke 
wahrnehmen,  Noch  unbegreiflicher  ift  die 
Vermehrung  der.  Bewegung  durch  den  Stofs, 
welche  man  wirkJich  beobachtet  oder  doch  zu- 
weilen beobachtet  zu  haben  glaubt.  Es  ift 
alfo  zwar  eine  klare  Thatfache,  dafs  fowohl 
durch  den  Stofs  ,  als  durch  Vorftellungen  Be- 
wegung hervorgebracht  wird;  aber  die  Art 
und  Weife,  wie  das  geichieh»,  ift  bei  dem 
einen  und  andern  für  uns  gleich  unbegreiflich. 
Wir  mögen  daher  die  Bewegung  und  ihre  Mit- 
theilung in  Verhältnifs  zu  der  5eele  oder  zum 
Körper  betrachten,  wie  wir  wollen,  fo  ift  <-®ch 
der  Be-riff  davon  als  Meikmal  des  Körpers 
nicht  klarer,  cfenn  als  Meikmal  der  Seele.  Und 
was  die  thälige  Bewegnngskraft  betraft,  fo  ift 
R  3  fie 


H©  Zwrites  Bu«fe. 

fie  in  einem    Geifte  noch  klarer,  als  in  einem 
Körper»       Denn    zwei   Körper,    welche   neben 
einander   ruhen  ,   geben    uns   keinen   Stoff  zntn 
Betriff  vOn    einem  Vermögen  des  einen,   den 
andern  in    Bewegung  zu   fetzen,    außer   durch 
eine  fremde  Bewegung;  da  hingegen  die  Seele 
uns    täglich   Beifpiele  von    ihrer  eignen  Kraft 
den    köiper    zu  bewegen    darbietet.        Es    ver- 
dient daher  wohl  eine  Unterfuchung,  ob  nicht 
das    thätige    Bewegung-Vermögen     eine    eigen- 
thümliche    Eigenfchfat    der    Geifter.     und   das 
leidende  der  Körper  ift.      Hieraus  könn'e  man 
auch  muthmarsen,    dafs   die   erfchaffenen   Gei 
fier  nicht  von  aller  Materie  befreiet    find,  weil 
fie   fowobl  thäiig    als  leidend    find.       ,Das   rein 
geiftige  YV'efen  ,  Gott,  ift   nur  allein  thätig,  die 
blofse  Materie  blofs  leidend  y  und    es  läfst  Geh 
daher  denken,  dafs  diejenigen  Wefen ,  welche 
fowobl  thätig  als  leidend  find,  Antheil  an  den 
eigenihüinücben    Eigenfchaften   beider  haben.- 
Doch  dem   fey   wie  ihm  wolle;  genug  wir  ha- 
ben  eben  fa  viele  klare  Begriffe,  welche  (ich 
auf  Geifter,  als  welche  fich  auf  Körper  bezie- 
hen ,  obgleich  die  Subltanzen  von  beiden  uns 
gleich  unbekannt  ift. 

Mit  einem  Wort,  die  Sinne  überzeugen 
uns,  dafs  es  ausgedehnte  und  die  Reflexio^ 
dafs  es  denkende  Subltanzen  giebt.     Dafs  We- 

fen 


Drei  und  zwnnzigfies  Kapitel.  i5i 

fen  von  beiden  Arten  exiftieren,  und  daf5  die 
letztem  das  Vermögen  haben,  Körper  durch, 
dnn  Stofs,  die  erftern  aber  das  Vermögen, 
Körper  durch  Vorftellungen  zu  bewegen,  lind 
unleugbare  Erfahrungsfätze.  Utber  riiefe  kla- 
ren Begriffe  hinaus,  welche  uns  die  Erfahrung 
(o  reichlich  jeden  Augenblick  darbietet,  reicht 
unfer  Eikenntnifsvermögen  nicht.  Nach  allen 
Verfuchen  eines  tiefern  Forfchens  bleibt  uns 
das  Wefen  ,  die  Urfachen  und  die  Entftehungs- 
art  der  Ausdehnung  fowohl  als  des  Denkens 
immer  verborgen.  Das  eine  läfst  fich  fo  we- 
nig erklären,  als  das  andere,  und  es  ift  um 
nichts  begreiflicher ,  wie  eine  Subftanz,  die 
wir  nicht  kennen  ,  einen  Körper  durch  Vorftel- 
lungen  in  Bewegung  fetzen,  als  wie  eine  an- 
dre eben  fo  unbekannte  Subftanz  eben  das 
durch  den  Stofs  bewirken  kann.  Hieraus  zie- 
he ich  den  wahrfeheinliehen  Schlufs,  dafs  die 
einfachen  Vorfteilungen  ,  welche  wir  durch 
die  Sinne  und  die  Reflexion  erhalten,  die 
Grenzen  unfers  Denkens  find,  über  welche 
unter  Verftand,  ungeachtet  aller  Anftrengung, 
doch  keinen  Schritt  weiter  in  der  Entdeckung 
der  Natur  und  der  verborgenen  Urfachen  die- 
ser Vorstellungen  kommen  kann. 


K  4  §,  30» 


1J2  Zvrcitci    Ruch. 

ReTultat  der  V  c  r  g  I  e  i  c  b  u  d  ». 

D*s  Refultat  der  Vtftuleichung  uvfers  Be- 
f'FFs  von  einntn  Gvifte  mit  dem  von  einem 
Ko  >  t  i.l  kürt  ich  .liefes.  Die  Subftanz  des 
Getftp;  il\  iins  tb"n  fo  unbekannt,  als  die  s 
£t  m  de*  hörpe'S.  Zwei  urfnTiintjliche  und 
6igenth,h:  li  he  Hgenfchjften  fowohl  das  fei- 
ft^-n  ah  körperlichen  Wefen  kennen  wir,  Bfld 
kö:.i :"n  fie  uns  durch  deutliche  Ke»riffe  vor- 
it  i  en,  n^hmlich  den  Ztifammenhaug  der  dich- 
ten Tieilc  und  die  Bewegung  durch  den 
SfoCs;  das  Denken  und  die  Selbftth9tifckeit» 
Wii  haben  ferner  klare  Begriffe  vOu  verfchie-- 
dene-'  abgeleiteten  Eigenlchaften  des  Köipers 
und  des  Geiftes  oder  von  den  verschiedenen 
Mo'üficationen  der  Ausdehnung  und  der  Be- 
wegung, des  Denkens  und  des  Wellens. 

*     §14 

Wenn  endlich  der  Begriff  eines  immateriel- 
len Geiftes  vielleicht  einige  n.hwer  zu  hebende 
Schwierigkeiten  enthält,  io  ift  das  doch  eben 
fo  wenig  e;n  G.u  d ,  die  Exifteuz  der  Geifter 
zu  leugnen  odei  zu  her  weifein  ,  als  man  des- 
halb die  Exiftenz  der  Körner  leugnen  oder  in 
Zweifel  ziehen  d.-rf.  weil  der  Betriff  derfel« 
ben  mit  Schwierigkeiten  verwickelt  irt,  welche 

fett  wer* 


Drei  -und  xwaniigftes  Kapitel.  1J3 

fchwerlich  oder  gar  nicht  von  uns  können  anfie- 
lt} r  und  e» kläret  werden.  Denn  ift  wohl  irt 
dem  Begriff  drtne*-  Gwrftes  etwas  fo  verwick-  ltf  s 
BdeT  einem  WideTfprurh  ähnliches  anzutreffen, 
als  die  unendliche  Theilbarkeit  einer  endli- 
chen Ausdehnung  ift,  welche,  man  Iäugne 
oder  nehme  fie  an,  uns  in  Folgerungen  ver- 
wickelt, welche  gröTsere  Schwierigkeiten  und 
fcheiuharere  l^ragereirntheiten  bei  Geh  führen, 
als  irgend  etwas,  da*  aus  dem  Betriff  einer  im- 
materiellen denkenden  Subftanz  kann  abgelei- 
tet werden. 

J.     32. 

Wir     erkennen     aufser    den     einfa- 
chen  Vo  r  ft  ei  1  un  g  e  n    nichts. 

Diefs  darf  uns  nicht  befremden.  Denn  bei 
den  wenigen  oberflächlichen  Begriffen  .  weiche 
uns  entweder  von  \offendiHgen  durch  die  Sinne, 
oder  von  dem,  was  wir  in  uns  erfahren,  durch 
die  Reflexion  g<  g*ben  werden,  haben  wir  auf- 
fer  di<;ren  keine  Erkenntnifs,  nOch  weniger 
aber  von  dem  Wefon  und  der  innern  E«riricb> 
tung  der  Dinge,  welche  aufser  den  Grenzen 
unfrer  Vermög  n  lieget.  Da  wir  nun  in  uns 
fo  gewi"s  ein  Vermögen  der  Erkcnntnifs  und 
der  willkühriichen  Bewegung  durch  die  Eifäh« 
run»  kennen  lernen,  als  wir  aufsfr  uns  den 
Zufammeuhang  und  Ttie  Trennungdichter  Thei- 
K  5  le 


7 weites  Back. 

Ausdehnung  und  Bewegnn»  der 

.  i  reo  ,    lo   muf;  ?.as   einerlei  Grunde 

dv-r  B  ;:iimaterieUen  VVefens  füwohl, 

als  der  e'tae§  Körpers  und  die  Ueberzeugung 
von  der  Kxifteai  des  einen  fowolil  als  des  an- 
dern für  uns  befriedigend  ieyn.  Die  unabhän- 
gige E.xi&enz  einer  Denkkraft  ohne  Ausdeh- 
nung iß  eben  fa  wenig  widerfpreebend  als  das 
unabhängige  Dafeyn  eines  dichten  We'ens  ohne 
Denk«-:  \>>  •  ie  fetten  einfache,  von  einander  , 
unabhängige  Begriffe  voraus.  Der  Begriff  vom 
Decken  iß  fo  klar  und  deutlich  als  der  Betriff 
voo  der  Materie;  keiner  fetzt  den  andern  vor- 
aus. Waiuui  follte  es  alfo  widerfprechender 
feyn,  dafs  ein  denkendes  Wefen  ohne  Matei  ie, 
d.  h.  ein  unmarerielleS;  als  dafs  ein  ausge« 
dehn l es  Wefen  ohne  Denkkrafl,  d.  i.  ein  ma- 
terielles Wpfen  exiftiete.  Verf uchen  wir  es, 
?;öer  ciiefe  einfachen  Begriffe  hinauszugehen, 
und  tiefer  in  das  Wefen  der  Dinge  einzudrin- 
gen, fo  gerathen  wir  augenblicklich  in  Dunkel« 
fieiten,  Schwierigkeiten  und  Verwirrung,  und 
können  doch  nichts  weiter,  als  unfre Blindheit 
und  Unwiffenheit  entdecken.  Und  wenn  auch 
einer  von  diefen  zufammengefetzten  Begriffen 
von  Körper  und  Creift  klärer  feyn  follte,  fo  ifi: 
doch  fo  viel  einleuchtend,  dafs  ße  aus  keinen 
andern  Beftandiheilen  als  denjenigen  Vorftellun- 
gen,  weiche  wir  durch  die  Sinne  und  durch  die 
Reflexion  erhalten,  befteheü,     Diefes  gilt  von 


Drei  und  zwanzigfies  Kapitel.  155 

allen  Begriffen  der  Subftaazen,  felbfl   vom  Be- 
griff Gottes, 


$.   -53. 
B  e  g  r  i  ff  von  Gott. 

Wenn  wir  den  Begriff  untergehen,  unter 
welchem  wir  uns  das  höchfte  unbegreifliche 
WeTen  denken,  fo  werden  wir  finden,  dafs  er 
auf  eben  diefelbe  Weife  gebildet  ift,  als  der  Be- 
griff von  immateriellen  Geifrern  ,  und  dafs  beide 
Zufamraepgefetzte  Begriffe  aus  einfachen. Begrif- 
fen der  Reflexion  begehen.  Wir  haben  z.  B. 
durch  die  innere  Erfahrung  die  Begriffe  von 
Exiftenzund  Dauer,  von  ErkerSntnifs  und  Kraft, 
VeTgnügcn  und  Glückfeligkrit ,  und  von  ver- 
fchiedeuen  andern  Eigenfchaften  und  Vermö- 
gen, deren  Befitz  beffer  ift,  als  das  Gegentheil. 
Um  nun  einen  Bfgriff  zu  bilden  ,  der  dem  er- 
habenften  Wefen  am  angemeffenften  ift,  erwei- 
tern wir  jeden  diefer  Begriffe  durch  den  Begriff 
der  U  nend  lichkeit;  und  fo  entfteht  durch, 
die  Verbindung  dieter  Begriffe,  der  zufammen- 
gefetzte  von  Gott.  Denn  dafs  das  Gemüth  ein 
Vermögen  hat,  feine  Vorftellangen  aus  der  Sinn- 
lichkeit und  der  Reflexion  zu  erweitern,  ift 
fehoa  oben  gezeigt  worden, 


§*  34. 


'  rf>  ZrreiVs  Buch. 

'       i-     34- 

Ich  beobachte  an   mir,  dafs  ich  einige  we- 
Toge  Dinge,   und  unter  diefen  finige,  vielleicht 
au<  h    alle,    unvollkommen    erkenne.       Dar-uis 
Kinn  ich  aber  einen  Begriff  einer  Erkern*;. ifa 
\on   doppeltem  Umfange  bilden,  dielen  Begriff 
fo  vielural  erweitern,  als  heb    Z<hleo  verdop- 
peln l^ffeu ,   bis  er  die  Erkenntnifs  aller  wirkli- 
ch* r.  oder  möglichen  Dinge  in  fich  fafst.     L 
da^  iafst  fich  auch  mit  der  Vollkommenheit  der 
Erkenntnifs  thnn,  dajs  fie  z.  B.  alle  Eigenfchaf- 
ten  .   Vermögen,  UrTachen,  Folgen  und  \  erhält- 
rifse  der  Dinge,   kurz  alles,  was  in  ihnen   ift, 
oder  lieh   nur  gewiffermaffen   auf  Ge    bezieht, 
begreift©.     So  entfteht  der  Begriff  einer  unend- 
lichen   oder   grenzenlofen    Erkenntnifs,       Auf 
eben  diefe  Weife  lafst  fich  auch  der  Begriffder 
Kraft  bis  zur  Unendlichkeit  und  der  BegTiff  d«r 
Dauer  der  Kxiftenz  bis  zur  GrenzenIofi°keit  und 
zum   Begriff  ein-s    ewigen    Wefens    erweitern. 
Der  Grad   und    der  Uu.fanz   der  Exiftenz,   der 
Macht,  Weisheit  und  aller  at.dern  unsjvorftell- 
baren  Vollkommenheiten  t  welche  wir  dem   er- 
habenff.cn  Wefen,  der  Gottheit,  beilegen,  ift 
grenzenlos   und  unendlich.      Daraus  bilden  wir 
den  heften  Begriff  vOu  Gott,   chffen  unfer  Ver- 
ffand  e;:  .ift,   und  zwar  blofs  durch  die 

Erweiterung     der    Vorftellungen  ,    welche  wir 
ich  die  Reflexion  von  den  Thätigkehea  un- 
Jers  eignen  Gtiftcs,  und  durch  di«  Sinne  von 

auf- 


Drei    und    zwaruigfles    Kapitel.  i5/ 

äufsern  Dingen  b-  kommen  haben,  bis  711  dem 
Umfang,  weicher  die  Uuenuiicluvtit.  ia  lieh 
fciüiefst. 

§•     3?. 

Denn  die  Urien  'Üchkeit  in  Verbindung  der 
Begriffe  von  Exiftenz.  ~,  Ma-.-ht,  Erkenntnifs  u. 
f.  w,  macht  den  Inhalt  d  s  zufamrnengefetzten 
Begriffs  aus/  dunh  weichen  wir  fo  gut  als  wir 
können  uns  das  oberfte  Wefen  vorfteüen.  Es 
ift  möglich ,:  da"s  Gott  feinern  Weieri  nach  '<las 
wir  noch  weit  weniger  erkennen,  ,ds  das  eines 
lüefeifteias »  einer  Fliege  oder  untres  Ich«)  ein- 
fach ift;  allein  für  uns  ift  doch  kein  andrer  üe- 
griff,  ab  ein tufaineien^efetxter iTiöglich ,  tieften 
Beftand  heile  jene  einfache*!,  von  eina^id'ir  ver- 
fchiedenen  Begriffe  find,  unter  denen  einige 
auch  wohl  relativer  und  fdion  züfammei  efeu- 
ter  Art  und.  - 

Es  mufs  hier  noih  bemerkt  werden,  dafs 
Gott  kein  Merkmal  beigelegt  wird  .  die  Unend- 
lichkeit eiwa  an ■  genommen,  weichei  nicht  ia 
dem  zufammenge  etzien  Begriff  von  Geifern 
enthalten  ift.  Denn  auf^er  den  Begriff'  n,  wel- 
che lieh  auf  Körper  beziehen,  find  wir  keiner 
andern  objeetiven  empfänglich,  ausser  derjeni- 
gen ,  die  wir  durch  die  Reflexion  von  d^n 
Thätigkeiten  unferer  Seele  erlargen,  und  wir 

kön- 


i5s  Zwcic«  ImicIi. 

können  daher  auch  keine  indefe  a!<  diflfe  dm 
Geiftern  bf-il^een.  Aller  Unteifcbied  dieerfie- 
grilfe  tu  Rücklicht  Auf  Gtifter,  betrifft  b!o$ 
Unter  fehi  «de  in  dein  Uir.f.ing  und  Grad  ihrer 
Erkenntnifs  .  Macht,  Datier  und  Glückfeli  keit 
u.  f.  w.  Dafs  wir  aber  in  den  Begriffen 
von  Geiftern  fowohl  als  \On  andern  Dingen 
auf  den  Stoff  der  Sinne  und  der  Re- 
flexion e  i  n  %  e  fc  hr  ä  n  k  t  find,  ift  daraus 
kl-ir,  d&U  wir  bei  allen  Vorafljgen  von  körper- 
lich! i)  VVefen  .  ja  bei  der  bis  zur  Unendlichkeit 
erweiterten  Vollkommenheit,  die  wir  un>>  in 
deofelhen  denken,  doch  (chlechterdings  keinen 
Begriff  von  der  Art  und  Weife  haben,  wie  fie 
einander  ihre  Gedanken  mitthei'en.  Und  doch 
muffen  fie,  nachdem  wir  Ge  uns  denken,  als 
von  allem  Körperlichen  getrennte  Wefen,  die 
im  Befiti  einer  gröfsern  Erkenntnifs  und  G'n'ick- 
felij;kfit  find,  auch  eine  vollkommenere  Art  der 
Ideenmittheilung  haben,  als  wir,  die  an  den 
Gebrauch  materieller  Zeichen  und  befonderer 
Laute  gebunden  find.  Jene  Art  kenneu  wir 
aber  nicht,  weil  wir  in  uns  keine  Erfahrung 
davon  haben;  und  wir  begreifen  daher  nicht, 
wie  körperlofe  Geifter  ohne  Worte  ihre  Ge- 
danken fchnell  mittheilen,  noch  weniger  wie 
fie  ihre  Gedanken  in  ihrer  Gewalt  haben  kön- 
nen, um  fie  nach  Willkühr  roitzutheilen  oder 
zu  verlieren  ,  ungpachtet  wir  ihnen  diefes  V  er- 
müden beilegen  muffen, 

§•  37- 


Drei  und  zwauzlgftes  Kapitel.  15$ 

§.      97. 

Wiederholung, 

Wir  haben  allo  »ereilen  ,  von  weichst  Art 
untere  Begriffe  von  allen  auu  jeden  Subfl'anzen 
find,  woraus  fie  beliehen,  und  wie.  wir  fie  er- 
langen. Hieraus  ergeben  fich,  wie  mich  dünkt, 
folgende  Refu'uate,  1)  Alle  unfre  Begriffe 
den  verTchieüenen  Arien  i'er  Sul  Sana 'Jen  I 
nur  Verbindungen  einfacher  Vorftelluogen  mit 
VorausfeUung  eines Etwas,  dem  Ge  angehören, 
und  La  dein  fie  gegründet  lind,  -.    ..  . ■  ;.  erat 

keinen  klaren  deutikhen  Begriff  haben.  2)  Dai's 
alle  einfache  Vorftellungen  ,  die,  in  ein  >  ..'trat 
vereinige»,  die  mfammengefetzien  Begriffe  von 
verfchiedenarligen  Subftanzen  bilden,  keine  an- 
dern Gnd  ,  als  die  wir  durch  tue  Sinne  und  die 
Reflexion  ei  halten.  3)  Difs  viele  vou  diefea 
einfachen  Vorfiellungen ,  ob  fie  gleich  leicht 
für  Vorftelkwgen  von  pofitiven  Eigenfchaften 
angefehen  werden  können  ,  doch  nur  auf  Ver- 
mögen und  Verhältniüe  der  Subftanzen  in  Be- 
ziehung auf  einander  hinweifen, 


Vi  et 


i6o  Zweite«  Buch. 

Viel-  und  zwanzigfies  Kapilet. 

Von  collectiven  Begriffen  der  Sub- 
ita nzen. 

$.     U 

Eincollectiver  Begriffenthält  Ein- 
heit. 

AuTser  den  zurammengerefiten  Begriffen 
von  einzelned  Snbftanzen,  n\s  Menfch,  Pferd, 
kommen  in  dem  Verftande  noch  zu  Tarn  in  en- 
gefetzte collective  Begriffe  von  Sub- 
ftanzeu  vnr  Ich  nenne  fie  f«> ,  weil  mehrere 
einzelne  -Subftan/.eo  in  einen  B  griff  vereiniget 
werden,  und  man  befrachtet  diefe  ab  *inen 
einzelnen  Begriff.  So  wird  der  Begriff  von  ei- 
ner Menge  Meofchen,  die  eine  Armee  ausmacht, 
nicht  weniger  als  ein  Betriff  angefehen,  als 
der  Begriff  von  einem  Menfchen,  obgleich  durch 
jenen  eine  eroTse  Vielheit  vQn  verfchiedenen 
Subfianzeu  gedacht  wird.  Eben  fo  verhält  es 
fich  mit  dem  Begriff  Welt .  der  alle  Körper  iu- 
fammenfufst.  Denn  zur  Einheit  eines  Be- 
griffs ift  nichts  weiter  erfoderlich  ,  als  dafs  er 
als  eine  Vorfteliung,  als  ein  Gemälde  betrach- 
tet wird  .  fo  viele  einzelne  Vorsehungen  und 
Bilder  auch  er  in  fich  vereiniget, 

§.    2, 


Yitv  und  zwanzigftes  Kapitel.  161 

§.      2. 

Sie  werden  durch  dasVerbindungs- 
vermögen   der  Seele   gebildet, 

Diefa  collectiven  Begriffe  bildet  die  Seele 
durch  ihr  Verbindungsvermögen,  wodurch  fie 
verfchiedene  einfache  oder  züfammengefetzte 
Begriffe  in  einen  zufammenfaTit.  Der  V«r- 
fiand  verfährt  dabei  nicht  anders,  als  bei  Bil- 
dung der  Begriffe  einzelner  Subftanzen,  oder 
der  Zahlbegriffe  durch  Verbindung  mehrerer 
Einheiten.  Er  fafst  mehrere  einzelne  Subftan- 
zen znfammen  und  bildet  daraus  die  collecti- 
Ven  Begriffe  von  einer  Ar-nee,  Flotte,  Sradt. 
lederrnann  fteUt  (ich  zufolge  des  ßewufstfeyBS 
alle  dieTe  Gegenftänds  unter  einem  Bi-*»riff 
und  un  er  einer  fo  volRomm- nen  Einheit 
als  ein  Schiff,  ein  Atom  vor.  Wie  übrigens 
eine  Armee  von  i©roo  Mann  in  einen  Begriff 
kann  zufammengekifst  werden,  ift  nicht  fchvve- 
rer  zu  begreifen,  als  wie  ein  Menfch  durch 
einen  Begriff  vorgeftellt  werde;  denn  in  bei- 
den Fällen  werden  mehrere  Vorftellungen  in 
eine  zufanimengefafst. 

$.    3. 
Alle  Werke  der   Kunft   find    collec- 

tive  r>egriffe. 
Unter  diefe  collective    Begriffe   muffen  die 
meiften  Begriffe  von  Kunftwerken,  zum  Wenig- 
Locke'3.  II.  Theil.  L  ften 


(l.Gi  Zweites  Buch. 

fien  folche ,  welch«  aus  vermiedenen  Sub.- 
Ranzen  ziifammengeretzt  find  ,  gerechnet  wer- 
den. Und  in  Wahrheit  alle  diele  collectiven 
Begriffe,  z.  B.  Armee,  Sternbild,  Univerfmn 
find  ,  wenn  wir  fie  aus  dem  rechten  Gefichta- 
punete  betrachten,  nichts  anders,  als  eben  fo 
riele  kunftlofe  Zeichnungen  des  Verftandes, 
wodurch,  er  entfernte  und  unabhängige  Dinge 
in  einen  G«?Gchtspunkt  vereiniget,  um  fie  durch, 
Hü'fe  eines  zusammenfallenden  Begriffi  und 
Worts  defto  bequemer  betrachten  und  unter- 
fucheu  zu  können.  Denn  der  Vcftand  verei» 
»iget,  wie  aus  dem  Begriff  des  Univsrfums  er- 
holet, arch  die  entfernteflen  und  entgegenge- 
feuteuen  Dinge  in  einen  Begriff. 


Fünf  und  zWartzigltei  Kapitel. 

Von    dem    Vorhältnifs. 


§♦    i. 
Was  ein  Verbältnifs  i  ft% 

**urser  den  einfachen  und  zu  Tarn  mengefetzten 
Begriffen  von  den  Dingen  an  üch  betrachtet, 

grabt 


Fünf  und  zwanzigfles  Kapitel,  16$ 

giebt  es  noch  andere  ,  wen  he  aus  der  Vej^Iei- 
chung  mehrerer  Din^e  mit  einander  enrlp.rin- 
gen.  Der  Verfta'Bd  ift  bei  Betrachtung  eines 
Dinges  nicht  biols  auf  daffelbe  emgefclnäiikt, 
er  kann  einen  Belnif  gleichi  ki.  a:  iTer  (i.  h 
felbft  fetzen,  oder  doch  /.um  wenigsten  über 
deufelb^n  hinaus  gehen,  um  zu  ic-iitn  ,  wie 
er  fich  zu  einem  andern  verhalt.  Wenn  der 
Vrrftand  ein  Objact  auf  diefe  Art  betidLh'et, 
daU  er  es  nebten  ein  anderes  ftelit,  und  reu 
Bück  wechfelsweife  von  dem  einen  auf  nas 
andre  richtet ,  fo  heilst  das  eine  Besifhu  g 
(relatio)j  die  Merkmale,  w  Ichs  demieil  n 
in  dieier  Rücklicht  beig  le - i  Werdt«,  und  <  as 
Densen  auf  ein  von  de.i.  e!b<  n  ver  i.hiei.  ei 
Object  hii, leiten  ,  heii-en  rflMue  Merk- 
male: und  die  mit  einander  *  nen 
Objecto  heifsen  b  e  7  n  £  e  n  e  Dinge  rela ■ed, 
Ouiece  des  \  eri  alt  .11»  s).  Wenn  der  V(  ntand 
den  C«jjus  als  ein  g^wiü  •■  reales  Wefen  be- 
trachtei,  lo  nim  nt  er  nie  <ts  in  d>pft?n  Hegriff 
auf.  als  Wdi  wirklich  in  dem  Caju.s  vorhanden 
ift,  z.  B.  Cajus  ilt  ein  Menfch,  er  i(t  weüs. 
Aber  das  Prijdicat:  er  ift  ein  Ehemann,  er 
ift  we'ifser  feb liefet  eine  Beziehung  auf  eine 
andere  Perlon  und  ein  anderes  Ding  ein.  In 
beiden  Fällen  wird  das  Denken  auf  etwas  acif- 
fer  dem  Cajus  gerichtet ,  und  zwei  Dinge  zum 
Gegenftande  der  Betrachtung  gemacht.  jede, 
fowohl  einfach.©  als  zufammengeieute  Vorfteb- 
L  2                              lung 


10+  Zweite»  Buch. 

hing  kann  der  Grund  eines  Verhaltnifles  reyn, 
infofern  fie  d^n  Verfland  veranlafst,  zwei  Ding« 
neben  einander  zu  (teilen  und  gleichfam  auf 
einmal  ins  Geficht  zu  f-flen ,  ob  he  gleich  noch 
immer  als  verfchieden  betrachtet  werden.  So 
ift  in  dein  obigen  Falle  der  Ehevertrag  uud  die 
Vollziehung  deflelben  mit  der  Sempronia  die 
Veranlafljing  zu  dem  Verbältniisbegriff  Ehe- 
mann, und  dasPrädicat  weifs,  zu  demVerhält- 
nifsbtgriü,  weifser  in  Beziehung  auf  einen 
Quaderftein. 

Verhällniffe  laffen  fich  nicht 
leicht  vorftellen  ohne  relative 
Ausdrücke» 

Diefe  und  ähnliche  Ve  rhäl  t  niffe,  wel- 
che duTch  relative  Ausdrücke  mit 
w  e  c  h  fe  1  f e  i  t  i  g  e  r  Beziehung  ausgedrückt 
werden,  als  Vater  und  Sohn,  Grötser  und 
Kleiner.  Urfache  und  Wirkung  find  für  jeder- 
mann bei  dem  erlten  Anblick  verftändiieh. 
Denn  die  Ausdrücke  Vater  und  Sohn,  Mann 
und  Weib  u.  f.  w.  ftehen  in  fo  naher  Bezie- 
hung, und  hängen  durch  die  Gewohnheit  fo 
fehr  in  dem  Gedächtnifle  zufammen,  dafs, 
wenn  das  eine  genennt  wird  ,  der  Verftand  fo- 
gleich  von  dem  einen  Objecte  zum  andern 
übergeht,  und  das  fo  nahe  gelegte  Verhälmifs 

wird 


Fünf  und  zwanzigstes  Kapitel.  1(55 

I 

Wird  von  niemand  überfehen,  oder  bezweifelt, 
Nicht  fo    leicht  wird   aber  ein   Verhältnifs  be- 
merkt ,    wo  es    in  einer  Sprache  an   Worten 
fehlt,  um  beide  Correlate  auszudrücken  (wie   es 
z.  B   mit  dem  Worte  Beifchläferin  der  Fall  ift, 
denn  da  fällt  die    Beziehung   nicht    fo  in  die 
Augen,  durch  welche    eins  auf  das  andere  hin- 
weifet, und  ohne  das  andere  nicht  feyn  kann. 
Daher   kommt    es,  dafs   viele  Worte ,    welche 
doch  nach  näherer  Betrachtung  ein  Verhältnifs 
in  lieh  fchiiereo,  Zeichen   von    auiTern  Merk- 
malen (ex  ernal  Denominations)  genennt  wer- 
deu.     Allein  alle  Worte,  die  nicht  leere  Töne 
find,    müflen  eiuen  Begriff  anzeigen,  der  ent- 
weder dem  Objecte,  worauf  fie  fieb  beziehen, 
als  inneres  pofitives  Merkmal  zukommt,  oder 
aus  der  Beziehung  entfpringt,  welche  der  Ver- 
Itand  zwilchen  dem  einen  und  andern  Objecte 
wahrnimmt,  in  welchem  Falle  er  ein  Verhält- 
nifs in  fich  fchliefst.   —   Es  giebt  eine  andre  Art 
von  relativen  Worten,  die  entweder  nicht 
dafür   oder    doch    nicht   für    Zeichen    äuflerer 
Merkmale    anee'ehen    werden,    ob    fie   gleich 
unter    dem    Schein    abroluter    Merkmale,    eia 
nicht  fo  in  die  Augen  fallendes  Verhältnifs 
enthaltep.       Von    diefer    Art    find    z,    B,    die 
Worte  alt,  grofs,  unvollkommen,  von 
denen  ich  in  den  folgenden  Kapiteln  Mehre- 
res  fagen  werde, 

L  3  §4- 


l66  Zweites  fluch. 


Das    Verhäitnifs    i  ft    von    den    Öia- 

gen    v ei  Jen,    weiche  in   Vei 

h  c.  i  1  i!  i  f  S   fte  l'j  e  n« 

P^n  bemerke  ro»h,  dnfs  m<  hrere  Men- 
fchrn  iine»lei  Kegriil  von  dt  in  Verhüll'.. 
ei  es  Ot>jec  s  haben  können,  «Ins  f»e  fich  nich: 
auf  einerlei  Art  vorteilen.  Z  ß.  diejenigen, 
w-  lohe  von  einem  Menfthen  fehr  verfchieden 
denken,  können  doch  in  dem  Betriff  eines 
Vaters  übereinftimmig  leyn ;  denn  diefer  Be- 
griil  bedeutet  nur  ein  Accidenz  des  Menfchen, 
eine  Ha  dluug,  Wodurch  er  zur  Erzeugung 
feines  Gleichen  beitragt,  wobei  auf  das ,  was 
der  Menfcfa  fonCt  ift  oder  Feyn  kann,  gar  nicht 
Rücklicht  genommen  wird. 

§.     5, 

Das  Verhältnis  kann  fich  ändern, 
ohne  Veränderung  des  Objects 
dem  es  £  u  k o  tu  m  t. 

Das  Wefen  des  VerbültnitTes  begeht  alro 
darin,  d.ifs  zwei  Dinge  mit  einander  ve- gli- 
chen werden,  und  dein  einen  Oiler  beiden  in 
«Kefei  Hinficht  ein  Merkmal  be. gelegt  wird. 
Wenn  das  eine  von  d<e!en  Dingen  entfernt 
wird,  oder  rein  Da  fern  verliert,  fo  hört  auch 
£as  ;,b  und  üas  Merkmal  auf,  ungeach- 

tet 


Ftfnf  und  zwanzigftes  Kapitel.  i6j 

tet  in  dem  andern  Ohjecte  keine  Veränderung 
vorgegangen  ift.  Cajus  wird  z.  B,  heute  als 
Vater  betrachtet  ,  und  ift  es  morgea  nicht 
mehr,  blnfs  weil  fein  Sohn  gpftorben  ift.  In 
Cajus  felbft  aber  ift  keine  Veränderung  vorge- 
gangen. Ja  ein  Ding  kann  zu  einer  und  der- 
felben  Zeit  entgegengefetzte  Benennungen  er- 
halten, wenn  es  mit  einem  andern  Objecre 
verglichen  wird,  fo  kann  Cajus  in  Beziehung 
auf  verfchiedene  Perfonen  älter  odert  jünger, 
ftärker  oder  ich  wacher  heifsen» 

§.     6. 

Ein    Verhältnifs    findet    nur   zwi- 
fchen  zwei  Dingen  ftatt. 

Was  wirklieh  ifi,  was  exiftieren  oder  als 
ein  Ding  betrachtet  werden  kann,  das  ift  po- 
fitiv.  Alfo  find  nicht  nur  einfache  Begriffe  und 
Subitanzen  fondern  auch  Accideuzen  pofitiv. 
Denn  obgleich  die  Theile,  aus  u  eichen  fie  be- 
fteben,  beb  oft  auf  einendes  beziehen,  fo  wird 
doch  das  Ganze  als  ein  Diug  betrachtet,  we'thes 
in  uns  einen  zitfammengefetz  <-n  Begriff,  gleich- 
iam  ein  aus  meinem  Zilien  beliebendes  (-/<•  mälde 
hervorbringt,  und  es  ift  unter  der  Finheit  eines 
Begriffs  und  eines  Waits  ein  pohtives  od.  r  ab- 
Iblutes  Ding.  So  ift  der  Begriff  von  eifern  Tri- 
angel eine  Familie  u.  f.  w.  ein  abfoluter  Begriff, 
wenn  gleich  die  Beltamuheue  del^bea  in  Be- 
L  4  zie- 


lCt>  Zweites  Buch. 

ziphung  auf  einander  relativ  find»  Denn  ein 
Vcrhältnifj  fidet  nur  Zwilchen  zwei  Dingen 
ftatt ,  die  an  fich  wirklich  getrennt,  oder  als 
verfebieden  kurz  als  zwei  Dinge  geda<ht 
werden.  Lud  dann  muf^  ein  Grund  und  ^  eran- 
laäuiig  zur   Vergltichung  vorhanden  fe}n. 


§     7. 

Alle   Dinge  find  gewiffer  Ver h  ä  1 t- 

nilfsmerkoialt  empfänglich. 

Ueber  die  Verhältnifle  überhaupt  laffen  fich 
folgende  Bemerkm  gen  machen.  I)  Jedes 
Ding,  es  fey  ein  einfacher  Begriff  oder  Sub- 
ita«,z.  oiierAccidenz.  oder  Veihältnifs,  oder  auch 
ein  Wort  zur  Bezeichnung  derlelben  ,  kann 
in  unzählichen  Beziehungen  zu  an- 
dern Dingen  betrachtet  werden,  woraus 
der  Reichthum  der  G  d«nken  und  Worte  gröfs- 
tentbeils  entlieht.  So  kann  ein  JVlenfch  als 
V^ter  ,  Bruder  ,  Sohn  ,  Grofsvater  ,  Enkel, 
Schwiegervater,  SchwiegeilOhn  ,  Ehemann, 
Freund,  Feind,  Unterthan,  General,  Richter, 
Patron.  Client,  Profeffor,  Europäer,  Englän- 
der, InfuLner,  Diener,  Herr  ,  Befitzer ,  Vor- 
gef-tzter,  Untergebener,  größer,  kleiner,  äl- 
ter ,  jünger,  gleichzeitig,  ähnlich,  unähn- 
lr  h  und  lo  writer  in  unzählichen  Beziehun- 
gen  gedacht    werden.       Denn    feine  Verhält- 

niHe 


Fünf  und  zwanzigftes  Kapitel.  1Ö9 

nifse  find  fo  mannichfaltig,  als  er  mit  andern 
Dingen  in  Rücklicht  auf  Einfhmmung,  Verfchie- 
denheit  und  andere  Beziehungen  kann  ver- 
glichen werden« 

§.    8. 

Die  Begriffe  der  V  e  r  h  ä  1 1  n  i  ff  e  find 
oft  klärer,  als  die  in  Verhältnifs 
flehenden  Dinge. 

II)  Obgleich  eiu  Verhältnifs  nicht  zum  rea- 
len Wefen  eines   Dinges  gehört,  fondern  etwas 
Aeufjeres    und   Hinzugekommenes   ift,    fo  find 
doch  die    durch   relative  Worte   bezeichneten 
Begriffe  oft  klärer  und  deutlicher,  als    die  Be- 
griffe von  den  Subftanzen,  denen  die  Verhält- 
niffe  zukommen.      Der  Begriff  von  einem  Va- 
ter oder  Bruder  ift;  um  vieles  deutlicher  als  der 
von  einem  Menfch;  oder  mit  andern  Worten, 
man  kann  fich  eher  klar  vorftellen,  worin  die 
Vaterfchaft,  als  worin  die  Menfchheit  beltrht, 
was  ein  Freund  als  was  Gott  ift.   Denn  die  Kennt- 
nifs  einer  Handlung  oder  einer- einfachen  Vor- 
ftelluug  ift  oft  zur  Vorftellung  eines  Verhältnif» 
fes   hinreichend:    aber    zur   Krkenntuifs   einer 
Subftanz  gehört  nothwendig  eine  richtige  Ver- 
bindung  mannichfaltiger  Begriffe.      Sollte  ein 
IVJenfch,    der    zwei  Dinge    mit    einander    ver- 
gleicht, nicht  willen,  in  welcher  Rückficht  er 
diele  Vergleichnng  anftellt?  Das  ift  kaum  denk- 
L  5  fear, 


»?  Zweites   Buch. 

bir,  iinrl  er  rndTfl  lifo  einen  Maren  B^ifr"  rnn 
dem  V..  hihefr«     Die  Begriffe  von 

den    V  .  i  fT  -  n    können    a  1  Po  z  u  in 

\v  e  ui  Ren  v  o  llko  iiinncr  n  rJ  d  d  e  u  V]  I- 
cner  ff  y  .  i  als  von  den  S  u  b  ft  a  n  z  e  n. 
Denn  es  Ui  gernriaigliflb  fchwrr,  alle  einfache 
Vorstellungen  zu  ei  kennen,  welche  in  ein^r 
S  bftanz  gegründet  find,  aber  leicht,  dirieii- 
g^n  zu  beftinmen,  die  ein  beftinimtes  Verhält* 
nifs  ausmadicn.  So  kann  einer  ohne  den  Be- 
lnif von  MenTch  zu  haben,  aus  der  Beziehung 
zweier  Men fallen  a.if  einen  gemeinl'chaftiichen 
Vater  den  Bebrüt  von  ihiidern  bilden* 

Alle  VerhältnilTe  löTen  fich  in   ein- 
fache Vor  fiel  l  ur.gen  auf. 

111)  Unbeachtet  der  grofsen  Menge  von  Be* 
Ziehungen  ,  na«h  Welchen  Dinge  mit  einander 
verglichen  w  irden  können,  lafstn  P,q  fich  doch 
alle  *uf  einfache  \  i  ;1  -Illingen  der  Empfindung 
und  Reflexion  zu.  ückführen,  und  fie  haben  zu- 
letzt nur  in  Gegen  fsa  ml  e.  Ich  werde 
diefps  nicht  rurvon  den  vortiiglichften  Verhält- 
rtiffen  ,  die  wir  in  Heg'.ire  geii^t  haben',  fon* 
d-in  auch  von  denjenigen  beweisen,  welche 
voi  diefer  allgemeinen  Quelle  aller  menfabli- 
chen  Erkenn tuiTö  fich  am  vtfei  teilen  zu  entfer- 
nen fcheisen. 


Fünf  und  .zwr.nzlgfi.es  Kapitel.  171 

§•       '*. 

Worte,  w e  1  c h e  den  Verftand  über 
das  bezeichnete  Ob  je  et  hinaus- 
führen, find  relativ. 

■ 

IV)  Da  das  Verhältnis  die  Vergleichurg  ei- 
nps  Dinges  mit  einem  andern  verschiedenen  ift, 
fo  ift  jedes  Wort  relativ,  welches  den  Ver- 
ftand nothwendig  auf  andre  Beg-iffe  fü.'iet, 
als  ia  dem  Wefen  des  bezeichneten  Ob/ects  ge- 
dacht werden.  Ein  fch warzer,  luftiger,  den« 
kender.  hungriger,  düyftiger»  Menfch  find  ab- 
foiute  Worte,  weil  he  nichts  anders  anzeigen  a 
als  was  an  diefem  bezeichneten  M»nfchen  wirk- 
lich ift.  oder  als  wirklich  gedacht  wird.  Die 
Worte  hingegen,  Vater,  Bruder,  König,  Ehe- 
mann, Fchwärzirer  und  luftigerer,  fetzen,  anf- 
ferdem  beztichueten  Objecte,  noch  etwas  ver- 
ftuicUents,  aaiser  deinltiben  befindliches,  voraus» 

§      Ii. 

Nach  dieren  voraus-elch-ckten  Betr^chttin- 
gpn  übeT  Vernältniffe  überhaupt,  werde  ich 
nun  an  einigen  Bespielen  zeigen,  dafs  alle  Be- 
griffe von  V'erhältninVn  ,  lo  wie  die  übrigen, 
aus  einfachen  V  r(t'  iiurigen  ziifammen  gefetzt 
find,  und  dais  he  lic'h.  ungeachtet  ihrer  Fein- 
h  it  und  'chfinbtren  Abltande  von  diefer  Er- 
h,  ntni'  quelle,  in  die'elben  aidlöfen  lafien, 
Ich  fange  mit  dem  aU^e taeinftea  Verhältnifs  an, 


r7'  Zweites  Buch. 

welches  alle  wirkliche  und  mögliche  Din?e  um- 
faßt, nehmlicb,  dem  Verhähnifs  der  Uifache 
und  VVirknug. 


Sechs  und  zwanzigltes  Kapitel. 

Urfache  und  Wirkung    nebft  andern 
Verhältnifsen. 


§.    r. 

Woher    dieTe    Begriffe    entfpringen, 

Bey  dem  beftärd;gen  Wechfel  der  Dinge, 
welchen  die  Sinuc  wahrnehmen,  mufs  fich  uns 
uothwendig  die  Beobachtung  aufdringen  ,  dafs 
manche  einzelne  Snbftanzen  und  EigenCchaften 
zu  i?xiftieren  anfangen  ,  nnd  dafs  fie  ihre  Wirk- 
lichkeit durch  die  dazu  erforderliche  Thätig- 
keit  und  Wirkung  eines  andern  Wefens  erhal- 
ten. Aus  diefer  Wahrnehmung  entfpringt  der 
Begriff  von  Urfache  und  Wirkung.  Was 
eine  einfache  oder  rufammengefeizte  Vorftel- 
liins  hervorbringt,  nennen  wir  überhaupt  Ur- 
fache  und  was  hervorgebracht  wird,  Wir- 
kung.    Wenn   wir  z,  B.  fieden,   daf»  in   der 

Sub- 


Sech»  und  zwanzigßes  Kapitel.  173 

Subftanz,  die  w;r  Wachs  nennen,  die  einfache 
Vorftellung  der  Fliiffj^keit ,  welche  vorher  nicht  ' 
in  jener  anzutreffen  war,  durch  die  Verbindung 
mit  einem  gewiffen  Grad  von  Hitze  beftändig 
hervorgebracht  wird,  fo  nennen  wir  die  Ietzta 
in  Beziehung  auf  die  Flüfiigkeit  Urfache,  und 
die  Flüffigkeit  die  Wirkung.  Wenn  die  Sub- 
ftanz Holz,  d.  i.  eiu  gewiffer  Inbegriff  von  ein- 
fachen Vorftellungen  durch  die  Einwirkung  des 
Feuers  in  eine  andre  Subftanz,  Afche,  d.  i.  ei- 
nen andern  Inbegriff  von  einfachen  Vosftellwn- 
gen  verwandelt  wird ,  fo  ift  das  Feuer  Urfache 
und  die  Afche  die  Wirkung, 

§.     I* 

Verfchiedene  Arten  der  Entftehung, 

So  erlangen  wir  alfo  den  Begriff  von  Urfa- 
che und  Wirkung,  Urfache  ift  nehmüch  das- 
jenige, was  macht,  dafs  ein  andres  fing,  entwe- 
der eine  einfache  Vorftellung  oder  Subftanz  oder 
Accidenz  zu  leyn  anfängt,  Wirkurg  d-isjeu-ge. 
Was  durch  einandjes  Ding  entftanden  ift.  Nach 
diefen  Begriffe.i  kann  der  Verltand  ohne  Schwie- 
rigkeit zw«  i  Ai  ten  des,  Entftehens  der  Dinge  un- 
terfcheiden,"*  Die  eine,  wenn  ein  Ding  ganz 
neu  entfteht,  von  dem  vorher  nicht  ein  Theil 
fchon  exiftirte;  z.  B.  esentfteht  eiii  neuer  Theil 
von  Materie  in  der  Natur,  der  vorher  noch 
nicht  war,  Diefs  nennen  wir  Schöpfung.  Die 
x  zwei- 


174 

zweite  Art  des  Eniftehens  beliebet  darin,  dafa 
ein   Übe    aus  fchon   \  uen    Hieden    *e- 

bü'let  wird,  ob  es  gleich  in  der  Verbindung, 
welche  dem  zn'famrnengefetzten  ß^giiif  davon 
eniTpiklu,  nicht  exiftirte,  z.  I  Menfch, 

Aiefes  Ei.  dief4  Hofe.  Diefes  Entliehen  heifst 
in  Beziehung  auf  eine  Subilanz  ,  E  1  z  e  ug  u  n  g, 
wenn  lie  nach  dem  gewöhnlichen  1  ad  der  Na- 
tur durch  ein  inneres  Princip  hervor  gebracht 
wird,  welches  aber  durch  Am  Ein  Hüls  einer 
äußern  auf  eine  unerforfchÜLhe  Art  wirkenden 
Urfache  in  Th'-uigk-it  gefe-zt  wird.  Ilt  aber 
die  Urfache  äußerlich  und  die  Wirkung  durck 
eine  wahrnehmbare  Trennung  oder  Verbin- 
dung unter  cheidbarer  Theile  hervorgebracht, 
fo  helfet  das  ein  Machen,  auf  welche  Art  =lle 
Kunfhwrke  entliehen.  Wird  eine  einf  che 
Vorltellung  erzeugt,  welciie  vorher  nicht  in 
dem  Inbegriff  dellelben  Objekts  war,  fo  heifst 
es  eine  \eränd^rung.  So  wird  ein  Menfch 
erzeugt,  ein  Gemälde  aber  gemacht,  und 
jedes  derfelben  verändert,  wenn  eine  neue 
ßefchaffenheit  oder  einfa«  h.  Vor  eil  ing  hervor- 
gebracht wird,  welciie  vonu-r  in  ihi>en  nicht 
war.  A:le  Dinge,-,  welche  auf  diefe  Art  zum 
Daleyn  kommen,  ohne  dafs  he  vorher  waren, 
find  Wirkungen,  und  alle  diejenigen,  wel* 
phe  zu  iiir<  ■*.!  Dafeyp  beitragen,  L riachen. 
Es  ift  in  diefen  und  allen  andern  Fallen  klar, 
dafs  die  Begriffe  von  LT  x  i  ü  c  u  e  und  Wirkung 

aus 


Sechs  und  zwanzigstes  Kapitel,  I7> 

aus  Vorstellungen  der  Sinnlichkeit  nnd  Refle- 
xion entliehen  ,  und  ilafs  diefes  Verbähnifs,  wie 
grofs  auch  fein  Uuifans  ift,  Qfth'doch  zuletzt  in 
jene  Vörfteil'jrjgen  auflöte«  läfkt.  Denn  zur 
Entßebung  diefer  Begriffe  ift  nichts  weiter  er- 
fod^rlich  als  die  Wahl  nehm ung ,  dafs  eine  ein« 
fa  he  Vorfteliimg  odef  eine  Subffanz  d-.r-.h  die 
Tha'itkeit,  eines  andern  Dinr.es  zu  feyn  an- 
fängt, ohne  die  Ait  und  Wtiie  diefer  Thäüg- 
keit  zu  willen. 


§.     3. 

Verhältniffae  der  Zeit, 

Auf  Zeit  und  Ort  gründen  (ich  auch  Ver- 
hältnille  von  grO  sein  Uinfartg,  die  lieft  zum 
wenigen  auf  ade  endluhe  Wefer<  erstrecken. 
Ich  habe  Ithon  an  einein  andern  Orte  gezeigt, 
wie  wir  dii  e  ß  g»  ÜTV  «klangen  und  ich  begnü- 
ge mich  daher,  hier  blofs  anzuzeigen  ,  riw's  die 
meiften  Zeitbefü  :-  l  der  Dinge  blofs  Ver- 

hältniffe  lind.  Wenn  man  z.  B,  Tagt:  die  Kö- 
nigin Elifabeih  lel.tc  69  und  regierte  4'3  iahr, 
fo  fchliefsen  diefe  Worte  ein  VerhäUnifs  dieier 
Zeit  zu  einer  andern  in  Geh,  und  bßd 
viel,  als  ihre  Regierung*-  und  Lebenszeit  ift  45 
und6o,jähilichi-nUi!'N'  i  zc-itM  d;  !  ! 
So  ift  es  mit  aHen  Worten,   wi  ,  dia- 

Frage  wie  lange  Zeit    und    wenn?  bezie- 
hen»    Man  beftimint  in  dem  letzten  1'aAe   die 

Em* 


176  Zweites  Euch. 

I'  tfernung  eines  Zeitpuncts  von  «iner  langem 
Periode,   mit  welcher  jener  Zeitpunkt  in  Ber- 
uft gefetzt  und  genießen  wird. 

§.     4. 

Es  giebt  aufser  diefen  noch  andere  Worte 
v  1:1  Zfitbeftiunnungen ,  welche,  ob  fie  gleich 
al)  oiute  ßegi  uTe  zu  bezeichnen  fcheinen  ,  doch 
nach  näherer  Unterfuchung  als  relativ  befun- 
den werden.  Von  dieier  Art  find  dieAVorte, 
lung.  Alt  u,  f.  w.  welche  die  Beziehung  eine» 
Dinges  auf  eine  gewiffe  von  uns  vorgeftellte 
Zeirläuge  enthalten.  Wenn  wir  fagen,  diefer 
Menfchift  jung,  fo  heifst  das  fo  viel,  als:  fein 
Alter  ift  ein  kleiner  Theil  der  Lebensdauer, 
welche  Menfchen  gewöhnlich  erreichen,  und 
die  wir  auf  70  Iahre  fetzen;  und  alt  heifst 
dann  derjenige,  der  diefe  Reihe  von  Iahren  faft 
zurückgelegt  hat,  welche  die  Menfchen  ge- 
wöhnlich nicht  zu  überfch reiten  ^Hrgen,  Es 
ift  allo  offenbar,  dafs  diefe  Ausdrücke  Telativ 
find,  welches  noch  klärer  wird,  wenn  wir  fie 
in  Beziehung  auf  andre  Dinge  betrachten.  Ein 
Menfch  heifst  jung  im  zwanzigften,  und  fehr 
jung  in  dem  üebenten  fahre;  ein  Pferd  nen- 
nen wir  aber  fchon  alt  im  zwanzigften  und 
einen  Hund  im  liebenten  Iahre.  In  allen  die- 
fen Fällen  vergleichen  wir  das  Alter  diefer  Thie* 
re  mit  der  Lebensdauer  ,  welche  nach  dem  Lauf 
der  Natur  verfchieden  ift.     Obgleich  aber  die 

Sonne 


Sech»  und  zwanzigßeg  Kapitel.  17? 

Sonne  und  die  Sterne  länger  exifiiret  haben  4 
als  viele  Menfchenalter,  fo  nennen1  wir  fie  doch 
nicht  alt,  weil  wir  die  Zeitlänge  ihrer  von  Gott 
beftimmten  Dauer  nicht  wiflen,  Diefe  Ausdrü- 
cke beziehen  fich  alfo  nur  auf  diejenigen  Dinge, 
von  denen  fich  beobachten  läfst,  dafs  fie,  nach 
dem  Lauf  der  Natur,  durch  natürliche  Urfa- 
chen  in  einer  gevviflen  Zeit  das  Ende  ihres  Da- 
feyns  erreichen,  wo  wir  alfo  einen  Mafsftab  ha- 
ben, mit  welchem  wir  die  verfchiedenen  Zeit- 
längen ihrer  Exiftenz  vergleichen  können.  Nur. 
in  diefer  Beziehung  heifsen  fie  jung  oder  alt* 
Hingegen  laffen  fich  diefe  Ausdrücke  nicht  auf: 
einen  Rubin  oder  Diamant  anwenden  ,  weil  wir 
nicht  willen ,  wie  lange  ihre  natürliche  Dauer 
währet, 

Verhäl  tniTs  e  des  Orts  und  der  Aus« 

dehnung, 

Die  Verhältniffe  der  Dinge  in  Anfehung  ih- 
res Orts  und  ihrer  Entfernung  z.  B.  oben,  un- 
ten, eine  Meile  von  London,  find  leicht  zu  be- 
merken. Aber  einige  BegrifFe  von  der  Aus- 
dehnung und  derGröfse,  fo  wie  von  der  Dauer 
find' relativ,  ob  es  gleich  ihre  Worte  nicht  zu 
feyn  fcheinen,  z.  B.  grofs,  klein.  Denn 
auch  hier  haben  wir  durch  die  Beobachtung 
der  gewöhnlichften  Dinge  einer  Ait  gewifle  fe- 
Locke'«,    II.  Th«ä.  M  ft« 


178  Zweites  Buch. 

fte  Begriffe  von  ihrer  Grüfte  gebildet,  die  uns 
Zdm Miafsßfibe bei  der  Gröfsenfchätzung  ande- 
rer dierien.  So  nennen  wir  einen  grofssn  Apfel 
denjenigen",  der  gröfser  ift,  als  die  bei  uns  ge- 
wöhnliche Art,  und  ein  kleines  Pferd  dasjenige, 
■welches  unter  der  Vorftellung  i(t,  die  wir  von 
der  Gröfse  gewöhnlicher  Pferde  haben.  Was 
daher  für  einen  Italiener  ein  grofses  Pferd 
ift,  das  wird  in  Flandern  ein  kleines  leyn,  weil 
in  beiden  •ändern  verfchiedene  Pferderaeen  ge- 
zogen werden,  und  fich  daher  auch  verfchie- 
dene Begriffe  von  d'er  Gröfse  der  Pferde  gebil- 
det haben» 

§.    6. 

Absolute    Ausdrücke     bezeichnen 
oft    Vkrhaltnifse» 

Schwach  und  ftark  find  ebenfalls  rela- 
tive Ausdrücke  in  Beziehung  auf  die  Begriffe, 
welche  wir  zu  der  Zeit  von  uröiserer  oder  klei- 
nerer KTaft  haben.  Ein  ichwacher  Menfch  be- 
deutet einen  folchen,  der  nicht  fö  viel  Kräfte 
befitzt,  als  gewöhnlich  Menfchen  von  feiner 
Gröfse  haben.  "Werft  wir  lagen,  alle  Creatu- 
Ten  find  Tchwac'ue  Wefen,  fo  ift  fchwach,  ein 
relativer  Ausdruck,  der  die  Ungleichheit  des 
Verhältnifses  zwifchen  derKr?ii  Gattes  und  der 
Gelchöpie  bezeichnet.  Es  gittbt  in  den  Spra- 
chen eine  gröfse  Men^e  von  Worten,  welche 

Ver- 


Sieben  und  zwanzigltes  Kapitel,  l^jf 

Verhältnifle  ausdrücken,  wenn  gleich  diefe  Be- 
deutung bei  dem  erfien  Anblick  nicht  einleuch- 
tet, Z.  B.  das  Schiff  iß  mit  dem  nöfhrgenVor- 
rath  verfehen;  beide  Ausdrucke  find  von  rela- 
tiver Art;  das  eine  beziehet  Geh  auf  die  Vollen- 
dung dar  vorgefetzten  Reife,  das  andre  auf 
den  künftigen  Gebrauch.  Dafs  alle  diefe  Ver» 
hältnifle  auf  Vorßelhmgen  der  Sinnlichkeit  und 
Reflexion  befchränkt  und,  und  (ich  in  diefel- 
ben  auflüfen ,  iß  zu  klar,  als  dafs  es  noch  eine 
Erklärung  erfoderte» 


Sieben  und  zwanzigftes  Kapit«I, 

Von  der  Identität  und  Verfchiedenheit 

$.    r, 
Worin  die  Identität  befteht. 

Eine  andre  Veranlagung  'zu  Vergleichun> 
gen  erhält  def  Verftand  felbft  durch  das  Da- 
feyn  der  Dinge.  Ein  Ding  wird  nehmlich 
als  in  einer  beßimmten  Zeit  und  beßimmten 
Orte  exiftierend  gedacht,  und  mit  fich  felbft 
unter  andern  Zeit-  und  Räumverhältnifien  ver- 
M  a  gli- 


jgo  Zweites  Buch. 

glühen.      Daraus    entn>hen    die   BagrifFe  von 
Identität  uml  V  e  r  f  c  hi  eden  h  e  i  t.    Wenn 
vrir  fehen ,  dafs   ein  Ding    in  einem   Zeitpunk- 
te   in    einem   gewiffen    Orte    ilt,    fo    find    wir 
überzeugt ,  dafs  es  —  es  ley   Wut  es  wolle  — 
dafselbe  Ding  und  nicht  ein  andres    iß,    wel- 
ches  zu   derfelben  Zeit   in  einem  andern  Rau« 
ine  ift,    wenn   es  auch    iu  andern  Riickfichten 
ganz  ähnlich  und  von  jenem  nicht  zu  unterfchei- 
den  wäre.  Hierin  beftehet'die  Identität,  wenn 
die  Merkmale,  denen  fie  beigelegt  wird,  in  dem 
jetzigen  Zeitpuncte  in  Vergleichung  mit  einem 
vorhergehenden,  (ich  ganz  und   gar  nicht  ver- 
ändert haben.   Denn  es  ift  weder  denkbar  noch 
ein  Gegenftand  der  ^Vahrnehrnung,  dafs    zwei 
Dinge  derfelben  Ait   in  demfelben  Räume  und 
in  derfelben  Zeit  exiftieren,   und  d^her  ift  der 
Schlufs  gnnz  richtig,  daTs,  was  in  einer  Zeit  ir- 
gendwo exiftiret,    in  demfelben  Räume  allein 
ift,  und  alle  Dinge  derfelben  Art  ausfchliefst. 
Die  Frage,  ob  ein  Ding  daffelbe  fey  oder  nicht, 
beziehet  Geh  daher  allezeit  auf  etwas,   das  zu 
derfelben  Zeit  in  demfelben   Räume  exiftiert , 
und  von  dem  es  gewifs  ift,  dafs  es  in  demfel- 
ben Augenblicke    mit    fich  felbft    einerlei  und 
nicht  verfchieden  ift.     Hieraus  folgt,  dafs  "we- 
der ein  Ding  einen  gedoppelten  Anfang  feiner 
ExifterjZi  noch  zwei  Dinge  einerlei  Anfang  ha- 
ben   können;    denn   unmöglich    können    zwei 
Dinge  von  einerlei  Art  zu  einer  Zeit  in  einem 

Raums 


Sieben    und  zvranzigfies  Kapitel.  Ij/ 

Räume  ,  oder  ein  und  dafTelbe  Ding  zu  einer 
Zeit  in  verfchiedenen  Räumen  feyn.  Was  alfo 
einen  Anfang  hat  ift  ein  und  dafTelbe,  was  aber 
einen  andern  Anfang  in  Raum  und  Zeit  hat, 
ift  ein  von  demfelben  verfcbiedenes  Ding. 
Die  Schwierigkeiten  in  Anfehung  diefes  Ver- 
hältniiles  emfprangen  aus  der  Vernachläfiigung 
beftimmter  Begriffe  von  den  Dingen ,  denen 
Identität  beigelegt  wird, 

§.       2. 

Identität    der  Subftanzen    und   Ac- 
cid  e  n  zen. 

Wir  können  uns  nur  drei  verfchiedene  Ar- 
ten von  Subftanzen  denken;  Gott,  endliche 
vorftellende  \V  e  f  e  n  :  nd  Körper,  Erft- 
lich  Gott  ift  ohne  Anfang,  ewig,  unverän- 
derlich und  allgegenwärtig,  über  Itiue  Identi- 
tät kann  daher  nicht  der  geringfte  Zweifel 
ftatt  finden.  Zweitens  da  jeder  der  endli- 
chen Gejfter  beim  Anfang  feines  Dafeyns  feine 
beftiminte  Stelle  in  Zeit  und  Raum  hat,  fo 
mufs  ihre  Identität,  fo  lange  als  üe  exiftieren, 
jederzeit  nach  dem  Verhältnifs  zu  derfelben 
Zeit  lund  demfelben  Orte  beftimmt  werden» 
Drittens.  Eben  d*s  gilt  auch  von  jedem 
Theil  der  Materie.  Jeder  Theil  'ift  noch  der- 
felbe,  infofern  er  keinen  Zuwachs  und  keine 
Abnahme  erlitten  hat.  Denn  obgleich  diefe 
M  3  drsi 


I|J  Zweite«  Buch. 

drei  Arten  von  Subfhnzen,    wie  wir   fie  nen- 
nen ,     einander    nicht    ans   detnfelben    Raum« 
ausfchliefsen ,  fo  muffen  wir  doch  nothwendig 
denken,  dafs  jeder   derfelben  eine  andre  der- 
selben Art  aus   demTelben   Räume  ausschliefst. 
Sonft    würden    die    BegrifFe   der  Identität   und 
Verfchiedenheit  ohne  Nutzen  feyn ,    und  man 
könnte    keine  Subftanz,    kein   Ding  von   dem 
andern    unterfcheiden.      Gefetzt  zwei    Körper 
könnten  zu  einer  Zeit  in  einem  und  demfelben 
Räume  feyn ,  fo  müfsten  zwei  Theile  der  Ma- 
terie,   fie    feyen   grofs   oder    klein,    identifch, 
ja  alle  Körper  ein    und  derfelbe  Körper   feyn. 
Denn    was    bei  zwei  Materientheilen  möglich 
ift,   mufs  auch  bei  allen   Körpern    ftatt   finden» 
Jene  Vorausfetzung    hebt  alfo    die  Unterfchei- 
dung   zwifchen    Identität    und  Verfchiedenheit 
auf,     und  macht  fie  ungereimt.       Allein    diefe 
Verhältniffe  und    Vergleichungsarten    find    faß 
begründet  und  von  guten  Nutzen  für  den  Ver- 
Itand,  weil  es  ein   Widerfpruch  ift,  dafs  zwei 
■und  mehrere  Dinge  ein  Ding  feyn  füllen  —  Da 
alle  andre  Dinge  nur  Beftimraurgen  und   Ver- 
hältniffe find,   welche  fich  zuletzt  auf  Subftan- 
zen  beziehen  ,   fo  wird   die  Identität  und   Ver- 
fchiedenheit ihres  befördern  Dafeyns  auf  eben 
diefelbe  Weife   beftimrnt  feyn.     Was  aber  die 
Dinge  betrifft,  deren  Exiftenz  in  einer  Zeitfol-  j 
gebefteht,  dergleichen  die  Wirkungen  endü. 
euer  Dinge  ,  z,  ß,  die  Bewegung  und  das  Den- 
ken 


Sieben  und    zwanzigstes   Kipittl.  l85 

ken  find,  fo  kann  über  ihre  l  erfchiedenheit 
lein  Zweifel  fta(t  finden.  Denn  in  dem  Au- 
genblick, da  fie  anfangen  zu  (eya,  hören  fio 
auch  wieder  auf;  fie  können  alfo  nicht  in  ver- 
fchiedenen  Zeilen  und  in  verfchiedenen  Räumen 
■wie  beharrliche  Wefen  exiftieren.  Und  daher 
Jtann  keine  Bewegung,  kein  Gedanke  infofern 
fie  in  verfchiedeuen  Zeiten  betrachtet  werden» 
üientifch  feyn,  da  jeder  Theil  derfelben  einen 
indem  Anfang  der  Exiftenz  hau 

§•  3. 

Das  Priacip  der  Individuation« 

Aus  dem  GeTagten  lafst  fich  leicht  das  Prin- 
cip  der  [Individuation  entdecken,  nach  dem 
man  fo.  lange  geforfcht  hat.  Offenbar  ift  es 
die  Exiftenz  felbft,  welche  ein  Wefen  einer  Art 
zu  einer  individuellen  Stelle  in  der  Zeit  und 
im  Räume  beftimmt,  die  zwei  Wefen  derfelben 
Art  nicht  mir^ciheilt  werden  kann.  Diefes 
Icheint 'zwar  klärer  an  einfachen  Subftanzen 
und  B?fitimmun«cn  zu  feyn;  doch  hat  es  auch 
nicht  mehr  Schwierigkeit  bei  znlammengefetz- 
ten,  wenn  man  fich  nur  das  Object  deutlich 
denkt ,  wora'uf  diefes  Prinzip  angewendet 
wird.  Wir  wollen  z.  B.  fetzen,  ein  Atorn 
d,  i.  ein  zuf-mimenhiingender  Körper  mit  einer 
unveränderlichen  Fläche  ,  exiftire  ia  einer  ba- 
ftimaitea  Zeit  und  einem  beflimmten  Räume. 
M  4    .  Es 


184  Zweites    Buch. 

Ee  ift  klar,    dar<   er  in    jedem  Moment  feiner 
Exiftenz  betrachtet  mit  fich  felbft,  id<  milch  ift; 
Denn  er  ift  demfelben  Moment  das  was  er  ift 
und  nichts  andere,  alfo  identifcb.  und  fo  tauft 
er  beharren,    fo   lanee  als    er   exiftiret.      Wenn 
zwei  oder  mehrere  Atomen  in   eine  Mafle  ver- 
einiget    werden ,     fo  mufs    nach    diefer   Regel 
jeder  derfelben  feine  Identität  behalten,  und  die 
Maffe,  infofern  fie  aus  denfelbcn  Atomen    be- 
ftehet ,   dieCelbe    Maffe  oder    Körper    bleiben, 
ohne    Rückficht    auf   Veränderungen    in    dem 
Zufammenhang  der  Tbeile.  .  Nach  Wegnahme 
eines  diefer  Atomen   oder  durch  Hinzufetzimg 
eines  neuen,    ift  es  aber  nicht   mebr   dieMbe 
MaJTe  oder  derfelbe  Körper.    l>ei  lebenden  We- 
fen   hingegen    hängt  die    Identität    von  etwas 
andern  ,     nicht    von  der   Maffe   derfelben  Be- 
ßandtheile  ab;    ihre   Veränderung   hat  keinen 
Eiuflufs  auf  die  Identität.     Eine  Eiche,    wel- 
che aus  einer  Pflanze  zu  einem   grofsen  Baume 
aufwächft,  und  dann  behauen  wird,  ift  immer 
diefelbe  Eiche;  ein  Füllen  wächft  auf  zu  einem 
I?ferde,     ift    zuweilen    fett,     zuweilen  'mager, 
und   bleibt  dabei   immer    daflelbe    Pferd;     Und 
doch  geht  in  beiden  Fällen  offenbar  eine  grofse 
Veränderung  in   den  Theilen  vor,    und   es  ift 
nicht  immer   diefelbe  Malle  von   Materie   vor- 
handen.     Der  Grund  d.ivon  liegt  darinn  ,   dars 
|n  beiden    Fallen,  bei  der  Malle  der   Materie 

und 


Sieben  uncl   rvranzigftes  Kapitel.  iSj 

K 

und  einem  belebten  Körper     die  Identität  nicht 
auf  einerlei  Ding  angewendet  wird, 

§.     4> 

Wir  muffen  alfo  unterziehen ,  worin  eine 
Eiche  von  einer  blof^n  Maffe  von  Materie 
uuterfchieden  ift.  Diefer  Unterfchied  Scheint 
mir  darin  zu  beftehen.  Eine  MalTe  Materie 
ift  blofs  ein  Zufammenhang  von  Materienthei- 
len  ,  wobei  die  Verbiudimgsart  der  Tht-ile 
gleichgültig  ift.  Bei  der  Eiche  ift  aber  eitie 
beftimmte  Einrichtung  der  Theüe,  wodurch  he 
zu  Theilen  einer  Eiche  werden,  eine  gewilfe 
Organilation  derfelben  rothig  ,  wodurch  die 
Aufnahme  und  Vertheilung  der  Nahrungsmit- 
tel, die  Forldauer  und  Bildung  des  Holzes,  der 
Rinde  und  Blätter  einer  Eiche  möglich  wird. 
Und  darin  befteht  das  vegetdbihTche  Leben. 
Da  alfojeine  Pflanze  ein  Wefen  ift,  welches 
eine  folche  Organifation  der  Thpile  in  einem 
zufamrneiihängenden  Körper,  und  Aritheil  au 
einem  gern  ei  nfchaf fliehen  Leben  hat,  fo  dau- 
ert es  als  diefelbe  Pflanze  fo  lange  fort,  als  es. 
an  demfelben  Leben  Arrtheil  hat,  ungeacht-t 
diefes -neuen  Theilen  luitgetheilt  wird,  welch« 
durch  eine  fortgefetzt»,  ähnliehe,  diefer  Pfian- 
zenart  angemelfene  Organifation  organifch  mit 
der  Piianze  vereiniget  werden.  Denn  diefe 
M  5  Oiga- 


l&6  Zweit«   Buek. 

Org^nifation  ,  welche  in  einem  gewiflen  Zeit- 
punkt in  einer  Maffe  Materie  iß,  ift  dadurch 
von  allen  andern  OrganiTationen  verfchieden, 
und  fie  ift  das  individuelle  Leben,  welches 
bei  der  ftetigen  unmerklichen  und  fuccefhven 
Verbindung  neuer  Theile  mit  der  Pflanze,  von 
die  em  Zeitpuncte  an  vorwärts  und  rückwärts 
beftandig  in  der  OrganiTation  fortdauert.  Dar- 
in iß  die  Identität  gegründet,  welche  macht, 
dafs  die  Pflanze  immer  diefelbe  Pflanze i  und 
jhreTheile.Theile  derfelben  Pflanze  find,  fo  lan- 
ge, al$  Ge  durch  die  fortdauernde  Organifation  in 
Verbindung  exiftieren ,  welche  über  alle  ver- 
bundene Theile  das  gemeinfcbaftliche  Leben 
verbreitet, 

§.    5. 
Identität  der  Thiere. 

Eben  das  gilt  mit  fo  weniger  Veränderung 
von  den  Thieren  ,  dafs  man  daraus  leicht  das 
Wefen  des  Thieres  und  den  Grund  eiufehen 
kann,  der  macht,  dafs  ein  Thier  als  identifch 
fortdauert.  Etwas  ähnliches  davon  finden  wir 
au  Mafchinen,  die  daher  zur  Erläuterung  die- 
nen können.  Was  ift  zum  Beifpiel  eine  Uhr? 
doch  nichts  anders  als  eine  zu  einem  gewiffen 
Zweck  tauglich  eingerichtete  Bildung  und  Ver- 
bindung gewiffer  Theile,  welche,  wenn  ei- 
ne  hinrsichende    Kraft    hinzukommt,    jenen 

Zweck 


Sieben  urn3  zwanzigßes  Kapitel.  lS7 

Zweck  erreichen  kann.  Gefetzt,  diefe  Ma- 
fchine  wäre  ein  zufamraenhängender  Körper, 
deflen  organifche  Theile  durch  eine  unaufhör- 
liche Zufetzung  oder  Trennung  unmerklicher 
Theile  vermöge  eines  ger&einfchaftlicben  Le- 
bens erfetfct,  vergröfsert  oder  verkleinert  wür- 
den, fo  hätten  wir  etwas  Aehnliches  von  dem 
Körper  eines  Tbieres,  nur  mit  dem  Unter- 
fchie.de ,  dafs  in  einem  Thiere  cj*e  Fähigkeit 
zur  Organifation  und  der  Bewegung,  in  wei- 
cher das  Leben  beftehet,  einen  gemeinfchaft- 
lichen  Anfang  haben ,  indem  die  letztere,  die 
Bewegung,  ihren  Grund  in  dem  innern  Bau 
hat,  da  hingegen  bei  Mafchinen  die  Krr.ft, 
welche  von  auflen  kommt,  oft  fehlet,  wenn 
die  Thei{e  derrelben  in  Ordnung  und  gut  ein- 
gerichtet find,  um  die  Einwirkun*  der  Kraft 
aufzunehmen. 

§.    6. 

Identität  des  Menfcb-en. 

Hieraus  erheilet  auch,  worin  die  Identität 
eines  Menfchen  beftehet,  nehmlichj  in. der 
Theilnahme  an  demfelben  Leben,  welches  bei 
dem  beftändigen Wechfel  dsr  Materientheile,  dis 
mit  dem  organifchen  Körper  organifch  verhun- 
gern Werden ,  fortdauert.  Wer  üe  in  etwas 
andern  beliehen  lilfst ,  als  nach  Analogie  der 
Thiere  in  der  bei  allem  Wechfel  des  Th»ile 
,   '  fort- 


188  Zweites  Buch. 

fortdauernden  Organifation  zum  Leben,  der 
wird  wohl  fchwerlich  ein  Embryo,  einen  er- 
wachsenen, w.mnfinnigen  und  vernünftigen 
Menfcben  zu  einem  und  demfelben  Menfchen 
durch  eine  Hypothefe  machen  können,  nach 
welcher  es  nicht  unmöglich  ift,  dafs  Sokrates, 
Pilatus,  Auguftinus,  und  Cäfar  Borgia  ein  und 
derfelbe  MenfcU  waren»  *)  Denn  wenn  die 
Itlentität  der  Seele  zur  Identität  des  Men- 
fchen hinreichaud ,  und  kein  Grund  in  der 
INatur  der  Materie  enthalten  ift,  wodurch  es 
unmöglich  wird,  dafs  daffelbe  Individuum  mit 
verfchiedenen  Körpern  vereiniget  werden  kann» 
fo  mufs  es  möglich  feyn ,  dafs  diefe  Menfchen 
von  verfchiedeuen  Zeitaltern  ,  und  verfchiede- 
nen Sinnesarten  ein  und  derfelbe  Menfch  wa- 
ren. Eine  Vorftellungsart,  welche  einen  auf- 
fallenden Gebrauch  des  Worts  Menfch  und 
einen  Begriff  von  demfelben  vorausletzt,  aus 
welchem  der  Körper  und  die  äufsere  Geftalt 
ausgefchlofjfen  ift,  und  Hell  noch  weniger  mit 
den  Begriffen  derjenigen  Philofophen  verträgt, 
welche  eine  Wanderung  der  Seeleu,  und  die 

Mög- 

*}  Im  Original  fteht :  by  any  Suppofition ,  that 
will  not  make  it  poffible  for  Socrates  Pia- 
te  etc.  to  bn  the  fame  Man.  Ich  habe  aber  übei- 
fetzt ,  als  lnefse  es:  that  will  not  make 
impoffible,  welches  der  Zufammenhang  fo- 
deit. 


Sieben  und  zwarizigftes  Kapital.  189 

Möglichkeit  annehmen,  dafs  die  Seelen  der 
Menfchen  ihrer  Vergehungen  wegen  in  Kör- 
per der  Thiere  verftofsen  werden ,  um  eine 
Wohnung  und  Organifaiion  zu  finden,  wel- 
che der  Befriedigung  ihrer  thierifchen  Neigun- 
gen angemeffen  ift.  Aber  ficherlich  würde 
kein  Menfch  ,  wäre  er  auch  gewlfs  über- 
zeugt ,  dafs  die  Seele  des  Heliogabalus 
in  eines  feiner  Schweine  gewandert  wärej 
behaupten,  diefcs  Schwein  fey  ein  Menfch 
oder  Heliogabalus. 

§•  7. 
Alle  Arten  von  Identität  werden  daher  we- 
der unter  der  Einheit  der  Subftanz  begriffen, 
noch  durch  fie  in  jedem  Falle  beftimrat.  Um 
fie  richtig  vorzustellen  und  zu  beurtheilen, 
mufs  man  den  Begriff  des  Worts,  mit  welchem 
die  Identität  verbunden  wird,  betrachten. 
Wenn  die  Worte  Per  fon.  Menfch,  Sub- 
ft  a  n>z  drei  verfchiedene  Begriffe  bezeichnen^ 
fo  ift  auch  derfelbe  Menfch,  diefelbe 
Per  fon  und  diefelbe  Subftanz  keines- 
wegs einerlei.  Etwas  mehr  Aufmerkfamkeit 
auf  diefen  Unterfchied  würde  wahrfcheinlich 
der  Verwirrung  und  den  Schwierigkeiten,  wel- 
che in  dieler  Materie  vorzüglich  in  Anfehung 
der  perfünlichen  Identität  herrfchen,  gröfsten- 
theils  vorgebeugt  haben.  Wir  gehen  daher 
jetzt  zur  Betrachtung  der  letztem  fort* 

thfcils 


I$o  Zweites  Buch. 

§•     «• 

Ein  Thier  ift  ein  lebender  organifcher  Kör- 
per. Daffrlbe  Thier  dauert  alfo  fort,  wie  wir 
fchon  bemeikt  haben  ,  wenn  eben  daffelbe  Le* 
ben  allen  verfchiedenen  Theilen  der  Materie» 
welche  nach  und  nach  mit  diefem  lebenden 
ortanifeben  Körper  vereiniget  werden,  unun- 
terbrochen mitgetheilt  wird.  Scharffinnige 
Beobachtungen  fetzen  es  aufler  allem  Zwei* 
fei»  dafs  ungeachtet  aller  noch  fo  abweichen*- 
den  Erklärungen,  der  Begr  i ff,  der  durch  das 
Wort  Menfch  bezeichnet  wird,  nichts  an- 
ders ifi  als  ein  Thier  von  einer  folchen  be» 
ftimmten  Form.  Denn  ich  darf  wohl  kühn 
behaupten,'  dafs  jeder,  der  ein  Wefen  von 
feiner  Form  uud  Geftalt  fieht,  follte  es  auch 
fein  ganzes  Leben  hindurch  nicht  mehr 
Vernunft  äu'sern  .  als  eine  Katze  oder  ein 
Papagey,  doch  daffelbe  immer  einen  Men- 
fthen  nennen,  hingegen  eine  Katze  oder  ei- 
nen Päpägey  »  wenn  er  fie  auch  reden  ,  den- 
ken und  philofophiren  hörte,  doch  nur  für 
«ine  Katie  oder  einen  Papagey  halten  würde  j 
er  würde  immer  nur  lagen,  jener  Menfch  fey 
dumm,  ohne  Vernunft,  der  Papagey  aber  ein 
verständiger   vernünftiger  Papagey.    *)      Nach 

mei- 


*)    Zinn    Jieweife  ,      dafs    diefe    ITvpothefe    von 
einem    vernünftigen   Papagey* -nicht   fo 


Sieben  und  zwanzigfies  Kapital»  igj 

meiner  Ueberzeugung  macht  zum  wenigften  in 
deu  Augen  der  meiften  Monfchen  der  Begriff 
eines  denkenden  und  Vernünftigen  Wefens  den 
Begriff  eines  Meufchen  nicht  allein  aui ;  es 
gehört  noch  dazu  ein  unit  derofelben  vereinig- 
ter Körper  von  befiimwiter  Form,  Und  wenn 
das  ift*  Tq  gehört  zur  Identität  des  Menfchen. 
nicht  .nur  deiTelbe  immaterielle  Geilt,  fondera. 
auch  derfelbe Körper,  der  zwar  nach  und  nach» 
aber  nicht  ganz  auf  einmal  verändert  wird, 

U     9- 
Per  fönliche   Identität» 

Nachdem  wir  diefes  vorausgeschickt  haben; 
muffen  wir,  um  den  Begriff  der  per  fön  li- 
ehen Identität  zu  finden >  unterfuchen,  was 
das  Wort  Perfon  bedeutet,  Perfon  ift » 
wie  ich.  glaube,  ein  denkendes  VVefen,  das 
Vernunft  und  Beachtungsvermögen  hat  und  fich 
als  ßch  felbft,  d.  h.  als  ein  und  dafielbe  den. 
kende  Wefen  in  verfchiedenen  Zeiten  und  Or« 
ten  betrachten  kann.      Diefes  ift  allein    durch 

das 

geradezu  zu  verwerfen  fey ,  Führt  Locke  aus 
William  T e  m  ri  I e  s  T.l e m  o i r s  o  £  wkat 
pa  ffe  d  in  t  he  Ohr  ift  e  nd  om  from  1673  to 
167g.  tine  Inftanz  von  einem  fprechenden  Papa* 
gey  in  Brafilieu  an,  welche  wir,-  unbefchadet 
des  ganzen  Rafumiementtj  hier  füglich  wegWlt« 
konnten. 


191  Zweites   P>n>  li. 

da«  BewuTstreyn  möglich;  welches,  meines  Er- 
a<  Mens,  dem  Denken  wefentlich  und  vnn  dein- 
fclben  unzertrennlich  ift.  Denn  man  kann 
n'uht  denken,  ohne  lieh  deflen  bewufst  zu 
ftyu.  Wenn  wir  fehen,  hören,  nachdenken, 
wollen,  fo  willen  wir,  dafs  diefes  in  uns  vor- 
gehet; und  fo  ift  es  bei  jedem  Empfinden  und 
Denken.  Dadurch  ift  jedes  denkende  Wefen 
für  lieh  da<,  was  es  fein  Selbft  nennt;  info- 
fern  in  diefem  Falle  noch  nicht  unterlucht  wird, 
ob  dalTelbe  Seibit  in  derfelben  oder  in  ver- 
rchiedeaea  Subftanzen  fortdauert.  Denn  weil 
das  Bewufstfeyn  {«derzeit  das  Deuken  begleitet, 
und  dasjenige  ift,  was  macht,  dafs  jeder  das 
ift,  was  er  lein  Selbft  ( Ich )  nennt  und  wo- 
durch er  fich  von  allen  andern  dankenden  We- 
fan  uiiterfcheidet ,  fo  beftehet  darin  allein  die 
per  Tön  liehe  Identität,  d.  i,  die  Identi- 
tät eines  vernünftigen  Wefen s.  So  weit  fich 
diefes  llewufofeyn  auf  vergangene  Handlungen 
und  Deiik-ikte  erstrecken  k;inn,  fo  weit  reichet 
•lieh  die  It'entit.it  derfelben  Perfon  ;  ße  ilt  noch 
dalTelbe  Srlbft,  welches  lie  damals  war,  und 
fie  rt-nectiTt  jetzt  wie  ehedem  duich  daflelbe 
über  ihre  eignen  Thätigkeiten. 

§.       10. 

Aber  nun  entfieht  noch  eine  andre  Frage:  ift 
diefes  Selbft  auch,  diefeltje  identifche  Subftauz? 
Wenige  Menfchen  würden  fich  für  berechtiget 

hal- 


Si«b«n  und  zwanzigßes  Kapitel.  193 

halten ,  diefes  in  Zweifel  zu  ziehen ,  wenn  die 
Seele  immer  diejenigen  Vorftellungen  in  deutli- 
chen   Bewufstfeyn    erhalten    könnte,   wodurch 
fje  lieh  felbft  mit  Evidenz  für  dafselbe  denken- 
de Weffcn    haken  würde.      Was   hierbei    aber 
Schwierigkeiten    zu    verurfachen    fcheint,    ift, 
dafs  diefes  Bewufstfeyn  immer  durch  die  Ver- 
geiTenheit  unterbrochen  wird.     Wir  haben  kei- 
nen Augenblick  unfers  Lebens  die  ganze  Reihe 
unfrer  vergangenen  Handlungen  vor  uns,  um 
fie  mit  einem  Bück,   zu  überfehen;    auch   das 
befte  Gedächtnifs  verliert  die  eine  Hälfte  der- 
selben aus  dem  Gefleht,  während  die  andre  be- 
trachtet wird,  zuweilen,  ja  den  gröfsten  Theil 
unfres  Lebens  denken  wir  nicht  an  die  vergan- 
genen Zuftände   unTers  Selbft  und  lind  nur  mit 
dem    Gegenwärtigen    befchäftiget ;    im    tiefen 
Schlafe    haben  wir    gar    keine   Vorfiellungen, 
zum   wenigflen    nicht   mit    dem   ßewufstfeyn, 
welches  die  Vorfteilungen   in  dem  wachenden 
Zuftände  begleitet.     In  allen  diefen  Fällen   Ta- 
ge ich  wird  unfer  Bewufstfeyn  unterbrochen; 
und  da   wir  das  Dafeyn   unfres  Selbft   in  der 
vorigen  Zeit  aus  dem  Geficht  verlieren,  fo  ent- 
liehet daher  ein  Zweifel,  ob  wir  noch  dallelbe 
denkende  Wefen  d»  h.  diefelbe  Subftanz  find, 
ein  Zweifel  aber>    der  er  mag  vernünftig  oder 
nicht  vernünftig    feyn ,    unfre  perfönliche 
Identität  gar  nicht  trifft.      Denn  die  Frage 
ift,   was  diefelbe   Perfon    ausmacht,   aber 
Locke1«.  XI.  Tlml.  N  nicht 


i    .j  Zweites  Buch. 

»icht ,  ob  es  diefelbe  identifch«  Subftanz  iftt 
welche  allezeit  in  einer  und  derftlben  Perfon 
denkt;  die  letzte  ift  ohne  allen  F.influfs  auf  un- 
fere  Unterfuchung.  Denn  verfchiedene  Sub* 
ftanzen  könnten  durch  dafselbc  Bewufstfeyn, 
wenn  fie  an  demfelben  'l'neil  niihinen,  in  ei- 
nar  Perfon  vereiniget  feyn,  fo  wie  verfchie- 
dene Körper  durch  daflelbe  Leben  in  einem 
Thiere  vereiniget  find,  welches  feine  Identität 
Lei  allem  Wechfel  der  Sublianzen  durch  die 
Einheit  des  fortgefetzten  Leben«  behalt,  Dena 
das  Bewufstfeyn  macht  allein,  dafs  ein  Menfch 
Cch  felbft  als  derfelbe  erfcheint,  und  die  per- 
fönliche  Identität  hängt  alfo  allein  von  densel- 
ben ab,  es  mag  nun  entweder  einer  einzelneu 
Subftanz  angehören,  oder  durch  eine  Reihe 
anf  einander  folgender  Subftanzen  fortgefetzt 
werden.  In  folern  ein  denkendes  Wefen  das 
Bewufstfeyn  feiner  rorigen  Thätigkeit  zurück- 
rufen kann,  und  diefes  nicht  von  dem  Bewufst- 
feyn feiner  gegenwärtigen  Handlungen  verfchia- 
den  ift,  infofern  ift  es  daflelbe  perfönliche  We- 
fen, Denn  nur  durch  das  Bewufstfeyn  feines 
jetzigen  Denkens  und  Handelns  ift  es  für  fein 
Selb ft  noch  dafselbe  Ich,  und  foweit 
das  identifche  Bewufstfeyn  Geh  auf  die  vergan- 
gene Zeit  erftreckt,  fo  weit  reicht  auch  feine 
Identität.  Die  Entfernung  der  Zeit,  die  Auf- 
einanderfolge der  Subfianzen  gründet  fo  wenig 
«lue  numerifche  Verfchiedenheit  der  Perfonen, 

als 


Siflbeii  und  zwanzigftes  Kapitel.  ip5 

al«  ein  Menfch  deswegen  ein  anderer  MenTch 
ift,  weil  er  heute  ein  andres  Kleid  trägt,  slsge- 
ftera ,  er  mag  nun  unterdcffen  eine  hinge  oder 
kurze  Zeit  gefchlafen  haben.  Ein  und  da  Reibe 
Bewufstfeyn  vereiniget  alle  vergangene  Hand- 
lungen unabgefehen  auf  die  Subftanzen,  die  et- 
wa zu  ihrer  Wirklichkeit  beigetragen  haben, 
in  eine  Perfon, 

§.     II. 

Für  die  Wahrheit  diefer  Behauptung  finden 
wir  felbil  an  unferm  Körper  einen  unläugbaren 
Beweis.  Alle  Theile  delTelben,  welche  mit 
demfelben  denkenden  Ich  organifch  vereiniget 
find,  fo  dafs  wir  es  um  bewußt  find,  wenn  fie 
berührt,  oder  afficiret  werden,  wenn  fie  fich 
wohl  oder  übel  befinden,  find  Theile  unfers 
Selbft,  d,  h,  unfers  mit  Bewufstseyn  denken- 
den Ichs.  Wir  fyxnpathifiren  mit  den  Glie- 
dern unfers  Leibes  und  intereffiren  uns  für  fie 
als  Theile  von  Uns.  Wird  aber  die  Hand  ab- 
gefchnitien  und  von  dem  Bewufstfeyn  getrennt, 
fo  ift  fie  fo  wenig  ein  Theil  von  unferm  Selbft, 
als  der  eniferntelte Theil  der  Materie.-  So  kann 
auch  die  Subftanz,  die  , dem  Ich  zum  Grunds 
lieget,  verändert  werden  ,  ohne  dafs  dieperfön- 
liche  Identität  dabei  mehr  Veränderung  erlei- 
det, als  wenn  Glieder  des  Leibes ,  die  jezt  ei- 
ner Perfon  angehörten ,  abgelöfst  werden. 

N3  §.  12, 


I9ti  Zweite»  Bück. 

Die  Fra»e  ift  aber  hier,   «b  die  Identität  der 
Perfon  mit  Veränderungen  der  denkenden  Sub- 
fianz  beliehen  kann,  oder   Ob,  wenn  die  letz- 
tere unverändert  bleibt,    dabei  eine  Verfchie- 
denheit  der  Perfon  denkbar  ift.  —     Ich  bemer- 
ke erftens,  dafs  davon  für  diejenigen  keine  Fra- 
ge mehr  feyn  kann  ,  welche  das  Denken  in  «ins 
blofse  materielle  thierifche  Organifation  fetzen, 
ohne    ein    immaterielles    Wefen    anzunehmen. 
Denn  ihre  Vorausfetzung  fey  wahr  oderfalfch, 
fo  denken  fie  floh    doch  ofFenbar  den  Grund 
von  der  Fortdauer  der  perfönlichen  Identität  in 
etwas  andern,  als  in  der  Identität  der  Subftanz, 
fo  wie  die  Identität  des  Thieres  durch  die  Iden- 
tität des  Lebens,  nicht  der  Subftanz  fortgefetzt 
wird.     Diejenigen,  welche  das  Denken  einer 
immateriellen  Subftanz  beilegen  ,  müfsen  alfo, 
ehe  fie  fich  mit  jenen  einladen  können,  zeigen, 
warum  die  Identität  der  Perfon  nicht  bei  den 
Veränderungen  einer  Subftanz  oder  demWechfel 
mehrerer  vcrfchiedenenSubftanzen  beliehen  kan, 
fo  wiediefes  der  Fall  mit  der  Identität  des  Thie- 
res ift;  fie  müfsten  denn   behaupten,  dafs  von 
einem  immateriellen  Geilte  fowohl  das  identi« 
fchs  Leben  der  Thiere,  als  die  identifche  Per* 
fönlichkeit  der  Menfchen  abhängig  fey,  wel- 
ches   die  Carte  flauer  wenigftens  nicht   zu- 
geben  werden,    aus  Furcht,    fie    möchten  die 
Thieie  auch  au  denkenden  Wefen  machen. 


Sieben  und  zwanzigfies  Kapitel.  I9f 

§•      13. 

Was  aber  nun  den  erften  Theil  der  Frage 
betrifft;   ob   die  Identität  der  Perfon  mit  den 
Veränderungen    deflelhen    denkenden  Wefens 
beftehe,  vQrausgefetzt,    dafs    nur  immateriell« 
Subftanzen    denken?    fo    antworte   ich,    diefe 
Frage  kann  nur  von  denen  beantwortetwerden, 
welche  wifien ,    von  welcher  Ar»  die  denken- 
den Subftanzen   find,  und  ob  das  Bewufstfeyn 
der  vorigen   Handlungen  aus  einer  denkenden 
Subftanx  in  die  andre  übergehen  kann,     Diefes 
wäre,  ich  geftehe  es,  unmöglich,  wenn  einer- 
lei Bewufstfeyn  diefelbe  individuelle  Handlung 
wäre;  da  es   aber  blos  die  gegenwärtige  Vor- 
ftellung   einer   vergangenen    Handlung  ift,    fo 
roüfste  noch  immer  gezeigt  werden,  warum  es 
unmöglich  fey,    dafs  fich  die   Seele  etwas  als 
gefchehen  vorteilen  könne,  was  nie  wirklich 
war.     In  wiefern  daher  das  Bewufstfeyn  ver- 
gangener Handlungen  einem  individuellen  Sub- 
jeete  mit  Ausfchliefsung  jedes  andern  angehöre, 
das  kann  von  uns  kaum   entfehieden  werden, 
fo  lange  als  wir  nicht  wiffen,  von  welcher  Art 
diefe  Handlung  ift,  welche  ohne  einen  beglei- 
tenden   Akt    des    reflectirenden   Bewufetfeyns 
nicht  gefchehen  kann  und  wie  fie  vou  denken- 
den Subftanzen,  die  nicht  denken  können,  ohne 
fich  deflen   bewufst   zu    feyu,    ausgeübt  wird. 
Da  aber  ein  und  d  a  fs  el  b  e  Bewufstfeyn  nicht 
«Uefelbe   individuelle   Handlung    ift,    fo  ift   es 
N  5  fchwer 


IJ8  Zweites  Euch. 

fchwer,  aus  der  Natur  der  Dinge  einen  Grund 
abzuleiten,   warum  eine  denkende  Subftanz  et» 
was,  das  He  nie  that,  ja  da?  vielleicht  von  einem 
andern  Subjecte  gethan  iir,  fich  nicl%t  ab  ihr»  eig- 
ne Handlung  vorftcllen  follte,  oder  mit  andern 
Worten,  es  ift  fchwer,  die   Unmöglichkeit  ei* 
ner  Yorfiellung  darzuthun  ,  der   nichts  Wirkli« 
ches  zum  Grunde  liegt,  von  weleher  Art  viele 
Vorftellungen  im  Traume  find,  die  wir,  während 
wir  träumen ,  doch  für  wahr  halten.     So  lan- 
ge wir  alfo  keine  belfere  Erkenntnifs  von  dem 
Wefen  denkender  Subftanzen    hahen,    können 
wir  den  betten   Ueberzeugungsgrund ,    dafj  es 
nicht  fo  ift,  nur  allein  in  der  Güte  Gottes  fia- 
den,  der,  in  fo  fern  die  Glückseligkeit  oder  das 
Gegentheil  eines  feiner  GeCchöpfe  dabei  inte-» 
Tefiirt   ift,   nicht  zugeben  kann,    dafs  das  ße- 
wufstfeyn,  welches  Belohnung  oder  Strafe  nach 
fich    zieht,  durch  eineu    unvermeidlichen  Irr- 
thum  von  dem  einen  Wefen  auf  das  andre  über- 
gehe.    In  wiefern  diefer  Grund  gegen  diejeni- 
gen gebraucht  werden  kann,  welche  den  Grund 
des  Denkens  in  einem  Syftcm  fliefsender  Le» 
bensgeifter  fetzen,  mögen  andre  unterfuchen  ; 
wir    aber  kehren    zu  unfrer  Frage  wieder  zu- 
rück.    Wenn   dafselbe  Bewufstfeyn    (welches 
wie  wir  fchon  gezeigt  haben,  etwas  ganz  andres 
ift,  als  diefelbe  numerifche  Geftalt  oder  Bewe- 
gung in  dem  KörperJ  von  einer  denkenden Sub^ 
ftam  auf  die  andere  übergehen  kann,  fo  muft 

man 


Siebsn  uni  zvranzigit.es  Kspitcl.  i<)£ 

man  auch  die  Möglichkeit  einräumen  ,  dafs  zvrei 
denkende  Subftanzen  nur  eine  Perlon  ausma- 
chen können.  Denn  durch  die  Fortdauer  def- 
felben  Bewufsifcyns,  es  fey  in  einer  oder  in 
verfchiedeuen  Subftanzen  ,  wird  auch  die  Iden- 
tität der  Perfon  erhalten« 

§■     M. 

Der  zweite  Tbeil  der  Frage:  ob  bei  der 
Fortdauer  einer  und  derfelben  immateriellen 
Subftanz  eine  doppelte  Perfönlicbkeit  möglich, 
ift?  fcheint  mir  auf  einer  andern  Frage  zu  beru- 
hen, nehmlich:  I ft  es  möglich,  dafs  ein  und 
dafselbe  immaterielle  Wefen  fein  Bewufstfeyn 
von  den  Handlungen  feiner  roiigen  Exiftenz 
mit  der  Fähigkeit,  es  wieder  zu  erneuern, 
gänzlich,  verlieren  kann,  fo  dafs  es  gleichfam 
eine  neue  Periode  feiner  Exiftenz  von  einem 
gelitten  Zeitpunkt  zu  berechnen  anfängt,  über 
welchen  hinaus  fein  Bewufstfeyn  fchlechter- 
dinss  nicht  reichet.  Diefer  Meinung  find  of- 
fenbar diejenigen,  welche  eine  Präcxiltenz 
der  Seele  behaupten.  Denn  fie  nehmen  an  — 
und  fie  miifien  es,  wenn  ihnen  nicht  die  Er- 
fahrung widerfprechen  foll  —  dafs  die  Seele 
aus  ihrem  vorhergehenden  Zuftaude,  in  dem 
fie  entweder  ganz  ohne  Körper  war,  oder  ei- 
nen andern  befeelte,  kein  Bewufstfeyn  ihrer 
Handlungen  zurückgebracht  hat.  Eine  fckha 
Seele  mufs  r.othwendig  verfchiedene  Perfanen 
N  4  aus- 


*•<>  Zweites  Buch. 

ausmachen,  da  Ge  doch  eine  fo  lange  Zeit  nicht 
im  Zuftande  des  Nichtbewufstfevns  wird  znge" 
bracht  haben,  und  die  Idtnitit.it  der  Per  on 
nicht  weiter  reicht,  als  das  Bewulstfeyn.  Wir 
wollen  uns  einen  chriftliehen  Platoniker  oder 
PythagOräer  denken,  der  unter  der  Yorau<fe- 
tzung  ,  d*G>  Gott  alle  Werke  der  Schöpfung  tr.it 
dem  fiebemen  Tag  endigte,  annimmt«  feine 
Seele  habe  feitdem  immer  emittiert  und  ver* 
fchiedene  menfchliche  Körper  durchwandert. 
Wirklich  habe  ich  einen  Mnnn  gekannt,  der 
fich  einbildete,  feine  Seele  l'ey  Sokrates  Seele 
gewefen.  In  wie  fern  diefe  Einbildung  ver* 
nünftig  war,  will  ich  hier  nicht  unterfuchen  ; 
genug  in  dem  anfehnlichen  Polten,  den  er  be- 
kleidete, galt  er  für  einen  vernünftigen  Mann» 
und  feine  Schriften  haben  bewiefen,  dafs  es 
ihm  weder  an  Verfiand  noch  an  Gelehrfamkeit 
fehlte.  Darf  wohl  jemand  behaupten,  diefer 
Mann  fey  eine  Perfon  mit  dem  Sokrates,  da  er 
lieh  keiner  Handlung  und  keines  Gedankens 
des  Sokrates  bewufst  ift?  Wir  wollen  fetzen, 
einer  fchliefse  aus  dem  Selbftbewufstfeyn  auf 
einen  immateriellen  Geilt,  der  in  ihm'  denkt 
und  fein  Ich  ausmacht,  wodurch  er  bei  allem 
Wechfel  des  Körpers  derfelbe  Menfch  ift;  wir 
wellen  ihn  die  Hvpothefe  annehmen  laden, 
diefer  Geilt  fey  diefelbe  Seele,  welche  in  dem 
Neftor  oder  Therfites  bei  der  Belagerung  Tro- 
jas  war  —  «ine  VorausfeUung ,  die  nicht  offen» 

bar 


Sieben  und  2Vranxigftes  Kapitel.  aoi 

bar  ungereimt  ift,  weil  die  Seelen,  foviel  wir 
von  ihrem  Wefen  w-illen ,  gegen  jeden  Theil 
der  Alaierie  gleichgültig  find  —  wird  oder 
kann  er  aber  bei  dem  allen  fich  für  einerlei  Per* 
fem  mit  einem  von  beiden  halten,  da  ihm  das 
BewufstfcT'n  der  Handlungen  des  einen  fowohl 
als  des  andern  fehlt?  Kann  er  wohl  Antheil 
an  einer  ihrer  Handlungen  nehmen  ,  und  fie  fich, 
mit  mehrerm  Rechte  zueignen,  als  die  Hand- 
lungen irgend  eines  andern  exiftiTfinden  Men* 
feben?  Da  Geh  alfo  fein  Bewufstfeyn  nicht 
auf  die  Handlungen  diefer  Perfonen  erftreckt, 
fo  ift  er  fo  wenig  eine  Perfon  mit  denfelben, 
als  wenn  feine  Seele  erft  in  demfelben  Augen* 
blick  wäre  erfchaffen  worden,  da  Ge  feinen 
jetzigen  Körper  zu  beleben  anfieng,  follte  es 
auch  noch  fo  ausgemacht  feyn ,  dafs  fie  nume» 
rifch  diefelbe  wäre,  welche  den  Körper  des 
Therfites  und  Neltors  bcfeelte.  Denn  diefes 
würde  ihn  fo  wenig  zu  einer  Perfon  mit  dem 
Neftor  machen,  als  wenn  Materientheile,  wel* 
che  einft  einen  Theil  des  JNefiors  ausmachten, 
jetzt  Theile  feines  Körpers  wären, •  weil  ohne 
Einheit  des  Bewufstfeyns  die  Verbindung  derr 
felben  immateriellen  Subftanz  mit  einem  Kör* 
per  eben  fo  wenig  die  Identität  der  Perfon  b@« 
gründet,  als  die  Verbindung  derfelben  Mateiis 
mit  einem  Körper,  Gefetzt  aber,  er  fey  fich  ei- 
ner Handlung  des  Nestors  als  feiner  eignen  be- 
N  5  wulst, 


;oa  Zweites  Buch. 

vviifst,  plann  rnu*s  er  fich  auch  für  eine  Perfo» 
mit  demielben    halten. 


$•     15* 

Auf  (liefe  Art  können  wir  ohne  Schwierig- 
keit eint*  petfönliche  Identität  bei  der  Aufer- 
ftehung  uns  denken;  wenn  daffelbe  identifche, 
Bewafstfeyn  mit  der  Seele  eines  Menfchen 
fortdauert,  die  feinen  Körper  hier  befelte,  Toll- 
te auch  diefer  dein  Bau  und  den  Theilen  nach 
nicht  ganz,  derfelbe  mehr  feyn .  der  er  hier 
war,  Indeffen  ift  doch  der  Seele  allein  Lei 
dem  Wechfel  des  Körpers  zur  Identität  des 
Menfchen  nur  für  denjenigen  hinreichend,  der 
die  Seele  zum  ganzen  Menfchen  macht.  Denn, 
gefetzt,  die  Seele  eines  Prinzen«  wanderte 
mit  dem  Bewufstfeyn  ihres  vorigen  Lebens] in 
den  Körper  eines  SchuHickers,  fobald  als  er 
entfeelt  worden ,  fo  ift  einleuchtend,  dafs  er 
einerlei  Perfoii  mit  dem  Punzen,  und  für  def- 
fen  Handlungen  verantwortlich  feyn  würde. 
Könnte  man  aber  wohl  fagen ,  es  fey  derfelbe 
Menlch?  Auch  der  Körper  gehört  mit  in  den 
K^giifB  eines  Menfchen,  und  er  würde  wohl 
jn  diefern  Fall  nach  aller  Meinung  die  Indi- 
vidualität des  Menfchen  beftimmen ,  die  Seele 
h  ngrgen  mit  allen  ihren  prinzlichen  Gedanken 
keinen  Kadern  Menfchen  machen;  der  Schu- 
flicker    würde   m  den  Augen  aller',  fich  felbft 

aus- 


• 


Sieben  und  zvran zigfies  Kjj« iiel.  2c3 

ausgenommen,  nichts  anders  als  derfelbe  Schü- 
rf icker  feyn.  Ich  weifs  wohl,  dafs  n*<.h  dem 
gemeinen  Sprachgebrauch  di&  Ausdrücke,  ei- 
nerlei Perfon  und  einerlei  Menfch  gleichgel- 
tend* Begriffe  find;  in  der  Tbat  ihat  auch  je- 
dermann das  Recht,  die  Ausdrücke  nach  Be- 
lieben zu  gebrauchen,  fie  mit  Kegriffen  zu 
verbinden  und  tu  verändern;  allein  wenn, 
man  unterfuchen  will,  worauf  (ich  die  Iden- 
tität eines  Geisel,  eir.es  Menfchen, 
einer  Perfon  gründet,  fo  muffen  dieft;  Begriff 
beftimrnt  und  fixirt  werden,  und  nur  dadurch 
kann  die  Aufföfung  aller  diefer  Fragen  erleich- 
tert werden. 

$.     16* 

Die     Einheit      des     Bewufßtfeyns 
macht  diefelbe   Perfon  aus. 

Wenn  gleich  diefelbe  immaterielle  Subftanz 
oder  Seele  in  keinem  Falle  allein  dcmfelben 
Menfchen  ausmacht,  fo  ift  ee  doch  einleuch- 
tend, dafs  das  Brwufstfeyn  ,  To  weit  es  nur 
reichen  kann,  das  Dafeyn  und  die  Handlungen 
der  entfernten  Zeit  fo  gut  als  des  unmittelbar 
vorhergehenden  Augenblicks  in  diefelbe  IVr- 
fon  vereiniget ;  folglich  ift  dasjenige,  welchem 
das  Bewufstfeyn  fovrohl  der  vergangenen  als 
der  gegenwärtigen  Handlungen  angehebt,  die» 
Ulbe  Perfon.     Denn  es  kommt  bei   dieler  Fra» 

£0 


2<U  »Zweites   Buch. 

gp  gar  nicht  darauf  an,  ob  diefes  Selbft  aus 
de?felben  oder  einer  andern  Subftanz  beftehet, 
fourlern  auf  das  Selbftbewufstfeyn  ,  welches 
mich  nothiget  ,  alle  Handlungen  ,  waren  lie 
auch  vor  taufend  Jahren  gefchehen  ,  wenn  li» 
durch  ddflelbe  mir  zugefchrieben  werden,  fo 
gut  als  die  des  vorhergehenden  Augenblicks 
als  meine" Handlungen  und  mich  felbft,  als  für 
/je  verantwortlich  zu  betrachten, 

§.     17» 

Das  Ich  iO  das  mit  Bewufstfeyn  denkend« 
Wefen ,  welches  einer  Empfindung  des  Ver- 
gnügens und  Schincrzens,  der  Glückfeligkeit  und 
des  Gegentheils  empfänglich  ift,  und  daher 
Jlch  nach  dem  Unifange  diefes  Bewurstfeyns 
für  Geh  felbft  intereffirt.  Von  welcher  Art  die 
Subftanz  «"effelben  ift,  ob  geift'g  oder  mate- 
riel,  einfach  oder  zufamiiiengefetzt ,  darauf 
kommt  hier  nichts  an.  Es  ift  alfo  einleuch* 
tend  ,  dafs  der  kleine  Finger,  als  in  diefem  Be- 
wufstfeyn  begriffen,  fo  gut  als  etwas  anders 
einen  Thoil  des  Ich  mit  ausmacht,  Wenn  bei 
einer  Ablöfung  diefes  Gliedes,  jenes  Bewufst- 
feyn  ßch  von  dem  übrigen  Körper  trennen,  und 
mit  diefem  verbinden  Tollte,  fo  würde  der 
kleine  Finger  offenbar  die  Perfon  ja  die« 
felbe  Perfon  feyn ,  und  das  Ich  nichts  mit 
dem  übrigen  Körper  zu  thun  haben.     So  wie 

das 


Sieben  und    zwanzigftes   Kapital.  205 

das  Bewufstfeyn  in  diefem  vorausgefetzten  Fall  ■ 
einer  Trennung,  der  Grund  von  der  Identi- 
tät der  Perfon  Ht,  fo  verhält  es  fich  auch  in 
An fehung  der  in  der  Zeit  entfernten  Subftan- 
xen.  Alles,  was  das  Bewufstfeyn  des  jetzt  den- 
kenden Wefens  mit  ßch  felbft  vereinigen  kann, 
das  macht  diefelbe  Perfon  aus,  und  ift  Eins 
mit  demfelben,  alles  andere  ift  davon  at!?ge- 
fchloffen  j  und  alle  Handlungen  ,  welche  diefes 
Bewufstfeyn  umfafst,  werden  auf  diefes  Selbft 
als  eigene  Handlungen  bezogen.  Diefes  lehrt 
das  Selbftbewufstfeyn  eines  Jeden., 

$>     18. 

Das  Ich  ift  der  Gegen  ft  and    der    Be- 
lohnungen und  Beftrafungen, 

Auf  diefe  Identität  der  Perfon  gründet  ßch 
alles  Recht  und  die  Gerechtigkeit  der 
Strafen  und  Belohnungen»  Denn  jede 
Perfon  intereffirt  nur  ihre  eigne  Glückseligkeit 
und  Unglückfeligkeit,  aber  nicht  der  Zultand 
einer  andern  Subftanz,  die  keinen  Antheil  an 
diefem  Bewufstfeyn  hat.  Das  vorher  gebrauch- 
te Beifpiel  kann  auch  hier  zur  Erläuterung 
dienen. 

§♦    T9» 

Diefes  zeigt  uns  offenbar,    dafs    die  Identl« 
tat  der  Perfon  nicht  in  der  Identität  der  Sub- 
ftanz, 


to6  Zweit«  Rudi. 

[hnz,  fondevn  des  Bewufstfeyus  befteht.  Wenn 
Sokrates  in  dem  wachenden  und  fchlafenden 
Zuftande  nicht  daffelbe  liewufätleyn  hat,  fo  ift  | 
der  wachende  und  fchJaleude  Sokrates  nicht 
eine  und  diefVlbe  Perfon.  Den  wachenden 
Sokrates  für  das  beitrafen  zu  wollen,  was  der 
fchlafeude  dichte  ,  und  deffen  jener  fich  nicht 
bewufst  ift,  wäre  dann  eben  fo  wenig  recht, 
als  wenn  man  den  einen  Zwilüng&brnder  für 
dasjenige,  wjs  der  andere  thac,  deffen  fich 
jener  aber  nicht  bewufst  ift,  und  zwar  aus 
dem  Grunde  beflrafen  ;  wollte  ,  weil  beide  in 
der  äufsem  Gefialt  fo  ähnlich  find,  da  fs ,  wie 
wohl  zuweilen  der  Fall  gewefen  ift,  man  fie 
nicht  ur.terfcheiden  konnte. 

$.     20. 

Ein  Einwurf  ift  hier  noch  möglich.  Ga- 
fetz-i,  wird  mau  vielleicht  lagen,  ich  verliere 
das  BewufsLfeyn  eines  Theils  meines  Lebens, 
fo  dafs  ich  vielleicht  deffeiben  nie  wieder  be- 
t  werde,  bin  ich  dann  nicht  noch  diefelbe 
Perfon,  welche  diefe  Handlungen  that,  diefe 
Gedanken  hatte,  deren  ich  einft  als  meiner 
bewufst  war,  ob  fie  gleich  jetzt  aus  meinem 
Bewufstfeyn  verfchwunden  find  ?  -  Es  mufs 
hier  bsftimmt  werden,  worauf  das  Wort  Ich 
angewendet  wird.  In  diefera  Falle  ift  es  offen- 
bar nur  der  Menfch  allein;    da  aber  nach  dar 


Sieb«n  und  zwanzigßes  Kapitel.  au~ 

gewöhnlichen  Vorftellungsart  derfelbe  Menfch 
und  diefelhe  Perfon  einerlei  ift,  Po  wird  auch 
hier  ganz  natürlich  vorarusgefetzt  ,  dafs  das 
Ich  diefedbe  Perfon  bezeichne.  Ailein  wjre 
es  möglich,  d3fs  ein  .und  derfelbe  P.lenfch  zu 
verfthiedenen  Zeiten  ein  befondre«  getrenntes 
Bewufstfeyn  hätte,  fo  Würde  derfelbe  auch 
ohne  allen  Zweifel  zu  verfchiedenen  Zeiten 
verfchiedene  Perfonen  ausmachen.  Dafs  die- 
fes  die  Vorfiellungsart  der  Menfchen  ift,  fehen 
wir  aus  der  feierlichften  Erklärung  ihrer  Mei- 
nungen. Denn  die  menfchiichen  Gefetze  be- 
ftrafen  einen  wahnfinnigen  nicht  wegen  der 
Handlungen,  die  er  als  vernünftiger  Menfch 
that,  noch  diefen  für  das,  was  er  im  Wahn- 
finn  that,  und  Ge  fehen  fie  daher  für  zwei 
Perfonen  an,  Diefes  drücken  auch  gewifler- 
mafsen  die  Piedeusarten  aus;  er  ift  nicht 
mehr  derfelbe  Menfch,  er  ift  aufser 
fich;  denn  in  ihnen  ^ift  die  Vorfiellungsart 
derer  die  fich  derfelben  zum  wenigften  zuerft 
bedienten,  angedeutet,  dafs  das  Selbft  verändert, 
UDd  diefeibe  Perfon  nicht  mehr  in  demfclbcn 
Menfchen  ley, 

§.     £1. 

Unterfchied    z  w  i  f  c  h  e  h  der  Identi- 
tät desMenfchen  und  der  Psrfon, 
Bei  dem    allen  läTt  es  fich  doch   kaum  den- 
ken,    Jafs    Sokrates  ein    und    derfelbe  indivi- 

du- 


2>?  Zweilas  Buch, 

duelle  MenTcb  fcwei  Perfoneu  fcyn  Toll.  Um 
dicfe  Schwierigkeit  aufzulüfen,  in  äffen  wir 
unter  Tuchen  ,  was  man  unter  Sokrates  oder 
demfeiben  individuellen  Menfchen  verftehet. 
Diefer  Ausdruck  uiufs  entweder  diel'elbe  indi* 
v:  luelle  immaterielle  denkende  Sjibftanz,  kurz 
die  fei  be  numerifche  Seele,  oder  daflelbe  thie- 
rifche  Wefen  ohne  Rücklicht  auf  eine  immate- 
rielle Seele  oder  endlich  drittens,  diefelbe  im- 
materielle Seele  in  Verbindung  mit  demfelbett 
thiprifchenKürpev  andeuten.  —  Man  nehme  von 
du  1  nFällen  an,  welchen  man  will,  fo  kann  doch 
die  Identität  der  Perfon  in  nichts  andern  als 
in  dem  ßewufstfeyn  beftchen  ,  noch  von  gröf- 
fern  Umfang  alsdiefes  fcyn.  —  Nach  der 
edlen  Vorausfetzung  mufs  man  die  Möglich- 
keit eingesehen  ,  dafs  zu  verfchiedenen  Zeiten 
von  verschiedenen  Weibern  geborne  Menfchen 
ein  und  derfelbe  Menfch  fevn  konneu.  Nach 
diefer  Vorftellun^sart  miifste  es  auch  für 
möglich  gehalten  werden,  dafs  ein  Menfch. 
zwei  verTchiedene  Perfonen  fey  ,  fo  wie 
zwei  Menfchen ,  die  zu  verfchiedenen  Zei- 
ten lebten  ,  ohne  von  einander  etwas  zu 
Willen.  Nimmt  man  aber  die  zweite  und  dritte 
Vorausfetzung  an  ,  fo  kann  Sokrates  in  diefem 
t^nd  dem  kündigen  Leben  nur  allein  durch  das 
Bewufstfeyn  derfelbe  Menfch  fe|n.  Hiernach 
beftehet  die  Identität  des  Menfchen  und  die 
Perfon  in  einerlei  Dinge,  und  man  kann  ohne 

Sckwif 


Sieben  und  zxvanzigftes  Kapitel.  20$ 

Schwierigkeit  eingesehen,  dafs  deiTelbe  Menfch 
diefelbe  Petfon  fey.  Nur  ruüITen  die  Verthei- 
diger  diefer  HypotheTe  noch  unterfuchen ,  wie 
Sokrates  als  Kind,  und  nach  der  Auferftehung 
noch  derfelbe  Meiafch  feyn  kann.  Doch  wor- 
in man  auch  immer  den  Begriff  deffelben  und 
folglich  auch  dsffelben  individuellen  Menfchen 
fetzen  mag,  worin  vielleicht  nur  wenige  Men- 
fchen einftimmig  denken,  fo  können  wir  doch, 
um  uns  in  keine  grofsen  Ungereimtheiten  zu 
verwickeln,  die  perfönliche  Identität  in  nichts 
anderm  als  iu  dein  ßswufstfeyn  fetzen. 

§.     22. 

Allein  ift  nicht  ein  Menfch  in  und  nach 
der  Trunkenheit  diefelbe  Perfon  ,  wie  könnte 
er  fonfi  für  die  in  der  Trunkenheit  begange- 
nen Handlungen  beftraft  werden,  deren  er  fich 
doch  nachher  nicht  bewufst  ift?  Gerade  fo 
wie  ein  Menfch,  der  im  Schlafe  wandelt  und 
andre  Dinge  thut,  diefelbe  Perfon,  und  für 
jeden  in  diefem  Zufiand  angerichteten  Schaden 
verantwortlich  ift.  Die  Gefetze  betrafen  fie 
beide  mit  einer  ihrer  Erkenntnifsart  angemef- 
fenen  Gerechtigkeit.  Denn  da  fie  in  diefea 
Fallen  die  Wirklichkeit  und  die  Verftellung 
nicht  unterfcheiden  können,  fo  wird  die  Nicht- 
befonnenheit  in  t!er  Trunkenheit  und  dem 
Schlafe  für  keine  gültige  Entfchuldigung  anga- 
Lecke's.    II.  Thcüt  O  nom- 


3  \o  Zweites   Buch. 

nOtnuiPA.  Ungeachtet  die  Strafen  blofs  auf 
die  P.  r.rör,lichk<'it  und  diefe  auf  das  Bewnfst- 
lt  vu  br-iulie  i,  ungeachtet  der  B  -trunkene  viel- 
Ici.  lit  ohne  Bewusileyn  handelt,  fo  ift  doch 
leine  Bcllrafuug  nach  den  Gefetien  perecht, 
v  ■  i  das  Factum  g.'K»  u  ihn  aber  nirht  iter 
Mangel  de.  Bewufsifeyus  für  ihn  bewiefen 
Wrrdtn  kann.  Alter  an  jenem  grofsen  Tage, 
an  welchem  alle  Gcheiuuiiire  der  Herten  auf- 
pe  ■  i  kt  werden  follen,  darf  nun  mit  Grund 
hoffen,  dafs  keiner  für  das,  wovou  er  nichts 
Wvtf&.  zur  Rechenlchaft  gezogen  w<;nlen,  fon- 
dern nur  in  fo  fern  fein  Uitheil  empl  ingen  wird, 
a.a  ihn  [ein  eignes  Gewiilen  anklagt  odsr  ent- 
fc  huldiget, 

$•     2J. 

Das  Bewufstfeyn   macht  allein  un- 
f  e  r  Sei  bft  aus. 

Nut  d.is  ß'-vvufstfeyn  allein  kann  entfernte 
Zullände  des  üaicyus  in  eine  Perlon  vereini- 
gen, nicht  aber  die  Identität  der  Subftanz. 
Denn  eine  Subftanz,  von  welcher  Art  und  Bil- 
dung !ie  immer  fe-yn  mag,  ift  ohne  ßewufst- 
feyn  doch  keine  Perfon.  fonß  könnte  es  auch 
w..hl  ein  Skelet  ftyn.  —  Könnten  wir  vor- 
au>!e:zeu,  dafs  fcin  zweifaches,  verfthit-Jencs 
ui-d  nnvereinbttriicb.es  Bewufstfeyn  in  dtinfel- 
bt\i  Körper«    das  eint;  bei  flacht   da*  andre  bei 

Ta*e 


Sieben  und  zwanüigfles  Kapitel.  ZU 

Tage,  und  dafs  a;:f  der  andern  Seite  ein  und 
daffelbe  Bewafstfeyn  in  zwei  verfcbiedeiien 
Körpern  wechfelsweife  wirkfam  wäre;  müf.'te 
denn  nicht  iü  jenein  FhU  der  Menfch  bei  Tage 
eine  andere  Perfon  als  bei  Nacht,  und  fo  ver- 
fchieden  ah  Sokrates  und  Plato  ,  und  in  diefem 
eine  und  rtiefelbe  I  erfon  iü'  zwei  verfehlteren 
Körpern  feyn ,  wie  ein  M-enfch  in  zwei  vcr' 
fchiedenen  Kleidern  .  erfslbe  Menfch  iß?  Die 
Behauptung,  di  I  i  iheit  oder  Verschiedenheit 
des  ßewu.'.  f  yn  fey  in  der  Identität  oder  Ver- 
fchiedenlieit  der  i, Materiellen  Subfianz  gegrün- 
det, und  durch  diefe  in  dielen  Körpern  her- 
vorgebracht, hat  auf  unfern  Gegerütand  wenig 
Einflufs,  fie  mag  wahr  oder  falfch  feyn.  Denn 
es  ift  klar,  dafs  die  Identität  der  Perfon  durch 
das  Bewufstfeyn  beftimrat  wird ,  diefes  mag 
an  eine  immaterielle  individuelle  Subßanz  ge- 
bunden feyn,  oder  nicht.  Gefetzt  die  denken- 
de Subftanz  inufste  in  dem  Menfchen  als  im* 
materiell  gedacht  werden  ,  fo  iß  es  doch  aus. 
gemacht,  dafs  fie  das  Bewufstfeyn  ihres  vori- 
gen Zufiandes  verlieren  und  wieder  erlan- 
gen kann.  Die  Erfahrung  lehrt  es,  dafs  Men- 
fchen oft  ihre  verborgenen  Handlungen  gänz- 
lich verbellen,  und  zuweilen  eine  vergeffene 
Sache  nach  vielen  Jsliren  wieder  ins  Bewufst- 
feyn zurückrufen.  Diefe*  Vergeffen  und  Erin- 
nern düifte  Mir  Tag  und  Nacht  regelmäfsig  mit 
einander  abwechfela ,  fo  hätte  man  zwei  Per- 
0  2  fönen 


212  Zweites  Bück. 

fönen  bei  einem  immateriellen  Geilte,  fo  wi« 
nach  dem  vorigen  Falle  zwei  Perionen  in  dem- 
ftlben  Körper.  Das  Selbft  wird  alfo  nicht 
durch  die  Identität  oder  Verfchiedenheit  der 
Subftanz,  deren  man  fich  nicht  vcriichemkann, 
lbndern  allein  durch  die  Einheit  des  Bewufst« 
feyns  beftiinmt. 

S«    24. 

Das  Ich  kann  es  fich  freilich  als  möglich 
denken,  dafs  die  ihm  zu  Grunde  liegende  Sub- 
ftanz vorher  mit  demfelben  Bewufstfeyn  exi- 
ftiert  hat.  Allein  nach  Aufhebung  des  Bewufst- 
fcyns  macht  lie  fo  wenig  das  Seibit  oder  einen 
Theil  dcffelben  aus,  als  jede  andre  Subftanz, 
wie  aus  dem  oben  angeführten  Beifpiele  von 
einem  abgelöteten  Gliede  erhellet.  So  wie  die- 
fes  nicht  mehr  als  ein  Theil  des  Menfchen  be- 
trachtet wird,  wenn  es  nicht  mehr  in  Verbin- 
dung mit  dem  Bewufstfeyn  flehet ,  fo  ift  das 
eben  der  Fall  mit  einer  immateriellen  Subftanz, 
welcher  das  Bewufstfeyn  fehlt,  wodurch  ich 
mir  felbft  Ich  bis.  11t  daher  eine  Zeit  ihrer 
Exiftenz,  die  ich  nicht  mit  diefem  Bewufstfeyn 
verbinden  kann,  fo  ift  lie  in  derfelben  fo  we- 
nig Ich  ,  als  jede  andre  immaterielle  Sub- 
ftanz» 

§.     ■'«* 

Die    wahrfcheinlichere    Meinung  ift,    ich 
leugne  es  nicht,  dafs  diefes  JBewulstleyn  mit 

«i- 


Sieben  und  zwanzigfies  Kapitel.  313 

einer  individuellen  immateriellen  Snbftanz  als 
deflen  Beftimmting  verknüpft  ifr,     Doch  wenn 
fich  das  auch  Jeder  nach*  feinen  befondern  Hy- 
pothefen    erklären  wollte,  fo   mufi  iloch   jedes 
vernunftige  einer  Glückseligkeit  empfängliche 
Wefen  folgende  Sätze  eingefiehen  :  £■*  ifi  in  dem 
Menfchen  etwas,    das  er  für  Selb  ft  hallt,  für 
welches  er  fich  intereffirt,    und  defTen  Glück- 
feligkeit  er  wünfeht;  diefes  Selbft  hat  in  einer 
ununterbrochenen  Dauer  länger  als   einen  Au- 
genblick  exiftirt;    es  ift   daher    möglich,     dafs 
es  auch  künftig  noch  mehrere  Monate  und  Jah- 
re exifticren  werde,    ohne  dafs    feiner   Dauer 
gewifle    Grenzen    gefetzt   find;    diefes  Selbft 
kann  endlich  durch  die  Fortdauer  deffelben 
Bewufstfeyns     ebenda  ffelbe     Selbft    feyn. 
Und  fo   findet  jeder   Menfch  in   dem    Bewuist- 
feyn    die   Ueberzeugung ,     dafs    er   diefelbfe 
l'erfon  iß ,   welche  vor    mehrern   Jahren  diefe 
oder   jene    Handlung    begieng,    durch  welch» 
er  jetzt  glücklich  oder  unglücklich  ift.     Bei  al- 
len    diefen     Betrachtungen    und     RückGchten 
wird  daffelbe   fortdauernde  Bewufstfeyn,  aber 
nicht   die    numerifch   identifche  Subftanz,    als 
der  Grund  der  Identität   diefes    Selbft 
aegefehen,  .  " 


6  3  f.  i«. 


»14  Zweites   Buch. 

Per  for    ifl    ein    gerichtlich**    Aus- 
druck« 

Das    Wort    Ter  fori    ifi    meines  Erachtens 
ein    Ausdruck    für    diefes     Selblt.       Was    ein 
MenTch  fairi  Srlbft  nennet,  d.is  ift  kann  ein  ?n 
drei    lagen,    diefelbe    Perfon.     Das  Wort 
Perfon    ift    ein    gerichtliches    Wort,    wodurch 
Handlungen  nebft  Verdiente    und   Schuld  zugy. 
rechnet    werden,    und    tiaber   kommt   es  nur 
vernünftigen  Wefen  zu,    welche    für    Gefetza 
und  für  Glückfeligkeit  Empfänglichkeit  haben. 
Diefe    Persönlichkeit    erOreckt    fich    über    die 
Gegenwart,    auf    die    Vergangenheit  aber    nur 
durch    das    BewuTstfeyn,    wodurch    fich    eine 
Perfon    fe.bft    vergangene     Handlungen    mit 
einem  gewiffen   Intereüe  zueignet,    zurechnet, 
und    für  üe  verantwortlich  wird,    und   zwar 
aus  eben  demfeiben  Grunde,  als  bei  den  Hand- 
lungen der  gegenwartigen  Zeit.     Der  gemein- 
fchaftliche  Grund  davon  ift    nehmlich  das  In 
terefTe  für  Glückfeligkeit,    welches    von    dem 
Bewufstfeyn    unzertrennlich    ift.       Denn    was 
ties   Vergnügens    und   Schmerzens  bewufst  ift, 
das   wünfeht   auch,    da,rs   das   Subject  des   Be- 
wufstfeyns  glückfelig  fey.     Daher  kann  es  an 
allen    vergangenen    Handlungen  ,     welche    es 
durch  ilas  BeWufslfeyn  mit  dem  jetzigen  Selbft 
nicht  vereinigen  kann,  fo   wenig  Antheil  neh- 
men 


Sieben  und  ewanzigfies  Kapitel.  II J 

wer,,  als  wenn  fie  gar  nicht  gofchc-iien  wären, 
und  foilte  es  derentwegen  Vergnügen  oder 
Schmerz  empfinden  ,  d.  h.  belohn*  oder 
beftraft  werden  ,  fo  wäre  das  eben  fo  viel, 
als  wenn  es  ohne  alles  Verdienft  um!  Vtrfchnl- 
den  ,  gleich  vom  Anfang  feines  Bafcyn>  glück- 
felig  oder  eletid  wäre.  Denn  wenn  rin  SVIenfch 
in  diefem  Leben  für  das  ,  was  er  in  ptnem  an- 
dern gethan  hätte ,  wovon  aber  fchlf  chterdings 
kein  Bewnfstfeyn  möglich  Wäre,  beftraft  würde; 
welcher  Unterfchied  Jiefs  fich  dann  wohl  noch 
zwi.'chen  diefer  Beftrafung  und  dem  Erfchaffen- 
feyn  zur  Unglückfeliikeit  denken?  Ganz  ein- 
ftimmig  mit  diesen  Grundfätzen  H  es,  was 
der  Apoftel  f^g  i  dafs  an  dem  großen  Tage, 
da  jeder  nach  feinen  Thaten  empfan- 
gen wird,  alle  G  e  h  e  i  m  u  i  Se  jedes 
in  en  fehl  ich  e  n  Herzens  follen  offen- 
baret werden:  d.  h. ,  das  Urtheil  wird 
durch  das  Bewufstfeyn  jeder  PeTfon  gerecht- 
fertiget werden,  dafs  fie  ohne  Rückficht  auf 
den  Körper,  in  welchem  fie  exiftiret,  und  auf 
die  Subftanz,  der  das  Bewufstfeyn  angehört, 
daffelbe  VVefen  ilt.  welches  diefe  Handlungen 
begieng,  und  diefe  Strafe  dafür  verdiente, 

§♦     27. 

Ich   kann   es   mir  wohl  denken ,    dafs  ich 

bei  diefer  Abhandlung  einige    Hypothefen  ge- 

O  4  braucht 


2l6  Zvreiies   Buch. 

braucht  habe  ,  welche  nicht  nur  manchen  Le« 
fern  auffallend  vorkommen,  fondern  es  auch 
vielleicht  wirklich  find.  Aber  fie  dihften  doch 
verzeihlich  feyn ,  weil  wir  von  der  Natur  des 
Wefens,  das  in  uns  deukt,  und  das  wir  iur 
unfer  Ich  halten,  fo  weni?  willen.  Wüfsten 
wir,  was  es  ift,  oder  wie  es  an  ein  Syftein 
flüchtiger  Lebensgeifter  gebunden  iß,  iuwie- 
ferne  es  ander  einem  organifchen  Körner, 
wie  der  unfre  ift,  die  Wirkungen  des  Den- 
kens und  des  Gedächtuiffes  äufTern  kann 
oder  nicht;  und  ob  es  Gottes  Wille  war,  dafs 
ein  folcher  GeiR  mit  keinem  andern  als  diefern 
einem  Körper  vereiniget  feyn,  und  dafs  das 
Gedächtnifs  von  defTen  gefunden  Organen  ab- 
hängen follte:  dann  könnten  wir  vielleicht 
die  Ungereimtheit  einiger  unfrer  Vorausfetzun- 
gen  einfehen.  Allein  wenn  wir  uns  die  See- 
le bei  dem  Mangel  aller  EinGcht,  wie  ge- 
wöhnlich ,  als  eine  immaterielle  Subftanz  den- 
ken,  die  von  der  Materie  ganz  unabhängig 
und  fich  völlig  gleichgültig  gegen  fie  verhält, 
fo  läfst  fich  die  Ungereimtheit  der  Vorausfett- 
ung,  fie  fey  zu  verfchiedenen  Zeiten  mit  ver- 
fchiedenea  Körpern  vereiniget  und  mache  mit 
diefen  dann  einen  Menfchen  aus,  aus  dem 
Wefen  der  Dinge  nicht  erWeifen, 


$.  28. 


Sisb.cn  und  zwanzigstes  Kapitel.  217 

§•      28- 

R  e  f  u  1 1  a  t. 

Das  Refnltat  aus  allem  ift  diefes.  Jeda 
Subftanz,  die  zu  feyn  anfängt,  mufs,  fo  lan- 
ge He  exiftiret,  riothwendig  dieTelhe  feyn.  Je- 
de Subftanz,  und  jedes  Aggregat  von  Subftan- 
zen  ,  mufs,  fo  lange  [cliefe  Verbindung  dauert, 
riothwendig  daffeibe  Aggregat  feyn.  Jede  Be- 
ftimmung,  die  entliehet,  ift,  fo  lange  fie  ift, 
diefelbe  ßeftiinmung.  Diefe  Re^el  gilt  "auch 
von  der  Verbindung  verfebiedener  Subilarizen 
und  Beftimmungen.  Daraus  erhellet  alfo,  dafs 
die  Schwierigkeit  und  Dunkelheit  in  diefer 
Sache  nicht  fowohl  aus  der  Dunkelheit  der 
Objecte  als  aus  dem  unrichtigen  Gebrauch  der 
Worte  entfpringt.  Denn  die  Ur.terfcheidung 
der  Identität  und  Verfchicdenheit  eines  Dinges 
ift  leicht  zu  [beftimmen,  und  fchliefst  allen 
Zwaifel  aus,  wenn  nur  der  Begriff,  von  wel- 
chem Innhalt  er  auch  ift,  der  dnreh  ein  Wort 
bezeichnet  wird,  immer  mit]  denfeiben  Merk- 
malen verbunden  wird, 

§.     29. 

Wenn  wir  fetzen,  dafs  das  Merkmal ,  ver- 
nünftiger Geift,  den  Begriff  des  Menfchen 
allein  ausmacht,  fo  läfst  bch  leicht  beftimmen, 
wasderfelbe  id  en  t  ifch  e  Menfch  ift,  nehm- 
O   5  lieh 


trj  Zwrit«  Bnck. 

lieh  t)  or  f  e  I  h  e  Geiß,  er  hy  mit  pinem  Kör- 
yi.  r  verburrden  orfer  nicht.  Wird  aber  in 
jrnen  Begriff  noch  die  Verbindung  H i»-f*  s 
G,ille%  ajs  Lebensprincip  mit  <-incin  Körper 
•\0n  gewiiler  Organifaüon  aufgenommen,  fo 
^.t'ftebet  die  Identität  des  MenCcheo  in  der 
fortdauernden  Verbindung  diele:»  Geiftes  mit 
diefer  bei  allen  Veränderungen  des  Körpers 
fondaurenden  Org mifation.  Wenn  man  end- 
lich zum  begriff  des  Menfchen  nur  die  anima- 
Jüche  Vereinigung  gewiiler  Thrile  unter  einer 
gT\viffen  Gfltalt  rechnet,  fo  iß  ein  Menfch 
ff>  lange  deiTelbe,  als  diefe  Vereinigung  und 
Geßah  in  einem  zulammengeretzten  Wefen  be- 
ßehet,  das  nur  durch  die  ununterbroch<  ne 
Anfeizung  vergänglicher  Theile  daffelbe  blei 
ben  kann.  Denn  wenn  das  Object  eines  zu- 
fammeiigf fetzten  Begriffs,  aus  welchen  Be- 
ßandtherfen  es  auch  beßeht,  einmal  durch 
die  Exifter.z  zu  einem  einzelnen  Dinge  unter 
einer  gewiffen  Benennung  iß  gemacht  wor- 
den ,  fo  behält  es  auch  diefelbe  Individualität 
durch  die  Forldauer  derfelben  Exißenz, 


Acht 


2*9 


Aclu   imd  7.wa»7,ie;ftcR  Kapitel, 

Von   andern   Verbal  agilen. 


$.    i. 

G  r  a  d  v  erb  a  1 1  ni  fs  «. 

Anfscr  tiex\  Verhall  niffeu,  welche  aus  Vpr- 
gleichmig  der  Din^e  in  Anlehiiii-j  der  Zeit,  des 
Orts  und  der  urfachlicheu  Verknüpfung  entfte 
heu,  giebt  es  noch  andere  Beftuiiimjn^griiride 
der  Verhältniiie,  von  denen  ich  hier  einige  an- 
führen will. 

Erftlieh.  Einige  einfache  \  Begriffe  find 
von  der  Art,  daf%  i:e  mehr  oder  weniger  Theile 
eder  Grade  enthalten  können,  und  fie  »eben 
dadurch  Veranlafsung,  die  Objecie,  in  welchen 
diefe  Vorftellung  enthalten  ift,  mit  einander 
aus  diefem  Gefichtspunkt  zu  vergleichen.  Z  B. 
weifser,  f  ü  fs  er,  gr  ö  fser,  gleich,  mehr. 
Da  diefe  Verhältniife  aus  dem  gleichen  und  un- 
gleichen Grade  derfelben  einfachem  Vorilelhing 
in  verfchiedenen  Objecten  entfpriugen,  lo  kön- 
nen fie  P  r  o  p  o  r  t  i  o  n  a  1-  oder  G  r  a  d  v  e  r  h  ä  1  f- 
i)  i  ile  genennt  werden.  Es  leuchtet  von  feibft 
ein,  dafs  fie  lieh  nur  auf  die  einfachen  Ycm Hei- 
lungen der  Empfindung  und  Reflexion  beziehen. 


a:o  Zweites    Buch. 


Vcr  häl  t  n  i  fse    des     Urfprungs     (na- 
tural.) 

Zweitens.  Eine  andre  Veranlaffung  zur\cx- 
gleichung  der  Dinge  mit    einander  geben  dio 
Umfländ«  ihres  Entftehens  oder  Urfprungs.    Da 
diefe   nachher   nicht  wieder   aufgehoben  wer- 
den, fo  dauern   die  dadurch   bellimmten  Ver- 
haltniüö  fo  lange  als  die  Objecte,  denen  fie  an- 
gehören.     So    flehen    z.  B.  Vater   und    Sohn , 
Bruder  und    Gefchwifteikindcr    durch    die  Ab- 
flammung  aus   einem   Bhite   in    verfchiedenen 
Graden  ,  Landsleute  aber  dadurch  in  Verhältnis, 
dafß  fic  auf  eben  demfelben  Boden,  oder  in  ei- 
nerlei Lande  geboren   find.      Ich  nenne  diefe 
Verhältniffe  natürliche,  oder  Ve  r  hält  nif- 
fe  des  Urfprungs.     Wir  können  dabei  noch 
die  Bemerkung  machen,  dafs  die  IVlenfchen  die 
Begriffe  v;>u  diefen  Verh-ihnifsen  und  ihre  Be- 
zeichnungen nicht  dtr  W  .ihiheit  und  dem  Um- 
fange der  Dinge  fondern  dem  gemeinen  Leben 
angenafst  haben.     Denn  gewifs  ift  das  Verhalt- 
nils zwifchen  dem  Erzeuger  und  dem  Erzeug- 
ten in  andern  Thierarten  eben- dafielbe,  wie 
bei  den  Menfchen  ;  gleichwohl  fagt  man  feiten, 
dafs   diefer   Ochfe  der  Grofsvater  von   diefera 
Kalbe,    oder  diefe  Tauben    Gefchwifter    find. 
Denn  es  ift  fehr  zweckmäffig,  diefe  Verhältnifs© 
unter  den  Menfchen  zu  bemerken  und  durch 

be- 


Acht  und  zwanzig  fies  Kapitel.  2  2* 

befiimmte  Worte  auszuzeichnen ,  da  fowobl  in 
den  Gefetzen  als  in  andern  gefelirchaftlichen 
Verbindungen  ihre  Erwähnung  fo  oft  veran- 
laßt wird,  und  daraus  befördere  Verpflichtun- 
gen entfpringen.  Weildiefes  aber  der  Fall  mit 
den  Thieren  nicht  ift,  fo  hielt  man  es  auch 
nicht  für  nöthig,  ihre  Verhältnifie  unter  ein- 
ander durch  befördere  Worte  zu  bezeichnen« 
Diefes  kann  noch  nebenbei  einiges  Licht  über 
den  vsrfchiedenen  Zuftand  und  Wachsthum  der 
Sprachen  verbreiten.  Ca  die  vortheilbaftefie 
Mittheilung  der  Gedanken  der  einzige  Zweck 
der  Sprachen  ift,  fo  find  fie  den  Begriffen  der 
Menfchen  und  dem  unter  ihnen  gewöhnlichen 
Umtaufch  der  Gedanken,  aber  nicht  demWefen, 
Umfange  und  den  mannichfaltigen Beziehungen 
der  Dinge,  noch  den  abftracten  Betrachtungen 
angepafst,  welche  über  fie  angefleht  werden 
mögen.  Wo  es  an  philofophifchen  Begriffen 
fehlet,  da  find  auch  keine  Worte  zu  ihrer  Be- 
zeichnungvorhanden. Auch  darf  man  fich  nicht 
wundern,  wenn  die  Menfchen  keine  Worte 
für  diejenigen  Dinge  bildeten  ,  von  welchen  zu 
fprechen  fleh  wenig  Gelegenheit  fand.  Hier- 
aus läfst  fich  leicht  die  Urfache  begreiffen,  war- 
um man  in  einigen  Ländern  nicht  einmal  ein 
Wort  für  das  Pferd  hat,  da  hingegen  ia  andern, 
in  denen  man  fleh  mehr  um  die  Gefchlechtsre- 
gifter  der  l'ferde  als  der  Menfchen  bekümmert, 
nicht  allein  Namen  für  einzelne  Pferde  fondern 

auch 


212  Zweites  iiueh. 

auch   für  die  verfchiedenen    Vcrhiiliniffe  ihrer 
Ve.  w.srui;'ch.ift  gefunden  werden. 

§.   5. 

W  il  1  k  ü'h  r  1  ich  angeordnete  Verhält- 
ji  i  (sc. 

Dritten  v.  Die  Beziehung  der  Dinge  auf 
einander  gründet  lieh  zuweilen  auf  «ine  gtwifls 
Handlung,  durda  Vielehe  einei  ein  moraülches 
Recht,  eine  Befug  nifs  oder  Verpflichtung  er 
halt,  etwas  *.u  ihun.  So  ift  ein  General  ein 
Mann  ,  der  die  CefugniTs  hat,  eine  Armee  zu 
t  oaimaiuüren ,  und  eine  Armee  unter  einem 
General  ilt  eine  Anzahl  bewaffnetet  IVleufchen, 
die  vcrpfih  btet  find.  Einem  ^u  gehorchen.  Ein 
Bürger  i'-f-  derjenige,  der  Kechts.infpruch  auf 
««Wide  Vorrechte  an  einem  Orte  hat,  Ich  nenne 
tiiefe  Verhäl  :niue  angeordnete  oder  will 
kühriiehe.  weil  fie  von  der  Willkühr  der 
Menfchen  oder"  Verabredungen  in  der  bürger- 
lichen GefeUlckaft  abhängen.  Sie  unterfchei- 
deu  lieh  dadurch  von  c\en  natürlichen,  dafs, 
wo  nicht  alle,  doch  die  meiden  von  ihnen 
auf  verfchiedene  Weife  veränderlich,  und  von 
den  Perlböen  ,  denen  fie  eine  Zeitlang  angehör- 
ten ,  trennbar  und,  ohne  dafs  diejenigen,  zwi- 
l'chen  denen  fie  ftatt  hatten,  ihr  Dafeyn  ver- 
lieien.  Obgleich  diefe  Verhaltniffe  gegenfei- 
tig  find,  und  eine  Beziehung  zweier  Dinge  auf 

ein- 


Acht  und  zwanzigftcs  Kapitel.  23$ 

einander  in  lieh  fchliefsen,  fo  wird  doch  zuwei- 
len das  Verhaltnifs  zwifchan  zwei  Dingen  ül>er- 
frh-p,  weil  es  an  einem  VVojte  fehlt,  welches 
di  fe  Beziehung  ausdrückt.  Dafs  die  Worte , 
erfl  Patron,  ein  Klient  ein  V*rb.äJtju'fs  ausdrü- 
cken, ift  k*i3r,  «be*  nicht  [o  einleuefeteod  ift 
es  bei  den  Worten  Dictator,  Starlthaupimaun. 
Zum  Wt-n^ften  Hellt  iran  fich  riebt  forKch 
dieTefl  Vetbalinifs  vor,  weil  es  an  einein  Worte 
fehlt,  diejenigen  antuzeijjcn,  welche  untet 
den  Befehlen  djefer  Männer  hellen,  o  gew+ü 
es  aum  ift,  dafs  der  eine  und  der  andre  elfte 
gewilTe  Gewalt  über  andre  hit.  und  nicht 
weniger  in  einem  Verhall nifs  zu  diefen  ftehet, 
als  der  Patron  zum  Client  und  der  General  zur 
Armee. 

§.     4- 

Moralifche   Verh  äl  t  n  ifse. 

Viertens.  Eine  andre  Art  von  Verhaltnifs 
befiehci  in  der  UebereinftimmuMg  oitr  Nicht- 
überHnfiimafurig  der  willkührlichen  Handlun- 
gen der  Menfchen  mit  einer  Regel,  auf  welche 
fie  bezogen  und  wornach  fie  beurtheilet  wer- 
den, welches  füglich  das  moralifche  Ver- 
haltnifs kann  genennet  worden  ,  weil  e?  u:i- 
fre  mOrali  cht-n  Handlungen  beftimmt.  Diefes 
verdient  die  forgfältigfte  Unterfuchun^,  weil 
wir  boy  keu:er  andern  Erkenntnifa  fo  viel  Fieifs 

an- 


32/f  Zweitas    Buch. 

anwenden  follen ,  um  deutliche  Ergriffe  zu  er- 
langen ,  and  Dunkelheit  und  Verwirrung  iu 
vermeiden.  Wenn  die  menfchlichen  Handlun- 
gen mit  ihren  veiTchiedenen  Zwacken,  Gegen- 
fiänden,  Arien  und  Umftänden  in  deutliche  Be- 
griffe gefalst  werden,  fo  entftehen  daraus/  wie 
fchon  gezeigt  worden,  nmmiclifJtige  g  e« 
m  if  clite  Befti  m  m  unge  n,  die  grofsentheils 
ihre  befoudere  Ausdrücke  haben,  z.  ß.  die 
Dankbarkeit  oder  die  Bereitwilligkeit,  empfan- 
gene Wohkhaten  zu  erkennen  und  zu  erwie- 
dern;  die  Polygamie  oder  die  Verbindung  mit 
mehr  denn  einem  Weibs  auf  einmal.  Allein 
esift  in  praktifcher  Rüekücht  noch  nicht  genug, 
befiimmte  Begriffe  von  den  Handlungen  in  ha- 
ben,  und  ihre  Ausdrücke  zu  kennen;  eine  weit 
wichtigere  Angelegenheit  ift  die  Erkcnntnifs , 
ob  diefe  zuiammengefetzten  Handlungen  inora- 
lü'ch  gut  oder  böfe  find» 

§.    y. 

Das  moraiifch  Gute  und  Büfe. 
Das  Gute  und  Böfe  ift  nach  Buch  II.  Ka- 
pitel 20.  0.  2.  und  Kap.  fil,  §.  42.  nichts  an- 
ders, als  Vergnügen  und  Sebmorz  oder  was 
driffelbe  hervorbringt  und  verantafst.  Das  m  o- 
ralifch  Gute  und  Böfe  ift  a!fo  die  Ein- 
ftimmur.g  oder  der  Widerftreit  unfrer  freien 
Handlungen  mit  einem  beftimmien  Gefetz,  wo- 
durch, nach,  dein  Willen  und  der  Macht  deiGe 

fetz- 


Acht  und  zwanzigstes  Kapitel,  22$ 

fetzgebers  Gutes  oder  Böfes  mit  unfern)  7  ü  fand 
verknüpft  wird.  Das  Gute  und  BöTe,  Vergnü- 
gen und  Schmer?.,  welches  nach  der  Aoord- 
duq*  des  Gefetzgehers  auf  die  Befolgung  und 
Verletzung  des  Geret7.es  fol^t ,  ift  das,  was  wir 
Belohn  uug  und  Bestrafung  nennen, 

$.     <$♦ 
Moral  ifche  Regeln. 

Es  giebt,  wie  mir  fcheint,  drei  Arten 
von  die  Ten  moralifchen  Regeln  oder  Ge- 
fetzen ,  aufweiche  die  Menfchen  im  Allgemei- 
nen ihre  Handlungen  beziehen,  und  darnach 
ihre'Rechtmäffigkcit  oder  Unrechtmäffigkeitbe- 
urtheilen.  Jede  derfelben  hat  auch  ihr  befon- 
deres  Verpflichtungsmittel  oder  ihre  eignen  Be- 
lohnungen und  Strafen.  Denn  es  wäre  zweck- 
los, die  Vorfchrift  einer  Regel  für  die  freien 
Handlungen  der  Menfchen  ohne  Verknüpfung 
mit  guten  und  böfen  Folgen  ,  als  ßeftimmungs- 
grund  des  Willens  anzunehmen,  und  wir  muf- 
fen daher  bei  jedem  Gefetz  auch  eine  mit  dem- 
felben  verknüpfte  Belohnung  und  Strafe  uns 
denken.  Es  wäre  zwecklos,  dafs  ein  vernünf- 
tiges Wefen  andern  eine  Regel  ihrer  Handlun- 
gen vorfchriebe  ,  wenn  es  nicht  in  feinsr  Ge- 
walt hätte,  dio  Befolgung  und  Verletzung  der- 
felben durch  Gates  und  Böfes  zu  belohnen  und 
»u  beftrafen,  das  nicht  die  natürliche  Folge  der 
LoekoY  II.  Theil.  P  Hand- 


»;6  Zvreiie»  Buch. 

Handlung  felbft  ift.  Denn  wäre  es  das  ,  fo 
würde  es  ohne  GeTetz,  als  mit  den  Naturtrieben 
übereinftitnmend  oder  widerftreitend  ,  von  felbft 
auf  den  Willen  wirken.  Darin  beftebt  alfo , 
wo  ich  nicht  irre,  das  Wefen  jedss  eigentlich 
fogenannten  Gefetzes» 

§.     7- 

Die  Gefetze,  womach  die  moralifche  Güte 
«der  Bösheit  der  Handlungen  beuriheilt  wird, 
find,  meines  Erachtens,  diefe drei :  das  göttli- 
che Gefetz,  das  bürgerliche  Gefetz, 
das  Gefetz  der  öffentlichen  Mei- 
nung oder  Achtung,  wenn  ich  es  fo  nen- 
nen darf.  Durch  die  Beziehung  auf  das  erfte, 
beuriheilen  die  Menfchen,  ob  ihre  Handlun- 
gen, Sünden  oder  Pflichten,  auf  das  zweite, 
ob  üe  ftrafbar  oder  nicht  ftrafbar,  auf  das  drit- 
te, ob  üe  Laßer  oder  Tugenden  und« 

$.    8. 

Unter  dem  göttlichen  Gefetz  verliehe 
ich  dasjenige,  welches  Gott  als  Richtfchnur 
der  menfchlichen  Handlungen  ihnen  entweder 
durch  das  natürliche  Licht  oder  durch  die  Of- 
fenbarung bekannt  gemacht  hat.  Kein  vernünf- 
tiger Menfch  wird  wohl  in  Zweifel  ziehen , 
dafs  Gott  den  Menfchen  eine  Regel  gegeben 
hat,  womach  fie  ihre  Handlungen  einrichten 

fol- 


Acht  und  zwanzigstes  Kapitel,  227 

ToHeru  Er  hat  das  Recht  dizu;  wir  find  feine 
Gefchöpfej  er  befitzt  Güte  und  Weisheit,  um 
unfre  Handlungen  auf  das  Befte  zu  richten  ,  und 
Macht,  um  dem  GeTetz  durch  Strafen  und  Be- 
lohnungen von  unendlichem  Grad  und  Dauer 
in  einem  künftigen  Leben  Kraft  und  Anfehenzu 
geben ;  denn  nichts  kann  uns  feinerMacht  entzie- 
hen. Diefes  ift  der  einzige  wahre  Probierfteia 
der  moralifchen  Rechtin  ä  fsigkeit,  nach 
welchem  die  Menfchen  das  wichtigfteiVerhält- 
nifs  ihrer  Handlungen  beurtheilen ,  oh.  fie  rno- 
ralifch  gut  oder  böfer  d,  b»  pflich tmäfsige 
Handlungen  oder  Sünden  find,  und  ob 
lie  wegen  derfelben  aus  der  Hand  des  Allmäch- 
tigen Glückfeligkeit  oder  das [  Gegentheil  er- 
warten dürfen, 

§♦     9- 

Eine  andre  Regel,  nach  welcher  die  Men- 
fchen beurtheilen,  ob  ihre  Handlungen  firaf- 
fällig  Und,  oder  nicht,  ift  das  bürgerliche, 
d.  h,  von  dem  Staate  für  die  Handlungen  fei- 
ner Bürger  vorgefchriebene  Gefetz.  Diefes 
wird  von  keinem  Menfchen  vernachläffiget; 
denn  die  mit  demfelben  verknüpften  Beloh- 
nungen und  ßeftrafungen  find  immer  in  Bereit« 
fchaft  und  der  Pracht  des  Gefetzgebers  ange- 
meflen.  Der  Staat  verbindet  fich  nehm'ich  mit 
gefammter  Macht,  das  Leben,  die  Freiheit  und 
das  Eigenthum  derjenigen  zu  fchützen ,  welche 
P  2  nach 


f 

%l\  Zweites    Euch. 

nach  feinen  Gefetzen  leben;  er  hat  aber  auch 
die  Macht,  Leben  Freiheit  und  Eigenthum  den 
Ungehorfamen  zu  nehmen.  Und  darin  befiehl 
die  Strafe  der  Uebertretung  feiner  Gefetze. 

§.     io. 

Das  Gefetz  der  öffentlichen  Mei- 
nung oder  Achtung.  Es  iß  wahr,  man  be- 
hauptet allgemein,  dafs  die  Worte  Tugend  und 
lafter  folche  Handlungen  bezeichnen,  welcbe 
an  fich  recht  oder  unrecht  find;  und  in  diefer 
Bedeutung  ift  das  Gefetz,  wodurch  fie  befiimmt 
werden,  kein  andres,  als  das  oben  erwäbnte 
göttliche.  Demungeachtet  iß  doch  fo  viel 
einleuchtend,  dafs  diefe  Prädicate  in  den  be- 
fondern  Fällen  ihrer  Anwendung  unter  ganzen 
Nationen  und  einzelnen  Gefellfchaften  durch» 
gehens  nur  denjenigen  Handlungen  beigelegt 
werden,  die  in  jedem  Laude,  in  jeder  Gefell- 
fchaft  ein  Gegenftand  der  Achtung  oder  Verach- 
tung find.  Es  darf  uns  gar  nicht  befremden, 
dafs  die  MenTchen  eine  unter  ihnen  für  lobens- 
würdig  gehaltene  Handlung  Tugend,  und  eine 
tadelswürdige  Laßer  nennen;  denn  fie  muTs- 
teu  üch  fonft  in  ihren  eignen  Augen  verdam- 
men, wenn  fie  etwas  für  recht  oder  u  n  r  e  cht 
hielten,  ohne  jenem  Lob,  diefem  Tadel  zuzu- 
erkennen. Der  Maafsßab,  nach  welchem,' an  al- 
len Orten  Tugend  und  Laßer  beurtheilt  und 
gefchätzt  wird,    iß  alfo  Billigung  und  Mifsbil- 

li- 


Acht  und   zwauzigftes  Kapi  ef.  3*9 

ligung,  Lob  und  Tadel,  —  Urtheile .  welche 
unter  den  verfchiedenen  Gefellfch  ften ,  Stäm- 
men l und  Verbindungen  der  Menfchen  durch 
eine  ftillfcbweigende  Einwilligung  Gültigkeit 
erlangen.  Darnach  werden  einige  Handlungen 
gebilliget,  andre  getadelt,  je  nachdem  es  den 
herrfchenden  Urtheilen,  Maximen  und  Ge- 
wohnheiten an  einem  Orte  angem  eilen  iß. 
Denn  obgleich  die  Menfchen,  welche  fich  zu 
einer  bürgerlichen  Gefellfchaft  vereinigten,  fich 
gegen  den  Staat  des  willkührlichen  Gebrauchs 
aller  ihrer  Kräfte  begeben,  fo  dafs  fie  diefel- 
ben  gegen  Mitbürger  nicht  anders  als  nach  der 
Voifchrift  des  Gefettes  anwenden  können,  fo 
behalten  fie  fich  doch  das  Recht  vor,  die  Hand- 
lungen derjenigen,  mit  denen  fie  leben  und 
umgehen,  zu  beurteilen,  zu  billigen  oder  mifs» 
zubilligen ,  wodurch  fie  unter  einander  feft  fe- 
tzen, was  fie  Tugend  oder  Lafter  nennen 
wollen,  *) 

P  g  §.11. 

*)  Der  Verfafser  will,  wie  er  in  einer  Anmerkung 
fiber  die  Einwürfe,  welche  ihm  von  Lowdo 
in  feinem  DifcoHife  concerning  the  Nature  oJ? 
Men  gemacht  wurden,  fagt,  hier  die  morali- 
fchen  Regeln  felbit  nicht  aufteilen,  fondern  den 
Urfprung  und  die  EefchafFenheit  moralifcher  Be- 
griffe zeigen  ,  wie  fie  unter  Menfchen  gewöhn- 
lich find.  Die  öffentliche  Billigung  und  Mifs« 
billigung,  fagt  er,  ift  der  gemeine  Mafsfub, 
xiach  welchem  die  Menfchen  Tugenden  und  La- 
iter  beurtheilen ;  aber  er   behauptet  nicht,  daf» 

diefe 


3lo  Zweites  Buch. 

5-    "• 

Dafs  diefes  der  gern  eine  Maafsftab  der 
Tilgen  d  und  des  La  fters  ift,  kann  fich  je- 
der idurch  die  Betrachtung  überzeugen,  dafs.  un- 
geachtet in  einem  Lande  etwas  für  Lafter  gilt, 
was  in  dem  andern  für  Tugend  oder  doch  nicht 
für  Lafter  angefehen  wird,  Tugend  und  Lob, 
Lafter  und  Tadel  doch  allezeit  unzertrennlich 
verknüpft  find.  An  allen  Orten  w'rd  Tugend 
dasjenige  genennt,  was  lobenswürdig  ift,  und 
Anfpruch  auf  die  öffentliche  Achtung  hat.  Tu- 
gend und  Lob  flehen  in  fo  engeir  Verbindung, 
dafs  beides  oft  durch  einerlei  Wort  bezeichnet 
wird.  So  drücken  fich  auch  heidnifche  Philo- 
sophen aus ,  welche  wohl  wufsten ,  was  in  den 
Begriffen  von  Tugend  und  Lafter  enthalten  ift.*) 
Wenn  auch  die  Verfchiedenheit  in  der  Sinnes- 
art, Erziehung,  Mode,  Maximen  und  Intereffe 
verfchiedener  Menfchenklallen  die  Felge  hatte, 
dafs  etwas,  welches  an  einem  Orte  für  lobens- 
würdig galt,  an  einem  andern  nicht  dem  Ta- 
del 

diefe  Urtheile  immer  richtig  find;  fie  find  es 
nur  dann ,  wenn  fie  mit  dem  göttlichen  Gtfetz, 
der  unveränderlichen  Regel  der  Moralität,  über-, 
einftimmen. 

*)  Virgil  Aeneid.  I,  v.  461.  Sunt  hie  etiam  fua 
praemia  Jaudi.  Cic.  Tuscul.  Quaeft.  II,  20.  Ni- 
hil' enim  (natura)  habet  praeftantius,  nihil  quod 
magis  expetat.  quam  honeftatem,  quam  lmdem, 
quam  dignitatem ,  quam  decus. 


Acht  und    zwanzigfies   Kapitel.        ,      231 

del  entgieng,  und   dafs  al'"o   in  verfcbiedenen 
Gefellfchaften  Tugenden  und  Lafter  tnil  einai  der 
verwechfelt  wurden  ,    fo  ftirnmten   fie  doch    in 
der  Hauptfache  an    allen    Orten    gröfstentheils 
mit  einander  überein.      Dean  nichts   ift  fo  na- 
türlich j  als  dafs  jeder  Menfch  dasjenige  durch, 
feine  Billigung  und  Achtung  aufmuntert,  wor- 
in  er  feinen  Vortheil  findet,  und  das  Gegen- 
theil  tadelt;    und   man   darf  fich  daher    nicht 
wundern,  wenn  Billigung  und  Mifsbilligung, 
Tugend  und   Lafter  allenthalben  grofsentheils 
mit  der  unveränderlichen  Regeides  Rechts  und 
Anrechts  einftimmig  find,  welche  das  göttliche 
Gefetz  aufgeteilt  hat.     Nichts  fiebert   und  be- 
fördert aber  fo  offenbar  und  unmittelbar  das  all- 
gemeine Befte   der  Menfehen  in   diefer  Welt, 
als  der  Gehorfam  gegen  die  göttlichen  Gefetze, 
da  hingegen  die  Vernachläffigung  derfelben  das 
gröfste  Unheil  und  die  gröfste  Verwirrung  an- 
richtet.     Unmöglich  können    daher  die  Men- 
Tchen  in   dem ,    was  ihre  Billigung  und  ihren 
Tadel  verdient,    durchaus    irren,     wofern   fie 
nicht  ihrer  Empfindung ,   Vernunft  und  ihrem 
InterefTe  entfagen  wollen,    denen   fie   fonft  f9 
wenig  untreu  werden.  Ja  felbft  diejenigen  Men- 
fehen, welche  fonft  nicht  recht  handeln,   be- 
urtheilen  doch  meiftens  ganz  treffend,  was  zu 
loben  und  was  zu  tadeln  ift,  und  nur  wenige 
find  bis  zu  dem  Grad  verdorben ,  um  die  Feh- 
P  4  ler» 


212  Zweites  Ruck. 

ler,  deren  fie  fich  felbft  fchuldig  mache» ,   an 
andern  nicht  »u  verdammen. 

Vielleicht  denkt  mancher,  ich  fey  meinem 
eignen   Begriff  von   einem  Gefetz  untreu  wor- 
den, indem  ich  das  Gefetz,  nach  welchem  Tu- 
gend und  Lafter  beurtheih  werden,  nur  allein 
in    dem    einftimmigen    Urtheil    von  Privatper- 
fonen   fetze,   welchen  es  fo   fowohl  an   Anfe- 
hen ,      ein    Gefetz    zu    machen;    als  auch   an 
Macht,  es  durch  Zwangsmittel  durchzufetzen, 
alfo  gerade   an  einer   Hanptbedingung   fehlet.* 
Hierauf   läfst    fich    aber  folgendes    antworten. 
Derjenige    fcheint    wenig   Kenntnife    von    der, 
Gefchichte   und  dem  Character  des  Menfcheu- 
gefchlechts  zu  verrathen,  der  nicht  glaubt,  dafs 
Billigung  und  Mifsbilligung  anderer   mächtige 
Bewegungsgründe  für  die  Menfchen  find,  fich 
nach    den    Meinungen  und  Maximen  derjeni- 
gen zurichten,  mit  denen  fie  umgehen.    Man 
wird  finden,   dafs  der  gröLte  Theil  der  Men- 
fchen ihre  Handlungen ,  wo  nicht  allein  doch 
vorzüglich,  nach  dem  Gefetz  der  Convenienz 
beftimmen ,  und  alfo  nur  dasjenige  thun,  was 
fie   in   Achtung,  bei   ihrer  Gefellfchaft  erhält, 
ohne  viel  Rackficht  auf  die  Gefetze  Gottes  und 
der  Obrigkeit  zu  nehmen.    Wenige  ja  vielleicht, 
die  meiden  Menfchen  denken  nur  feiten  ernft- 
lich  an  dio   jira'en,  welche  die   Uebertretung 
eine»  göttlichen  Gefeues  begleiten,  und  viele, 

wenn 


i    Acht  und  zw-nzigfkä  Kapitel,  233 

wenn  Ge  iucb  daran  denken,  he.sen  do;;h  Celbft, 
während  Ge  dagegen  fündigen,  den  Gedanken 
einer  künftigen  Wiederausfchnuug [mit  Gott. 
Und  was  die  bürgerlichen  Strafen  betrifft,  fp 
fchmeicheh:  Ge  Geh  mit  der  Hofmm-j'der  Straf- 
lofigkeit.  Wenn  aber  ein  Menfch  gegen  die 
Gewohnheit  und  Meinung  der  Gefcltfchaff  han- 
delt, in  der  er  lebt,  und  der  er  Geh  'empfeh- 
len müchte,  fo  kann  er  nie  der  Strafe  ihres  Ta- 
dels und  Mifsfallena  entgehen.  Unter  zehn 
taufend  findet  man  kaum  einen,  der  fo  viel 
Srarrfinn  und  Unempfindlichkeit  befitzt,  dafs 
er  unter  hefiäudigen  Mifsfallefl  und  Tadel  fei- 
ner Gefeilfcbaft  in  derfeiben  ausharren  und  mit 
Geh  felbft  zufrieden  leben  konnte,  es  müfste 
denn  ein  Mann  von  ganz  besonderer  und  un- 
gewöhnlicher Gemüthsart  feyn.  Viele  Men- 
i'chen  haben  zwar  die  Einfamkeit  gefucht  und 
Geh  mit  derfeiben  ausgeführt;  aber  kein  Menfch, 
der  nur  etwas  für  Menfchen  um  ihn  her  denkt 
und  fühlt,  kann  in  einer  Gefellfcluft  leben,  de- 
ren Mitglieder  unaufhörlich  mit  ihm  unzufrie- 
den find  und  Büfes  von  ihm  denken.  Diefs 
i!t  eine  zu  fchwere  Laft  für  eine.i  Menfcheo'; 
und  derjenige  müfste  aus  unvereinbarheben  Wi- 
dersprüchen zufammengefetzt  [e.yn ,  der  an  ei- 
ner Gefellfchatt  Vergnügen  empfinden,  und  doch 
of gen  die  Verachtung  und  das  Mifsfallen  ihrer 
Mitglieder  gleichgültig  fern  könnte. 


2^4  Zweites  Buch. 

§.      I?. 

Mit  diefen  drei  Gefetzen  (§.  8>  9.  -o)  ver 
gleichen  die  Menfchen  ihre  Handlungen  auf 
mannichfaltige  Weife;  und  die  Uebereinttim- 
rnnng  diefer  mit  ein«m  derfelben  ift  die  Hegel,  - 
nach  welcher  He  die  inoralifche  Rechtmäßig- 
keit ur.d  die  BefchafFecheit  der  Handlungen» 
ob  fie  gut  oder  böfe  und,  beftiinmen« 

Nun  kann  derVerftand  das  Verhältnis  einer 
Handlung  zu  einer  Regel  leicht  beurtheilen, 
welche  gleichfam  der  Probierftein  unferer  Hand- 
lungen ift,  um  ihre  Güte  zu  befthnmen  und  fie 
darnach  zu  benennen;  dadurch  wird  ihnen 
gleichfam  ein  Stempel  von  dem  ihnen  beigeleg- 
ten YVerthe  aufgedrückt.  Ob  diefe  Regel  von 
der  herfchenden  Meinung^des  Landes  oder  dem 
Willen  eines  Gefetzgebers  hergenommen  ift, 
darauf  kommt  hier  nichts  an.  Der  Verftand 
kann,  wie  gefagt,  entfeheiden,  ob  eine  Hand- 
lung mit  der  Regel  übereinftimmt  oder  ni«ht, 
und  bekommt  dadurch  einen  BegrifF  von 
dem  moralifchen  Guten  und  Böfen, 
welches  eben  in  der  Uebereinftimmung  oder 
INJichtübereinflimmung  einer  Handlung  mit  die- 
fer  Regel  befteht.  Daher  heifst  diefes  Gute  auch 
oft  die  moralifche  Rechtmäfsigkeit. 
(jeetitude)   Da  diefe  Regel  nichts  ift  als  eine 

Ver- 


Acht  und  zwanzigßes  Kapitel.  235 

Verbindung  verfehiedener  einfacher  Vorftellun- 
gen, fo  beftehet  die  Uebereinftirnmung  mit  der- 
felben  in  einer  folchen  Einrichtung  der  Hand- 
lung, dafs  die  einfachen  fich  darauf  beziehenden 
Vorftellunoen    denen  entfprechen,  welche  das 
Gefetz  erfodert.    Hieraus  fehen  wir,  wie  mora- 
lifche  Objecto  und  Begriffe  auf  die  einfachen  Vor- 
ftellurgen  der  Empfindung  und  Reflexion  ge- 
gründet find,  und  in  diefelben  fich  auflöfen  laf- 
fen.    Wenn  wir  z,.B4  alle  Beftandtheile  des  zu- 
fornmengefetzten    Begriffs    Mord   unterfuchen, 
fo  werden  wir  finden  ,  dafs  er  eiheH  Inbegriff 
von  einfachen    Vorftellungen   ausmacht ,    wel- 
che aus  der  Empfindung  und  Reflexion  ihren 
Urfprung  haben.     Erftlich  erhalten  wir  durch 
die  Reflexion  über  die  Thätigkeiten  unfers  Ge- 
mütbs  die  Begriffe   vom  Wollen,    Ueberlegen 
Vorfatz,  ,Bosheit ,   oder  der  Neigung,   feinem 
Nächften  Böfes  zu  wünfchen,    wie  auch  vo-oi 
Leben.  Bewufstfeyn  und  felbftthätigen  Bewe- 
gung.    Zweitens,     Durch  die  Empfindung  ha- 
ben wir  den  Inbegriff  der  einfachen  finnliehen 
Vorftellungen,  welche  in  dem  Menfchen  gefun- 
den   werden,    und  gewifler  Handlungen  ,  wo- 
durch das  Bewufstfeyn  und  die  Bewegung  des 
Menfchen  aufgehoben  wird.      Alle  diefe  Vor- 
ftellungen  fafst  das  Wort  Mord  in  fich.     In- 
dem ich  nun  ffinde,    dafs    diefer  Inbegriff  von 
einfachen    Voritellungen   mit    der  öffentlichen 
Meinung  des  Landes,  in  dem  ich  geboren  bir, 

übei 


-"iö  Ä.vekes  E;;ch. 

übereinfrimmi.  oler  nicht,  und  dafs  er  von  den 
ir.ciften  Meufchen  dafeibft  für  lobens würdig 
od^r  fadeh  würdig  gehalten  wird,  fo  nenne  ich 
die  Handlung  Lugendhaft  oder  lalteihaft.  JNeh- 
nif  i'-h  aber  den  Willen  des  oberften  unfehlba- 
ren Gefetzgebers  zu  meiner  Regel,  fo  ift  die 
Handlung,  in  fo  fern  fie  von  Gütt  geboten  eder 
verboten  ift,  gut  oder  bofe,  Pflicht  oder  Sün- 
de. Endlich  nenne  ich  die  Handlung  in  Be- 
ziehung auf  das  bürgerliche  Gefetz,  das  durch 
die  geletzgebende  Gewalt  eines  Landes  zur  Re* 
gel  gemacht  ift,  gefetzrnaffig  oder  gefetzwidrig, 
ein  Verbrechen  oder  ein  Nichtverbrechen. 
Woher  wir  aifo  immer  die  Regel  moralifcher 
Handlungen  nehmen  ,  und  nach  welchem 
Grund fatz  wir  die  BcgriEFe  von  den  Tugenden 
und  Laftern  bilden  mögen ,  fo  Gnd  diele  doch 
nichts  anders,  a!s  Inbegriffe  von  einfachen 
Begriffen  der  Empfindung  und  der  Reflexion, 
und  ihre  Recbttnäffigkeit  oder  Unrechtmäffig- 
keit  befteht  in  der  Uebereinftimmung  oder 
Kichtübereinfiimmung  mit  einer  Re^el ,  die 
durch  irgend  ein  Gefetz  vorgeschrieben  ift, 

$.     i5. 

Um  hch  einen  richtigen  Begriff  von  rnorar 
lifchen  Handlungen  zu  machen,  mufs  man  fie 
fich  unter  einem  gedoppelten  Gelichtspunct 
vorftellen.     Erltlich  in  fofern  üe  an  üch  blofs 

ein 


Acht  und  zwanzigste«  Kapitel.  JJ| 

ein  Inbegriff  von  einfachen  Vorfieüungen  oder, 
wie  ich  fie  nenne,  getauchten  Beftimmungen 
find,  z.B.  die  Trunkenheit  die  Luge.  In 
diefer  Hui  ficht  find  fie  eben  fo  pofitive  ab- 
foiute  Begriffe,  als  das  Saufen  eines  Pfer- 
des, od;r  das  Spreeben  eines  Papageyes.  Zwei- 
tens, untere  Handlungen  werden  als  gut  oder 
bofe  ,  oder  als  weder  pnt  noch  böfe  betrachtet; 
in  diefer  Rock  ficht  fird  fie  relativ.  Denn 
mir  die  Einfciirimung  oder  der  Wiaerftreit  mit 
einer  Regel  macht  fie  zu  tegelm:iffige rl  oder 
unre^elmäffigen,  g;;'.en  oder  bö!en  Handlungen, 
und  iufofem  fie  gegen  eine  Regel  gehalten 
und  nach  derfelben  benennt  werden,  treten 
fie  in  ein  Verhältnifs.  So  wird  die  Herausfo- 
derung  und  die  Schlägerei  ein  Duell  genennt, 
insofern  fie  eine  gewiffe  pofitive  Beftimmung 
oder  eine  befondere  Art  Handlung  ift ,  die  lieh 
durch  ihre  befondern  Befiandtheile  von  andern 
unterfcheidet ;  in  Beziehung  auf  das  göttliche 
"Gefetz  verdient  fie  aber  die  Benennung  Sünde  ; 
r.ach  dem  Gefetz  der  öffentlichen  Meinung 
ift  üc  in  manchen  Ländern  Herzhaftigkeit  und 
Tapferkeit,  nach  bürgerlichen  Gefetzen  hinge- 
gen ein  peinliches  Verbrechen.  Wenn  in  die- 
fen  Fällen  eine  Handlung  zwei  Ausdrücke  hat, 
durch  deren  einen  fie  als  pofitive  Beftimmung, 
durch  den  andern  aber  ihr  Verhältnis  zu  dem 
Gefetz  gedacht  wird,  fo  läfst  Geh  diefer  Unter- 
fchied  eben  fo  leicht  bemerken,    als    bei  Sub- 

ftan- 


258  Zw<  it«  Buch. 

flanzen  mit  verfchiedenen  Benennungen,  wo 
die  eine  Ge  als  Suljecte  z.  B.  Mann,  die  ande- 
re iure  Verhältuiffe  z,  B,  Vater  anzeiget. 

§.     16. 

Oft  ift  aber  der  pofitive  Betriff  ih.er  Hand- 
lung und  ihr  moralifches  Vetbältnjrs  in  einem 
Worte  zufammen^efafst  und  ausgedrückt.  Da* 
her  wird  oft  der  Unterfchied  zwischen  beiden 
nicht  bemerkt,  und  die  moralifche  Beziehung 
leichter  überfehen.  Durch (diefe  Vennifchung 
zweier  verfchiedener  Gefichtspuncte  in  einem 
Ausdrucke,  werden  diejenigen,  welche  (ich  von 
dem  Eindruck  der  Töne  zu  leicht  hinreifsen 
lauen  und  die  Worte  für  die  Dinge  nehmen, 
oft  in  der  Beuriheilung  der  Handlungen  irre 
geführt.  So  heifst  Stehlen  die  Handlung, 
wenn  man  ohne  VViffen  und  Einwilligung  ei- 
nes Andern  nimmt,  was  fein  ift;  gewöhnlich 
veibindet  man  aher  damit  den  Begriff  einer 
unerlaubten,  mit  dem  Gefetze  ftreiienden  Hand- 
lung, und  verdammet  jede  Handlung,  die  mit 
dem  Ausdruck  Stehlen  bezeichnet  wird.  Kuh 
wird  die  heimliche  Wegnahme  eines  Degens 
von  einem  Reifenden  auch  eigentlich  ein  Steh« 
len  genennt ,  weil  he  eine  zutammengefetzte 
Handlung  von  eben  derfelben  Art  ift,  die 
doch  in  Beziehung  auf  das  göttliche  Gefetz 
keine  Sünde  ift,  wenn  gleich  das  Wort  Steh- 
len 


Acht  und  zwanzigßes  Kapitel.  J>) 

Ien     gewöhnlich    diefe    Bedeutung     bei    Geh 
führet. 

§.     17- 

Die  Verhältniffe  find    unzählig. 

So  viel  von  Beziehung  der  menfehlichen 
Handlungen  auf  ein  Gefetz ,  oder  von  den 
moralifchen  Verhältnifien.  —  Man  darf  übri- 
gens nicht  erwarten,  dafs  ich  alle  VerhältnilTa 
durchgehe,  denn  das  erfoderte  ein  ganzes  Buch. 
Es  war  zu  meinem  Zweck  hinreichend,  durch 
einige  Beifpiele  zu  zeigen ,  von  welcher  Art 
unfre  Begriffe  davon  find.  Es  ift  nicht  leicht, 
fie  auf  Regeln  zurückzuführen,  und  unter  voll- 
ftändige  Klaffen  zu  bringen  ,  d3  iie  fo  mannich- 
faltig  und  die  Veranlaßungen  dazu  fo  vielfach 
find,  als  es  Gefichtspuncte  giebt ,  Dinge  mit 
einander  zu  vergleichen.  Die  angeführten 
find,  wo  ich  nicht  irre,  die  wichtigften ,  und 
von  der  Art,  dafs  fie  uns  einigen  Auffchlufs 
über  den  Urfprung  und  den  Grund  der  Ver- 
hältnirsbegriffe  geben  können.  Ehe  ich  aber 
diefen  Gegenftand  verlafle ,  fo  fey  es  mir  er- 
laubt, noch' einige  Anmerkungen  aus  dem  Ge- 
faxten abzuleiten, 

§.     18. 

Erfiens,     Es  ift  klar,  dafs  alle  Verhält- 
niffe fich  in    einfache    Vo  r  ftellu  ngen 

der 


i^o  Zweites    Wach. 

der  Empfindung   und  Reflexion  auflöten,  und 

fi<!h  zuletzt  auf  diofelben  gründen,  Alles,  was 
daher  in  unfern  Gedanken  enthalten  ift ,  wenn 
wir  etwas  denken  oder  meinen,  oder  was 
wir  andern  andeuten  wollen,  beftehet,  wenn 
wir  dazu  Verhält rifs- Ausdrücke  brauchen,  aus 
einfachen  vArftellungefe ,  oder  ihren  Verbin- 
dungen ,  in'otera  fie  mit  einander  verslichen 
werden.  Nirgend!  ift  das  fo  deutlich,  als  bei 
den  GradverhältnifTen,  z.  B.  das  Honig  ift 
füfler  als  das  Wachs.  Denn  diefes  gedachte 
Verhältnis  beziehet  fich  offenbar  auf  f;den 
einfachen  Begriff,  Süfsigkeit.  Diefes  gilt  auch 
von  allen  übrigen  ,  ob  gleich  die  einfachen 
Begriffe,  die  fie  enthalten ,  wenn  fie  ein  oder 
mehrmabl  zufamroengefetzt  find ,  vielleicht  fei- 
ten wahrgenommen  werden.  So  enthält  das 
Wort  Vater  erftlich  den  collectiven  Begriff, 
den  das  Wort  Menfcb,  bezeichnet;  ß)  die  ein- 
fachen Vorfteilungen  ,  welch«  das  Wort  Zeu- 
gung ausdrückt;  3)  die  Wirkung 'diefer  Hand- 
lung, und  alle  einfache  Vorftellungen,  welche 
das  Wort  Kind  enthält.  Das  Wort  Freund, 
infofern  es  einen  Menfchen  bezeichnet,  der 
einen  andern  liebt,  und  bereitwillig  ift,  ihm 
Gutes  zu  erzeugen»  begreift  folgende  Begriffe 
»Is'Bcftandtheile,  1)  alle  Begriffe,  weichein  dem 
Wort  Menfch  oder  verftändiges  Wefen  enthal- 
ten find;  2)  den  Begriff  der  Liebe;  3)  den 
E.-griff  von   DienftbeflifTenheit  oder  Neigung; 

4) 


Acht  und  KW&nzigfifis  Kapitel.  24.1 

4)  den  Begriff  von  Handlung;  5)  den  Begriff 
vom    Guten,     d.    h.  .    was    feine 

Glückfeligkeit  befördert,  —  ein  Betriff,  der 
Sich  nach  näherer  Unterfudiung  in  befondere 
einfache  Vorfteüungen  auflofsi,  von  welchen 
das  Wort  Gut  irgend  eiie  überhaupt  anzeigt. 
Denn  ohne  das  hätte  es  gar  keine  Bedeutung, 
Und  fo  Iöfen  fich  auch  alle  Worte  für  morali- 
fche  Gegenftände  zuletzt  näher  oder  entfern- 
ter in  Verbindungen  einfacher  Vorfteüungen 
auf.  Denn  die  unmittelbare  Bedeutung  relati- 
ver Worte  ift  oft  ein  anderes  vorausgefetztes 
bekanntes  Verhältnifs,  das  nach  fortgefetzter 
Zergliederung  endlich  allezeit  in  einfache  Vor- 
ßellungen  zerlegt  wird. 

Ich  bemerke  zweitens,  dafs  wir,  wo 
nicht  allezeit  doch  meiflentheils,  einen  fo 
klaren  Begriff  von  dem  Verhältnifs, 
als  von  den  einfachen  Vorfteüun- 
gen, in  denen  es  gegründet  ift,  haben» 
Denn  unfere  Begriffe  vo:;  der  Uebereinftim- 
roung  oder  Nichtübereinftiinmung ,  wovon  die 
Verhältniffe  abhängen,  find  gewöhnlich  fo  klar 
^ls  von  fonft  etwas,  man  darf  nur  eine  ein- 
fache Vorßelhing  und  einexi  Grad  derfelben 
von  andern  uwterfcheiden  ,  ohne  Welches 
überhaupt  keine  deutliche  Erkenntnifä  möglich 
Locke'«.  II.  Theil.  Q  ift. 


243  Zweite»  Buch. 

ift.  Wenn  ich  eiue  klare  Vorftellung  von  der 
Süßigkeit ,  vom  Licht,  von  der  Ausdehnung 
habe,  fo  habe  ich  auch  eine  klare  Vorftellung 
von  einem  gleichen  ,  großem,  kleinern  und 
jedem  Grad  derfelben.  Wenn  man  weifs, 
•was  es  in  Beziehung  auf  einen  Menfchen  ift, 
von  einem  Weibe  gebohren  feyn ,  fo  weifs 
nian  auch,  was  es  für  einen  andern  ift,  von 
eben  demfelben  geboren  zu  feyn  ,  und  fo  ift 
der  Begriff  von  dem  Verhältnifs  der  Brüder 
fo  klar,  oder  vielleicht  noch  klärer,  als  von 
der  Geburt.  Denn  diefes  Verhältnifs  gründet 
fich  auf  die  Vorftellung,  dafs  ein  und  dafTelbe 
Weib  auf  gleiche  Weife  zur  Geburt  beuler 
beiträgt ,  und  dafs  beide  in  Anfebung  des  Um- 
ftandes  der  Geburt  gleich  find,  wenn  Buch  die 
beftimmte  Art  und  Weife  der  Geburt  unbe. 
kannt  wäre.  Obgleich  aber  die  Begriffe  von 
befondem  Verhältniffen  bei  gehöriger  AufmeTk- 
famkeit  fo  klar  und  deutlich  als  von  gemifch- 
ten  Beftimmungen,  und  noch  beftimmter  als 
die  von  Subftanzen  feyn  können,  fo  ift  doch 
die  Bedeutung  der  Ausdrücke  für  Verhältniile 
oft  eben  fo  zweifelhaft  und  ungewifs,  als  de- 
*er,  wodurch  Subftanzen,  gemifchte  Beftim- 
mungen und  noch  mehr,  als  derer,  wodurch 
einfache  Vorftellungen  bezeichnet  werden. 
Denn  jene  Ausdrücke  find  nur  Zeichen  für  die 
Vergleithung,  welche  allein  indem  Verftande 
Torgeht,    und  daher    nur  eine    Idee  ift  j    und 

fie 


Acht  und  zvranzigftes  Kapitel.  343 

fie  werden  daher  häufig  nach  der  Vorftellungs- 
art  des  einen,  welche  nicht  mit  den  Vorstellun- 
gen eines  andern,  ob  er  lieh  gleich  deffelben 
Ausdrucks  bedient,  übereinftimmet,  auf  ande- 
re Vergleichungen  angewendet, 

§.     2o» 

Drittens,  In  moTalifchen  Verhältniflen 
entliehet  durch  die  Vergleichung  einer  Hand» 
lung  mit  einer  Rrgel  ein  richtiger  Begriff  von 
dem  Verhältnifs,  die  Hegel  raag  wahr  oder 
falfch  feyn.  Wenn  ich  eine  Sache  mit  einer 
Elle  mefle,  fo  weifs  ich,  ob  fie  länger  oder 
kürzer  als  die  Elle  ift.  Es  kann  feyn ,  dafs  die 
Elle  nicht  das  richtige  Maafs  ift,  denn  diefes 
gehört  für  eine  andere  Unterteilung :  aber  ge- 
fetzt, fie  Wäre  unrichtig,  und  ich  irrte  dar- 
inn,  fo  kann  ich  doch  gleichwohl  das  Verhält- 
nifs der  Sache  zu  derfelben  richtig  wahrneh- 
men. Die  Beziehung  einer  Handlung  auf 
eine  falfche  Regel  hat  freilich  die  Folge,  dafs 
man  über  die  moralifche  Befchaffenheit  derfel- 
ben falfch  urtheilet,  weil  man  fie  nicht  nach 
der  Wahren  Regel  beftimtnt;  demungeaebtet 
kann  man  doch  das  Verhältnifs  der  Handlung 
2u  jener  Regel,  d.  h.  ob  fie  mit  derfelben  über- 
einftimmt  oder  nicht,  richtig  erkennen. 


Q  i  Neun 


*44 

Neun  und  zwanzigftes  Kapitel. 

Von  klaren  und  dunkeln,  deutlichen 
uud  undeutlichen  Vorftellungen. 

§.  i. 

•*ch  habe  den  Urfprung,  die  verfchiedenen  Ar- 
ten unferer  Vorftellungen,  und  den  Unter- 
fchied  zwifchen  einfachen  und  zufammenge- 
fetzten  betrachtet  und  bemerkt,  dafa  die  zu- 
fammengefetzten  in  Beftimmungen,  Subftanzen, 
und  VerhaltnhTe  eingetheilt  werden .  —  alles 
nothwendige  Unterteilungen  für  denjenigen, 
der  das  Verfahren  des  Verftandes  bei  dem  Den- 
ken und  Erkennen  der  Dinge  einfehen  will. 
Ungeachtet  diefe  Unterfuchungen  über  die  Vor- 
ftellungen vielleicht  manchem  zu  weitläufig 
fcheinen  dürften,  fo  mute  ich  doch  mit  Er 
laubnifs  des  LeTers  noch  einige  andere  Betrach- 
tungen über  diefelben  anftellen.  Die  erfte 
betrifft  den  Unterfchied,  dafs  einige  klar  und 
deutlich,  andere  dunkel  und  undeut- 
lich find. 

§•    2. 
Klarheit  und  Dunkelheit  der  Vor- 
ftellungen. 

Das  Vorßellen  der  Seele  IäTst  fich  am  he- 
ften durch  Worte  erklären,  die  fich  auf  o*as 
Sehen  beziehen.     Die  Reflexion  über  das,  wae 

wir 


Keim  und  zwanzigstes  Kapitel.  24$ 

wir  an  Gegenftänden  des  Gefichts  klar  und 
dunkel  nennen  ,  wird  uns  daher  am  heften 
verständlich  machen  können,  was  die  Klar- 
heit und  Dunkelheit  der  Vorftellungen  ift. 
Da  das  Licht  die  Bedingung  der  Sichtbarkeit 
der  Gegen ftände  ift,  fo  nennen  wir  dasjenige 
Object  dunkel,  welches  nicht  in  ein  fo  volles 
Licht  geftellt  ift,  dafs  man  die  feinften  in  dem- 
felben  bemerklichen  Farben  und  Geftalten  wahr- 
nimmt, weiche  man  bei  einem  ftärkem  Lichte 
unterfcheiden  würde.  Dielcmnach  find  unfre 
einfachen  Vorftellungen  klar,  wenn 
fie  fo  befchaffen  find,  als  ihre  Objecte  in  einer 
wohl  geordneten  finnlichen  Vorftellung  fieh 
darftellen  würden  oder  könnten.  Wenn  das 
Gedächtnifs  He  fo  behält,  und  dem  Bewufst- 
feyn  wieder  darftellen  kann ,  fo  oft  der  Ver« 
ftand  ihrer  bedürftig  ift,  fo  find  es  klare 
Vorftellungen.  Infefern  fie  aber  etwas 
von  ihrer  urfprünglichen  Genauigkeit  und  Leb- 
haftigkeit verloren  haben  ,  und  durch  die 
Zeit  gleichfam  verblichen  find,  infofern  find 
fie  dunkel.  Zufammenge fetzte  Vor- 
ftellungen find  klar,  wenn  ihre  Theilvor- 
ftellungen  klar  find ,  und  die  Zahl  und  Ord- 
nung derfelben  beftimmt  und  gewifs  ift, 

§..  5. 

Ur fachen  der  Dunkelheit. 
Die  Ur fache    der  Dunkelheit   einfa- 
cher Vorftellungen  fcheint  theiis  in  der  Stumpf- 
en 3  keät 


J4<i  Zweites  Buch. 

beit  der  Organe,  th«ils  in  zu  fchwactyen  und 
flüchtigen  Eindrücken  deT  Objecte,  theils  end- 
lich in  einem  fchwacheu  Gediichtnifs  zu  lie- 
gen, welches  die  Vorstellungen  nicht  fo  be- 
halten kann  als  es  diefelben  erb-'ten  hat.  Wir 
wollen  diefs  wieder  durch  die  Analogie  mit  ficht« 
baren  Gegenwänden  erläutern.  Wenn  die  Sin- 
nenorgane oder  Empfindungsvermögen,  wie 
durch  Kälte  zu  hart  gewordenes  Wachs,  die 
Eindrücke  von  dem  Siegel  mit  gewöhnlichem 
Druck  nicht  annehmen;  oder  wie  zu  weiches 
Wachs  das  Eingedrückte  nicht  gut  erhalten  j 
oder  wenn  das  Wachs  zwar  feine  gehörige 
Confiftenz  hat,  aber  das  Siegel  nicht  mit  er» 
foderlichter  Kraft  aufgedruckt  wird:  fo  wird 
in  allen  diefen  Fällen  das  Gepräge  dunkel  feyn. 
Eine  weitere  Anwendung  davon  ift  über- 
flüTfig. 

§.     4- 

Was    deutliche     und    verworrene 
V  orftellungen  find. 

So  wie  eine  Vorftellung  klar  ift,  wenn  die 
Seele  davon  ein  fo  vollei  und  klares  Bewufst- 
feyn  hat,  als  zu  entftehen  pflegt,  wenn  ein 
äuffere6  Object  ein  gefundes  Organ  gehörig 
afficirt,  fo  ift  diejenige  Vorftellung  deutlich, 
in  der  der  Verftaud  einen  Unterfchied  von  al- 
len ander»  wahrnimmt;  undeutlich  ift  fie  aber, 

wenn 


N«un  und  twanzigftes  Kapitel.  />47 

wenn  Ge  von  einer  andern,  von  der  fie  unter- 
fchieden  werden  Tollte,  fich  nicht  vollkommen 
unterfcheiden  läfsj, 

$.     * 

Wenn  eine  Vorftcllung  nur  dann  undeut- 
lich ift,  wenn  fie  von  andern  verfchiedenen 
lieh,  nicht  vollkommen  unterfcheiden  läfst,  fo 
dürfte  es,  wird  man  einwenden,  wohl  gat 
keine  undeutliche  geben.  Denn  eine  Vorßel- 
lung  von  welchem  Inhalte  es  fey,  kann  nichts 
anders  feyn ,  als 'das,  was  fich  die  Seele  vor- 
ßellt,  dadurch  ift  fie  aber  von  allen  andern 
Vorftellungen  unterfchieden ,  die  nur  infofern 
andre  Vorfiellungen  find,  als  fie  als  von  jener 
verfchieden  vorgeftellt  werden.  Jede  Vorftel- 
lung  mufs  daher  von  allen  andern  unterfcheid» 
bar  feyn ,  von  denen  fie  unterfchieden  werden 
foll;  wenn  man  nicht  will,  dafs  fie  fich  von 
fich  felbft  unterfcheiden  foll. 

§.    6? 

Un  deu  tlichkei  t  der  V  orfiellungen 
findet  nur  in  Beziehung  aufihre 
Ausdrücke  ftatt. 

Diefe  Schwierigkeit  läfst   fich  durch  eine 

Bemerkung  heben,  welche   zugleich  über  die 

Urfache  der  Undeutlichkeh  einiger  Vorftellun- 

Q  4  gen 


»4S  Zweites    Buch. 

gen'  Licht   verbreiten  wird.     Dinge,    welche 
durch  verschiedene  Ausdrücke  bezeichnet  find, 
werden    dadurch    als    hinlänglich    verschieden 
und  unterfcheidbar  gedacht;    und  der  £Töfste 
Theil  verfchiedener  Ausdrücke  bezeichnet  nach 
der  allgemeinen  Ueberzeugung  auch  verschie- 
dene Dinge,      Da  nun  jede  Vorftellung  eines 
MenSchen  das   ift,   was   fie  ift,    und  Geh  da- 
durch van  a!l«n    andern   Vorftellungen  aurser 
ihr  unterfcheidet,    fo    kann    fie  nur   dadurch 
undeutlich  werden,  wenn  iie  fo  befchaffen  ift, 
dafs  fie  eben  fo  gut  durch  ein  andres  Wort  als 
durch  das  für  fie  beftiramte  bezeichnet  werden 
kanu  ,  das  ift,  wenn  der  U  n  t  er  f  chied,  wel- 
che» die  Bedingung  ift,    d^fs  zwei  Gedanken 
unterfchieden    und    untes    zwei    verfchiedene 
Ausdrücke     gefafst    werden,    ausgelaflen    ift, 
und    die  Unterfcheidung,  welche    durch    die- 
felben    gefichett  werden  follte  ,   völlig  verlo* 
ren  geht, 

§•     7* 
Urfachen  der   Undeutlichke.it. 

Dia  Fehler,  welche  gewöhnlich  diefe 
Verwirrung  verurfachen,  find,  meiner 
Meinung  nach ,  hauptsächlich  folgende«  Der 
erfte  Fehler  ift,  wenn  die  zufammengefetzten 
Begriffe,  denn  bei  diefen  kommt  die  Undeut- 
lichkeit  am  weiften  vor,  aus  zu  wenigen  und 

nut 


Neun  und   zwanzigfle8  Kapitel.  249 

nur  fölchen  einfachen  Vorfiellungen  befiehen, 
welche  auch  andern  Dingen  zukommen,  wo- 
bei der  Unterschied,  um  deffen  willen  fie  ver- 
fchiedene  Sprachzeichen  verdieren ,  ausgelaf- 
fen  ift.  Wer  fich  in  feinem  Begriff  von  einem 
Leoparden  nur  ein  Thier  mit  Flecken  denkt, 
der  hat  einen  undeutlichen  Begriff ;  denn 
durch  denfelben  kann  der  Leopard  nicht 
von  dem  Lynx  und  andern  geflektsn  Thieren 
unterfchieden  werden.  Wie  febr  das  gewöhn- 
liche Verfahren  ,  die  Worte  durch  allgemeine 
Begriffe  zu  erklären,  dazw  beiträgt,  die  Be- 
griffe zu  verwirren  und  unbeftimmt  zu  laffen, 
überlaffe  ich  andern  zur  Betrachtung.  So  viel 
ift  aber  gewifs,  dafs  undeutliche  Begriffe  den 
Gebrauch  der  Worte  nngewifs  machen,  und 
den  V.orthei!  der  Verfchiedenheit  der  Ausdruck» 
aufheben.  Wenn  Vorftellungen  ,  zu  deren 
Bezeichnung  wir  vermiedene  Ausdrücke  ge- 
brauchen ,  kein  Unterfcheidungsruerkmal  ha- 
ben,  das  den  Worten  entfpricht,  und  daher 
durch  diefe  nicht  zu  unterfcheiden  find ,  fo 
find  fie  wirklich  undeutlich. 

§.     8- 

Zweitens.     Ein  andrer  Fehler  der  Begriffe, 

wodurch  fie  undeutlich  werden,  beftehet  darin, 

wenn  ihre  Beftandtheile  zwar  nicht  mangelhaft 

aber  doch  fo  verbunden  find,    dafs  man  nicht 

Q  5  leicht 


*5»  Zweite!  Bück. 

leicht  umei  («beiden    kann,    ob   fie  mehr   d*m 
für     fie     b>  (ii.ini.'en     Ausdrucke    oder    einem 
antlpri)  angehören,     Nichts  kam)  ups    eine  bef- 
fere  Votfteliung  von  diefer  Verwirrung   g>~ben, 
als   eine  gewöhnliche  Ar:  von  Gemälden,   die 
als  bewunderungswürdige  K.uiftv\  8rke  gezeigt 
werden  ,  in  denen  die  Farben,  fo  wie  fie  durch, 
den  l'infel  aufgetragen  find,   fehr  ungewöhnli,- 
che  und    bizarre  Geftajten  ohne  fichtbare  Ord- 
nung in  der    Stellung    darftellen.      Diefes   Ge- 
mälde, in    dein   keine  Ordnung  noch  Symme- 
trie erfcheiut,  ift  an  rieh   fo   wenig    undeutlich 
als    irgend     Jemand    ein    Gemälde    von   einem 
Wolkigten  Himmel,    wegen  der  wenigen  Ord- 
nung in  den  Farben  und  Geflalten,  für  ein  unr 
deutliches  Gemiilde  hält.     Da  alfo  der  Mangel 
an  Symmetrie   nicht  die  Urfache  der  Undeut- 
lichkeitift,  welches  daraus  erhellt,    dafs   eine 
blofse  Kopie  davon  nicht   undeutlich  heifst,  fo 
fragt  es  lieh,    warum  wird  es  denn  doch  für 
undeutlich  gehalten?   —      Kichts  anders  ift  die 
Urfacbe,  als  die  Beziehung  auf  ein  Spracbzej- 
chen  ,  dem  es  nicht  mehr  ausfchliefsend   ange- 
hört,  als  einein  andern.     Wenn  man   fagt ,  es 
ift  das  Bild  von   einem  Menfchen,  vOn  Cäfar, 
fo  hält  es  jedermann  mit  Grund  für  undeutlich, 
denn  in  dieCem  Zuftande  hat  es    nichts  Unter- 
fcheidendes,     das    fich    mehr    auf    das    Wort 
Menfch,    Cafar,     als   auf  das    Wort  [Pavian, 
Pompejus  bezieht,   welche  Worte  doch  etwas 

ganz; 


Nenn   und   zwanzigftes  Kapitel.  ijl 

ganz  anders  bezeichnen,  als  die  erften.  Sind 
aber  durch  einen  richtig  gestellten  CYlindrifchen 
Spiegel  die  unregelmäßigen  Züge  des  Gemäldes 
in  ihre  gehörige  Ordnung  und  VerhaltniiTe  zu- 
rückgebracht, dann  höret  die  Undeutlichkeit 
auf,  das  Auge  bemerkt,  dafs  das  Gemälde  z, 
B.  einen  Menfchen  oder  Cäfar  darfteilt .  das 
heifst,  dafs  es  in  Verbindung  mit  diefen  Wor« 
ten  ftehet  und  fich  von  einem  Pavian  oderPorn- 
pejus,  d.  b.  voa  den  durch  diele  Worte  be- 
zeicbneteo  .Begriffen,  hinlänglich  unterfchei- 
det.  Eben  fo  ift  es  mit  unfern  Vor  (teil  im  gen, 
welche  gleichfam  Gemälde  von  Dingen  und. 
Keines  diefer  geiftigen  Bildfr  kann,  wie  auch 
feine  Theile  zufammengefetzt  find,  undeutlich 
genannt  werden,  denn  die  Theile  laffen  Geh, 
fo  wie  fie  lind,  klar  von  einander  unterfchei- 
den  —  bis  es  unter  ein  Wort  geordnet  wird, 
dem  es  fo  wenig  als  einem  andern  von  ver- 
fchiedener  Bedeutung  a,usfchliefslich  beigelegt 
weiden  kann, 

§.    9. 

Der  dritte  Fehler,  wodurch  Vorfiellungen 
oft  undeutlich  werden,  iß,  wenn  fie  fch wan- 
kend und  unbeftimmt  find.  Man  findet 
Menfchen,  die,  weil  fie  fchon  Gebrauch  von  den 
gewöhnlichen  Worten  ihr«r  Sprache  machen , 
ehe  fie  noch  ihre  beftimmte  Bedeutung  kennen, 
die  Begriffe,  welchs  fie  mit  denfelben  verknü- 
pfen, 


3 {2  Zweites  Buch. 

pfen  ,  f-ift  mit  dem  jedesmaligen  Gebrauch  än- 
dern. Derjenige,  der  nicht  weifs ,  welch« 
Merkmale  er  in  feinen  Begriff  von  Kirche  ödet 
Götzendienst  aufnehmen  oder  aus  demfelbea 
ttxsfchlicfsen  folJ,  und  daher,  fo  oft  er  darüber 
denkt,  diu  byitimmte  Verbindung  der  Theil- 
vorftellungen  diefer'  Begriffe  nicht  feft  hält, 
der  hat  einen  undeutlichen  Begriff  davon.  Die- 
fe  Urfache  kommt  aber  immer  wieder  auf  die 
erfte  zurück.  Denn  ein  veränderlicher  Begriff, 
wenn  man  ihn  für  einen  will  gelten  laflen» 
kann  mit  einem  Worte  nicht  mehr  als  mit  ei- 
nem andern  verbunden  werden,  und  verliert 
daher  die  Beftimuitheit ,  welche  durch  verfeliie« 
dene  Ausdrücke  erreicht  werden  folk 

$.     I«. 

Ohne  Beziehung  auf  Worte  Iäfst 
fich  die  Undeutlich  keit  der  Vor- 
ftelluiigen  nicht  leicht  denken. 

Welchen  grofsen  Einßufs  die  Worte,  als 
beftimmte  Zeichen  der  Dinge  und  als  Mittel, 
die  Unterfcheidung  deffen  ,  was  verfchieden  ift, 
zu  veranlagen  und  zu  rlchern,  wegen  der  ver- 
borgenen, noch  nicht  beachteten  Beziehung» 
in  welche  die  Seele  Worte  und  Vorflellungen 
fetzt,  auf  die  Benennung  deutlicher  und  un- 
deutlicher Vorftellungen  haben,  läfst  fish  leicht 
aus  dem  Gefügten    bemerken ,     und   vielleicht 

wird 


Neun  wnd    zvran:irrr*es   Kapitel.  2$  3 

m 

wird  es  noch  verständlicher  werden,  wennfch 
irn  dritten  Buche  vor  den  Worten  werde  ge- 
handelt hdben.  Gewifs  ohne  Ruck  Geht  auf  die 
Beziehung  der  \orf»«llungen  auf  verfchiedene 
Worte,  als  Zeichen  verfchledeuer  Dinge,  läfst 
es  lieh  nicht  leicht  befiinunen ,  w^s  eine  un- 
deutliche Vorstellung  ift.  Wenn  daher  Jemand 
durch  ein  Wort  eine  Kbfle  von  Bingen  oder 
ein  von  allen  andern  verfchierienes  Individuum 
bezeichnet,  fo  ilt-der  zu  fammengefetzie  Begriff, 
den  er  mit  jenem  verbindet,  deito  deutlicher, 
je  individueller  ciie  Theilvorfteliungen  find, 
Uüd  je  gröfser  und  benimmter  ihre  Zahl  und 
Ordnung  ift.  Denn  dann  erhält  er  defto  mehr 
vorftellbare  Unterfcheidungsmerkmale ,  wo- 
durch er  (ich  von  allen  mit  Worten  verknüpf- 
ten Begriffen,  felbft  denen,  die  ihm  am  näch- 
ften  kommen,  unierfcheiden  und  abfondern 
läfst,  und  dadurch  wird  alle  Verwirrung  ver- 
mieden, 

5v   ii. 

Die   Undeutlich keit    beziehet    fich 
allezeit   auf  zwei  V  o  r  ft  e  1 1  u  n  g  e  n. 

Die  Undentlichkeit,  infofern  fie  die 
Trennung  zweier  Dinge,  die  unterschieden 
werden  follten,  erschweret,  beziehen  fich 
allezeit  auf*  zwei  Vo  r  ftjel  1  u  n  ge  n  und 
zwar     vorzüglich    diejenigen,    die.     in    Dach» 

fter 


i:'>4  Zweit*»    Buch. 

ßer  Verwandt  fehaft  flehen.  So  oft  alfo  ein 
Verdacht  enifteht,  eine  Vorftellung  mochte  un- 
deutlich feyn,  fo  mufs  man  allezeit  unterfu- 
chen,  welch«  andre  Vorftellung  mit  jener  ver- 
wechfelt,  oder  nicht  fcbarf  genug  von  ihr  un- 
terfchieden  fey.i  möge«  Es  wird  Geh  dann  immer 
rinden,  dafs  es  eine  andre  durch  ein  andres  Wort 
bezeichnete  Voiftellung  ift,  welche  daher  von 
derjenigen  unterfchieden  werden  follte,  von 
welcheT  fi«  doch  noch  nicht  vollkommen  unter- 
fchieden  ift,  indem  fie  entweder  als  identifch 
mit  deifelben,  oder  als  eine  Theilvorftellung 
derfelben,  oder  doch  zum  wenigen  als  eine 
\  orftellung  erfcheint,  die  mit  dem  Sprachzei* 
chen  jener  eben  fo  gut  bezeichnet  werden  könn- 
te. Und  fo  geht  die  Uuterfcheidung  der  Vor- 
ftellungen,  welche  fchon  in  der  Verschieden- 
heit der  Ausdiücke  liegt,  verloren. 

§.      12. 

t)iefs  ift.  wie  mir  fcheint,  die  den  Vorftel- 
lungen  eigene  Undeutlichkeit ,  die  immer  eine 
vt-ifteckte  Beziehung  auf  die  Sprachzeichen 
bat.  Sollte  es  auch  noch  eine  andre  Art  von 
Undeutlichkeit  geben,  fo  rührt  doch  von  je- 
ner die  Verwirrung  in  den  Gedanken  und  Re- 
tkn  der  Menfchen  gröfstentheils  her,  weil  die 
Vorftellungen,  in  fo  fern  fie  mit  Worten  ausge- 
drückt find,  grüfstentheils  den  Gegenftand  in- 
res  Nachdenkens  und  ihrer  Unterhaltungen  aus- 

raa- 


Neun  und  zwanzigstes  Kapitel.  2S> 

machen.     Wo  daher  zwei  verfchicdene  Begrif- 
fe mit  zwei  verfchiedenen  Spi  achzeichen  an- 
genommen  werden»    die  doch  Dicht    f o ,    wie 
ihre  Ausdrücke,   unterfcheidbar  find,   da  kann 
e^  nie  an  Undeutlichkeit  fehlen,   fie  kann  abet 
nicht   ftatt   finden,    wenn    fie  fo   ur.teifchiedeil 
werden,  als  die  Begriffe  der  Ausdrücke,,  wo- 
durch  fie   bezeWinet    werden.      Das  Mittel, 
der  Undeutlichkeit  vior  ■  ilbeugpn,'  be- 
liebet alfo   darin,  dafs   man  in   die  lufararaeh* 
gefetzten  Vöifleilungen  fo  beitimmt  als  möglich 
alle  Merkmale  aufnimmt»  wodurch  fie  fich  von 
andern   untetTcheiden  ,  und,  nachdem  die  Zjhl 
und  Ordnung  ihrer;  Merkmale  befthnint  ift »   mit 
ihnen    immer    einerlei     Ausdrücke    verknüpft. 
Allein   dieTe  Genauigkeit  ift  eher  zu  wünfchen 
als  zu  erwarten  ,  weil  fie  fich   nicht  mit  d^m 
Hange  der  Menfchcn  zur   Bequemlichkeit  und 
Eitelkeit   verträgt,    und    blofs    auf    die    lautre 
Wahrheit    abzweckt,     für    welche    nicht    alle 
Menfchen  Intereße  haben.     Und  da  diefe  loofe 
Verknüpfung  d^r  Worte  mit  ur.beftimmten  ver- 
änderlichen Begriffen,   die  faft  fo  gut  als   keine 
Begwffe   find,   fowohl  zur  Bemäntelung  unfrer 
eignen  UnwilTenheit  als  zur  Verwirrung  andrer 
dient,   wodurch  man   fich  den  Schein  von  üe- 
lehrfamkeit  und  überlegener  Ein  ficht  giebt,   fo 
darf  man   fich  nicht  wundern*  wenn    die  mei- 
fien  Menfchen   den  Gebrauch   folcher    fchwan- 
kenden  Begriffe,  den  fie  andern  fo  übel   neh- 
men, 


25t>  Zweites   Buch. 

meo,  Geh  I'elbft  erlauben.  So  fehr  ich  aber 
glaube,  du'.s  ein  ^rofscr  Tluil  der  Verwirrung 
in  den  Begnffen  durch  Sorgfalt  und  Redlichkeit 
vermieden  werden  könne ,  fo  bin  ich  doch 
weit  davoa  entfernt,  jeden  Fehler  diefer  Art 
für  vorf&tzlich  zu  halten.  Einige  Begriffe  find 
fo  fvhr  zufammengefetzt  und  verwickelt,  dafs 
das  Gedächtuifs  alle  einzelnen-tte^brjdtbeile  iu 
ihrer  befiimmten  Verbindung  nicht  leicht  in  ein 
Wort  faflen  kann;  noch  weniger  kann  man  im- 
mer erraihtn,  welche  Merkmale  und  in  wel- 
cher Verbindung  eiu  Andrer  mit  einem  Worte 
bei  dem  jedesmaligen  Gebrauche  verbindet. 
Aus  jener  Urfache  enifpringt  die  Undeutlich- 
keit  iu  jedes  Menfchen  eignem  Denken,  aus 
diefer  die  Verwirrung  in  feinern  Räfonnement 
mit  andern.  Doch  davon  werde  ich  weitläufi- 
ger in  dem  drittes  Buche  handeln» 

§.     13. 

Zu  fa  rr.mengefetzte  Begriffe  kön- 
nen von  der  einen  Seite  deutlich 
und  von  der  andern  undeutlich 
fey  n. 

Da  unfre  zuraramengefetzten  Begriffe  aus  ei- 
ner Manuichfaltigkeit  einzelner  Vorftellungen 
befU-hen,  fo  können  diefe  von  der  einen  Sei- 
te klar  und  deutlich  und  von  der  an- 
derndunkslundu«  deutlich  fey  n,  Wenn 

ei- 


Neun  und  zwanzigfies  Kapitel.  25? 

einer  von  einem  Chiliaedron  oder  einem  Körper 
von  taufend  Flacher)  fpricht,  fo  kann  disVoriiel- 
lun»  von  diefer  Figur  fehr  undeutlich  tii>d  die  von 
der  Zahl  fehr  deutlich  feyu.  Es  ift  möglich, 
dafs  er  in  Beziehung  auf  jenen  Zahlbfgriff.  gut 
räfonniren  auch  manches  demonftriren  kann,  und 
(ich  dadurch  einbildet,  einen  deutlichen  Begriff 
von  dem  Ganzen  zu  haben;  und  doch  ift  es  ein- 
leuchtend, dafs  er  keine  befümmte  Vorftellung 
davon  hat,  um  diefe  Figur  nur  von  einer  m.it 
999  Flächen  zu  unterfcheiden.  Die  Vernachläffi- 
gung  diefer  Unterfcheidung  verurfacht  nicht 
•wenige  Irrthümer  und  Verwirrungen  in  dea 
Begriffen  und  Räfonnement. 

§•     14. 

Man  lade  denjenigen,  der  einen  deutlichen 
Begriff  von  einem  Chiliaedron  zu  haben  glaubt,, 
zur  Probe  eine  Maffe  derfclben  Materie,  z.  ß.  von 
Gold  und  von  derfelben  Gröfse,  als  das  erftere, 
in  eine  Figur  von  999  Seiten  bilden.  Unftrei- 
tig  wird  er  die  Vorftellungen  beider  Figuren 
durch  die  Zahl  ihrer  Flächen  unterfcheiden* 
und  in  fo  fern  deutlich  darüber  räfonniren,  z. 
B,  die  Folgerung  ableiten,  dafs  die  Summe  der 
einen  Figur,  nicht  aber  die  der  andern  in  zwei 
gleiche  Quotienten  getheilt  werden  kann.  Al- 
lein die  UnteTfcheidung  beider  Körper  durch 
ihre  Figur  würde  ihm  nicht  fo  gelingen.  Wäre 
der  eine  Körper  ein  Kubus,  und  der  andre  riri 
Locke1«.    II.  TheU.  R  Fünf- 


*$i  Zweites  Bucb. 

Fünfeck,  fo  Wir«  es  möglich,  zwei  Vorftellun: 
gen  von  ihnen  zu  bilden  ,  die  Geh  blos  durch 
die  Figur  deutlich  von  einander  unterfchieden  > 
das  ift  aber  nicht  möglich  in  Anfehung  jener. 
Es  gefchieht  aber  nur  zu  leicht,  dafs  man  fich 
durch  foiehe  uuvollkommene  Begriffe ,  zumal 
wenn  fie  btfondere  und  bekannte  Sprachzei- 
chen haben,  täufcht  und  mit  andern  darüber 
ftreitet.  Denn  da  die  Vorftellung,  info  fern  Ge 
klar  ift,  befriediget,  und  der  bekannte  Aus 
druck  auf  das  Ganze  alfo  auch  auf  das  in  der- 
felben  enthaltene  Dunkle  und  Mangelhafte  be- 
zogen wird,  fd  ift  man  nur  zu  geneigt,  ans 
dem  dunkeln  Inhalte  derfelben  fo  zuverfichtlich 
als  aus  dem  klaren  Folgerungen  abzuleiten, 

$.     15* 

Ein    ßeifpiel    ron    dem    BegrifF  der 
Ewigkeit. 

Der  öftere  Gebrauch  de«  Worts  Ewigkeit 
kann  uns  leicht  zu  der  Täufchung  verleiten , 
als  hätten  wir  einen  vollftündigen  poGtiven  Be- 
griff davon,  d.  h.  als  wäre  jeder  Theil  der 
Dauer  klar  in  demselben  enthalten.  Zwar  kann 
derjenige,  der  fo  denkt,  von  der  Dauer,  von 
einer  grofsen  Länge  derfelben  und  von  Ver« 
gleichung  diefer  mit  einer  noch  gröfsern  einen 
klaren  Begriff  haben;  da  er  aber  doch  in  die 
Vorftellung  einer   noch  fo   gtpfsen    Dauer  die 

ganze 


N«ui»  und  zwanzigffes  Kapitel.  250 

ganze  unendliche  Zeit  nicht  eitifchltefseri  kann, 
fo  ift  der  Theil  feiner  Vorfiel'  <rg,  wacher  über 
die  Grenzen  einer  langen  vbfgeftellten  Dauer 
hinausgeht,  fehr  dünke'  und  ur.beCiirnmt.  Da- 
her die  Möglichkeit,  dafswir  in  unfcrtu  Denken 
über  die  Ewigkeit  oder  eine  andere  Unendlich- 
keit uns  fo  leicht  in  Irrthünser  und  offenbare 
Ungereimtheiten  verwickeln, 

§.     16. 

Ein  an  dres  Beifpiel  von  der  Theil- 
barkeit  der  Materie. 

Wir  haben  keinen  klaren  Begriff  von  der 
Kleinheit  der  Materientheile,  wenn  fie  noch 
um  viele  Grade  kleiner,  als  diejenigen  find, 
welche  wir  durch  die  Sinne  wahrnehmen. 
Wenn  wir  alfo  von  einer  unendlichen 
Theilbarkeit  der  Materie  fprechen ,  fo  ha- 
ben wir  zwar  klare  Begriffe  von  der  Theilung, 
der  Theilbarkeit  und  den  Theilen  eines  zerleg- 
ten Ganzen,  aber  fehr  dunkle  und  undeutliche 
Begriffe  von  kleinen  Körperchen  ,  die  noch  im- 
mer getheilt  werden  Folien,  nachdem  fie  fchori 
fo  klein  geworden  ,  dafs  fie  keiner  Wahrneh- 
mung mehr  empfänglich  find;  Was  die  Thei- 
lung überhaupt  und  die  Beziehung  des  Ganzen 
und  der  Theile  ifl,  das  kann  man  fich  klar 
und  deutlich  vorftellen,  aber  nicht  die  Gröfse 
eines  ins  Unendliche  theilbaren  Körpers,  wenn 

R  2  die 


aGa  Zvviitt»  Buch. 

die  Theilung  einige  ProgrefGoneu  durchgpgan 
gen  ift.  Hat  einer  wohl  eine  deutliche  Vorllel- 
lung  von  dem  Verhältnifs  des  loooeften  und 
100C,öcoflrn  Theilchens  des  kleinften  fichlba- 
ren  Sonnenfläubchens,  wenn  man,  was  nicht 
zur  Ausdehnung  gehöret,  die  Zahlen  ausnimmt? 
Und  follte  er  leinen  Vorltellungen  einen  fol- 
chen  Grad  von  Feinheit,  ohne  Nachtheil  für 
die  Deutlichkeit,  zutrauen,  fo  fe;ze  er  an  jede 
diefer  Zjhlen  noch  zehn  Nullen.  Denn  einen 
folchen  Gradlvon  Kleinheit  darf  man  wohl  ohne 
Ungereimtheit  vorausfetzen,  weil  man  nach  ei- 
ner fo  weit  fortgefetzten  Theilung  doch  der 
Gränze  der  unendlichen  Theilbsrkeit  um  nichts 
näher  kommt,  als  nach  der  erlten  Theilung  in 
zwei  Haifien,  Was  mich  betrifft,  fo  mufs  ich 
geliehen,  dafs  ich  von  der  unterfcheidbaren 
Gröfse  oder  Ausdehnung  diefer  Körper  keine 
klare  deutliche,  fondern  nur  eine  fehr  dunkle 
Vorftellung  habe.  Wenn  wir  alfo  von  der  un* 
endlichen  Theilbarkeit  der  Körper  fprechen, 
fo,  denke  ich,  verwandelt  lieh  die  Deutlichkeit 
der  Vorfullung  von  ihrer  Gröfse,  welche  der 
Theilung  zum  Grunde  liegt,  nach  einigen  Pro- 
grefüonen  in  Dunkelheit.  Denn  eine  Vorftel- 
lung, welche  uns  nur  allein  die  Gröfse  der 
Ausdehnung  vorftellen  foll,  mufs  fehr  dunkel 
und  verwint  feyn ,  wenn  wir  Gc  von  einer  an« 
dem,  die  eine  zehnmal  giufiere  Ausdehnung 
zum  Gegenfund  hat,  nur  durch  die  Zahlen  un- 
ter- 


>jeun  und  twanrigftes  Kapitel.  261 

teiTcheider»  können.  Demnach  haben  wir  wohl 
von  1    und   10  klare   und   deutliche  Vorftellun- 
gen ,  aber  nicht  von  der  Ausdehnung,   die  fich 
wie  I  zu  10  verhält.      Es  ift   alfo  daraus   ein- 
leuchtend, dafs,  wenn  wir  von  der  unendlichen 
Theübarkeit  der  Körper  oder  der  Ausdehnung 
reden,  die  Klarheit  und  Deutlichkeit  der  Vor- 
fiellungen fich  nur  auf  die  Zahlen   einfchrän- 
ket;  dafs  fie  hingegen,  in  fo  fern  fie  fich   auf 
die  Gröfse  der  Ausdehnung  bezieht,   nach  eini- 
gen    progreffiven     Theilungen    verfchwindet» 
Wir  haben  von  unendlich  kleinen  Theilen  kei* 
ue  deutliche  Vorfiellung.    Alles,  was  fich  dabei, 
fo    wie  überhaupt    bei  dem   Unendlichen, 
vorftellen  läfst,  ift  zuletzt  doch  nichts  anders, 
als  dafs  fich   zu  jeder   Zahl  eine   neue    fetzen 
läfst,  wodurch  man  fich  aber  keinen  wirklich 
unendlichen  Theil  vorftellt.     Es  ift  wahr,   wir 
können  uns  jederzeit  einen  klaren  Begriff  von 
der  Theilung  bilden;   allein  dadurch  erhalten 
wir  fo  wenig  eine  klare  Vorfiellung  von  unend- 
lichen kleinen  Theilen  der  Materie,  als  von  ei- 
ner unendlichen  Zahl  dadurch,  dafs  wir. zu  je- 
der gegebenen  noch  immer  neue  Zahlgröfsen 
hinzufetzen  können.    Die  endlofe  Theübarkeit 
giebt  uns  fo  wenig  deutliche  Vorftellungen  von 
wirklich  unendlich   kleinen   Theilen,    als    die 
endlofe  Vermehibarkeit  der  Zahlen  eine  klare 
Vorfiellung    von    einer  wirklich    unendlichen 
Zahl,     Beide  Vorftellungen  enthalten  nur  die 
R  3  Mög- 


a6i  Zweites  Mfkc\, 

Mü°licnkeit,  jede  Zahl,  fo  groTs  fie  auch  ift, 
noch  immer  zu  vermehren.  Wir  haben  alfo 
nur  einen  unvollftändigen  dur-keln  undeutli- 
chen Begriff  von  dem,  was  noch  immer  hinzu« 
zuietzen  ü'jrig  bleibt,  worin  eben  die  Unend- 
lichkeit beftehet,  und  es  läfst  Geh  fo  wenig  dar- 
über mit  Klarheit  und  Gewifsbeit  denken  und 
fchlier$en  ,  als  über  eise  Zahl  in  der  Arithme- 
tik, von  der  wir  keine  fo  deutliche  Vorftellung 
als  von  4  oder  leo,  fondprn  nur  den  relativen 
dunkeln]  Betriff  haben,  daTs  f:e  gröfser  ift,  als 
eine  andre  Zahl,  mit  welcher  Ge  verglichen 
wird.  Die  Vorftellung,  die  uoendliche  Zahl 
fey  gröfser  als  400  ooo.cco  ift  nicht  deutlicher 
als  die,  Ge  fey  gröfser  als  40  oder 4,  indem  die 
erftere  Zahl  kein  näheres  Verhältnifs  zu  dm 
Grenzen  aller  Addition  als  die  letzte  hat.  Denn 
wer  4  zu  4  fetzt  und  immer  fo  fortfährt,  \vi  d 
nicht  eher  an  diefe  Grenze  kommen  ,  als  der- 
jenige, der  400,000,000  zu  400,000,000  addirt. 
Eben  fo  ift  es  mit  der  Ewigkeit.  Die  Vorftel- 
lung von  4-00>00°.Ooo  fahren  ift  kein  vollftän- 
digerer  und  poGtiverer  Begriff  von  derfelben,  als 
die  Vorftellung  von  nur  4  Iahren;  denn  was 
noch  in  beiden  Zahlen  bis  zur  Ewigkeit  fehlet, 
das  lafst  Geh  weder  durch  die  eine  noch  die 
andre  klar  und  poütiv  vorftellen,  —  Nichts 
Endliches  Gehet  in  einem  Verhältnifs  zu  dem 
Unendlichen  ,  alfo  auch  nicht  unfre  Vorflellun- 
gen,  welche  alle   endlich  find.     Nicht  anders 

ver- 


Nenn  und  zwanzigstes  Kapitel.  263 

ve-hält  es  fleh  mit  der  Vorftellung  von  der  Aus- 
dehn 'in»,  wenn  wir  Ge  durch  die  Addition 
vergröfsern  oder  durch  die  Theilung  verklei- 
nern, und  dadurch  unfre  Gedanken  bis  zur 
Vorftellung  des  unendlichen  Raums  erweitern 
wollen.  Wenn  wir  die  uns  bekannten  gröfsten 
Gröfsen  der  Ausdehnung  einigemal  multiplicirt 
haben,  fchwindet  die  deutliehe  Vorftellung  die- 
fes  Raums.  Wir  ftellen  uns  ihn  als  einen 
unbtftimmbar  grofsen  vor,  der  noch  immer  gTöf- 
fer  gedacht  werden  kann.  Wenn  wir  darüber 
denken  und  räfonniren  wollen,  fo  verwickelt 
uns  diefer  Begriff,  wie  überhaupt  alle  undeut- 
liche Begriffe, in  folche  Verlegenheit,  dafs  man 
fich  nicht  hersue  finden  kann. 


Dreiffigftes  Kapitel, 

Von  realen  und  erdichteten  (fantaftica,) 
Vorfteliungen. 


Reale    Vorftellungen    entfp rechen 
ihren  Objecten, 

§.     I. 

Aufser  dem  fchon  gefagten,  laffen  fich  die  Vor- 
fteliungen noch  von  einer  andern  Seite  in  Be- 
R  4  zie* 


26"4  Zweites  Bn«k. 

ziehung  auf  die  Dinge,  von  welchen  fie  gege- 
ben find,  oder  welche  fie  vorteilen  füllen, 
betrachten.  In  diefer  RückOcht  ift  ein  dreifa- 
cher Unterfchied  denkbar,  fie  find  l)  entweder 
real  oder  erdichtet;  u)  vollkommen 
oder  unvollkommen;  3)  wahr  oder 
fallch. 

Unter  realen  Vorftellungen  verliehe  ich 
folche,  welche  in  der  Natur  gegründet  find, 
und  welche  mit  dem  realen  Weferi  und  Dafeyn 
der  Dinge  (ihren  urfprünglichen  Vorbildern) 
übereiuftiinmen.  Erdichtete  nenne  ich  folche, 
welche  keinen  Grund  in  der  Natur  noch  eine 
Aehnlichkeit  mit  dem  Wefen  des  Dinges  ha- 
ben ,  auf  welches  fie  Geh,  als  ihr  urfpiüngli- 
ches  Object  (ihr  Urbild)  beziehen, 

$.      2. 

I.  Die  einfachen  Vor ftellungen  find 
alle  real. 

Nach  Unterfuchung  der  verfchiedenen,  oben 
angegebenen  Arten  der  Vorftellungen  ergiebt 
fich  erftens,  dafs  alle  einfache  Vorftel- 
lungen real  find,  denn  fie  ftimmen  alle  mit 
der  Realität  der  Dinge  überein.  Das  heifst 
aber  nicht  foviel ,  dafs  fie  alle  Bilder  find,  wel- 
che etwas  Wirkliches  vorftellen ,  denn  das  Ge- 
gentheil  davon  ift  fchon  mit  Ausnahme  der'  ur- 

fprüng« 


Drtiffigftcs  Kapitel.  3g5 

fprünghchen  Eigenfchaften  der  Körper  gezeigt 
worden.  *)  Allein  obgleich  die|  weifse  Farbe 
und  die  Kälte  fö  weriig,  als  Schmerz  in  dem 
Schnee  ift,  fo  haben  doch  diefe  Vorftellungen, 
als  Wirkungen  der  Kräfte  der  Aufsendinge, 
welche  von  dem  Schöpfer  dazu  eingerichtet 
find,  dafs  fie  folche  Empfindungen  in  uns  erzeu° 
gen,  objective  Realität  für  uns  und  wir  unter- 
scheiden durch  fie  Eigenfchaften  ,  welche  wirk» 
lieh  in  den  Dingen  find.  In  fo  fern  nehmlich 
die  inahnichfalttgen  Erfcheinungen  Merkmale 
fevn  follen,  um  die  Dinge,  mit  denen  wir  zu 
thun  haben,  zu  erkennen  und  zu  unterfchiji- 
den,  fo  enifprechen  nahe  Vorftellungen  als 
reale  ch.irakterimfehe  Merkmale  diefem  Zweck 
eben  fo  gut,  wenn  fie  blofs  unveränderliche 
Wirkungen,  als  wenn  fie  vollkommen  entfpre- 
cbende  Bilder  von  etwas  objeetiven  an  den  Din- 
gen find.  Die  Realilät  der  Vorfiellungen  befte- 
het  nur  allein  in  der  unveränderlichen  Bezie- 
hung auf  die  befliinmte  Einrichtung  der  aufser 
uns  exilierenden  Dir.gn.  Ob  Cis  fich  darauf 
als  auf  Urfachen  oder  als  Vorbilder  beziehen  „ 
darauf  kommt  hier  nichts  an;  genug,  dafs  fie 
von  den  Gbjectsn  nach  einer  unveränderlichen 
Regel  hervorgebracht  werden.  In  diefer  Rück- 
licht find  alle  einfache  Vorftellungen  wahr  undf 
real,  und  keine  willkührlichen  Dichtungen, 
weil  fie  mit  den  Kräften  der  Dinge,  die  11© 
R  5  her- 

*)  S.  oben  das  8  Kap,  des  2tea  Buches. 


-66  Zweite*  Buch. 

jbervorbrinsren  ,  übereinftimmen  ,  oder  Pich  doch 
auf  iie  bez'trhi  n.  Denn  bei  diefen  ift  das  Ge- 
rr.  üt!i  blos  auf  die  Einwirkung  der  Dinge  ein« 
g-fcluänkt,  und  es  kann  keine  hervorbüngen, 
femdern  üe   nur  empfangen. 


§•     3. 

Z  u  f  a  mjn  e  m  g  o  fetzte  Vorftellnngerj 
find  wiiik  ühi  liehe  Verbindun- 
gen. 

Das  Gemüth  verhält  fich  zwar  leidend  in 
Ansehung  der  einfachen  aber  nicht  in  Anfe- 
hm  g  der  zu  fam  mengefetzten  Yo<fteIlungen. 
Denn  diefe  find  Verbindungen  einfacher  Vor- 
itfliungen  unter  ein  gemeinfehaftliches  Sprach« 
zvichen,  und  daher  bedient  fich  der  Verftand 
foey  Bildung  derfelbcn  offenbar  einer  gewiflen 
Alt  von  Freiheit.  Denn  woher  käme  es  fonft, 
dius  der  Begriff  des  einen  Menfchen  von  Gold, 
Gerechtigkeit,  (ich  von  dem  eines  andern  un- 
t&jrfcheidet,  wenn  nicht  der  eine  Merkmale 
aufgenommen  oder  ausgefchlolsen  hätte,  die 
der  andre  nicht  aufnimmt  oder  nicht  ausläßt? 
Es  fragt  Geh  alfo  hier :  welche  unter,  diefen  Ver- 
bindungen real,  welche  blos  willkubrlich  find  ; 
welche  mit  der  ohjeetiven  Realität  übereinftim- 
nun,    oder  nicht? 

i.  4« 


Dr«iffigßes  .Kapitel.  267 

II,  GemifchteBeftimmungen  find  re- 
al, wenn  fi  e  innere  Möglichkeit 
haben. 

Da  die  »emiCchten  Beft  immuneren 
und  V  er  h  !4 1  tn  i  fs  e  keine  andre  Reali- 
tät als  in  dem  meufchlichen  Verftande  haben, 
fo  ift  zu  ihrer  Realität  nichts  weiter  als  eine 
folche  Bildung  erforderlich,  daTs  ihnen  et- 
was entfprechendes  exilieren  kann. 
Disfe  Vorft. Usingen  find  ihre  eignen  Originale, 
Ce  können  ihnen  alfo  nicht  widerfprechen , 
a!fo  auch  nicht  Hirrgefpinnfte  feyn ,  wenn  man 
nur  nicht  wiederfprechende  Yorftellungen  ver- 
bindet Infofern  ihnen  Worte  einer  bekannten 
Sprache  angewiefen  find,  durch  Welche  man 
lie  andern  bekannt  macht,  in  fo  fern  ift  frei- 
lich ihre  innere  Möglichkeit  nicht  hinlänglich, 
fondern  um  iie  nicht  für  chimäiifch  zu  halten, 
inüfsen  fie  mit  der  Bedeutung  diefer  Sprachzei- 
chen übereinstimmen.  So  darf  man  das  Wort 
Gerechtigkeit  nicht  mit  dem  Begriff,  den  man 
in  der  gewöhnlichen  Sprache  unter  Freigebig- 
keit verftehet,  verbinden.  Doch  diefe  Will- 
kührlichkeit  betrifft  mehr  die  Eigenthümlich- 
kait  einertSprache,  als  die  Realität  der  Vorfiel- 
lungen. Denn  dafs  ein  Menfch  in  Gefahren 
fo  viel  Gegenwart  des  Geiftes  befitzt,  dafs  er 
ruhig  überlegen  kann,  was  am  beften  zu  thun 

ift, 


268  Btreires  B^ch. 

ift,    und  di*   ftandbaFt  ausfuhrst,  ■  ft  eine  ge- 
mifchte  Beftimmuag  oder  ein  »ufamrneiV^ftz- 

ter  ßr^riil  <  idlong',    die   wirklich   vor- 

kommen J'ann.  Die  UnerfchütU  rlichkv?it  in 
Gefahren .  ohne  Gebrauch  det  Vernunft  und 
,der  Kläffe,  ift  aber  nicht  weniger  möglich 
und  ein  eben  fo  realer  Begriff,  als  der  erflere. 
Da  aber  der  erfte  mit  dem  Sprachzeichen, 
flluth  verknüpft  ift,  fo  kann  er  in  Rückficht 
auf  diefes  Wort  richtig  oder  unrichtig  feyn, 
Diefes  fällt  aber  bei  dem  andern  weg,  da  für 
ihn  kein  Aufdruck  beftiinint,  und  er  ohne 
weitere  Rückficht,  als  auf  Hch  felblt,  gebil- 
det ift. 

§.    5. 

HI,  Die  Begriffe  von  Subftanzen 
find  real,  wenn  fie  mit  den  exi- 
liierenden  Dingen  übereinfHm- 
m  e  n, 

Unfre  zu  fa  >n  in  en  gefetztenBegrif« 
fe  ron  Sub  (tanzen,  welche  fich  auf  Din- 
ge aufsei  uns  beziehen,  und  uns  Subftanzen, 
infofem  De  wirklich  find,  vorftellen;  find  nur 
insoweit  real,  als  fie  Inbegriffe  von  einfa- 
chen Vorftellumgen  fiud  ,  welche  wirklich  ver- 
einioet  und  zufaininen  in  den  Allmendingen  exi- 
ßiereni  blpfae  Einbildungen  fiud  fie  aber, 
wenn   fie  folche    Ycrftellungen    in  fich  fallen* 

wel- 


Dieifsigftes  Kapitel.  269 

welche  nie  vereiniget  waren  .  urr!  nie  zuTatn- 
men  an  einer  Subfta^z  gefunden  werden.  Bei- 
fpiele  von  den  letztern  aud  folgende  Begriffe: 
ein  vernünftiges  Wefc«,  beßehend  aus  einem 
Pferdekopf  und  ein  ein  menschlichen  Körper, 
Wie  die  C&ntauren  beschrieben  werden,  oder 
ein  gelber  Körper  .  der  fich  fcb  lagen  uud 
fchmelzen  läfst,  und  feueibeftändig,  dabei 
aber  leichter  ift,  als  gemeines  VVailer,  oder  ein 
einförmiger  unorganifcher  Körper»  der  nach 
dem  äufsern  Anfehn  aus  einartigen  Theüen 
befteliet ,  und  nah  BewuFstfeyh  und  Willkühr- 
licher  Bewegung  verbunden  ift.  Ob  folche 
Substanzen  exiftieren  können,  oder  nicht,  das 
willen  wir  wahrfcheinlich  nicnt;  dem  fey  aber 
wie  ihm  wolle  ,  fo  find  doch  diefe  Begriffe 
blofse  PrOducte  der  Einbildungskraft  .  weil 
fic  nach  keinen  uns  bekannten  emittierenden 
Objecten  gebildet,  und  folche  Verbindungen 
einfacher  Vorftellungen  find,  als  uns  noch  nie 
eine  Subltan«  aufgewiefen  hat.  IS  och  chhüä- 
jil'cher  find  aber  diejenigen,  znfamrnengefetz- 
ten  Begriffe,  deren  Beftandtheile  unverträglich, 
und  widerlprechend  find. 


Ein 


Fin    ithcl  th^ifsi^ftrs   K.ipittl. 

Von    vollkommenen    (adequaie)    und 
unvollkommenen    (inadequate)    Vor- 
fiellungen. 


u„, 


ifre  real«  Vorftellungen  fin-1  thcils  vollkom- 
men, tht-iis  unvollkommen.  Voilko;iiineii  nenne 
ich  diejenigen,  welche  ihre  Objecte,  von  wel- 
chen üe  abgeleitet  find,  und  auf  welche  Ge  fich 
beliehen,  vollkommen  darfteltcn.  U  n  v  o  1 1- 
k  o  m  nie  n  e  Vorftellungen  lind  diejenigen,  wel- 
che das  Object,  auf  welches  fie  fich  beziehen, 
hur  zum  Tueil  oder  unvollständig  vorftellen. 

§.      2. 

I.     Alle     einfachen     Vorftellungen 

lind  vollkommen. 

Aus  diefcr  Erklärung  folgt,  dafs  alle  u  n  f- 
re  einfachen  Vorftellungen  voll- 
kommen find.  Denn  da  fie  Wirkungen  ge. 
wider  Kiäfte  der  Dinge  find,  die  von  Gott 
O.aiii.  eingerichtet  find,  daTs  üe  folche  Empfin- 
dungen in  uns  hervorbringen  ,  fo  muffen  fia 
notfnvendig  diefen  Kräften  entCpretdien  ,  und 
wir  können  uns  völlig   verfichert  halten  ,    dafs 

fie 


Ein  und  dreifsigfte*  Kapitel,  27  t 

ße  mit  der  objectiven  Realität  der  Dinge  übs  r- 
einftimraen.  Denn  wenn  der  Zucker  in  uns 
die  Voifitllungen  von  der  weiften  Farbe  uad 
der  SüTsigki  it  hervorbringet,  fo  ift  gewifs  in 
demfelhen  eine  Kraft,  iie  hervoi zubringen, 
denn  fonft  würden  Iie  nicht  dadurch  wirklich 
werden.  Uno  da  jede  Empfindung  einer  Kraft, 
welche  unfre  Sinne  äfficirt,  entfpricht,  fo  ift 
jede  auf  diefe  Art  entftandene  VoriteJfung  öb- 
jectiv,  und  keine  Erdichtung  «ies  Gemülhs:, 
welches  kein  Vermögen  hat :  einfache  V01  Hei- 
lungen hervorzubringen  j  ünÖ  fie  raufe  entfpire- 
chend  feyn,  weil  he  nothwendig  hur  allein 
rfiefer  Kraft  entfpricht.  Alle  einfache;  Vorftei- 
lungen  find  alfo  vollkommen.  Es  ifi  wahr,  die 
wenigften  von  den  Vor  Heilungen  veruifacheh- 
den  Dingen  werden  voii  uns  blofs  als  Lrfa- 
chen  derfelben  bezeichnet.  Wh  denken  uns 
Tielmehr  die  Vorftellungen  als  etwas  Reales  in, 
tfenfelben.  Wenn  man  fagt,  dag  Feuer  ift 
fehmeizhaft  für  das  Gefühl ,  f0  legt  man  dein« 
felben  das  Vermögen  bei,  diefe  Empfindung 
hervorzubringen  -}  aber  man  fagt  auch:  das 
Feuer  ift  leuchtend  und  heifs,  als  wenn  Licht 
und  Hitze  etwas  Reales  in  dem  Feuer  wäre-, 
da  ea  doch  nur  das  Vermögen,  diefe  Vorftellun- 
gen zu  erzeugen,  befitzt.  So  mufs  man  ts 
ve.ftchen,  wenn  ich  läge,  die  abgeleiteten  Ei- 
genfchdften  oder  ihre  Vorftellungen  find  in  den 
Objekten ,   die    fie    erzeugen.     Obgleich   c'ieia 

Aus- 


0?3  Zweites    Buclh 

Ausdrücke  i!er  gewöhnlichen  Vorftellungsart 
angepaßt  Lud,  ohne  welche  man  lieh  nicht 
gut    rerlründlich    machen  kann,    fo  bedeuten 

de  doch  nichts  anders,  als  das  in  den  Dingen 
■befindliche  Vermögen,  gewiffe  Empfindungen 
'und  VorfteHungen  in  uns  zu  verutfachen.  Ge- 
fetzt di'T  Menfch  hiate  keine  taugliche  Organf» 
um  lue  Eindrücke  des  Feuers  auf  das  Geficht 
und  d<s  Gefühl  aufzunehmen,  noch  aufserdem 
ein  Gemüih,  um  die  V  Orfteilungen  von  Licht 
und  Hitze  vermöge  jener  Eindrücke  zu  empfan1- 
gen,  fo  möchte  die  Sonne  immer  fo"  fcheinen, 
wie  jetzt,  und  der  Aetna  noch  fo  hohe  Flam- 
men ausßofsen,  es  Würde  doch  fo  wenig  Licht 
oder  Hitze  iu  der  Welt  feyn ,  als  Schmerz  oh- 
ne empfindende  Wefen  möglich  ift.  Hingegen 
wurde  Dichtheit,  Ausdehnung  mit  ihrer  Be- 
grenzung, der  Figur,  Bewegung  und  Ruhe  in 
der  Welt  vorhanden  feyn,  ohne  Küchficht  auf 
das  Dafeyn  oder  Nichtdafeyn  vorftellender  We- 
i'en.  Daher  haben  wir  Urfache,  diefe  als  reale 
Modifikationen  der  Materie  und  als  die  veran- 
Jaflenden  Ursachen  unferer  mannichfaltigen 
VorfteUungeu  von  Körpern  anzufeuern  Doch 
diele  Unteil'uchung  gehört  nicht  hierher. 


$■  ?• 


Ein  und  dreifsigftes  Kapital.  *73 

*♦    5. 

II.     Alle    Beftitnmun»en     f i n d   voll- 
kommene V  o  r  ft  e  1  i  u  n  g  e  n. 

Die  zu  f  a  m  ra  e  n  gefe  t  z  t  e  n  Begriffe 
vou  ßeftimmungen  müden  als  wirkühr« 
liehe  Verbindungen  einfacher  Vorsehungen, 
bei  deren  Bildung  der  Verdand  auf  kein  wirk- 
lich exiftierendes  Vorbild  RückQcht  nimmt, 
noth wendig  vollkommen  entfprechende  Vor* 
ftellungen  feyn.  Sie  follen  nicht  Kopien  von 
exiftierenden  Dingen  feyn,  fondern  fie  find 
von  dernVerftande  felbit  zu  Originalen  gemacht, 
Dinge  darnach  zu  benennen,  und  zu  ordnen; 
fie  enthalten  die  von  dem  Verftande  beftimmte 
Verbindung  von  Vorftellungen  und  die  beab- 
lichtete Vollkommenheit.  Der  Verfland  wird 
durch  fie  vollkommen  befriediget,  und  findet 
keinen  Mangel  an  ihnen.  Die  Vorftellung 
vod  einer  Figur  mit  diei  Linien,  die  in  drei 
Winkel  zufammenfrofsen,  ift  ein  voliftändiger 
Begriff,  dem  nichts  zu  feiner  Vollkommenheit 
felilt,  Dafs  diefer  Begriff  den  Vcrßand  voll- 
kommen befriediget,  erhellet  daraus,  dafs  er 
fich  kein  vorftellendes  Wefen  denkt,  das  einen 
voliftändigern  Begriff  von  dem  durch  das  Wort 
Triangel  bezeichneten  Objecte  habe,  (wenn 
wir  dellen  Exiftenz  vorausfetzen)  al>  in  dem 
von  drei  Seilen  und  Winkeln  enthalten  ift, 
welcher  alles  begreift,  was  zu  feiner  Volikom- 
Locke's.   II,  Theü.  S  antfn- 


274  Zweite»  Ciuk. 

meuheit  wefentlich  oder  nothwendig  iß,  wo 
und  wie  auch  «in  Triangel  exiftiert.  Arakrs 
verhält  es  fich  mit  unfern  Begriffen  von  Snb- 
ßanzen.  Indem  diefe  die  Dinge  nach  ihrem 
wirklichen  Wefen  copieren ,  und  die  Einrich- 
tung, in  welcher  alle  ihre  Eigentümlichst  i- 
ten  gegründet  find,  darfteilen  feilen,  werden 
wir  iune,  dafs  fie  die  Vollkoiumenheit  nicht 
•rreichen,  welche  wir  wünfehten.  Wir  ver- 
milfen  noch  immer  etwas  an  ihnen,  und  Ge 
find  daher  unvollftändig.  Die  Voritellungen 
von  gemifchten  Beftimmungen  und  Verhält» 
nillen  hingegen  find  Originale  ohne  Vorbilder, 
die  nichts  vorzufteJlen  haben,  als  fich  felblt. 
und  daher  müffea  fie  vollkommen  entfure- 
chend  feyn ;  denn  jedes  Ding  ift  Geh  felbft 
gleich«  Wenn  einer  zuerft  folgende  Vorliel- 
lungen  zufammen fetzte:  Wahrnehmung  der 
Gefahr,  Abwefenheit  aller  Verwirrung,  ruhi- 
ge Ueberle»ung  deflen,  was  in  diefem  Zeit- 
punete  gerchehen  mufs,  und  ftandhafte  Aus- 
führung deffelben  ohne  Verwirrung  und  AÖ- 
fchreckung  durch  die  Gefahr,  fo  fch webte  fei- 
nem Geifte  gewifs  der  aus  diefen  Merkmalen 
zufammengefetzte  Begriff  vor.  Es  war  feine 
Ablicht,  dafs  er  nichts  anders  fey,  als  was  er 
ift,  und  keine  andern  Merkmale  in  Geh  enthal- 
ten follte;  er  mufste  alfo  vollftändig  und  ent- 
fprechend  feyn.  Er  legte  diefen  Begriff  in 
feinem  Gedächtnifs  nieder,  knüpfte  an  den  lei- 
ben 


Ein  und  dreifsigftes  Kapitel.  275 

ben  das  Wort  Muth,  um  ihu  andern  miizuthei- 
len  und  die  Handlungen  zu  bezeichnen  ,  wel- 
che dajnit  überein ftimmten.  Diefer  Begriff  war 
alfo  ein  Maasftab  zur  Beurtheilung  der  Hand- 
lungen und  als  ein  eignes  Marter  auf^eftellr, 
ohne  Beziehung  auf  ein  anderes  Ding  als  auf 
fich  felbft;  er  war  auch  nicht  nach  einem  an- 
dern Original  fondern  blofs  durch  die  Will- 
kühr  gebildet,  und  daher  vollkommen  ent- 
fprechend* 

s.  4. 

Beftimmungen  können  in  Rück- 
licht auf  ihre  Worte  unvollkom- 
men fey  n. 

Doch  kann  freilich  ein  Anderer,  der  aus 
des  erften  Erfinders  Umgang  das  Wort  Muth 
lernte,  einen  Begriff  davon  bilden,  der  von 
der  urfpringlichen  Bedeutung  jenes  abweichet. 
Und  in  diefem  Falle  kann  fein  Begriff  fehr 
mangelhaft  und  unvollftändig  feyn  ,  wenn  et 
nehmlich  meint,  er  folle  fo,  wie  fein  Ausdruck, 
mit  dem  übereinftimmen ,  den  jener  fich  dach- 
te. Denn  weil  der  Begriff  und  der  Ausdruck 
deffan ,  von  dem  er  beydes  lernte,  das  Mu- 
ßer feines  Begriffs  und  Ausdrucks  ift,  fo  ift  die- 
fer infofern  mangelhaft  und  nicht  entfprechend. 
als  er  fich  von  jenem  Mufter  entfernt ,  nach 
welchem  «r  gebildet  ift,  und  das  er  durch 
S  2  das 


576  Zweites    Buch. 

das  beigelegte  Wort  ausdrücken  foll.  Denri 
er  will  dafs  das  Wort  als  ein  Zeichen  fowohl 
von  feinem  eignen  als  von  dem  Begriff  des 
erften  Erfinders  angefeben  werde,  als  wenn 
beide  einftirnmig  wären.  Ift  das  nun  nicht» 
fo  ift  der  feinige  mangelhaft  und  unvollflän- 
dig. 

§.     5. 

Wenn  alfo  die  zufammengefetzten  Begriffe 
von  Beftiromungen  fich  auf  die  Begriffe  andrer 
Menfchen  beziehen ,  und  mit  ihnen  übereiu- 
flimmen  Tollen ,  auch  zu  dem  Ende  mit  Wor- 
ten bezeichnet  werden,  dann  können  fie  und 
auch  nur  in  diefem  einzigen  Fall,  fehr  unrich- 
tig, mangelhaft  und  unvollkommen  feyn,  weil 
fie  (dem  von  der  Seele  beftimmten  Originale 
nicht  entfprechen.  In  diefer  RückHcht  find 
diefe  Begriffe  mehr  als  andre  dem  Fehler  der 
Unrichtigkeit  ausgesetzt,  welche  aber  doch 
mehr  die  Sprache  als  das  Vorftellen  betrifft. 

§.    6. 

III,  Die  Begriffe  von  Subftanzen 
find  in  Beziehung  auf  das  objee- 
tive  Wefen  unvollkommen. 

Die  Begriffe  von  Subftanzen,  die 
ish  oben  erklärt  habe,  haben  in  dem  Verftan- 

de 


Ein  und  dreirs'gfte«  Kapitel,  »77 

de  eine  doppelte  Beziehung,  Bald  werden  fie 
auf  das  vorausgesetzte  reale  Wefen  jeder  Art 
von  Dingen  bezogen ;  2)  bald  follen  fie  nur 
Gemälde  und  Vorftellungen  des  Verftandes  von 
den  exiftierenden  Dingen,  vermöge  der  Vor- 
ftellung  ihrer  wahrnehmbaren  Eigenfchaften 
feyn.  In  beiden  Fällen  find  diefe  Kopien  in 
Beziehung  auf  ihre  Originale  unvollkommen 
und  nicht  völlig  entfprechend. 

Erftlich.     Die  Menfchen  gebrauchen  die 
Sprachzeichen  der  Subftanzen  zur  Bezeichnung 
der  Dinge,  infofern  ße  nach  ihrer  Vorausfez- 
ung  ein  beftimmtes  reales  Wefen    haben  ,    und 
dadurch    zu   diefer    oder    jener   Art  gehören. 
Die  Worte  bezeichnen  aber  nichts  anders  als 
Vorftellungen  j    folglich   muffen    fie    diefe   auf 
das  reale  Wefen  der  Dinge  als  ihre  Originale 
beziehen.     Dafs  die  Menfchen,  vorzüglich  die 
in    unfern  Witten fchaften    unterrichteten,    ein 
fpeeififches  Wefen  derSubftanzen  vorausfetzen, 
an  dem  jedes  Individuum  feiner    Art  Antheil 
nimmt,   und  womit  es  übereinftimmt,    bedarf 
fo   wenig  eines   Beweifes ,    dafs  vielmehr  die 
entgegengefetzte  Meinung  fehr  auffallend  feyn 
würde.       Gewöhnlich    wenden   fie  alfo   diefe 
fpeeififchen  Worte,    unter  welche  die  einzeln 
Subftanzen  geordnet  wer3en,    auf  die  Dinge 
an,  als  wären  fie  durch  ihr  fpeeififches  reales 
Wefen  unterfchieden.     Wer  würde  nicht  den 
S  }  Zwei- 


»78  Zweites  Euch. 

Zweifel,  ob  er  Geh   aus  einem  andern  Grur.de 
einen    IVTenfchen   nenne,  ah   weil  rr   d.is   leale 
VVefcn  eines  iMenfcuen  hat,  für  eine  Krinkung 
halten?   UVnn  man  nun   aber  fragt ,  was  denn 
das  reale  Wefen  der  Dinge  ift,  fo  zei-t  ts  Geh 
gar    bald,     dafs    die    Menfchen    nichts   davon 
wiflen.       Daraus  fol^t  alfo.    dafs  die  Begriffe, 
infofern  fie  auf  das  reale  Wefen  als   ihr  doch 
unbekanntes  Original  bezogen  werdet»,  um  fo 
weniger  er.tTnrecliende  Vorflellungen   find,    als 
fie  nicht  für  Vorftellungen  des  objeetiven  We- 
fens  gelten  können.      Unfre  zufamniengefetzten 
Begriffe  von  Subftanzen   lind,  wie   wir   fchon 
gezeigt  haben,  gewifle  Verbindungen  einfacher 
Vorftellungen,  welche  nach  Beobachtungen,  oder 
Vorausfetzungen    beftändig   verbunden  exiftie- 
ren,      Diefer    zurammengefetzte  Begriff  kann 
aber  nicht  das  reale  Wefen  einer  Subftanz  feyn» 
Denn  fonft  müßten  alle  an  einem  Körper  ent- 
deckten Eigenschaften  von   demfeiben  abhän- 
gen, und  von  ihm  abgeleitet  weiden  können, 
auch  die  nothwendige   Verknüpfung  mit   dem- 
feiben erkennbar  feyn;  fo  wie  alles,  was  fich 
an  einem  Triangel   entdecken   läfst,    aus  dem 
zufaramengefetzten   Begriff    eines    durch    drei 
Linien     eingefchloflenen     Raumes     abgeleitet 
werden  kann.     Dafs  diefes  aber  nicht  der  Fall 
ift  mit  den   Begriffen  von  Subftanzen,  ift  ein- 
leuchtend.    Das  Eifen  ift  nach  dem  gemeinen 

Bo. 


Ein  und  dreifsigßes  Kapitel.  27$ 

Begriffe  ein  Körper  von  gewiffer  Farbe.  Schwe- 
re und  Härte;  und  dafs  er  durch  den  Hammer 
getrieben  werden  kann ,  betrachtet  man  als 
eine  ihm  zugehörige  Eigenfchaft.  Diefe  fteht 
aber  in  keiner  ncthwendigen  Verknüpfung 
mit  jenem  zufammengefetzten  Begriffe  oder 
einem  Merkmal  deffelben,  und  man  dürft« 
mit  eben  fo  viel  Gmnd  annehmen,  dafs  diefe 
Eigenfchaft  von  der  Farbe,  dem  Gewicht  und 
der  Harte,  als  dafs  diefe  von  jener  abhängen» 
Unbeachtet  diefes  reale  Wefen  kein  Gegen- 
ftand  der  Erkenntnifs  ift,  fo  werden  doch  ge- 
wöhnlich die  Dinge  nach  diefem  in  Arten  ge- 
ordnet. Das  Stückchen  Materie,  aus  Avelchem 
der  Ring  an  meinem  Finger  befiehet,  hat,  wie 
die  meiften  Menfchen  voreilig  annehmen, 
fein  reales  Wefen,  wodurch  es  Gold  ift,  und 
woraus  die  an  demfelben  wahrgenommene 
Eigenfchaften  fliefsen  ,  z  B.  die  befondere 
Farbe,  das  Gewicht,  die  Härte,  die  Schmelz- 
barkeit, die  Feuerbeftändigkeit,  und  die  Ver- 
änderung der  Farbe  durch  eine  leichte  Berüh- 
rung des  Queckfilbers  u.  f.  w.  Diefes  Wefen 
aber,  worinn  diefe  Eigenfchaften  gegründet 
find,  lärst  fich,  aller  Unterfuchungen  ungeach- 
tet nicht  "entdecken.  Ich  kann  nur  höcbftens 
annehmen,  dafs  das  reale  Wefen,  oder  die 
innere  Einrichtung  des  Goldes,  als  eines  Kör-  . 
pers ,  worinn  feine  Eigenfchaften  gegründet 
find,  nichts  anders  feyn  muffe,  als  die  Geftalt, 
S  4  Gröt'se 


;8o  Zweites  Buch. 

Gröfse  und  Verbindung  feiner  dichten  Be- 
ßandibeile  Da  ich  aber  von  keinem  deffelben 
«ine  beßimmte  Vorßellung  hibe,  lo  lälst  Och 
auch  das  Wefen,  welche^  die  Urfache  von  der 
befondern  grlben  Farbe,  von  dein  fpecififclun 
Gewicht,  und  von  der  Möglichkeit  iß,  d<-'s 
di"  FdTbe  durch  Berührung  des  Queckfilbc-n 
verändert  wird  ,  unmöglich  begreifen.  Woll- 
te man  fa-en  ,  diefes.reaJe  Wefen,  thefe  innere 
Eii. rieh tung  f.  y  nicht  die  Geßalt,  Gröfse,  An- 
ordnung und; Verbindung  der  dichten  Theile, 
fondern  etwas  anders,  das  man  die  befondere 
Form  des  Goldes  nennt,  fo  kann  ich  mir  noch 
weit  weniger  als  vorher  einen  Begriff  davon 
machen.  Denn  von  der  Geßalt  ,  Gröfse 
und  Lage  der  dichten  Theile  habe  ich  doch 
im  Allgemeinen  einen  Begriff  ob  ich  gleich 
die  individuelle  Geßalt,  Gröfse  und  Verbin- 
dung der  Theile  nicht  kenne,  aus  welchen 
die  eben  erwähnten  Eigenfchaften  entfpringen. 
Allein  dafs  aufser  der  Geftalt ,  Gröfse  und  Ver- 
bindung der  dichten  Theile  diefes  Körpers, 
noch  etwas  anders,  genannt  fubßanzielle 
Form,  fein  Wefen  ausmachen  foll,  davon  ge- 
ßehe  ich,  habe  ich  nicht  die  geringße  Vorfiel- 
lung,  den  Laut  Form  etwa  ausgenommen, 
welches  /aber  doch  noch  lange  nicht  zum  Be- 
griff des  Wefens  hinlänglich  iß.  Eben  fo  we- 
nig kennen  wir  dis  reale  Wefen  aller  andern 
Subiidnzen  in  der  Natur.     Ich  zum   wenigßen 

mufs 


Ein  und    dvtifsigßns   Kapitel.  281 

imirsgeftehcii,  dars  ich  keinendeutlichen  Heg  >£f 
davon  h-ibe,  und  wenn  andre  ihre  Erkennt» 
nifs  prüfen,  fo  wetten  fie  hoffentlich  tbem 
diefclbe  Unwiffenheit  gefieheu  n-üütn, 

*.'  % 

Wenn  nun  die  MenlYhon  dicfer  MjJTe 
Materi*?",  die  ich  an  meinem  Finger  «rage,  den 
f c  1  n  allgemein  gebräuchlichen  Namen  Gold 
reben',  meiden  ße  nicht  damit,  oder  wird 
es  nicht  fo  »nj»er»-hen>,  als  w'enta  d^fes  Wort 
r.it'fer  Art  von  Körpern  n .-;  h  ihrem  irinern 
Wefen  angehöre,  und  als  wenn  di  fe  einzelne 
Subftanz  dadurch.  ;;nter  diefe  b?fli:?imte  Klaffe 
von  Dingen  geordnet  werde?  lii  diefs,  fo 
niu's  das  Wort,  durch  welches  ein  Ding  als 
\on  einem  belli») jmen  Wefen  ausgezeichnet 
wird,  und  folglich  auch  der  durch  das  Wort 
bezeichnete  Elegtfiff  fich  auf  diefe^  Wefen  be- 
ziehen. Beide  follen  alfo  das  Wefen  darftei- 
len ,  welches  doch  diejenigen,  die  fich  der 
Worte  bedienen,  nicht  kennen.  Ihre  Begriffe 
von  Subftanzen  können  aifo  in  diefer  Rück- 
ficht nicht  vollkommen  feyn,  da  fie  nicht,  wie 
es  die  Anficht  des  Verbandes  erheifcht»  das 
leale  Wefen  dcrfelben  enthalten, 

$•     8. 

Zweitens.      Diejenigen  welche  mit  Ue- 

bergehung   jener    früchtlofen  Mypoihefe    rön 

S  5  deai 


2S*  Zweites  Buch. 

dem  unbekannten  Realwefen  der  Subflanzen, 
wodurch  He  unterfclueden  werden,  die  in  der 
Welt  exiflierei-den  Subflanzen  nur  dadurch, 
vorzufteilen  Tuchen,  dafs  fie  die  Vorftellungen 
von  den  finnlicben  an  ihnen  zugleich  exilie- 
renden Eigenfchaften  zufammenr  tjfen  ,  kom- 
men zwar  der  Wahrheit  etwas  «äh^r,  als  die- 
jenigen, welche  noch  in  dem  Wahne  flehen, 
fie  eikentiten  ich  weifs  nicht  was  für  ein  rea- 
les fpeeififches  Wefen.  Allein  auf  diefe  Art  er- 
langen fie  doch  keine  vollkommen  entfprechen- 
den  Begriffe  von  den  Subflanzen  ,  und  diefe  Ko- 
pien enthalten  nicht  genau  und  vollftändig  alles, 
was  in  ihren  Originalen  anzutreffen  ift.  Denn 
die  Eigenfchafien  und  Kräfte  der  Subflanzen, 
woraus  diefe  zufammengefetzten  Begriffe  gebil- 
detwerden, find  fo  zahlreich  und  inaun ichfaltig, 
dafs  kein  Menfch  fie  alle  in  einen  Begriff  zufam- 
menfafsen  kann.  ,  Dafs  aber  die  abfiracten  Be- 
griffe von  Subflanzen  nicht  alle  einfachen  Vor- 
Heilungen  enthalten ,  welche  in  den  Dingen 
felbft  gegründet  find ,  ift  fchon  dadurch  ein- 
leuchtend, dafs  die  Menfchen  feiten  alle  dieje- 
nigen aufnehmen,  die  fie  an  denfelben  erkannt 
haben.  Um  die  Bedeutung  der  Worte,  durch 
welche  die  Arten  von  Subflanzen  bezeichnet 
werden,  fo  klar  und  fo  wenig  verwickelt  als 
möglich  zu  macheu,  bilden  fie  dielelben  mei- 
ftentheüs  nur  aus  wenigen  an  den  Subflanzen 
wahrgenommenen  einfachen  Vorftellungen,  Da 

aber 


Ein  und   dieifügftes  Kapitel.  «33 

aber  diefe  keinen  urfprünglichen  Vorzug  vor 
andern  nicht  aufgenommenen,  und  keine  An- 
rprücbe  daraufhaben,  dafs  fie  allein  den  fpeci- 
nfcnen  Begriff  ausmachen  ,  fo  folgt  daraus  ein- 
leuchtend ,  dafs  unfre  Begriffe  von  S  üb  Ran- 
zen in  beiden  Rücftfichren  nicht  vnllftandig 
und  voilkoifiuiGn  find-  Alle  einfachen  Yorfiel- 
lungen,  woraus  wir  diefe  Begriffe  bilden,  die 
Fig  ;r  und  Gröfse  bei  einigen  Arten  ausgenom- 
men, beliehen  fich  anf  Kräfte  und. Vermögen, 
welche  nur  Verhähnifs'e  zu  andern  Subftanzen 
find.  Wir  können  aber  nicht  eher  Heber  feyn, 
alle  Kräfte  und  Vermögen  eines  Körpers  er- 
kannt zu  haben  ,  bis  wir  beobachte?  haben,  was 
für  Veränderungen  er  in  feinen  mannichfaltigen 
Verbindungen  mit  andern  Subftanzen  erleiden 
und  verurfachen  kann.  Es  ift  aber  unmöglich, 
diefes  alles  an  einem  Körper,  noch  weit  mehr 
aber  an  allen,  zu  beobachten,  folglich  ift  eia 
vollftändiger  Begriff  von  einer  Subftanz  durch 
das  Zufamrnenfaffen  aller  feiner  Eigenschaften 
nicht  möglich, 

$.     9- 

Derjenige,  der  zuerft  ein  Stück  Gold  erblick- 
te, konnte  vernünftiger  Weife  nicht  anneh- 
men, dafs  die  Gröfse  und  Geftalt,  die  er  an 
die  Ter  Matte  beobachtete,  von  ihrem  Wefen 
oder  inoern  Einrichtung  abhieng.  Das  letzte  , 
konnte  alfo  auch  kein  Merkmal  feines  Begriffs 

von 


214  Zweigs    Buch. 

von  diefer  Art  Körper  werden.  Fr  abftralirte 
vielleicht  nur  pueril  die  befondre  F  ibe  und  da* 
fpecififche  Gewicht,  und  n?hm  diefej  in  den 
Begriff  ai.f  B.  ides  find  aber  nur  Vermögen 
die  er  Subftanz;  d.is  eine,  unfre  A'igeu  fo  zu 
ülticiren,  d^fs  darliitch  die  Verkeilung  der  gel- 
ben Farbe  ertttiehf;  das  andre,  einen'  Kiirper 
von  gleicher  Grofse,  wenn  fie  beide  in  zwei 
gleiche  Waagfcbale'o  gelebt  werden,  hinauf  zu 
fcbnellea;  -  Ein  andrer  feUte  vielleicht  noch 
dazu  die  Vorftellungen  von  der  Schmekbarkeit 
und  Feuerbeftandigkeit ;  und  noch  ein  andrer 
(He  Ausdehnbarkeit  durch  das  Sei  hgen  uud  die 
Anllöslichkeit  in  Goldwaffer,  welches  blos  lei- 
dende Vermögen  find  ,  jene  in  Beziehung  auf 
die  Wirkung  des  Feuers;  diefe  in  Beziehung 
auf  die  Veränderung  der  äufsern  Geftalt  und 
der  Trrnnuns;  der  innerlichen  Beftandtheile 
durch  die  Wirkung  andrer  Körper, 

§.     I». 

Wer  die  Eigenf(  haften  dfr  Körper  überhaupt 
oder  einer  einzelnen  Art  in  Betrachtung  ge- 
zogen hat,  kann  nicht  daran  zweifeln,  dafs 
d.is  Gold  unzählige  andre  Eigenschaften  be- 
fitzt,  welche  nicht  in  dem  Begriff  deflelbeu 
enthalten  find.  Männer,  weldie  diefen  Kör- 
per fchäifer  unterfucht  haben,  möchten  wohl 
zehnmal  fo  viel  Eigenfchaften  deffelben  auf- 
zählen können,  die  alle  von  der  innern  Einrich- 
tung 


Ein  unl  dreiffijftes  Kapitel.  2ÖJ 

tun?  deßMben  fo  unzertrenn'l'-!i  und,  als  die 
Farbe  und  das  Gericht:  und  Wüfsten  wir  aüe 
diejenigen,  welche  allen  einzelner;  Meufeheo 
davcn  bekarjut  find,  fo  würden  wahrfoueinlich 
noch  hundertmal  To  viele  einfache  Yorftellüngen 
den  ze\  rnmengefeuren  Begriff  vnn  Gold  aus- 
machen, als  jetzt  darin  enthalten  find.  Gleich- 
wohl würde  das  alles  vielleicht;  nicht  den  tau- 
fendften  Theil  von  dein  ausmachen,  was  an 
demfeiben  entdeckt  werden  kann.  Die  mögli- 
chen Veränderungen,  welche  ein  Körper  e; lei- 
den und  in  andern  hervorbringen  kann,  über- 
fteigen  nicht  nur  alle  Erkenntnifs,  fondern 
auch  alle  Grenzen  der  Einbildungskraft  Wenn 
man  überlegt,  dafs,  fo  viele  Eigenfchaftea 
auch  fchon.  die  Mathematiker  an  der  einzige«, 
nicht  fehr  zufanmenoefetiten  Figur ,  dem  Drei- 
eck' entdeckt  haben ,  fie  doch  b?r  weiten  noch 
nicht  alle  erfchöpft  find,  fo  wird  man  die'a 
Behauptung  nicht  fo  aui:  -'lord  ündeo,  aU  fie 
bei  dem  erden  Anblick  e» fehlen, 

§»     iL 

Alle  unfre  zufani  rh  e  n  g  e  f e  t z  t  e  n  Begrif- 
fe von  Subftanzen  find  a;o  .u-.  vollkommen 
und  unvollftändig.  Eben  das  Würde  auch  der 
Fall  mit  den  mathematischen  Figuren  fern  , 
wenn  wir  die  ße^ri.Te  davon  auf  keine;--  andern 
Wege  als  durch  die  Sammlung  der  i'.i^r.  Fe  haf- 
ten in  Beziehung  auf  einander  erhielten«     Wie 

un 


:85  Zweit«  Buch. 

ungewiß  und  unvollkommen  würde  dann  iinfer 
Begriff  von  einer  Ellipfe  feyn  ,  wenn  wir  nul 
eiüige  Eigenfchafte:!  derfclben  kennten?  Da 
hingegen  diefer  Begriff  das  gauze  VVefeu  diefer 
Figur  in  fich  fnfst,  fo  entdecken  wjr  darauf 
diefe  Eigen fch.iftcn,  und  erkennen  apodictifch, 
wie  fie  daraus  entfprin^en  ,  un>!  damit  in  un- 
zertrennlichen Ziifainaaenkange  fkhen» 

§.       12. 

Refulta  te. 

Es  giebt  daher  drei  Arten  von  abftracten 
Begriffen,  oder  vom  Nominal wefejfc  Erftlich 
einfache  Vo.rfie  11  un  gen  ,  d.  i.  Kopien 
(««tut«)  dio  aber  zuverläffig  ihren  Gegerdtän- 
den  en  tlp  rech  en.  Denn  fie  füllen  nichts 
ausdrücken,  als  das  Vermögen  eines  Dinges,  in 
dem  Getnüihe  eine  befummle  Vorftellung  zu 
erzeugen,  deren  Wirklichkeit  noihwendig  die 
Wirkung  derfelben  Kraft  feyn  mufs.  So  hat  das 
Papier,  worauf  ich  fchreibe,  wenn  es  im  Licht  ift 
(nach  der  gemeinen  Vorftellungsart)  das  Ver- 
mögen, in  mir  die  Vorftellung  der  weifsen 
Farbe  hervorzubringen.  Diefe  Vorftellung  mufs 
die  Wirkung  einer  Kraft  iu  einem  aafser  dem 
Vorfallenden  befindlichen  Din»e  feyn,  weil  fie 
das  Gemülh  nicht  durch  fich  felbft  hervorbrin- 
gen kann.  Als  Wirkung  jener  Kraft  ift  die 
Vorftellung  des  Weifsen  in    meinem  Gemüthe 

real 


Ein  und  dreifiigßes  Kapitel.  287 

real  und  voUftändig  entfprechend;  denn  wäre 
fie  es  nicht,  fo  mutete  jene  Kraft  eiue  andre 
Vorftellang  hervorbringen. 

§.     13- 

Zweitens.    Die    zufammergefetzteti    Be- 
griffe von  Subftanzen   und   zwar  auch  Ko- 
pien,   aber  unvollkommene    und    nicht  ganz 
entsprechende.     Die  Wahrheit  diefer  Behaup- 
tung leuchtet  ein,    wenn    man     bedenkt,  dafs 
man   lieh  von  keinem   zufanauengefetzten  Be- 
griff  einer    exiftierenden  Subft.iuz    überzeugen 
kann,    dafs    er  vollständig   alles   das    enthalte, 
was    in  derfeiben  real  vorhanden  ift.       Denn 
weil  man  nicht  alle  Einwirkungen  anderer  Sub- 
ftanzen auf  diefelbe,   noch  alle  Veränderungen 
beobachet  hat,  welche  fie  erleiden  oder  her- 
vojbrins;eri  kann,  fo  iit  kern  gaaz  voilltändiger 
Inbegriff  aller  ihrer  thätigen  und  leidenden  Ver- 
mögen  möglich.     Doch  gefetzt,  es  wäre  nicht 
unmöglich,  und  untre  Begriffe  enthielten  wirk- 
lich   einen  vollftandigen  Inbegriff  alltir  abgelei- 
teten Eigenfchaften  oder  Kräfte  einer  Subftanz, 
fo  hätten  wir  doch  dadurch  noch  keinen  Be« 

I  griff  von  ihrem  Wefen.  Denn  da  diefe  Eigen- 
febaften  und  Kräfte,  die  ein  Gcgenftand  der  Be- 
obachtung find,  nicht  das  reale  Wefen  der  Sub* 
ftanz  find,  fondern  nur  von  demfell)en  abhän- 
gen, und  in  demfelben  ihren  Grund  haben,  fo 
kann  uns  eine  noch  fo  viel  umfaffeude  Verbin- 
dung 


aSj 


Zvreites  Bück. 


rtiflig  derfelben  doch  <'a«  rc-de  Wefen  der-Sub- 
ftinz  nicht  zu  erkennen  geben.  AnTietdeiti  ha- 
ben wir  k&iner.  Begriff  von  <Jer  SubftauA  über- 
haupt,  und  wiil-i,  nicht,  was  lie  nt. 

Dritten1;.  Dio  zuraminensefVtzten  Begrif- 
fe von  l'i  e  It  i  tn  in  u« ge u  und  V  e  r  h  ä  I  i  n  i  f- 
fen  lind  keine  Kopien  fbnckirii  ihre  eignen 
Originale.  Sie  find  keinem  wi- küch  exiftie« 
renden  Dinge  nachgebildet ,  mit  dein  lie  voll- 
kommen ühereinltimmen  rtiüftted,  hindern  In- 
begriffe von  einfachen  Vorlt«  Hunden  ,  we;che 
<!er  Verfxand  felofi  verbunden  hat  und  dir?  .illes 
bpftidimt  enthalten,  was  lie  nach  der  Abficht 
(UdTelben  enthalten  füllten.  Datier  lind  üe  das 
Original  und  das  Wefen  der  möglichen  Beftim- 
Oiungeri  und  beziehen  fich  daher  nur  auf  die- 
jenigen, welche,  wenn  fie  wirklich  werden , 
B  it  den  Begriffen  davon  vollkommen  überein- 
üimmen.  Die  Begriffe  von  Befliminungeit  und 
VerhaUnilTen  inüflen  aifo  vollkommen  feyn. 


Zwei 


2S9 
Ztrei  und  dieiffigftes  Kapitel. 

Von  wahren  und  falfcken  Vorftellun- 
gen. 


§.     i. 

Wahrheit     und    Falfcheit     bezieht 
(ich  eigentlich   nur  auf  Urtheile. 

obgleich  Wahrheit  und  Falfchheit  im  eigent- 
lichen Sinne  nur  Prädicate  der  Uitbeile  find, 
fo  werden  doch  auch  die  Vor  Hell  un'gen 
oft  wahr  oder  falfch  genannt,  'Ueberhaupt 
gieht  ei  nicht  leicht  ein  Wort,  welches  nicht 
in  einem  weitern  und  von  (%iner  urfprüng'ichen 
Bedeutung  abweichendem  Sinne  gebraucht  wür- 
de. Jedoch  liegt  bei  jener  Benennung,  wie 
ich  glaube,  allezeit  ein  nicht  entwickeltes  Ur« 
theil  zum  Grunde.  Wenn  wir  alle  die  F;:!Ie 
unterfuchen,  wo  Vorftelluugen  wahr  oder  falfch 
genannt  werden,  fo  wird  fich  allezeit  eine  Be- 
jahung oder  Verneinung  finden,  worauf*  Geh 
die  Benennung  gründet.  Denn  Vorftellungen 
als  blofse  VOrftelliujgen  oder  Veränderungen 
des  Gemüths  können  an  fich  fo  wenig,  als  blof- 
ge  Worte,  das  Prädicat  wahr  oder  falfch  er- 
halten. 

Locke's.    II.  TLeU,  T  §.   i. 


2j»  Zweit«  Buch. 

DieraetaphyfifcheVVahrheitfchliefjt 
ein  unentwickeltes  Urtheil  in  fich. 

Man  kann  in  einem  m  e  taphy  fi  fch  en 
Sinne  fowohl  von  Worten  und  Vorftellungeu, 
als  überhaupt  von  Dingen,  die  nur  auf  einige 
Art  wirklich  find,  Tagen,  fie  find  wahr,  d.  h.  li  q 
find  wirklich  das,  was  li  e  find.  Doch 
ift,  wenn  man  Dinge  in  dieferu  Sinne  wahr 
nennt,  vielleicht  allezeit  eine  Beziehung  auf 
unfre  Begriffe  als  Regeln  zur  Beurtheilung  die- 
fer  Wahrheit  angedeutet.  Diefes  wäre  dann 
ein  Urtheil,  d eilen  man  fich  aber  nicht  deutlich 
bewufst  ift, 

§.    5. 

Keine  Vor  Heilung  ift  als  Verände- 
rung des  Gemüths  wahr  oder 
falfch. 

Doch  wir  unterfuchen  hier  nicht  in  diefen» 
xnetaphyfifchen  Sinne,  fondern  in  der  gewöhn- 
lichen Bedeutung  der  Worte  *  ob  die  Vorftel- 
lungen  wahr  oder  falfch  feyn  können,  In  die- 
fer  Rückficht  behaupte  ich  nun,  dafs  keine 
Vorftellung,  als  Veränderung  oder  Erfcheinung 
des  innern  Sinnes,  falfch  ift.  Die  VorfteliuDg 
eines  Centaurs,  als  etwas,  das  im  Bewufst- 
feyn  vorgeht,  enthält  fo  wenig  etwas  Falfcbes 


Zwei  und  dreiffigftes  Kapitel.  sgi 

in  Geh,  als  das  Wort  Centaur,  wenn  es  ausge- 
fprochen  oder  gefchrieben  wird.  Denn  da  die 
Wahrheit  oder  Falfchheit  jederzeit  eine  Beja- 
hung oder  Verneinung  vorausfetzt,  die  entwe- 
der blofs  imGemütbe  rorgeht,  oder  auch  durch 
Worte  ausgedrückt  wird,  fo  kann  keine  Vor- 
stellung falfch  feyn,  bis  der  Verftand  über  Ce 
urtheilet,  dafs  ift,  etwa»  von  ihr  bejahet  oder 
verneinet» 

Die  Vorßellungen  können  in  Bs> 
Ziehung  auf  Objecte  wahr  oder 
falfch  feyn. 

Wah'r  oder  falfch  können  die  Vorftelluri- 
gen  dann  genannt  werden ,  wenn  fie  der  Ver- 
ftand auf  etwas  aufser  denfelben  befindliches 
beziehet.  Denn  bei]  diefer  Beziehung  liegt 
eine  ftilifchweigende  Vorausfetzung  von  ihrer 
Uebereinftimmung  mit  demfelben  Objecte  zum 
Grunde.  Je  nachdem  diefe  Vorausfetzung  wahr 
oder  falfeh  ift,  werden  die  Vorfiellungen  felbft 
wahr  oder  falfch  genannt.  Die  gewöhnlichften 
Fälle»  wo  diefes  gefchieht,  find  folgende, 

Erftlich,  Wenn   man  annimmt,  dafs  ge* 

vfiffe  Vorßellungen ,  z,  B.  von  der  Gerechtig* 

T  2  keil, 


5jl  Zweites  Buch. 

keit,  Mäffigkeit,  Religion  mit   denen  überein- 
ftimmen  ,  welche  andre  Menfchen  mit  denfel- 
b^n  Worten  verknüpfen.     Zweitens,  wenn 
der  Verftand   die    Uebereinftimmung    feiner  Be- 
griffe   mit  realen    Dingen    vorausfetzt.      So   ifk 
dar  tie«r jU  von  einem  Centaur  falfcb  und  der 
von  einem  Menfchen  Wahr«  wenn  man   fie  als 
objeetive  Vorftellungen    betrachtet;    denn    der 
ei«  e   beziehet  Geh  auf    ein  wirkliches    Wefen, 
der  andere  aber  nicht      Drittens,  wenn  der 
Verftand  die  Vorftellnngen   auf  die  innre  Ein- 
yirh'i.ng  und   das  reale   Wefen   der  Dinge,  in 
Welchem  alleEigenfcfmften  gegründet  find,  be- 
ziehet.     In  diefer  Riickficht  fin  1  wo  nicht  alle, 
doch  die  weiften  begriffe  vououbftanzen  falfcht 

§.     6. 

Urfache  diefer  Beziehung. 

Diefe  Beziehungen  pflegt  der  Verftand  gerne 
bei  feinen  Vorftellungeu  und ,  wie  Geh  aus  der 
Unterfuchung  ergiebt ,  wo  nicht  allein,  doch 
vorzüglich  bei  den  abftracten  zufammeng^-fetz« 
ten  Begriffen  vorauszufetzen.  Er  findet  nehm- 
lich,  dafs,  wenn  er  imnaer  von  einzelnen  Din- 
gen ausgehn  und  bei  ihnen  flehen  bleiben  füll- 
te, er  nur  langfame  Fortfchfitte  in  der  Erkennt- 
uifs,  wozu  er  einen  natürlichen  Trieb  hat,  ma- 
chen, und  feine  Arbeit  nie  endigen  würde; 
daher, denkt  ei  darauf,  den  W&g  zur  Erkturt- 

nifs 


Zwei  und   dreiffigftes  Kapitel.  jj} 

alfe  abzukürzen  uud  jeder  Varßellung  einen 
gröfsern  Umfang  zu  geben.  Das  erfte,  was  er 
thut,  um  die  ErUenntnifs  fowohl  durch  die  Be- 
trachtung der  Dinge  felbft.  die  er  erkennen  will, 
als  durch  die  wechfelfoitige  Mittheiinng  dtr  Ge- 
danken zu  erleichtern  und  zu  erweitern,  ift,  dafs 
er  mehrere  Vorftellungen  in  eine  verbindet,  und 
fie  in  Gattungen  und  Arten  ordnet.  Dadurch 
kann  er  das,  was  er  von  einem  Individuum  er- 
kennet, mit  Gewifsheit  auf  alle  Individuen  der- 
felben  Art  ausdehnen,  und  in  dem,  was  fein 
grofser  Zweck  ift,  in  der  Erkenntnifs  fchnellere 
Fortfchritte  machen.  Diefs  ift,  wie  ich  anders- 
wo gezeigt  habe,  der  Grund,  warum  wir  die 
Dinge  unter  höhere  Begriffe  und  Sprachzei- 
chen, d.  h.  unter  Gattungen  und  Arten  ordnen« 


Eine  aufmerkfame  Beobachtung'  der  Mittel 
und  Wege,  welche  der  Verftand  zur  Erkennt- 
nifs wählet,  lehrt  uns  daher,  dafs  er  jede  ge- 
gebene Vorftellung,  welche  er  entweder  zur 
Betrachtung  oder  zur  Mittheilung  der  Ge- 
danken für  nützlich  hält,  vor  allen  Dingen 
abftrahirt  und  mit  einem  Sprachzeichen  ver- 
knüpft. Diefer  Begriff  wird  nun  in  dem  allge- 
meinen Behältnifs  der  Vorftellungen ,  in  dem 
Gedächtnifs  niedergelegt,  als  enthielte  er  das 
Wefen  diefer  Art  der  Dinge ,  wovon  fein 
Sprachzeichen  allezeit  als  ein  kMeikmaI  angefe- 
T  3  hen 


]g4  Zweite»  Buch, 

hen  wird.  Wenn  daher  Einem  ein  Ding  von 
einer  ihm  unbekannten  Art  vorkommt,  fo  fragt 
«r  fogleich,  was  es  ift,  wodurch  er  nichts  an- 
ders als  das  Sprachzeichen  willen  will,  als 
■wenn  diefes  die  Erkenntnifs  der  Art  oder  des 
Dinges  herbeiführte.  Und  in  der  That  wer- 
den auch  die  Worte  gewöhnlich  als  mit  dem 
Wefen  der  Dinge  verknüpft  und  als  Merkmale 
deflelben   gebraucht. 

Der  abftracte  Begriff  ift  aber  etwas  in  dem 
{■femüthe,  welches  zwifchen  den  exilierenden 
Dingen  und  ihren  Sprachzeichen  mitten  inne 
fteht.  Daher  beruhet  fowohl  die  Wahrheit  unt- 
rer Erkenntnifs,  als  die  Richtigkeit! oder  Ver- 
ftändlichkeit  unfrer  Sprache  auf  den  Begriffen* 
Und  diefs  ift  denn  die  Urfache,  warum  die 
Menfchen  fo  geneigt  find,  die  Uebereinftira- 
rnung  ihrer  abftracten  Begriffe  fowohl  mit  den 
aufser  ihnen  befindlichen  Dingen,  aufweiche 
fie  bezogen  werden,  als  auch  mit  den  Worten, 
die  mit  ihnen  nach  dem  Sprachgebrauch  ver- 
knüpft find,  vorauszufetzen.  Denn  okne  diefe 
doppelte  Uebereinftimmung  würden  fie  bald  fin- 
den, dafs  Jie  weder  von  Dingen  felbft  richtig 
denken,  noch  fich  andern  darüber  »uf  eine  ver- 
ßändliche  Art  mittheilen  könnten. 


f.  9- 


Zwei  und  dreiffigfu«  Kapitel.  ao5 

§.      9. 

Erßer  Fall  §.  5. 

■ 

I,   Einige    Vorftellungen    könne« 
falfch  feyn,   wenn    ihre   Wahrheit   nach  der 
Uebe  r  e  in  ft  i  m  mu  n  g  mit  den   durch  diefel- 
ben     Worte    bezeichneten    Vorßellungcn 
andrer  M  er»  fc  h  e  n  beurtheilt  wird.   Un- 
ter diefen  find  ,'aber  die  einfach  en  Vjorftel- 
lungen  am   wenigften   diefem  Irrthum   ausge- 
fetzt.    Denn  jedermann  kann,  vermöge   feine* 
eignen  Empfindung  und  der  täglichen  Beobach- 
tung, leicht  erkennen  ,  was  die  einfachen  Vor- 
ftelluugen    find ,    welche    durch  die   gewöhnli- 
chen Sprachzeichen  ausgedrückt  werden,  weil 
Ce  von  kleiner  Anzahl   und  von  der   Art  find, 
dafs  man  jeden  Zweifel  und   Irrthum  in  Anfe- 
hung  ihrer   leicht  durch  die   Objecte,  worauf 
fie   Och  beziehen,    berichtigen    kann.       Daher 
geht  felteu  ein  Irrthum  mit  den  Sprachzeicbeat 
diefer  Vorftellungen  vor,  z.  B.  die  Verbindung 
des  Worts  Roth   mit  der  Vorftellung  Grün 
oder  des  Worts  Süfs  mit  der  Varftellung  Bit- 
ter,    Noeh  weniger  kann  man  die  Worte  für 
Vorftellungen   von  verfchiedenen    Sinnen    mit 
einander  verwechseln,   und  z*  B,   eine  Farbe 
mit    dem    Sprachzeichen,    einer  Gefchmacks- 
empfindung  bezeichnen.  Es  ift  daher  einleuch- 
tend ,  dafs  die  durch  Worte  ausgedrückten  ein- 
fachen Vorftellungen  in  der   Regel  mit  denen 
T  4  über- 


»9^  Zvceite»  Buch. 

übereinftimmen  ,    welche  andere  durch  diefel- 
ben  Worte  andeuten, 

§.     lo. 

II.  Die  zu  Ca  mm  <?nge  fetzten  Vor- 
stellungen können  in  dieler  Rückficht  eher 
falrch  fern,  und  unter  öiefen  die  Vorftel- 
lungen  von  den  geraifchten  B  eft  ini- 
in u  n  g  e  n  mehr,  als  die  von  Subftanzen» 
Denn  die  lefzten  enthalten,  zumal  wenn  fio 
mit  gewöhnlichen  und  nicht  mit  uneigentli- 
chen Worten  bezeichnet  find  ,  immer  einige 
in  die  Sinne  fallende  Eigenfcbaften,  wodurch 
die  eine  Art  von  der  andern  unterfchieden, 
und  wodurch,  bei  einiger  Aufmerkfamkeit  auf 
den  Sprachgebrauch,  der  Fehler  leicht  ver- 
mieden werden  kann,  ein  Wort  mit  einer  Art 
von  Subftanxen  zu  verbinden,  fürweiche  es  nicht 
gehört.  UngewiiTeT  ift  derSprachgebrauch  bei 
gemifchten  Beftimmungen,  und  es  läfst  fich 
nicht  fo  leicht  entfeheiden ,  ob  eine  Hand- 
lung Gerechtigkeit  oder  Graufara- 
k'eit,  Freigebigkeit  oder  Verfch Wen- 
dung muffe  genenut  werden.  Unfre  Vorstel- 
lungen können  daher  in  Beziehung  auf  dieje- 
nigen, welche  andre  mit  denfelben  Worten 
ausdrücken,  falfch  feyn ;  und  es  ift  möglich, 
dafs  das,  was  wir  nach  unfrer  Vorftellang  Ge- 
rechtigkeit nennen,  ein  andres  Sprachzeichen 
erhalten  follte. 

S.  10. 


Zwei  und  <heif»igfies  Kapitel,  39? 

§.      II. 

Doch  wenn  wir  auch  dahin  geftellt  feyn 
lafTen ,  ob  diefe  Vorftellungen  einer  grofsen 
Abweichung  von  den  durch  diffelben  Worte 
bezeichneten  Vorftellungen  andrer  Menfchen 
empfänglich  find  oier  nicht,  fo  ift  doch  foviel 
gewifs,  dafs  diefe  Falfchhcit  diefen  Vor- 
ftellungen mehr,  als  andern,  beigelegt  wird« 
Man  fagt  in  keiner  andern  Rückficht  von  einem 
Menfchen  :  er  habe  einen  falfchen  Begriff  von 
Gerechtigkeit,  Dankbarkeit  oder  dem  Ruhme, 
als  weil  diefer  ßegriir  mit  denjenigen  nicht 
übereinftimmt,  welche  bei  andern  mit  dielen 
Worten  verknüpft  find, 

§•      12. 

Der  Grund  davon  fcheint  mir  darin  zu 
liegen.  Die  abftrseten  Begriffe  von  den  ge- 
mifchten  Beftimmungen  find  willkührliche  Ver- 
bindungen von  einer  beftimmten  Anzahl  ein-» 
Fächer  Vorftellungen,  Das  Wefen  jeder  Art 
derfelben  beruhet  alfo  auf  der  Willkühr  der 
Menfchen.  Die  einzige  Regel  dabei  ift  das 
Wort  und  die  Erklärung  deffelben  ,  aber  nicht 
ein  wahrnehmbares  Ding,  Daher  find  die 
Vorftellungen  derjenigen  ,  von  denen  man 
glaubt,  dafs  fie  die  Worte  in  ihrer  eigenthüm- 
lichften  Bedeutung  gebrauchen,  -die  einzige 
Regel,  worauf  fie  bezogen  werden  können,  um 
T  S  -  fie 


298  Zweites  Buch. 

fie  mit  ihnen  einfiimn  ig  zu  machen,  und  fie 
gelten  alfo  für  wahr  oder  falfch.  infofern  fie 
mit  diefen  Worten  über«  inftimmen  oder  nicht. 
So  viel  von  der  Wahrheit  oder  Falfch- 
heit  der  Vorftellungen  iq  Beziehung  auf  die 
Worte. 

§•     13. 

Zweiter   Fall.     (§.   5.) 

Zweitens!  wenn  die  Wahrheit  und 
Falfch  he it  unfererVorftellungen  in 
Beziehung  auf  die  reale  Exiftenz  der 
Dinge  beftimmt  und  beurtheilet  wird,  fo 
können,  die  zufammengefetzten  Begriffe  von 
Subftanzen  ausgenommen,  keine  Vorftellungen 
falfch  genannt  werden. 

Die  einfaehen  Vorftellungen  find  nichts  an- 
ders, als  blofse  Verbindungen,  wozu  uns  Gott 
die  Empfänglichkeit,  den  äußern  Objecten 
aber  das  Vermögen  gegeben  hat,  Oe  nach  be- 
fiimmten  Gdfetzen  und  Wirkungsarten  hervor» 
zubringen,  die,  obgleich  für  uns  unbegreiflich, 
doch  feiner  Weisheit  und  Güte  angemeflen 
finJ.  Ihre  Wahrheit  beftehet  daher  nur  allein 
in  dem  Bewufstfeyn,  das  in  uns  hervorge- 
bracht wird ,  und  mit  den   Kräften  der  äufsern 

Ob- 


Zwei  nnd  dieifsigfies  Kapittl.  299 

Objecfe  überein ftimrr.t,    denn  fonft  könnte  es 
nicht  hervorgebracht   werden.     Diefe  Vorstel- 
lungen entfprechen  alfo  den  Kräften  j  He  find, 
was  fie  feyn  Folien,  d.  i.  wa  hr  e  Vorftellungen. 
Auch    kann    ihnen    deswegen   keine  Falfch- 
heit   beigelegt  werden,    wenn  der  Verftand, 
wie    es  wohl    bei   den   meiften    Menfcben  der 
Fall  ift,  uriheilen  Tollte,  dafs  fie  in  den  Objec- 
ten  felbft  enthalten   find.      Denn  da    fie  durch 
die   Weisheit  Gottes  zu    Unterfcheidungsmerk- 
malen  beftiinmt  find,  wodurch  es  uns  möglich 
wird ,     ein    Ding    von   dem   andern  [zu    unter- 
fcheiden,     und     fo   dasjenige    zu   unterm    Ge- 
brauch zu  wählen,  welches   unfre  Zwecke  er- 
fodern ,  fo  ändert  es   die  Natur  der  einfachen 
Vorftellungen  gar  nicht ,  ob   wir  denken,  dafs 
die    Vorftellung   des    Blauen   in    dem  Veilchen 
felbft,  oder  ob  in   diefem  nur   das  Vermögen 
ift,  durch   die  Verbindung   feiger  Theile    das 
Licht  auf  die  Art  zu  brechen,  dafs  in  dem  Ge- 
inüthe   die    Vorftellung  von   dem    Blauen  ent- 
fieht.     Denn   weil  diefes  Gewebe  in  dem   Ob- 
jecte  nach  einer  unveränderlichen  Regel  immer 
diefelbe   Vorftellung  erzeugt,    fo  dient  es   uns 
zu  einem  Merkmal,  diefes  Object  von  andern 
durch     das    Auge    zu     unterfcheiden ,     diefes 
Merkmal  mag  nun,  infofern  es  in  dem  Veilchen 
ift  ,  blofs  ein  befondres  Verhältnifä   feiner  Be- 
ftandtheile  oder  die   blaue    Farbe  felbft  feyn, 
wovon    die    Vorftellung,     die  in  uns  ift,    ein 

voll- 


3ft© 


Zweite»  Bi'ch. 


vollknmmne<  Bild  tfh  In  hpiden  Fallen  wird 
fjn  (!iff«r  Voiftelhirtg. dein  Veilchen  mit 
gleichem  Recht  das  Pradic^i  5Uu  beigelegt. 
Denn  Jus  Wort  Blau  bedeutet  eigentlich 
nichts  ai  d(  s,  -'  (  as  blors  durch  die  Augen 
wahrnehmbare  UiiieiTcheidnrgMnerkinai,  wel- 
ches in  dem  Veilchen  Lit,  ohne  Rückficht  auf 
das  innere  Wefe'n  deffclbtn,  dr-Jlen  deutliche 
Erkenutnifs  unfre  Kräfte  überfteigt,  und,  wäre 
fie  auch  möglich,  doch  vielleicht  von  wenig 
Nutzen  feyn  würde. 


§.    i5. 

Den  einfachen  Yorftellungen  kann  auch 
dann  keine  Fallchheit  beigelegt  werden,  wenn 
unfre  Organe  [o  rerfchieden  gebauet  und  ein- 
gerichtet wären,  dafs  ein  und  daffelbe 
Object  bei  verfchiedenen  Menfchen, 
zu  einer  und  der  leiben  Zeit  ver- 
fchiedeneVorftellungen  hervorbrin-: 
gen  mül'ste,  da^s  z.  ß,  die  Vorftellung,  wel- 
che das  Veilchen  hervorbringt,  mit  derjeni- 
gen ,  welche  die  Sonnenblume  in  einem  an- 
dern Menfchen  verurfacht,  identifch  wäre. 
Denn  davon  wufste  man  doch  nichts,  weil 
kein  IWenfch  fich  in  die  Organifation  eines 
andern  verletzen  kann,  um  wahrzunehmen, 
was  für  Vorflc  Illingen  durch  feine  Organe  er- 
zeugt werden  j  und  es  würde  daher  weder  eine 

Vet- 


Zwei  uud  dreifsigftes  Kapitel.  301 

Verwechfelung  mit  den  Vorftellungen  und  ih- 
ren Sprachzeichen,  noch  eine  Falfchheit  in 
beiden  entliehen.  Wenn  alle  Dinge  mit  dem 
Or^anifchen  Bau  eines  Veilchen  und  einer  Son- 
nenblume unveränderlich  die  Vorftellung  her- 
vorbringen, welche  jener  Menfcb  mit  tietn 
Worte  Blau  und  Gtib  bezeichnet,  fo  kmn  er 
durch  fie,  wie  lie  auch  in  reinem  Gemüthe 
modificiret  find ,  fo  regclmäfiig  die  Dinge  zu 
den  Zwecken  des  Lebens  unterscheiden  ,  diele 
ver.'chiedenen  Merkmaie  trerßehen  und  andern 
anzeigen,  als  wenn  feine  Vorfuilungen  von 
diefen  Blumen  mit  denen  anderer  Menfchen 
voll' ommen  übereinflimmten«  Demnach  bin 
ich  mehr  zu  dem  Gedanken  geneigt ,  dafs  die 
linnlichen  Vorstellungen  von  Objccten,  bei  aller 
Vericbisdenheit  der  Gemüther,  wenig  Abwei- 
chendes haben.  Ich  könnte  für  üiefe  Meinung 
vielleicht  Gründe  anführen,  allein  ich  mufs 
den  Lefer  damit  verschonen  ,  weil  fie  nicht  zu 
meinem  Zwecke  gehören.  Dies  einzige  will 
ich  nur  noch  erinnern  ,  dafs  die  entgegenge- 
fetzte Hypothefe,  könnte  fie  auch  erwiefen 
werden,  doch  wedet  für  diu  E- Weiterung 
der  Erkenntnifs,  noch  für  die  Zwecke  des 
thätigen  Lebens  einigen  Nutzen  hat;  und  ihre 
Prüfung  würde  daher  eine  uunöthige  Arbeit 
feyn. 


§.    16. 


jai  Z\T«ito«    Bush. 

$.     16. 

Das  Refultat  aus  alle  dem,  was  wir  gefagt 
haben,  ift,  dafs  alle  unfre  einfachen  Vor- 
ftellungen in  Beziehung  auf  die  auller  un* 
exiftierenden  Dinge  rieht  falfch  feyn  kön- 
nen. Denn  die  Wahrheit  diefer  Empfiuduu- 
gen  oder  Veränderungeu  unfers  Geniüths  be- 
liebt, nach  dem  obigen,  nur  darin,  dafs  fie  den 
Kräften  der  äufsern  Objecte  ,  folche  Vorftel- 
lungen durch  das  Afllcieren  unfrer  Sinne  her* 
vorzubringen,  entfprechen.  Jede  Vorftellung 
ift,  infofern  fie  das  ift,  der  Kraft,  die  fie  ver- 
tjrfachte,  angemeflen,  und  ftellt  fie  allein  vor; 
in  diefer  Beziehung  kann  fie  dnher  nicht  falfch 
'Vrn,  Die  Vorftellungen  von  Blau  oder  Gelb, 
Säfse  oder  Bitter  fiud  das,  was  fie  find,  und 
was  fie  feyn  follen.  Die  Worte  können  zwar 
unrichtig  angewendet  werden,  wenn  z.  B. 
einer  aus  Ulikunde  einer  Sprache  Scharlach 
mit  Purpur  verwechfelt;  allein  das  hat  keinen 
Einflufs  auf  die  Falfchheit   der  Vorftellungen, 

§•      *7. 

Aach  die  z  u  Ta  m  m  enge  fetz  ten  Vor- 
ftellungen von  Beftiuimungen  kön- 
nen in  Beziehung  auf  das  Wefen 
eines  exiftierenden  Dinges  nicht 
falfch  feyn.  Denn  keiner  diefer  Begriffe 
beziehet  ücu  auf  ein  in  der  Natur  begehende 

Wefen 


Zwei  und  dreifligftes  Kapitel.  J03 

Wefen  als  Vorbild;  er  foll  keine  andern  Vor- 
ftellungen  enthalten,  als  die  er  wirklich  enthält, 
noch  etwas  anders  vorftellen ,  als  eben  diefe 
Verbindung  vou  Vorftellungen.  Der  Begriff 
von  dfm  Betrafen  eines  Menfchen,  der  fich 
Btir  folche  Speifen,  Getränke,  Kleidung  und 
andre  Bequemlichkeiten  des  Lebens  erlaubet, 
welche  feinem  Vermögen  und  Stande  angeinef- 
fen  find,  ift  nicht  falfch  ;  er  (teilt  nur  ein  Be- 
tragen vor,  welches  ich  entweder  wirklich  in 
der  Welt  finde,  oder  mir  blos  als  möglich  vor- 
ftelle,  und  infofern  ift  er  weder  einer  Wahr- 
heit noch  einer  Faifchheit  empfänglich. 
Dann  aber  kann  er  falfch  werden  ,  wenn  ich 
diefes  Betragen  Spatfamkeit  und  Tugend  nenne, 
und  den  Begriff  als  eiriftimmig  mit  dem  den- 
ken, mit  welchem,  dem  eigentlichen  Sprachge- 
brauch nach,  das  Wort  Sparfamkeit  verknüpft 
ift,  oder  die  Uebereinftimmung  deffelhen  mit 
dem  Gefetz  vorausfetze,  wornach  Tugend  und 
Läßer  beftimint  wird, 

§.     18, 

Unfre  zufa  m  m  en  gefetz  t  en  Vor« 
Teilungen  von  Subftanzen  können 
in  Beziehung  auf  ihre  urfprüngli- 
chen  Objecte  falTchfeyn.  Dafs  Ge  alle 
falfch  find,  wenn  fie  als  Vorftellungen  von  dem 
unbekannten  Wefen  derDinge  betrachtet  werden» 

ift 


3c>4  Zweites    ߫ch. 

ift  fo  einleuchtend,  dafs  ich  nichts  mehr  über 
diefe  leere  Hypothefe  zu  tagen  brauche.  Ich 
betrachte  fie  hier  als  Inbegriffe  von  einfachen 
Vorftellungen  des  Gemüths,  welche  in  den 
Objrcten,  worauf  fie  fich  beziehen,  befländig 
verknüpft  angetroffen  werden.  In  die^r  Be- 
ziehung nun  auf  die  Exidenz  der  Dinge  find 
fie  fallen,  l)  wenn  lie  einfach»  Vorftellungen 
enthalten,  deren  Objecto  in  den  wirklichen 
Dingen  nicht  verbunden  find.  So  ift  der  Be- 
griff von  einem  Pferde  falfch  ,  in  weichem  mit 
der  Gröfse  und  Geftalt  eines  Pferdes  das  Ver- 
mögen ,  wie  ein  Hund  zu  bellen ,  vereiniget 
ift,  weil  diefe  drei  Dinge  in  der  Natur  nicht 
vereiniget  find.  2)  Wenn  aus  diefem  Inbegriff 
ausdrücklich  eine  einfache  Vorftellung  aus- 
gefchloffen  wird,  deren  Object  befländig 'mit 
jenem  Inbegriff  rereiniget  ift.  Wenn  Einer 
jn  feinem  Begriff  von  Golde  die  Vorftellun- 
gen von  Ausdehnung,  Dichtheit,  Schmelzbar- 
keit, fpeeififchen  Gewicht  und  gelben  Farbs 
vereiniget,  damit  aber  die  Verneinung  einer 
gröT«ern  Feuerbefländigkeit,  als  bei  Silber  und 
Kupfer,  verbindet,  fo  kann  man  fagea,  dafs 
er  nicht  weniger  einen  falfchen  Begriff  habe, 
als  wenn  er  in  jenen  Inbegriff  die  Vorftellung 
einer  vollkommenen  abfoluten  Feuerbeftän- 
dijjkeit  aufgenommen  hätte,  denn  in  beiden 
Fällen  werden  Objecte  mit  einander  verbun* 
den;  welche  in  der  Natur  nicht  zufammen  be- 

ßehen 


Zwei  und    cheifsigftes   Kapitel.  30$ 

fteheti.  Läfst  er  aber  aus  feinem  Begriff  von 
Golde  das  Merkmal  der  Feuerbeftändigkeit 
ganz  aus  ,  ohne  es  mit  den  übrigen  wirklich 
zu  verbinden  oder  ausdrücklich  zu  verneinen» 
[0  ift  fein  Begriff  eher  für  gunvollftändig  als 
falfch  zu  halten;  denn  er  enthalt  zwar  nicht 
alle  einfachen  Merkmale,  welche  in  der  Na- 
tur zufammen  angetroffen  werden  ,  aber  er 
verbindet  doch  keine  andern,  als  die  zufam- 
men beftehen. 

^Wahrheit  oder  Falfchheit  fetzt 
allezeit  eine  Bejahung  oderVer- 
neinung  voraus. 

Ich  habe  bisher  dem  Sprachgebrauch  nach« 
gegeben  und  gezeigt,  in  welchem  Sinne  und 
aus  welchen  Gründen  Vorftellungen  bisweilen 
wahr  oder  falfch  können  genannt  werden. 
Allein  aus  einer  nähert!  Unterfuchung  ergiebt 
lieh,  dafs  ficht  diefe  Benennung  nur  allein  auf 
ein  wirkliches  oder  vorausgefetztes  Urtheil 
gründet.  Wahrheit  und  Falfchheit  lüfst 
fich  nicht  ohne  Bejahung  oder  Vernei- 
nung denken,  He  fey  durch  Worte  ausge- 
drückt oder  ni«ht,  und  fie  können  nur  da  ge- 
funden werden,  wo  die  Zeichen  in  dem  Ver- 
bältnifs,  als  die  bezeichneten  Dinge  überein* 
ßirnmec  oder  nicht ,  verbunden  oder  getrennt 

Locke's.  II,  Theil,  JJ  Wer» 


£o£  Zwtiies  Bück/ 

werden«  Di»  vorzüglichften  Zeichen  find 
entweder  Vorftellungen  oder  Worte,  auswei- 
chen Urtheile  und  Saiie  entliehen.  Di« 
Wahrheit  befteht  alfo  darin,  dafs  diefe 
Zeichen  jfo  verbunden  oder  getrennt  werden, 
als  die  bezeichneten  Dinge  mit  einander  über- 
einftiramen  oder  nicht,  und  die  Falfchheit 
in  dem  Gegentheil,  wie  gleich  weiter  foll  ge- 
zeigt werden» 

§.     2o. 

Die  Vorflellungen  an  Geh   find    we- 
der wahr  noch  falfch. 

Eine  Vorftellung  kann  alfo  im  eigentlichen 
Sinne  nicht  an  und  für  [ich  falfch  genannt 
werden,  fie  mag  mit  einem  exilierenden  Diu- 
ge  oder  mit  der  Vorftellung  eines  andern  Men- 
fchen  übereiiiftiminen ,  oder  nicht.  Denn 
wenn  fie  nichts  enthalt,  als  was  in  einem  auf- 
fer  ihr  exiftierendenj  Objecte  iß,  fo  kann  fie 
als  entfprechende  Vorftellung  von  Etwas,  nicht 
falfch  feyn;  enthält  fie  aber  etwas,  das  einem 
realen  Dinge  nicht  entfpricht,  fo  kann  Ce 
nicht  eigentlich  eine  falfche  Vorftellung  von 
demjenigen  genennt  werden,  das  he  gar  nicht 
\  örfiellt. 


§.   21. 


Zwei  und  dreifsigftes  Kapitel.  337 

§.      21. 

Die  Fälle  werden  beftimmt,  in  wel- 
chen die  V  orftellungen  falfch 
find. 

Irrthum  und  Falfchheit  findet  aber 
dann  ftatt,  wenn  der  Verftand  urtheilet, 
dafs  eine  Vorflellung  identifc  h  ift,  iiiit  der- 
jenigen, welche  ein  'Andrer  mit  densel- 
ben Worte  verbindet,  oder  dafs  fie  mit 
der  angenommenen  Bedeutung  oder  Erklärung 
des  Wort«  übereinftiiuriie,  und  es  [ich  nicht 
fo  verhält,  Diefer  Fehler  kommt  voizüglich. 
bei  gemifchten  Beftimmungen  vor,  obgleich 
andre  Vorftellungen  auch  nicht  davon  frei 
find* 

§.     22. 

Zweitens.  Wenn  der  Verftand  folche 
einfache  Vorftellungen  in  einen  zufammenge- 
fetzten  Begriff  verbindet,  als  in  der  Natur 
nicht  vereinigt  angetroffen  werden,  und  da- 
bei urtheilet,  dafs  diefer  Begriff  einem 
wirklichexiftierendenDinge  en  tfpre. 
che;  z.  B.  ein  Begriff,  in  welchem  die  Tpe- 
eififche  Schwere  des  Zinns  mit  der  Farbe, 
SchmeUbarkeit  und  Feuerbeftändigkeit  des 
Goldes  verbunden  ift, 

ü  3  $,   23. 


joj  Zweites  Euch.  .  " 

§■      25. 

Falfch  ift  auch  Drittens  ein  zufam- 
m'en  ge  fe  tz  t  er  Begri  ff,  wenn  der  Wrftand 
in  denfelben  eine  Anzahl  einfacher  Vorstellun- 
gen, welche  in  einem  exiPueTenden  Dinge  zu- 
lanunen  angetroffen  werden ,  aufgenommen 
über  auch  andere  ausgeladen  hat ,  welche  da- 
von unzertrennlich  find,  und  ihn  gleichwohl 
für  einen  vollkommenen  und  voll  hän- 
digen Begriff  von  diefem  Dinge  hält.  Ein 
Beilpiel  davon  ift,  wenn  man  durch  Verbindung 
der  Merkmale  eines  gelben,  fchlagbaren,  lehr 
fchweren  und  fclimelzbaren  Körpers  den  voll- 
ftandigen  Begriff  von  Gold  gebildet  zu  haben 
glaubt,  da  doch  die  fpeeififche  Feuerbeftandig- 
keit  und  die  Auflösbarkeit  in  Goldfcheidewaf- 
fer  eben  fo  unzertreunliche  Eigehfchaften  def- 
felben  fiad  als  die  übrigen, 

§.     24. 

Noch  großer  ift  viertens  der  Imhum, 
wenn  man  glaubt,  diefe  zufammenge- 
letzten  ß  e  griffe  enthielten  das  reale 
Welen  eines  exiftierenden  KöTpers, 
da  fie  doch  nur  einige  wenige  Eigenfchaften 
in  fich  filTen  ,  weiene  in  dem  Wefen  und  hi- 
nein Einrichtung  derselben  gegründet  find.  Ich 
läge  nur  einige  wenige  Eigenschaften ,  denn 
die  bekannteren  Merkmale  eines  Körpers,  aus 

wel- 


Zwei  und  dreifsigßes,  Kapitel.  5op 

welchen  gewöhnlich  fein  Begriff  zurammen- 
gefetz?  wird  ,  "heftehen  meiftentheili  a  is  Vor- 
flellungcn  von  feiner,  ihäugen  und  leidenden 
Vermögen  in  Beziehung  auf  andre  Dinge;  die 
Anzahl  derfclben  ift  aber  klein  in  Verhäi-nifs 
zur  Erkenntuifs  desjenigen»  der  Beobachtungen 
und  Verfuche  darüber  angeftellt  hat;  und  auch 
diefe«;  ift  nur  etwas  Wenige«  von  dein  ,  was 
wirklich  in  dem  Körper  ift,  und  von  feiner 
wefentlichen  innern  Einrichtung  abhängt.  Das 
Wefen  eines  Triangels  ift  von  kleinem  Inhal- 
te, und  heftehet  aus  wenigen  Begriffen;  näm- 
lich Begrenzung  eines  Raums  durch  drei  Li- 
nien ,  daraus  tiiefsen  aber  mehrere  Eigenfchaf- 
ten  ,  als  man  de  leicht  erkennen  und  aufzählen 
könnte.  Nicht  anders  ift  es,  wie  ich  glaube, 
mit  den  Subftanzen;  ihr  Wefen  ift  auf  einen 
kleinen  Inhalt  befchiänkt,  aber  unendlich, find 
die  dadurch  beitiuimten  Eigenfchaften» 

§.     2?. 

Da  endlich  ein  Menfch  keine  andre  Er- 
kenntnifs  von  einem  Dinge  ansfer  ihm  hat, 
als  vermittelft  feiner  Vorßellungen ,  welche  er 
willkührlich  mit  Worten  verknüpfen  kann,  fo 
kann  er  freilich  Begriffe  bilden,  welche  mitrea- 
len  Dingen  oder  mit  Begriffen  nicht  übereinftim- 
rnen,  die  durch  die  gewöhnliche  Bedeutung 
der  Worte  ausgedrückt  werden,  aber  er  kann 
U  3  von 


Jio  -       Zw«ite$   Buch. 

von  einem  Objecto  ,  das  er  nur  allein  durch 
den  Begriff  davon  kennet,  keinen  unrichtigen 
oder  falfchen  Begriff  bilden.  Z.  B.  die  Vorftel- 
lung,  in  welcher  [die  Füfse,  Arme  und  der  Kör- 
per eines  Menfchen  mit  dem  Kopfe  und  Hals 
eines  Pferdes  verbunden  find,  ift  keine  fal- 
fche  Vorftellung  von  einem  Object,  weil  fie 
kein  Object  aufser  mir  vorftellt.  Aber  dann 
irre  ich,  wenn  ich  mit  diefer  Vorftellung  das 
WortMenfch  oder  Tartar  verbinde,  und 
dann  glaube,  es  werde  dadurch  ein  reales  Ding 
aufser  mir  vorgeftellet,  oder  die  Vorftellung 
ftimme  mit  derjenigen  überein  ,  welche  andere 
Menfeben  mit  diefen  Worten  verbinden.  In 
diefer  RücVGcht  wird  die  Vorftellung  falfch 
genannt,  obgleich  die  Falfchheit  nicht  in 
ihr  felbft,  fondern  vielmehr  in  dem  ÜTt heile 
liegt,  welches  ihr  eine  Aehnlichkeit  oder  Ue- 
bereinftimmung  beilegt,  die  fie  nicbt  hat.  Will 
ich  aber  das  Object  diefer  Vorftellung,  die  ich, 
ohne  daran  zu  denken,  d<afs  ihm  die  Wirklich- 
keit oder  das  Wort  Menfch,  Tartar  zukomme, 
gebildet  habe,  dennoch  Menfch  oder  Tartar 
nennen,  fo  kann  man  mit  Recht  urtheilen, 
dafs  ich  im  Gebrauch  der  Worte  den  Launen 
der  PhantaCe  folge,  aber  nicht  dafs  ich  unrich- 
tig urtheile,  oder  dafs  der  Begriff  falfch  fey. 


*.  26. 


Zw»i  und  dt«ifJigft«a  Kapitel.  jrt 

§.      fl6. 

Ueberhaupt  möchten  wohl  unfre  Vorßellun- 
gen  in  Beziehung  auf  die  eigentümliche  Be- 
deutung ihrer  Sprachzeichen  oder  auf  die  Rea- 
lität der  Dinge,  fchicklicher  richtig  oder  u  n- 
richtig  genannt  werden,  je  nachdem  fie  mit 
3em,  worauf  fie  bezogen  werden,  übereinftim- 
raen  oder  nicht.  Jeder  hat  zwar  die  Freiheit, 
fie,  wenn  er  lieber  will ,  wahr  oder  falfch  zu 
»ennen,  allein  nach  dem  Sprachgebrauch  kann 
imen  Wahrheit  und  Falfchheit  nicht 
vohl  anders  beigelegt  werden,  als  wenn  fie 
aif  irgend  eine  Weife  zum  wenigften^  ein  un- 
eitwickeltes  Urtheil  enthalten.  Die  Vorftel- 
lungen  des  menfehlichen  Geiftes  find,  an  fich 
berachtet,  nicht  unrichtig,  diejenigen  zufam- 
naeigefetzten  ausgenommen,  in  welchen  un- 
verrägliche  Merkmale  verbunden  find,.  An  fich 
find  fie  alle  richtig,  und  die  Erkenntnifs,  die 
fie  zim  Gegenftande  ihat,  ift  ebenfalls  richtig 
und  wahr,  und  fie  können  nur  dann  unrichtig 
werden,  wenn  fie  auf  gewiffe  Objecto,  als  ih- 
re Vorbilder  uiid  Originale  bezogen  werden, 
mit  denen  fie  doch  nicht  übereinftimmen. 


U.4 


Di«» 


JI3 

Drei  und  djeiffigftes  K:.pii«I. 

Von    Vergefellfcbaftung    der    Vorftel- 
lungen. 


§.    i. 

Es  findet  fich  bei  den  meiden  Men 
fchen  Etwas  Ungereimte  e, 

F 

'-'s  giebt  kaum  einen  Menfchen,  der  nicht  it 
den  Meinungen,  Denken  und  Handeln  andr«r 
Menfthen  etwas  bemerken  follte,  das  ihm  ui- 
gereimt  und  abgefchmakt  fcheint  und  es  auch 
an  Geh  whklich  ift,  Jeder  ift  fcharffichtig  ge- 
nug, den  kleinften  Fehler  diefer  Art  an  dun 
andern  auszufuähen ,  wenn  er  nur  von  d^m 
feinigen  verfchieden  ift,  und  möchte  ihn  fo- 
gleich  durch  den  Ausfpruch  der  Vernunft  ver- 
dammen, da  er  doch  in  feinen  Meinungen  und 
Handlungen  vielleicht  noch  mehr  Mauge  der 
Vernunft  aufsert,  nur  dafs  er  ihn  nie  benerkt, 
und  fichgar  nicht  oder  doch  fchwerdaTOu über- 
zeugen läfst. 

Die  Eigenliebe   iß  nicht  d  i e  e i n z i- 
ge  Ur fache  davon. 

Diefs  rührt  nicht  ganz    allein  voi  der  Ei- 
genliebe  her,  fo  fehr  fie  auch   dabü  mit  im 

Spiele 


Drei  und  droifiigftes  Kapitel,  5l3 

Spiele  ift.  Tvlenfchen  von  hellem  Verftande, 
die  von  allen  Anmafsungen  einer  lieh  felbfl 
fshmeichelnden  Eigenliebe  frei  find,  machen 
fich  oft  diefes  Fehlers  CcUuldig,  Man  mufs  zu- 
weilen über  die  Gegenbeweife  und  die  Hartnä- 
ckigkeit eines  fonft  würdigen  Mannes'  erftau- 
<!gr  evidenten  Gründen,  die  fo  klar  als 
das  Tageslicht  vor  ihm  .hingeftellt  werden, 
nicht  naebgiebr. 


Auch  die  Erziehung  nicht. 

Die le  Art  von  Unvernunft  wird,  und  zwar 
gröfstentheils  mit  Recht,  der  Erziehung  und 
den  Vorurtheilen  zugerechnet.  Allein  dadurch 
jft  man  der  Krankheit  noch  nicht  auf  den  Grund 
gekommen,  und  erklärt  noch  nicht  deutlich 
genug,  woher  fie  eutfpringt,  und  worin  fie  be- 
fteht.  Die  Erziehung  ift  oft  die  wahre  Urfache, 
und  das  Vorurtheil  ein  paffender  allgemeiner 
Ausdruck  für  die  Sache  felbft.  Wer  aber  diefe 
Art  von  \V3hnfinn  bis  auf  ihre  erfte  Quelle 
verfolgen  und  erklären  will ,  weher  diefer  Feh- 
ler auch  bei  vernünftigen  MenCchen  entfpringf, 
und  woria  er  befteht,  der  mufs  noch  etwas 
weiter  nachforschen. 


US  %.  \. 


IM  Zwiitet  P.ucfc, 

§•      *• 

Der  Fehler   i  ft  eine  Ait  von  Wahn- 
fi  n  D. 

Wenn  man  bedenkt,  dafs  eine  Widerfetz- 
lichkeit  gegeu  die  Vernunft  wirklich  Wahnlinn 
ift,  und  mit  Recht  fo  genannt  wird,  fo  wird 
man  mir  verleihen ,  dafs  ich  jenen  Fehler 
mit  einem  fo  harten  Ausdruck  berienne.  Rein 
Meufch  ift  davon  ganz  frei;  jeder  denkt  und 
handelt  in  gewiflen  Fällen  anhaltend  fo ,  dafs 
wenn  er  immer  fo  dächte  und  handelte»  er  in 
den  Augen  anderer  für  ein  tauglicheres  Mit- 
glied des  B  e  d  1  a  m  ,  als  einer  vernünftigen 
Gefellfchaft  würde  gehalten  werden.  Es  iß 
hier  nicht  die  Rede  von  dem  Zuftande  in  einer 
zügellofen  Lsidenfchaft,  fondern  von  einem 
ruhigen  unleiden fchaftlichen  Denken  und  Han- 
deln. Die  ftärkfte  Apologie  für  diefen  harten 
Ausdruck  und  diefe  unangenehme  Befchuldi-- 
gung  des  gröfsten  Theils  des  menfchlichen 
Gefchlechts  Hegt  aber  darin  ,  dafs*,  indem  ich 
bei  Gelegenheit  die  Natur  des  Wahnfinns  un- 
terfuchte  2  B.  II  K,  §.  15.  ich  ihren  Urfprung 
in  ebenderfelben  Queile  und  UrfacheJ,  von  der 
ich  hier  rede  ,  fand.  Die  Betrachtung  der  Sa- 
che feibfi  leitete  mich  auf  diefe  Entdeckung  zu 
einer  Zeit,  d  i  ib.  r;^ch  gar  nicht  an  dieTen  Ge- 
genstand dachn».  Sollten  wirklich  alle  Men- 
fciitn    dieTei    Schwachheit   unterworfen  feyn, 

foll- 


Drei  und  drcifsigftes  Kapitel.  fif 

Tollte  es  der  faule  Fleck  feyn ,  der  das  ganze 
Menfchengefchlecht  angegriffen  hat,  fo  follte 
man  Geh  um  Fo  mehr  Mühe  geben,  ihn  unter 
feinem  wahren  Namen  offen  darzulegen,  um 
defto  mehr  (We  Aufmerkfamkeit  und  Sorgfalt 
*ur  Verhütung  und  Heilung  deffeiben  aufzi: 
muntern« 

$.    5* 

Der  Fehler  entlieht  aus  einer  feh- 
lerhaften Verknüpfung  der  Vor- 
ftellungen, 

Einige  von  unfern  Vorftellungen  flehen  in 
natürlicher  Beziehung  und  Verbindung  mit  an- 
dern. Diefen  nachzuforfchen  und  üe  in  der 
gegenteiligen  Vereinigung  und  Beziehung, 
"welche  in  ihrem  befondern  Wefen  gegründet  iß, 
zu  erhalten,  darin  befleht  das  GeTchäft  und 
die  Vollkommenheit  untrer  Vernunft.  Allein 
es  giebt  noch  eine  andre  Verbindung  der  Vor- 
ftellungen, welche  ihr  Dafeyn  blos  dem  Zufall 
und  der  Gewohnheit  verdankt.  Auf  diefe  Art 
kommtn  Vorftellungen .  welche  nicht  die  ge- 
ringfte  Beziehung  auf  einander  h/iben,  bei  ge« 
wiffen  Menfchen  in  fo  feile  Verbindungen, 
dafs  fie  nur  mit  Mühe  fich  trennen  laffen.  Sie 
leiften  einander  beftändig  Gefeircbaft,  und  fo 
bald  die  eine  fieb  dem  Bewufsifeyu  darftellt, 
fobald  kommt  aurh  die  andere  vergefellfchatte- 
te  zum  jVorfchein,    und  lind  es  m«hr  als  zwei 

tu- 


3i(?    "  Zweite,  Euch. 

Vorftellungen ,  fo  Hellt  fieb  immer  die  ganze 
Reihe  in  unzertrennlicher  Veikaüpfung  dar. 

i  6. 

Entftehungsart  dieser  Verbindung. 

Diefe'  feite  Verbindung  dpr  Vorftellungen, 

die  von  Natur  nicht  im  Zufarrimcnhange  ft.eu.en, 
bringt  die  Seele  in  Geh  felbft  th  i  •  wilkühr- 
lich-  iheils  zufällig  zu  Stande.  Daher  ift  fie, 
nach  Verfchiedenheit  der  Neigungen,  dei  Erzie- 
hung und  des  InterelTe  bei  dem  »inen  Menfchsn 
anders,  als  bei  dem  anders.  Die  Gewohnheit 
bringt  eben  fo  wohl  Fertigkeiten  in  dem  Den- 
ken,  als  in  den  Willeii'<beltimmung<  n  und  Be- 
wegungen des  Körpers  httvor:  und  alle  diefe 
Fertigkeiten  find  vielleicht  nichts  anders,  als  ge- 
wifle  Richtungen  in  derBewrgung  der  Lebens- 
geifter,  welche,  wenn  fie  einmal  im  Gange  find, 
immer  denfelben  gewöhnlichen  Weg  fortre»zen. 
Der  Weg  wird  gleichfam  durch  öfteres  Betre- 
ten zuletzt  zu  einer  glatten  geebneten  Bihn, 
und  die  Bewegung  endlich  leicht  und  natür- 
lich. So  weit  wir  das  Vorltellen  begreifen 
können  ,  fcheinen  die  Vorftellungen  auf  diefe 
Art  in  unfrer  Seele  hervorgebracht  zu  werden. 
Gefetzt  aber  das  wäre  nicht  fo ,  fo  läfst  fich 
doch  auf  diefe  Art  die  znr  Fertigkeit  geworde- 
ne Folge  fowohl  der  Vorftellungen  als  der  Be- 
wegungen des  Körpers,  wenn  fie  einmal  diefe 

wc 


Dr«i  und  dreifsigßes  KapiteL  317 

Richtung  angenommen  haben,  erklären.  Ein 
IUuiiker.  der  einmal  an  eine  Melodie  gewöhnt 
ift,  wird  bemerken,  daf«,  wann  die  erfttn  Töne 
davon  wieder  aufgelegt  find ,  die  übrigen  in 
,  der  Vorftelltrog  fo  regelmäfsig  aufeinander  fol- 
geu.  als  lieh  eine  Finger  auf  die  Tangenten  der 
Or^l  bewegen,  um  jene  Melodie  zu  fpie!er# 
Beidefc  erfolgt,  wenn  auch  feine  zerftreufenGe- 
dj'ken  eioe  andre  Richtung  nehmen.  Ob  di« 
B  wegiing  der  i-ebensgeifter  die  natürliche  Ui- 
fache  der  Aufeinanderfolge  dreier  Vorftellungen 
und  der  regelmäßigen  Bewegung  der  Finger  ift, 
oder  "icht,  will  ich  jetzt  nicht  entfeheiden,  lo 
wahrscheinlich  es  auch  durch  diefes  Beifpicl 
wh-d  Docb  kann  diefe  Hypotbefe  dazu  die- 
nen, die  Eutlte 'un:!. eeiftiger  Ferti^k  ;ten  und 
die  Vergefejlfcbafcung  der  Vorfteiiungen  deutli- 
cher vorzufallen,  , 

$,     7. 

Gewifse  Antipathien  find  die  Folge 
davon. 

Kein  MenTch,  der  fich  felbft  und  andre  be- 
ohabhfet  bat,  wird  es  in  Zweifel  ziehen ,  daf$ 
gewiile  Verbindungen  von  Vorftellungen  durch 
die  Gewohnheit  entliehen.  Und  daraus  lallen 
Geh  vielleicht  die^  meiften  Sympathien  und  An- 
tipathien erklären,  die  man  an  Menfchen  be- 
obachtet, und  fo  ftark  und  regclmäßg  wirken, 

OD- 


j ig  Zweites  Buch. 

als  wären  fie  natürlich.  Daher  werden  fie  auch 
fo  genennt,  obgleich  ihre  erfie  Entziehung  nur 
aus  der  zufälligen  Verbindung  zweier  Vorftel- 
lungen  herrührt,  welche  theils  die  Starke  des 
eTften  Eindrucks,  theils  die  darauf  folgende 
Nachficht- fo  fcft  knüpfte,  dafs  fie  in  der  Folge 
eine  folche  unzertrennliche  Gefellfchaft  in  dem 
Geruüthe  ausmachen,  als  wären  fie  nur  eine 
Vorftellung,  Ich  fage ,  die  meiften  Antipathien, 
nicht  alle;  denn  einige  find  wirklich  natürlich 
in  unfrer  Organifation  gegründet  und  uns  an- 
geboren. Ein  grofser  Theil  derfelben  aber, 
die  für  natürlich  gehalten  werden,  entftand  aus 
frühzeitigen,  nicht  wahrgenommenen  Eindrü- 
cken und  fonderbaren  Phantafien,  und  man 
würde  diefe  Entftehungsart  gewifs  erkennen, 
wenn  man  fie  forgfältig  beobachtet  hätte.  Wenn 
ein  er.vachfener  Menlch  fich  mit  Honig  über- 
laden hat,  fo  erregt  fchon  bei  dem  blofsen  Wor- 
te feine  Phantafie  Eckel  und  Uebelkeit  in  dem 
Magen;  er  kann  die  Vorftellung  davon  nicht 
vertragen,  indem  Unbehaglichkeit ,  Uebelkeit 
und  Erbrechen  fie  begleiten  j  allein  er  weifs, 
zu  welcher  Zeit  und  von  welcher  Urfache  diefe 
Reizbarkeit  entftanden  ift.  Wäre  das  in  der 
Kindheit  durch  einen  übermäfGgen  Genufs  des 
Honigs  bewirkt  worden,  fo  wären  zwar  diefel- 
ben  Wirkungen  erfolgt,  aber  man  hätte  es  aus 

ün- 


Drei  und  dreifilgftts  Kapitel.  31$ 

Unbekanntfchaft  mit  der  Urfache  für  eise  na- 
türliche Antipathie  gehalten. 

§.  8. 
Zwar  fiehet  die  Unter/cheidung  zwifchen 
den  natürlichen  und  erworbenen  Antipathien 
mit  meinem  Gegenftand  in  keinem  ganz  noth« 
wendigen  Zufammenhange,  aber  ich  erwähne 
ihrer  auch  nur  zu  einem  andern  Zwecke,  da- 
mit nehmlich  Eltern  und  Erzieher  es  der  Mü- 
he werth  halten  mögen*  ihre  Aufmerkfamkeit 
darauf  zu  richten  und  unrichtige  Verbindun- 
gen der  Vorftellungen  in  den  Gemüthern  der 
jungen  Leute  zu  verhüten.  Denn  in  diefem 
Alter  ift  man  für  die  dauerhafteften  Eindrücke 
empfänglich/  Und  fo  fehr  auch  kluge  Leute 
darauf  bedacht  find,  alle  für  dieGefundheit  des 
Körpers  fchädlichen  Eindrücke  zu  Verhüten,  fo 
darf  ich  doch  behaupten,  dafs  man  auf  das,  was 
fich  zuncichft  auf  die  Setrle,  vorzüglich  auf  den 
Verftand  und  die  Leidenfchaften  beziehet,  weit 
weniger,  als  es  die  Siehe  verdienet,  aufmerk« 
fam  ift;  und  ich  befürchte,  die  meiften  Men- 
fchen  lallen  alles,  was  auf  den  Verftand  Ein- 
fiufs  hat,  ganz  aus  der  Acht« 

_   §•  9  —  12. 
Eine  reiche  Quelle   von   Irrt  h  um  er  n. 

Die  unrichtige  Verbindung  von  an  fich  im- 
Kufammeuhängetiden  uad  uhabhäugige'n  Vorfiel-, 

lun- 


Jäo  Zweites   Buch. 

lungen  hat  fo  großen  Einßufs ,  unfern  Hand- 
lungen, Towohi  phyfifchen  als  moralischen,  un- 
fern Lcidenfchaften,  Schlügen  und  felbft  Be- 
griffen eine  fchiefe  Richtung  zu  geben,  dafs 
vielleicht  nichts  fo  fehr  unfre  ganze  Aufmcrk- 
famkeit  verdient. 

Die  Vorftellungen  von  Geifteru  und  Gefpen- 
liern   flehen  an  (ich  nicht  mehr  in  Verbindung 
mit  der  Dunkelheit,  a[s  dem  Lichte.     Es  darf 
aber  nur  ein  abergläubifches  Weib  diefe  einem 
Kinde  oft  einprägen  und  zufarnmen  erwecken, 
fo  werden  Ge  vielleicht  fein  ganzes  Leben  hin- 
duich    nie    wieder  getrennt  werden   können. 
Dann  wiid  die  Dunkelheit  immer  diefe  fürch- 
terlichen Vorftellungen  aufregen,  dafs  das  Kind 
hch  fo  fehr  vor  der  Nacht  als  vor  Gefpenfiern 
fürchtet.     Ein  Menfch  wird  von   dem  andern 
empfindlich,  gekränkt";  er  denkt  jnebrmaie  an 
den  Thäter  und  die  Handlung,     Durch  die  kb 
hafte  und  öftere  Wiederb olung  beider  Vorfiel 
lurigen  werden  beide  fo  in  feinem  Gemüthever 
kettet,  dafs  fie  faft  nur   eine  Vorftellung  aus 
machen.     Die  Vorftellung  diefes  Menfchen  er 
neuen  allezeit  auch  die  Vorftellung  von  der  er 
litteneu  Kränkung  und  Unannehmlichkeit,  dafs 
er  ue  kaum  mehr  unterscheidet  und  fein  Unwille 
trifft  nun  beide  Gegenftände  in  gleichem  Grade, 
Auf  diefe  Weife  entftehet  oft  Hafs  ans  gering- 
fügigen  und  unverschuldeten   Veranlaflung-en , 

und 


Drei  und  dreifsigftes  Kapitel.  331 

und  Uneinigkeiten  werden  in  der  Weh  ausge- 
breitet und  verlängert.  —  Ein  Menfch  wurde 
vielleicht  an  einem  Orte  von  Krankheit  oder 
andern  fchmerzhaften  Unfällen  betroffen  oder 
er  fah  feinen  Freund  in  einem  Zimmer  Her- 
ben. Die  Vorftellung  des  Orts  führt  immer 
die  Empfindungen  des  Schmerzens  und  des 
Mißvergnügens  herbei,  fo  wenig  fie  auch  an 
Heb  zufammenhangen ,  wenn  einmal  der  erfie 
Eindruck  gefchehen  itt.  Beide  fchmelzen 
dann  in  feinem  Gernüthe  zufammen,  und  wer« 
den  ein  Gegenftand  des  Abfcheues, 

Warum  gewiffe  Krankheiten  des 
Gemüths,  welche  die  Vernunft 
nicht  heilen  kann,  durch  die 
Zeit  geheilet  werden. 

Wenn  einmal  diefe  Verbindung  Wurzel  ge- 
fchlagen  hat,  fo  ift  die  Vernunft,  fo  lange 
jene  dauert,  viel  zu  ohnmächtig,  um  uns  da- 
gegen zu  fchützen,  und  von  den  Wirkungen 
derfelben  zu  befreien.  Die  Vorftellungen, 
welche  in  dem  Gernüthe  vorhanden  find,  wir- 
ken auf  eine  ihrer  Natur  nnd  den  Umftänden 
angemeffene  Weife.  Hier  fehen  wir  die  Ur- 
fache,  warum  die  Zeit  gewiffe  Affectionen  des 
Gemüths  heilet,  über  vvelcbe  die  Vernunft,  fo 
richtig  auch  ihre  Urtheile  find ,  und  dafür  an- 
LöckeY    II.  Theü.  X  er- 


3-»  Zweites  Buch. 

erkannt  werdrn,  keine  Gewalt  auch  bei 
denen  nicht  hat,  welche  in  andern  Fällen  der 
Vernunft  fo  gerne  folgen.  Der  Tod  eines  Kin- 
der, welches  der  MutteT  ihr  täglich-s  Ver- 
gnügen und  die  Freude  ihres  Herzens  war, 
raubt  ihr  alle  Freuden  des  Lehens,  uad  läfst 
iie  alle  mögliche  Martern  empfinden.  Durch 
Trortgründe  der  Vernunft  auf  fie  wirken  zu 
wollen ,  ift  in  diefein  Zuftande  gerade  fo  viel, 
als  wenn  man  einem  auf  der  Folter  Fröhlich- 
keit vorpredigte,  und  deu  Schmerz  über  die 
gewaltfam  ausgefpannten  Glieder  durch  Gründe 
lindern  wollte.  Alle  Vorfiellungen  ,  auch  die 
vernünftigen  find  fo  lange  umfonft,  als  nicht 
das  Gefühl  für  den  Genufs  und  den  Verluft  des 
Kindes  durch  die  Zeit  abgeftumpft  und  von  der 
Vorftellung  des  Kindes  getrennt  ift.  Daher 
findet  man  Menfchen,  welche,  weil  die  Ver- 
bindung cliefer  Vorfiellungen  nie  aufgehoben 
wird,  ihr  ganzes  Leben  in  Trauer  hinbringen, 
und  ihren  unheilbaren  Schmerz  mit  ins  Grab 
nehmen. 

§.  14.  —  16. 

Noch  einige  Beifpiel«  von  den 
Wirkungen  der  Ve  rge  fellf  chaf- 
tung  der  Vorftellungen, 

Einer  meiner  Freunde  kannte  einen  Mann, 
der  durch  eine  fehr  empfindliche  und  fchmerz- 

hdfie 


Drei  unä  dreifsigßes  Kapitel.  323 

hafte  Operation  von  einem  Wahnfiun  herge- 
ftellt  war.  Er  empfand  in  feinem  Herzen  den 
lebhafteren  Dank  und  Erkenntlichkeit  für 
diefe  Cur ,  und  er  erkannte  fie  für  den  wich- 
tigften  Dienft  in  feinem  ganzen  Leben,  Den 
Anblick  des  Operateurs  konnte  er  aber  nicht 
ertragen,  was  auch  Dankbarkeit  und  Ver- 
nunft dagegen  fagen  mochter.  Diefes  Bild, 
brachte  allezeit  die  Vorftellung  ^von  dem 
Schmerz  ,  den  er  unter  feinen  Händen 
erlitten  ,  wieder  fo  lebhaft  in  Erinnerung, 
dafs  fie  für  ihn  unerträglich  wurde,  — 
Viele,'|  Kinder  rechnen  den  Verdrufs  über 
Veiweife,  welchen  fie  bei  dem  Lefen  erhielten, 
den  Büchern  zu,  und  beide  Vorftellungen 
werden  fo  feft  mit  einander  verknüpft,  dafs 
ihnen  die  Bücher  zum  Abfcheu  und  das  Lefen 
zur  Marter  wird ,  was  für  fie  fonft  vielleicht 
die  angenehinfte  Befchäftigune:|  würde  gewefen. 
feyn ,  und  fie  werden  nie  wieder  für  ein  Stu- 
dium gewonnen.  Manche  Menfchen  können 
in  fehr  bequemen  Zimmern  nicht  Addieren; 
andre  aus  Trinkgefchirren  von  gewiffer  Form, 
ungeachtet  ihrer  Reinlichkeit]  und  Bequem- 
lichkeit nicht  trinken,  weil  fie  durch  die  Ver- 
knüpfung von  gewiffen  zufälligen  Vorftellun- 
gen zuwider  geworden  find.  Und  wer  hat 
nicht  ,die  Bemerkung  gemacht  ,  dafs  ein 
Menfch  bei  dem  Anblick  oder  in  der  Gefell- 
fchaft  einer  gewiffen  Perfon  fchüchtern  wirdf 
X  2  die 


■314  Zweites  Rutli. 

Hie  ihm  fonft  nicht  überlegen  ift',  fondern  nur 
einmal  bei  einer  gtwiflen  Gelegenheit  über 
ihn  ein  £f.wilTes  Uebergevvicht  erhalten  bat. 
Die  Vorftellung  von  Anfeilen  begleitet  nun 
jene  immer,  und  hält  diefen  in  Entfernung, 
der  diefe  \  Orfteilung  von  der  Perlon  nicht 
mehr  trennen  kann.  —  Beyfpiele  diefer  Art 
trifft  man  allenthalben  in  folcher  Menge  an, 
dafs  ich  nur  noch  ein  einziges  feiner  komifchen 
Sonderbarkeit  wegen  anführen  will.  Ein 
Jüngling  hatte  das  Tanzen  in  einem  hohen 
Grad  der  Vollkommenheit  gelernt,  und  zwar 
in  einem  Zimmer,  wo  eine  alte  Kifte  ftand. 
Die  Vorftellung  diefes  merkwürdigen  Hau*ge- 
räthes  verband  Geh  fo  innig  mit  allen  Schrit- 
ten und  Wendungen  der  Tänze,  dafs  er,  unge- 
achtet feiner  Gefchicklichkeit  ,  doch  nur  da 
gut  tanzen  konnte,  wo  diefe  oder  eine  andre 
Kifte  in  dem  Zimmer  befindlich  war.  Man 
denke  ja  nicht,  dafs  diefe  Gefchichte  über 
die  Gränzen  des  Wahren  mit  einigen  komi- 
fchen  Zügen  ausgefchmückt  worden  fey. 
Denn  ich  felbft  kann  ihre  Wahrheit  verbür- 
gen ,  indem  fie  mir  vor  drei  Iahren  ein  fehr 
vernünftiger  und  würdiger  Mann  mittheilte, 
fo  wie  ich  fie  erzählt  habe.  Und  ich  darf 
wohl  behaupten,  dafs  faft  jeder  denkende  Le- 
fer  wo  nicht  FSeifpiele  doch  Erzählungen  die- 
fer Art  kennen  wird,    die   diefer  zur  Verglei- 

chung 


Drei  und  iheiffigfies  Kapitel.  3j5 

chung     oder     doch     zur    Beftätigung    dienen 
können. 


Einflufs    diefer    Verbindung    auf 
die  Denkarten, 

GewilTe  Denkarten  und  Unvollkommenhet- 
tpn  in  dem  Gebrauch  des  Verftandes ,  welche 
auf  diefe  Weife  entßanden,  find  nicht  weniger 
häufig  und  von  grofsen  Einflufs,  obgleich  nicht 
fo  wahrnehmbar.  Gefetzt  die  Begriffe  von 
Realität  und  Materie  werden  theils  durch 
den  Unterricht,  theils  durch  eigenes  Denken 
jnnigft  vereiniget,  wie  werden  wohl  die  Be- 
griffe und  Schlüfle  von  dem  Ge«fterreiche  be« 
fchaffen  feyn,  fo  lange  diefe  Verknüpfung 
d-awert?  Welchen  ungereimten  Begriffen  ift 
nicht  der  Verftand  ausgefetzt,  wenn  er  von 
Jugend  auf  daran  gewöhnt  worden  ,  eine  ge- 
winne Figur  und  Geftalt  mit  dem  Begriff  von 
Gott  zu  verbinden,  Wrenn  mit  einer  Perfon 
die  Vorftellung  von  Untrüglichkeit  unzertrenn- 
lich verknüpft  wird ,  und  das  Gemüth  davon 
eingenommen  ift,  fo  kann  diefe  Perfon  wohl 
gebieten,  den  Satz,  dafs  ein  Körper  zu  einer 
Zeit  zugleich  an  zwei  Orten  ift,  ohne  Unter- 
fnchung  für  wahr  zu  halten ,  und  er  wird  dann 
für  eine  untrügliche  Wahrheit,  willig  ange- 
nommen. 

X  5  §,  18, 


1*6  Zweites  Buoh. 

§.       18. 

Spuren  davon  laffen    fich    bei  rer- 
fchiedenen    Secten    beobachten. 

Auf  folche  unrichtige  und  unnatürliche 
.Verbindungen  von  Vorfiellungen  gründet  ßch 
vielleicht  der  unversöhnliche  Widerftreit  zwi- 
fchen  verfchiedenen  Secten  in  der  Philofophie 
und  Religion.  Denn  es  läTst  fich  nicht  den- 
ken,  dafs  alle  Anhänger  detfelben  fich  mit 
Willen  täufchen  und  willentlich  die  Wahrheit, 
die  ihnen  durch  die  Vernunft  fo  einleuchtend 
dargeboten  wird,  von  fich  ftofsenifollten.  Das 
Jnterefie  thut  zwar  viel  in  der  Sache;  allein 
unmöglich  kann  es  in  einer  ganzen  Gefellfchaft 
von  IVlenfchen  eine  folche  Verkehrtheit  her- 
vorbringen ,  daTs  fie  alle  ohne  Ausnahm« 
die  Unwahrheit  willentlich  vertheidigen  foll- 
ten.  Zum  wenigften  ift  doch  vorauszufezen, 
dafs  einige  wirklich  thun ,  was  andre  nur  zum 
Schein  vorgeben,  nehmlich,  dafs  tie  die  Wahr- 
heit redlich  fuchen.  Es  mufs  alfo  etwas 
geben,  was  ihren  Verftand  verblendet,  dafs 
fie  die  Falfchheit  von  dem  ,  was  fie  für 
Wahrheit  halten,  nicht  einfehen  j  was  di« 
Vernunft  fefleit ,  dafs  redliche  Männer  ihre 
Augen  gegen  die  einleuchtendflen  Wahrheiten 
des]  gefunden  Verfiandes  verfchliefsen»  Eine 
nähere  Unterfuchung  führet  uns  gerade  auf 
das,  wovon  wir  hier  handeln.     Unzufananien- 

han» 


Drei  und   dreiffigftes  Kapitel.  827 

hängende  Vorfte!Iungen  werden  nämlich  durch 
Erziehung,    Gewohnheit    und     das  beftändige 
Vorfprechen  ihrer  Pdrthie  fo  in   ihrem    Gemu- 
the  zufammengepaart ,  i'afs  fie  immer  mit  ein- 
ander ins  Bewufstfeyn  kommen,    Cw  find  nun 
unzertrennlich  in    Gedanken  vereiniget,    und 
fie  wirken  in  Gemein  fchaft,  als  machten  fie  nur 
i  eine   Vorftellung  aus.       Dies   bringt    Sinn   in 
unverständliches    Gewäfch,    dient    Ungereimt- 
heiten   zum    Beweife,    und  giebt    fogar    den» 
Unfinne  Gedenkbark  eit.     Es  ift  die  Quelle  der 
gröfsten,  oder  ich  möchte  Tagen  ,   aller  Irrthü- 
mer    in  der  Welt ;  und  wenn  das  zu  viel    ge- 
faxt iß,    fo  ift  es  doch  feibft  einer  der  gefähr- 
lichften  Irrthümer,   weil  er,  fo   lange  er  feft- 
ftehet,  die  Menfchen  hindert,  mit  eignen  Au- 
gen zu  fehen  und  feibft  zu  untevfuchen.    Wenn 
Dinge   ohne    innern  Zufammenhang   dem  Ge- 
richte immer  vereiniget  erfcheinen,  wenn  das 
Auge    das    Unverbundene    verkettet   erblickt, 
wo  foll  man  anfangen,    die  Irrthümer   zu  vtr- 
beilem,   welche   aus   zwei  Begriffen    entfprin- 
gen,    welche  die  Menfchen  auf  diefe  Art  zu 
verbinden,    den  einen  anftatt   des    andern  zu 
fetzen,  und  zwar,  wie  ich  faß  glaube,    ohne 
Bewufstfeyn  fich  angewöhnt  haben?  So   lauge 
diefe  Täufchung    dauert,    find   fie  gegen    alle 
Ueberzeugung    unempfänglich.      Während    fie 
nur  für  Irrthümer  ftreiten ,    geben  .fie  lieh,   als 
eifrigen  Verfechtern  der  Wahrheit,  den  lauie- 
X  4  fie» 


3J|  Zweites   Buch. 

ften  Beifall.  Die  Vcrwcchfelurg  zweier  ver- 
fchiedencr  BegrilTe,  welche  durch  die  gewohn- 
te Verbindung  in  einen  einzigen  zufunir.en^e« 
Ichrnolzen  lind,  füllt  ih»e  Küple  mit  falfchen 
■Geßcht'piicctcn  und  ihr  Denken  mit  falfchen 
Folgerungen  an. 

§•      19. 

Bei  c  h  1  u  fs. 

Nach  dem  plan,  den  ich  mir  anfänglich 
pniwoifen  halte,  niüDte  ich,  nachdem  ich  den 
Urfprung,  die  Arten  und  den  Umfang  unfrer 
Vorftellungen  tinterfucht,  am.h  noch  einige 
andere  Betrachtungen  über  diefe  Materialien 
untrer  gefammten  Erkenntnifs  angefleht  habe, 
nun  zunächfi  zeigen  ,  welchen  Gebrauch  der 
Verftand  von  dielen  Vorhellungeu  macht,  und 
welche  Erkenntnifs  durch  diefelben  zu  Stande 
kommt.  Diels  war  alles,  was  ich  bei  der 
erften  Ucberncht  meines  Gegenftandes  abhan- 
deln zu  muffen  glaubte.  Allein  eine  nähere 
Betrachtung  zeigte  mir  eine  fo  enge  Verbin- 
dung zwifeben  Worten  und  Vorftellun- 
gen, eine  fo  durchgängige  Beziehung  zwi- 
schen abftracten  Begriffen  und  allgemeinen 
Worten,  dafs  man  von  der  Erkeuntnifs  welche 
ganz  aus  Urtheilen  befiehet.  nicht  deutlich  und 
beftimmt  fprechen  kann,  wenn  man  nicht  vorher 
die  Natur,  den  Gebrauch  und  die  Bedeutung 
der  Sprachzeichen  unterfucht  hat.  Diefer  Ge- 
genftand  foli  uns  daher  in  dem  folgenden 
Buche  befchäftigen, 

Ver- 


V    e    r    f    u    c    b 

über  den 

menfch liehen   Verfrand. 


Drittes    Buch. 

Elftes  Kapitel. 


Von   den   Worten   oder   der   Sprache 
überhaupt. 

§.    If 

Sprachfähigkeit  des  Menfchen. 

v^ott  fchuf  den  Menfchen,  der  ein  gefellige$ 
Wefen  feyn  follte,  nicht  allein  mit  der  -Nei- 
gung und  den  innern  Antrieben  zur  Verbindung 
mit  Wefen  feiner  Art,  fondern  verfah  ihn  auch 
X  $  mit 


»3*  Diittc*    Buch. 

Oiit  der  Fähigkeit  zur  Sprache,  a's  dem  wich- 
tigen Werkzeuge  und  dem  gcmeinrdiaftlichen 
Bande  der  Gefelligkeit.  Daher  Gnd  feine  Or- 
gane von  Natur  Co  eingerichtet ,  dafs  fie  aiticu- 
lirte  Töne,  das  ift  Worte,  hervorbringen 
können.  Doch  dies  war  noch  nicht  zur  Spra 
che  hinreichend ;  denn  Papageyen  und  andere 
Vögel  lernen  articulirte  Töne  deutlich  genug 
hervorbringen  ,  weiche  gleichwohl  keiner 
Sprache  fähig  find. 

i  2. 

Die  IVTenfchen  mufsten  außerdem  auch  die 
Fähigkeit  eihalten,  diefe  Töne  als  Zeichen 
ihrer  Vorftelhingen  zu  gebrauchen,  um  vermit- 
teln derfelben  andern  ihre  Gedanken  initzu- 
theilen  und  bekannt  zu  machen, 

§•      3- 

Dies  ift  noch  nicht  genug,  um  den  Worten 
alle  mögliche  Brauchbarkeit  zu  geben.  Die 
Vollkommenheit  der  Sprache  erfodert  nicht 
nur,  dafs  Töne  zu  Zeichen  der  Vorftelhingen 
gebraucht  werden,  fondern  auch,  dafs  fie  meh- 
rere einzelne  Dinge  zufammenfafien  können. 
Denn  follte  jedes  einzelne  Ding  durch  ein  be- 
fonderes  Zeichen  bezeichnet  werden  ,  fo  wür- 
de der  Gebrauch  der  Worte  duich  ihre  Man- 
nichfalügkeit  erfchwert  werden ,   —  eine  Un- 

be- 


Erftcs  Kapitel,  33 1 

bequemlichheit,  welche  durch  den  Gebrauch 
allgemeiner  Sprachzeichen  abgeholfen  wird, 
indem  ein  Wort  eine  Vielheit  von  individuel- 
len Dingen  bezeichnet.  Diefen  Vortheil  ge- 
währet uns  allein  die  Verfchiedenheit  der  Be- 
griffe,  welche  durch  Worte  abgedrückt  {wer- 
den. Denn  allgemeine  Sprachzeichen  find 
folche,  welche  fich  auf  "allgemeine,  undbefon- 
d  e  r  e  welche  fich  auf  befondre  Begriffe  beziehen. 

§.    4- 

Aufser  diefen  Worten  giebt  es  noch  andere, 
welche  keine  Vorftellung  fondern  den  Mangel 
oder  die  Abwefenheit  einer  einfachen  oder 
zufammengefetzten  oder  überhaupt  jeder  Vor- 
ftellung bezeichnen ,  z.  ß.  Nichts,  Unwif- 
fenheit,  Unfruchtbarkeit.  Man  kann 
nicht  eigentlich  fagen ,  djfs  diefe  negativen 
o.ler  privativen  Worte  gar  keine  Beziehung 
auf  Vorftellungen  hätten,  denn  dann  würden 
fie  ganz  bedeutungslos  feyn :  Ge  beziehen  lieh 
allerdings  auf  poütive  Vorftellungen,  und  be« 
zeichnen  deren  Mangel. 

§.    5. 
Alle  urfprünglicheWorte  bezeich- 
nen finnische  Vorftellungen. 
Vielleicht  kommen  wir  auch  dem  Urfpruo- 
ge  aller  unferer  Vorftellungen  und  Erkenntniffe 

et- 


3jl  Drittes    Buch. 

etwas  näher,  wenn  wir  auf  die  groOe  Abhän- 
gigkeit der  Y\  orle  von  den  gemeinden  finnii- 
eben  Yorftelluugen  aufmeikfam  find,  und  be- 
meikrn,  wje  die  Sprachlichen  der  uufinnlich- 
Den  Handlungen  und  Begriffe  ans  den  Sinnrn 
enllprungen ,  und  durch  uueigentliche  Bedeu- 
tungen auf  Gegenfhinde  übergetragen  find, 
welche  aufser  der  Sinnenerkcnntnifs  liegen. 
Die  Worte:  einbilden,  wahrnehmen, 
begreifen,  vorftellen,  einflüfsen 
Ruhe,  Unruhe,  u.  f.  w.  find  von  den  Wir- 
kungen finnlichor  Dinge  auf  gewiffe  Medifica- 
tionen  des  Denkens  angewendet.  G  e  i  ft 
(Spirit)  bedeutet  urfprünglich  den  Hauch  ,  und 
Engel  einen  Boten.  Könnten  wir  in  allen 
Sprachen  die  Worte  für  unfinnliche  Gegenftän- 
de  bis  zu  ihrer  erften  Abdämmung  verfolgen, 
fo  würden  wir  eben  dafle-lbe  Refuhat  finden, 
und  zugleich  muthmafsiieh  beftimmen  können, 
welche  Vorftellungen  und  aus  welcher  Quelle 
die  erften  Spracherfinder  halten,  und  wie  die 
Natur  felbft  bei  Benennung  der  Dinge  unver- 
merkt die  erften  Keime  und  Grundideen  aller 
Evkenntnifs  3n  die  Hand  giebr.  Denn  um  die 
inneru  Thätigkeiten ,  die  in  ihrem  Bewufst- 
feyn  vorgingen,  und  kein  Gegenftand  äufserer 
Wahrnehmung  waren  ,  fo  wie  andere  unfinn- 
liche  Begriffe  andern  milzutheilen ,  waren  fie 
genöthiget  ,  die  Worte  dazu  von  bekannten 
Vorftellungen  der  Sinne  zu  entlehnen,  Wa- 
ren 


Elftes  Kapitel.  333 

ren  aber  einmal  bekannte  und  verftiind liehe 
Worte  dazu  gefunden,  fo  hatten  Ge  einen  hin- 
länglichen Vorrat h  zur  Bezeichnung  aller  Vor- 
ftelltingen  gewonnen  ,  indem  diefe  keinrn  an- 
dern Gegenftand  haben  können,  als  entweder 
äufserere  Wahrnehmungen  ,  oder  innere  ßch 
darauf  beziehende  Thätigkeiten  des  Geißes, 

§•     6. 

Plan, 

Folgende  Unterfuchungen,  welche  den  In- 
halt der  folgenden  Kapitel  ausmachen  ,  können 
dazu  dienen ,  unfre  Kenntr.ifs  von  dem  Ge- 
brauche der  Sprache,  als  *ines  Erkenntnifsmit- 
tels ,  zu  erweitern.  Zuerft  mufs  unferfocht 
werden,  worauf  die  Worte  bei  ihrem 
Gebrauch  unmittelbar  bezogen  wer- 
den. Zweitens.  Da  Alle  Worte  (die  ei- 
gentümlichen aufgenommen)  aligemein  Gnd, 
und  nicht  dies  oder  jenes  Individuum,  fondern 
Arten  und  Gattungen  bezeichnen,  fo  mufs  zu- 
nächft  unterfucht  weiden  ,  was  Arten  u  n  dl 
Gattungen  find,  worin  fie  beftehn, 
und  wie  fie  gebildet  werden.  Nur 
dann  erft  kann  man  den  richtigen  Gebrauch 
der  Worte  beflimmeni  die  natürlichen  Vollkom. 
menheiten  und  Mängel  der  Sprache  erkennen, 
und  Mittel  gegen  die  aus  der  Ungewißheit 
und  Dunkelheit  der.  Bedeutung  entfprin^enden 

JNach- 


334  Drittel  Ruch. 

Nachtheile  aufhieben.  UnJ  ohne  das  kann 
man  über  die  Eikenntnifs,  Welche  mit  Sätzen, 
und  zwar  gröfstentheils  allgemeinen  zu  thun 
hat,  und  daher  in  gröfserer  Verbindung  mit 
den  Worten  flehet ,  als  man  vielleicht  glau- 
ben füllte,  unmöglich  mit  Beftiramtheit  und 
Ordnung  nachdenken. 


Zweites  Kapitel. 

Von  der  Bedeutung  der  Worte. 


§.    1/ 

Worte  find  finnliche  Zeichen  zur 
Mittheiiung  der  Gedanken« 


W*„„ 


auch  ein  Menfch  noch  fo  viele  Vor- 
/tellungen  und  von  der  Art  befitzt,  welche 
für  ihn  und  andere  zum  Nutaen  und  Vergnü- 
gen gereichen  können,  fo  find  lie  doch  in 
feinem  Gemüth  verfchloffen  ,  verborgen ,  und 
fie  können  fich  nicht  von  felbft  andern  darftei- 
len.     Zum  Bellen  td«r  Gefelligkeit ,  die  ohne 

Mit- 


Zweites  Kapitel.  33$ 

Mittheilung  der  Gedanken  nicht  befiehen  kinn, 
mufste  er  gewiile  äufsere  Sinnliche  Zeichen 
ausfindig  machen ,  um  durch  fie  feine  unficht- 
baren  Vorstellungen,  woraus  die  Gedanken 
beliehen,  andern  offenbar  zu  machen.  Dazu 
waren  keine  Zeichen  zweckmäffiger  als  die  ar- 
ticulirten  Töne,  fowohl  wegen  ihier  Mannich- 
faiti.keit,  als  auch  wegen  der  Schnelligkeit 
un  i  Leichtigkeit,  womit  jeder  fia  bilden  kann. 
Auf  diele  Art  wird  es  begreiflich,  wie  die 
Menithen  daraufkommen  konnten,  die  Worte, 
die  von  der  Natur  fo  zweckrnäfüg  dazu  einge- 
richtet worden,  wirklich  zur  Bezeichnung 
ihrer  Vorftellu  igen  anzuwenden.  Zwar  ift 
keine  natürliche  Verbindung  zwifchen  beiden, 
denn  locft  inüfste  es  nur  eine  Sprache  geben; 
fondern  die  Worte  werden  wilikührlich  zu 
Zeichen  der  Vorltellungen  gemacht,  und  diefe 
wilikührlich  veiknüpiten  VorlteÜ.  ngen  machen 
die  ei>enthü;nuche  und  unmittelbare  Bedeu« 
tung  der  Worte  aus, 

i     2» 

Diefe  Zeichen  werden  gebraucht,  theils 
das  Behalten  der  Vorltellungen  zu  eileichtern, 
theils  um  fie^  zu  äufsern  und  andern  gleichfam 
voi  Augen  m  legen.  Die  Worte  bezieben  fich 
daher  in  ihrer  eriten  unmittelbaren  Bedeutung 
blos   auf  die  Vorstellungen    delTen,     der   ficii 

ih- 


3»6  Drittes    Buch. 

ihrer  bedienet,  Co  unvollkommen  und  mangel- 
haft fie  auch  feyn  nsögen.  Wenn  ein  Mepfch 
mit  dem  andern  fpricht,  fo  will  er  verbanden 
werden,  und  der  Zweck  der  Sprache  ift,  di(s 
diefe  Töne  als  Zeichen  dem  Zuhörer  die  eig- 
nen Vorftellungen  des  Sprechenden  bekannt 
machen.  Wollte  er  üe  zugleich  auf  fremde 
Vorftellurgen  beliehen,  fo  wären  fle  zu  glei- 
cher Zeit  Zeichen  und  Nichtzeicben  feiner 
Vorftellungen,  und  hätten  auf  diefe  Art  gar 
keine  Bedeutung.  Ein  Menfcü  kann  feine 
Worte  weder  zur  Bezeichnung  der  Eigenfchaf- 
ten  der  Dinge ,-  noch  der  Vorftellungen  eines 
andern  gebrauchen ,  wovon  er  felbft  keine 
Vorftellung  hat;  er  kann  in  diefem  Falle  nicht 
amehmen,  dafs  feine  Vorftellungen  mit  denen 
eines  andern  übereinftimmen,  und  feine  Worte 
würden  dann  Zeichen  von  dem,  was  er  niciit 
kennt,  d,  h.  von  einem  Nichts  feyn.  Wenn 
er  aber  fremde  Vorftellungen  durch  feine  eig- 
nen vorftellt ,  und  jene  mit  andern  Menfchen 
durch  einerlei  Worte  bezeichnet,  fo  bezeich- 
net er  doch  immer  feine  eignen  Vorftellungen, 
nicht  folche ,  die  er  nicht  hat» 

$♦     3. 

Diefes  ift  eine  fo  nothwendige  Bedingung 
der  Sprache,  dafs  darin  der  Veiftändige  vor  dem 
ÜnwüTeuden,  der  Gelehrte  vor  dem  Ungelehr- 

ten 


Zweites  Kapitel.  3j2 

ten  nichts  voraus  hat.  Alle  Worte  beziehen 
fich  auf  die  Vorftellungen  des  Sprechenden, 
auf  das ,  was  er  durch  diefelben  ausdrücken 
will»  Wenn  ein  Kind  von  dem  Metall,  wel- 
ches es  Goid  nennen  hört,  nichts  weiter  als  die 
glänzende  gelbe  Farbe  kennet,  fo  beziehet 
es  jenes  Wort  nur  allein  auf  diefe  Farbe,  und 
es  nennt  daher  auch  die  Farbe  in  dem  Schwei- 
fe des  Pfauen  Gold.  Andere  lernen  durch 
belfere  Beobachtungen  mehrere  Merkmale, 
z.B.  die  Schwere,  Schmelzbarkeit,  Ausdehnbar- 
keit durch  das  Schlagen  kennen,  und  fetzen 
fie  zu  der  Bedeutung  des  Worts  hinzu»  In 
allen  diefen  Fällen  wendet  jeder  das  Wort  nur 
auf  feine  Vorftellung  an ,  aber  nie  kann  er  es 
zum  Zeichen  eines  zufammengefetzten  Begriff» 
machen,  den  er  nicht  hat» 

§♦     4- 

Die  Worte  erhalten    oft   noch  ver» 
ft eckte  Beziehungen. 

Obgleich  die  Worte  in  ihrem  eigentlichen 
und  unmittelbaren  Gebrauch  nur  die  Vorftel- 
lungen des  Sprechenden  bezeichnen,  fo  er- 
■halten  fie  doch  in  den  Gedanken  der  Menfchen 
»eine  verftcckte  Beziehung  auf  zwei  andere 
>Dingp.  1)  Sie  fehen  ihre  Worte  auch  als 
Zeichen  für  die  Vorftellungen  ande- 
Locke's.  II,  Tbcil.  Y  rer 


53H  Drittes  Bück. 

rer  Menfchen  mit  denen  fiefprechen,  an. 
Denn  Oe  würden  vergeblich  fprechen  und  nicht 
verstanden  werden,  wenn  fie  die  Worte  auf 
eine  Vorftellung  und  die  Zuhörer  auf"  eine  an-" 
dere  bezögen  ;  das  wäre  fo  viel,  als  redete  jeder 
in  einer  andern  Sprache.  Ob  diefe  Vorftellung 
bei  dem  Sprechenden  und  Zuhörenden  voll- 
kommen identifch,  das  wird  gewöhnlich  nicht 
unterfucht,  fondern  man  glaubt  genug  gethan 
xu  haben  ,  wenn  man  der  Worte  in  dem  ge- 
meinen Sprachgebrauche  (ich  bedienet  ,  weil 
man  dabei  vorausfetzt,  dafs  die  Vorftellung,  mit 
welcher  alle  verftändige  Menfchen  in  einem 
Lande  ein  Wort  verknüpfen,  vollkommen  die- 
felbe  ift. 

§•     5. 

Ö")  Die  Menfchen  wollen  aber  auch  nicht 
gernblofs  von  ihren  Bildern  der  Phaniafie,  fon- 
dern von  Dingen,  wie  fie  an  (ich  find,  fpre- 
chen, daher  nehmen  fie  ott  an,  dafs  die 
Worte  auch  Zeichen  für  wirkliche 
Dinge  find.  Da  ich  weiter  unten  weitläuf- 
tiger  davon  handeln  werde,  fo  bemerke  ich 
hier  nur  foviel,  dafs  es  ein  verkehrter  Gebrauch 
der  Worte  ift,  der  nur  Dunkelheit  und  Verwir- 
rung in  ihre  Bedeutungen  bringet,  wenn  he  zu 
B  Zeichnung  etwas  anders,  als  unferer  Vor- 
stellungen gebraucht  werden. 


Zweites  Kapitel.  339 

Noch  einige  Bemerkungen. 

Da  die  Worte  unmittelbare  Zeichen  derVor» 
flellungen  und  dadurch  das  Werkzeug  find,  wo- 
durch Menfchen  einander  ihre  Gedanken  und 
Empfindungen  mittheilen;  fo  entliehet  durch 
den  beftändigen  Gebrauch  eine  folche  Verknü- 
pfung zwifchen  dein  Zeichen  und  dem  Bezeich- 
neten, dafs,  fobaid  das  Wort  gehört  wird,  auch 
fogleich  die  angehängte  Vorstellung  auf  eben 
die  Art  erweckt  wird,  als  wenn  dasObject  der- 
felben  wirklich  die  Sinne  afficiite. 

§•     % 

Man  lernt  durch  den  beftändigen  Gebrauch 
von  der  Wiege  an  gewiffe  articulirteTöne  voll- 
kommen ,  und  hat  fie  daher  immer  in  Gedächt- 
nifs  und  Bereitfchaft;    aber  weil  man  ihre  Be- 
deutungen  nicht  immer    forgfältig   unterfuchet 
und  feftfetzt,  fo  hat  dies  die  Folge,    dafs  die 
Menfchen  felbft  bei  dem  Vorfatz   eines  fchar- 
fen  Nachdenkens ,  doch    ihre  A  u  f  m  erkf  a  ui- 
keit  mehr  auf  die  Worte,    als  auf  die 
Dinge  richten.     Ja,  weil  viele  Worte  früher 
gelernt  werden,  als  man  Kenntnifs  von  den  be- 
zeichneten Vorftellungen  hat,  fo  fprechen  nicht 
allein  Kinder,  londern  auch  viele  Erwachfene 
Worte    nicht  anders  wie  Pap?gayen,    blos   als 
etwas  gelerntes  und   angewöhntes  aua.     Info- 
Y  2  fern 


340  DuUss  Buch. 

fern  aber  Worte  eirjen  befthnmten  Gtbrauch 
und  Bedeutung  haben,  fo  findet  auch  eine  be- 
ftandige  Verbindung  iwifchen  dem  Sprachlaut 
und  der  Vorftelhing  und  die  Beftimmung,  dafs 
erfte  zur  Bezeichnung]  des  zweiten  dienet, 
ftatt.  Ohne  diefe  Beziehung  fiud  die  Worte 
nur  bedeutungslofe  Töne, 

«.     S. 

Ungeachtet  dieTer  Verbindung  bezeichnen 
die  Worte  doch  nur  diefem  oder  jenem  Men- 
fchen  eigen thüm  liehe  Vorfiellungen,  und 
zwar  durch  w  i  H  k  ü  h  r  1  i  c  h  e  V  fe  r  k  n  ü  p  f  u  n  g. 
Diefes  erhellet  fchon  daraus,  weil  fie  bei  andern 
nicht  immer  die  angeknüpften  Vorsehungen  er- 
wecken» Jeder  Menlch  hat  eine  fo  unverletz- 
liche Freiheit ,  durch  Worte  beliebige  Vor  Hei- 
lungen zu  bezeichnen,  dafs  niemand  andere 
zwingen  kann,  eben  diefelben  bei  dem  Gebrauch 
derfelben  Worte  imBewufstfeyn  zu  haben.  Ob- 
gleich Auguftus  das  grofse  rümifche  Reich 
beherrfchte,  (o  erkannte  er  doch  ,  dafs  er  kein 
neues  lateinifches  Wort  machen  ,  d.  i.  nicht 
willkührüch  befehlen  könne,  was  Für  eine  Vor- 
ftelhing durch  fein  ganzes  Reich  allgemein  reit 
einem  beftimmten  Laut  foiite  verbunden  v.  ( r- 
den.  Es  ift  wahr,  der  Sprachgehrauch  knü- 
pfet gewiffe  Sprachlaute  an  gewifle  Voritellun  ■ 
gen,  und  fchränkt  dadurch  die  Bedeutung  der 
Zeichen  in  fo  weit  ein,  dafs,  wer  nicht   diefe 

Vor- 


Drittes  Kapitel,  g^j 

Vorftellungen  damit  verbindet,  nicht  eigentlich 
redet  und  Geh  andern  nicht  verständlich  machen 
kann;  allein  in  jedem  Fall  der  Anwendung  der 
Worte  und  ihrer  Folgen  ,  ift  doch  die  Be- 
deutung derfelben  blos  allein  auf  die  Vorftellun- 
gen des  Sprechenden  eingefchränkt, 


Drittes  Kapitel. 

Von  allgemeinen   Sprachzeicfren. 


$.    x. 

JL/a  alle  exiftirende  Dinge  einzeln  find,  fo 
könnte  man  denken,  die  Worte  roüfsten,  um 
den  Dingen  zu  entfprechen,  auch  ihrer  Bedeu- 
tung nach  individuell  feyn.  Allein  wir  finden 
davon  gerade  das  Gegentheil»  Der  gröfste 
Theil  der  Worte  in  allen  Sprachen 
beftehet  aus  allgemeinen  Sprachzei- 
chen; und  das  ift  das  Werk  nicht  der  Gedän- 
kenlofigkeit  und  des  Zufalls ,  fondern  der  Ver* 
nunft  und  der  Notwendigkeit. 

Y  3  §.  2. 


34*  Drittes  Bach. 

§.    a. 

Es  ift  unmöglich  auch  unnütz,  d  a  f  s 
jedes  einzelne  Ding  ein  bcfon- 
deres  Sprachzeichen  für  fich 
habe. 

Es  ift  erftlich  unmöglich,  dafs  jedes  ein- 
zelne Ding  durch  ein  befonder  es  beftim  m- 
tes  Wort  bezeichnet  werde.  Denn  der  Ver- 
Itand  müf  te  dann  von  allen  Dingen  einzelne 
Vorftellungen  bilden,  und  die  Zeichen  derfelben 
mit  ihrer  beftimmten  Beziehung  in  dem  Ge- 
dächtnifle  aufbewahren.  Allein  diefes  über- 
schreitet jedes  inenfehliche  Vermögen.  Untei- 
fcheidende  Vorftellungen  und  Sprachzeichen 
für  jedes  Individuum  von  Thier,  Vogel,  Pflan- 
ze, Baum,  welche  der  Menfch  wahrnimmt, 
würden  nicht  Raum  genug  in  dem  umfaffendlUn 
Verftande  finden.  Und  wenn  es  fchon  als  Liei- 
fpiel  eines  ungeheuren  GedächtnilTes  angefallen 
wurde,  daf»  ein  General  alle  Soldaten  feiner 
Armee  bei  ihren  Namen  nennen  konnte,  fo 
werden  wir  leith*  den  Grund  entdecken,  war- 
um die  Menichen  nicht  einmal  den  Verfuch  mach- 
ten, jedes  Schlaf  ihrer  Heerde,  jede  Krabe,  die 
vor  ihnen  vorbei  flog,  jedes  Blait  der  Pflan- 
zen und  jedes  Sandkorn  ,  das  ihnen  in  den 
Weg  kam,  mit  einem  befondern  Wort  zu  be- 
nennen» 

§•  5- 


Drittes  Kapitel.  343 

§•     3. 

Wäre  es  aber  auch  möglich  ,  fo  hätte  es 
doch  keinen  Nutzen,  weil  es  den  Haupt- 
zweck der  Sprache  nicht  beförderte.  Der  ein- 
zige Zweck  und  Gebrauch  der  Worte  gehet  dar- 
auf, (ich  andern  verständlich  zu  machen.  Die- 
/es  ift  nur  dann  möglich,  wenn  mein  Sprach- 
zeichen durch  Gewohnheit  oder  Uebereinkom- 
inen  in  dem  Verftande  des  Zuhörers  diejenige 
Vorftellung  erweckt,  welche  ich  mit  dein  Zei- 
chen während  des  Sprechens  verbinde,  Diefe 
Abficht  kann  aber  nicht  durch  diejenigen  Wor- 
te erreicht  werden,  welche  ich  auf  individuelle 
Dinge  beziehe,  wovon  ich  nur  allein  eine  Vor» 
Heilung  habe;  die  Worte  müfsten  in  diefera 
Fall  für  alle  andere ,  welche  nicht  diefelbe  in- 
dividuelle Kenntnifs  haben,  bedeutungslos  und 
unverständlich  feyu. 

I,    4« 

Und  wenn  wir  auch  die  Möglichkeit  zuge- 
ben, fo  würde  doch  die  Vollkommenheit 
der  Erkenntnifs  durch  folche  indi- 
viduelle Sprachzeichen  nicht  viel 
gewinnen.  Die  Erkenntnifs  gründet  fich 
auf  individuelle  Objecte  ;  fie  wird  aber  nur 
durch  allgemeine  Gefichtspunkte  erweitert,  wo- 
zu Gelchlechsbegriffe  un  1  Allgemeine  Zeichen 
beförderlich  find,  Diefe  haben  ihren  beftimm« 
Y  4  ten 


344-  Drittes  Buch. 

ten  Umfang,  und  vermehren  fich  nicht  mit  jedem 
Augenblicke  über  die  Grenzen  hinaus ,  in  wel- 
chen fie  der  Verftand  nur  allein  faflen  kann, 
nnd  welche  der  Gebrauch  nothwendig  macht. 
Auf  fie  haben  fich  daher  die  Menfchen  haupt- 
fächlich eiugefcbränkt,  doch  fo ,  dafs  ihnen 
die  Unterscheidung  der  Individuen,  durch  eig- 
ne Namen,  wo  es  nöthig  ift,  nicht  erfchweret 
wird.  Und  daher  haben  Individuen  ihrer  Gat- 
tung, mit  denen  fie  am  in  eilten  zu  thun  haben, 
eigene  Namen  erhalten. 

§.  5- 
Aus  eben  dem  Grunde  haben  aufser  Men- 
fchen auch  Länder,  Städte,  FiüiTe,  Berge  u. 
f.  w,  eigene  Namen  gefunden,  weil  man  oft 
von  einem  beftimmten  Dinge  diefer  Art  fpre- 
ehen,  und  es  gleichfam  dem  Zuhörer  vor  Au- 
gen fetzen  mufs.  Ohne  Zweifel  würden  wir 
für  jedes  einzelne  Pferd  eigne  Namen  habe«, 
und  fie  fo  geläufig  gebrauchen  ,  als  Menfchen- 
samen,  wenn  wir,  wie  die  Pferdehäudler  ,  in 
dem  Fall  wärsn ,  dafs  wir  von  diefem  und  je- 
nem oft  beüiuirnt  zu  fprechen  hätten. 

§.     6. 

Wie  allgemeine  Sprachzeichen  ge- 
bildet werden. 

Da   nun  einzelne  Dinge  wirklich  exiftiren, 
fo  entliehet  die  Frage:   wie  wir  zu  allge- 

mei- 


Drittes  Kapitel.  345 

meinen  Sprachzeichen  kommen,  und 
wo  fich  die  Gattungswefe  n finden ,  worauf 
fich  jene  beziehen  Folien?  Die  Worte  werden 
dann  allgemein  ,  wenn  ße  zu  Zeichen  von  all- 
gemeinen Begriffen  gemacht  werden;  und  diefe 
Werden  dadurch  gebildet,  dafs  man  Zeit  und 
Ortbeftimmungen  und  andere  Merkmale,  wo- 
durch fie  auf  dieFes  und  jenes  Individuum  be- 
schränkt werd&n,  aus  ihrem  Inhalte  ausfchliefet. 
Hierdurch  erhalten  üe  die  Fähigkeit,  mehrere 
Individuen  vorzufallen,  von  denen  jedes  durch 
feine  Uebereinftimmung  mit  dem  abftrakten Be- 
griff, nach  unferm  Sprachgebrauch,  zu  diefer 
Gattung  oder  Art  gehört. 

S.  7- 
Die  Vorftellungen  der  Kinder  von  denPer- 
fonen,  mit  denen  fie  umgehen,  find  anfänglich, 
wie  dieFe  Felbft,  individuell.  Die  Vorftellungen, 
Mutter,  Amme,  bilden  fich  in  ihrem  Verftande 
und  ftellen,  wie  Gemälde,  nur  diefe  Individuen 
vor;  und  fo  fchränken  fich  diefe  Worte  nur 
allein  auf  diefe  ein.  Wenn  fis  in  der  Folge 
durch  längere  Erfahrung  die  Beobachtung  ge- 
macht haben,  daFs  es  viei  mehrere  YVefen  in  der 
Welt  giebt ,  welche  in  RückGcht  der  GeFtalt 
und  anderer  gemeinen  EigenFchaften  ihren  Vä- 
tern, ihren  Müttern  und  andern  Perfonen  ih- 
rer BekanntFchaft  ähnlich  find ,  fo  bilden  fie 
einen  Begriff,  deffen  Merkmale  fich  in  vielen 
Y  5  Indi- 


346  Dritt«   Buch. 

Individuen  finden,  und  bezeichnen  ihn  durch 
das  WortMenfch.  So  bildet  fich  ein  allge- 
meiner Begriff  und  allgemeines  Wort,  indem 
aus  dem  concreten  Begriff  von  Peter  ,  Johann, 
Maria  und  Johanne  das  Individuelle  und  Eigen- 
tümliche ausgelaufen  und  das  Gemeiufchaftli« 
che  zufammengefafst  wird. 


Auf  ditTelbe  Art  gehen  lie  nun  leicht  zu  noch 
allgemeinem  Begriffen  und  Worten  fort.  Wenn 
difl  Menfchen  nehmlich  beobachten,  dafs  ver- 
fchiedt  ne  Wefen  ihrer  Verschiedenheit  wegen 
nicht  unter  dem  Begriff  von  Menfch  begriffen 
werden  können,  ob  fie  gleich  gewiffe  gemein- 
fame  Merkmale  mit  demselben  haben,  und  die- 
fe  in  einfcn  Begriff  vereinigen,  fo  bilden  fie  ei- 
nen noch  allgemeinern  Begriff,  und  ein  Wort- 
zeichen von  gröfserm  Umfange.  Dief«r  Begriff 
entliehet  nicht  durch  Hinzufetzung  von  neuen 
Merkmalen,  fondern  durch  Entfernung  der 
dem  Menfchen  eigentümlichen.  Kurz,  Ce 
fallen  unter  dem  Begriff  Th  i  er  die  Vorliellun- 
ge>i ,  Körper,  leben,  Empfindung  und  will- 
kürliche Bewegung  zufammen. 


§•  9- 


Drittes  Kapitel.  5^ 

§.     9. 

Die  Gattungswefen  find  nichts  als 
abftracte  Begriffe, 

DaTs  diefes  die  Entftehungsart  diefer  Begrif- 
fs und  Worte  ift,  ift  To  einleuchtend,  dafs  es 
keines  Beweifes,  fondern  nur  einiger  Auf.nerk- 
famkeit  auf  den  Fortgang  des  Verbandes  in  der 
Erkenntnifs  bei  fich  und  andern  bedarf.  Wer 
die  Gattungswefen  (notions)  für  etwas  anders, 
als  für  folche  abftraeteaus  zuran)mengefetz.teren 
gebildete  BegrifFe  halt  ,  die  von  exiftireqden 
Individuen  abgezogen  find,  der  wird  fiefchwer- 
iich  wo  anders  finden  können.  Er  wird  durch 
fein  Nachdenken  finden,  dafs  der  Begriff  des 
Menfcben  von  dem  eines  Individuums  i^Peter, 
Paul,)  nur  dadurch  verfchieden  ift,  dafs  in  dem 
erfiern  dasjenige  Eigenthümlkhe ,  was  den  In- 
dividuen augehört,  ausgefcbloffen  und  nur  das 
aufgenommen  ift,  was  fie  mit  einander  gemein 
haben  So  bildet  man  aus  dem  Begriff  Menfch 
und  1  ferd  durch  Abfederung  des  Eigenthüm- 
lichen  und  durch  Zufammenfafhjug  des  Gemein- 
famen  einen  neuen  Begriff,  Thier,  der  einen 
gröfsem  Umfang  hat  ,  und  Menfchen  mit  ineh. 
Tern  andern  Wcf?n  begreift.  Auf  diefe  Weif« 
(abreitet  man  zu  noch  allgemeinem  Begriffen 
von  lebenden  Wefen,  Körper,  Sub- 
ftanz,  Wefen,  Ding  fort.  Kurz,  das  gan- 
ze üehfciiniiib  der  Gattungen  und  Arten,  wel- 
ches 


3^8  Drittel  Buch. 

ches  in  den  Schulen  fo  vielen  Lertn  machte, 
und,  mit  Recht,  aufser  demfelben  "wenig  Auf- 
merkfamkcit  auf  fich  zog,  beftehet  nur  allein 
in  diefen,  bald  weitem,  bald  engern  abftxacten 
BegriHen  mit  ihren  Sprachzeichen, 

§.     Io. 

Daraus  leuchtet  der  Grund  ein,  warum  man 
bei  Wortdefinitionen ,    d.i.  Erklärungen  ihrer 
Bedeutung,  fich  der  Gattung  (genue)  oder  des 
nichftfolgenden  allgemeinen  Wortes,  welches 
jenes  unter  fich   fafst,  bedienet.     Es  ift  nicht 
fowohl  Notwendigkeit,  als  um  fich  die  Mühe, 
alle  einzelnen  Begriffe,  die  in  der  nächftfolgen- 
den  hohem  Gattung  enthalten  find,  aufzuzäh- 
len; zuweilen  auch  wohl  dieEefchämung,  das 
nicht  thun  zu    können ,   zu  erfparen.       Allein 
obgleich  die  Erklärungsart  durch  die  Gattung 
und  den  Artunterfchied   die  kürzefte  ift ,  fo  ift 
es  doch  wohl  noch  eine  Frage,    ob  fie  die  he- 
fte ift;    zum  wenigften  ift  fie  nicht  die  einzige 
und  abfolut  nothwendige.     Denn  da  definiren 
nichts  anders  ift,  als  durch  Worte  verftändlich 
inachen,  welcher  Begriff  durch  ein  Wort  aus- 
gedrückt wird,   fo  gefchiehet  diefes  am  bellen 
durch  die  Aufzahlung  der  einzelnen   Begriffe, 
welche  in  der  Bedeutung  eines  Worts  zufam- 
mengefafst  find.     Wenn  man  anftatt  deflen  die 
nöchfte  höhere  Gattung  gebraucht,  fo  gefchicht 
das  nicht  aus  Notwendigkeit,  fondern  der  Be- 
quem- 


Drittes  Kapitel.  34$ 

quemlichkeit  und  des  kürzeften  Ausdrucks  we- 
gen. Denn  wenn  man  fagt:  derMenfchift  eine 
ausgedehnte  Subftanz  mit  Leben,  Empfindung, 
willkührlicher  Empfindung  und  dem  Vernunff.- 
vermögen  ,  fo  ift  die  Bedeutung  des  Worts  eben 
fo  gut  erklärt,  als  wenn  man  Tagt:  derMenfch 
ift  ein  vernünftiges  Thier,  da  diefes  zuletzt 
doch  fich  in  jene  Merkmale  auflöfet.  —  Auch 
find  die  Sprachen  nicht  allezeit  den  logifchen 
Regeln  angepaßt,  dafs  die  Bedeutung  jedes 
Worts  durch  zwei  andere  beftimmt  und  deut- 
lich ausgedrückt  werden  könnte.  Das  Gegen- 
theil  beweifet  die  Erfahrung  offenbar;  und  wä- 
re das  nicht,  fo  hätten  die  Erfinder  diefer  Re- 
gel fehr  unrecht  getban,  dafs  fie  uns  nicht  meh- 
rere Definitionen  diefsr  Art  gegeben  hätten. 
Von  den  Definitionen  ein  mehreies  in  dem  fol- 
genden Kapitel. 

Wir  kehren  zu  den  allgemeinen  Sprachzei- 
chen zurück.  Es  ift  einleuchtend,  dafs  das  All- 
gemeine nichts  mit  der  wirklichen 
Exiftenz  der  Dinge  zu  thun  hat,  fon- 
dern  nur  ein  e  E  r  fi  n  d  u  ng  und  einPr  od  uet 
des  V  er  ft  an  des  zum  Behuf  feines  Gebrauchs 
ift,  und  fich  blofs  auf  Zeichen,  das  ift, 
B  egriffe  o  der  Worte  beziehet.  Die  Wor- 
te find  nehmlich  allgemein ,  wenn  fie  zur  Be- 
zeichnung allgemeiner  Begriffe  gebraucht,  und 


35<>  Dritte«  Buch. 

daher  ohne  Unterfchied  auf  mehrere  Individuen 
angewendet  werden;  und  Begriffe  find  allge- 
mein ,  wenn  fie  als  Stellvertieter  mehrerer  ein- 
zelnen Dinge  dienen.  Das  allgemeine  ift  kein 
Merkmal  der  Din^e  felbft,  welche,  infofern 
fie  exiftieren  ,  |alle  individuell  find.  Wenn 
•wir  das  Gebiet  des  Individuellen  verlaflen,  fo 
iff  das  Allgemeine  nur  ein  l'Todüct  des  Verftan- 
des  ,  und  fein  Wefen  beftehet  einzig  allein  in 
dem  gröfsern  Umfange  der  Bedeutung,  dafa 
es  mehrere  Individuen  vorftellt.  Die  Bedeu- 
ttn  g  der  Worte  mit  nur  eine  Beziehung,  wel- 
che ihnen  der  Veutand  beigelegt  hat. 

§.      12. 

Jetzt  mufs  alfo  unterfucht  werden,  wel- 
che beftitninte  Bedeutung  allge- 
meine Sprachzeicheu  haben.  Denn 
offenbar  bezeichnen  fie  kein  Individuum,  fonft 
wären  es  keine  aligemeinen  Zeichen;  aber 
auch  keine  Mehrheit  ,  denn  fonft  würde 
IVlenfch  und  Menfchen  einerlei  bedeuten  und 
die  Unterfcheidung  der  Zahl  überflüfsig  feyn» 
Sie  bedeuten  al  o  eine  Gattung  und  Art  von 
Dingen,  und  zwar  dadurch,  dafs  fie  Zeichen 
eines  abftrakten  Begriffes  find,  unter  welchen 
die  Dinge,  infofern  fie  mit  demfelben  überein- 
ftiinmen,  geordnet  werden.  Man  fagt  dann, 
fie  find  von  der  Art,     Es  wird  hieraus  deutlich, 

dafs 


Diittes  Kapitel.  3JI 

dafs  das  Wefen  der  Gefchlechter  in 
nichts  andern'als  in  diefen  abftrak- 
ten  Begriffen  beftehet.  Denn  das  We- 
fen eines  Gefchlechts  au  (ich  haben,  macht,  dafs 
etwas  von  dem  Gefchlechf  ift,  und  die  (Jeber- 
einftimmung  mit  dein  durch  das  Gefchleehts- 
wort  bezeichneten  Begriffe  giebt  ein  Recht 
auf  diefe  Benennung.  Beides  ift  aKo  identifch. 
Z.  B.jein  Menfch  ff yn ,  zur  Gattung  Menfch 
gehören,  Anfpruch  auf  den  Namen  Menfch 
haben,  das  Wefeu  eines  Menfchen  an  fich 
haben,  ift  ein  und  diefelbe  Sache.  —  Hier- 
aus ergiebt  fich  die  Bemerkung,  dafs  das 
Wefen  der  Gattungen  und  Arten  ,  und  die 
Klaffification  der  Dinge  unter  diefe  das  Werk 
des  Verftandes  ift  ,  indem  er  abftrahirt  und  all- 
gemeine Begriffe  bifdet, 

§.     I3. 

Damit  follgar  nicht  geleugnet  werden,  dafs 
die  Natur  bei  Hervorbringung  der  Dinge  eine 
gewilfe  Gleichförmigkeit  beobachte,  welches 
bei  den  Thierarten  und  allen  durch  Saamen 
erzeugten  Dingen  am  meiften  in  die  Augen 
fallt.  Demungeachtet  kann  man  fagen  ,  dafs 
die  Klaffiiicatiun  der  Dinge  unter  Gefchlechts- 
namendas  Werk  des  Verftandes  ift,  der,  durch 
die  an  ihnen  beobachtete  Aehnlichkeit-  veran- 
lagst, allgemeine  Begriffe  bildet.     Er  Hellt  diefe 

mit 


jji  Diitles    Buch, 

mit  ihren  Sprachzeichen  als  feine  Mufter  und 
Formen  auf  (in  welchem  Sinne  das  Wort  Form 
eine  ganz  eigentümliche  Bedeutung  hat)  .um 
ihnen  die  Individuen,  infofejrn  fie  diefen  ent- 
fprechen,  unterzuordnen.  Denn  wenn  wir 
fagen:  das  ift  einMenfch ,  ein  Pferd,  das  ift 
Gerechtigkeit  oder  Graufamkeit,  das  ift  eine 
Uhr,  thun  wir  wohl  etwas  anders,  als  dafs 
•wir  die  Dinge  unter  ihre  Gefchlechtsnaraen 
ordnen,  infofern  fi?  mit  den  dadurch  bezeich- 
neten abftracten  Begriffen  übereinftimmen?  Und 
was  ift  das  Wefen  diefer  durch  Worte  bezeich- 
neten Gattungen  anders,  als  die  abftracten  Be- 
griffe des  Verftandes?  Wenn  die  allgemeinen 
Worte  eine  Verbindung  mit  den  exiftierenden 
Individuen  haben,  fo  find  diele  abftrakten  Be- 
giiffe  das  Band  ,  welches  fie  unter  jene  verei- 
niget. Das  Wefen  der  Gattungen,  infofefn 
fie  von  uns  unterfchieden  und  benennt  werden, 
kann  alfo  nur  allein  in  diefen  Begriffen  befte- 
hen.  Wenn  man  daher  ein  reales  Wefen  der 
Subftanzen  annimmt,  das  von  unfern  abftrak- 
tsn  Begriffen  verfchieden  feyn  foil,  fo  kann 
es  nicht  das  Wefen  der  Gattungen  feyn,  un- 
ter welche  die  Dinge  geordnet  werden. 
Wenn  man  fragt,  welche  Veränderungen  kön- 
nen in  einem  Pferde  vorgehen  oder  nicht, 
ohne  einer  andern  Art  untergeordnet  zu  wer- 
den, fo  läfst  fich  rtnefs  nach  unferer  Vorfiel- 
lungsart  leicht  beantworten;    aber  fchwerlich, 

wenn 


D  iittes  Kapitel;  363 

wenn  man  ein  reales  Wefen  zur  Norm  machen 
will.  Denn  wer  kann  darnach  beftimmt  willen, 
Wenn  ein  Ding  aufhört,  unter  die  An  Pferd 
zu  gehören? 

§.     H- 

Wenn  wir  Tagen,  dafs  diefe  Wefen  oder 
abftrakte  Begriffe  das  Product  des  Verftandes 
find,  fo  wird  es  weniger  befremden,  wenn 
man  bedenkt,  dafs  die  zufammengeTetzten  Be- 
griffe bei  verfchiedenen  Menrchen  oft  aus  ver- 
schiedenen einfachen  Merkmalen  befteben. 
Selbfl  die  Begriffe  der  Subftanzen,  die  doch 
von  den  Dingen  felbft  entlehnt  fcheinen ,  find 
nicht  immer  einftimmig,  auch  felbft  nicht  ein- 
mal bei  den  gemeinften  und  bekannteften  Ar- 
ten. Es  wurde  mehr  als  einmal  bezweifelt,  ob 
ein  gebornes  Kind  ein  Menfch  fey  ,  ja  oft  dar- 
über geftritten  ,  ob  es  auferzogen  und  getauft 
werden  foilte.  Diefes  würde  nicht  der  Fall 
feyn ,  wenn  der  abftracte  Begriff ,  das  Wefen, 
an  welches  das  Wort  Menfchheit  geknüpft  iff, 
das  Werk  der  Natur,  und  nicht  vielmehr  eine 
fchw^rkende  und  veränderliche  Verbindung 
einfacher  Vorftelluugen  durch  den  Verftand 
wäre.  So  drückt  alfo  jeder  abftrakte  Begriff 
ein  beftimmtes  Wefen  aus  ,  und  Worte  für 
verfchiedene  Begriffe  bezeichnen  wesentlich 
verfehiedene  Dinge,  Z.  B.  Zirkel,  Oval, 
Locke's,    II.  Theil,  Z  Schaaf 


3$/|  Drittes  Buch. 

Srhaaf,  Ziege,  Regen,  Schnee.  Denn  da« 
Wefen  ,  das  ein  Begriff  ausdrückt,  kann  nicht 
mit  dem  andern  verbunden  werden.  Zwei 
abft'akte  Begriffe,  die  nur  in  einem  Stücke 
von  einander  abweichen,  machen  zwei  be- 
fummle wefentlich  verftbiedene  Gattungen 
oder  Arten  aus, 

§•    15. 

1   Unterfchied     zwifchen     tlem    real 
und   nominal  VVtfen, 

Weil  aber  einige,  und  nicht  ohne  Grund, 
das  Wefen  der  Dinge  für  völlig  unbekannt  hal- 
ten; fo  ift  es  nöthig,  die  verl'chiedenen  Be- 
deutungen des  Worts  zu  unterfuchen.  Das 
Wefen  kann  i)  für  das  Sern  eines  Dinges 
genommen  werden,  wodurch  es  ift,  was  es 
ift,  alfo  die  reale  innere,  aber  bei  Subftan- 
•zen  durchgängig  unbekannte  Einrichtung,  in 
welcher  die  wahrnehmbaren  Eigenfchaften  ge- 
gründet find.  Dies  ift  die  urfprüngliche  Be- 
deutung des  Wüns,  wie  fcbon  die  Etymologie 
eflentia  von  elfe  an  die  Hand  giebt  ,  und 
in  diefer  wird  es  gebraucht,  wenn  wir  von 
dem  Wefen  befomleier  Dinge,  ohne  fie  Zu  be- 
nennen, reden,  t)  Die  vielen  Schulgezänke 
und  Grübeleien  über  Gattungen  und  Arten, 
find  Urfache.    dafs    das   Wort    Wefen    feine 

ur- 


Drittes  Kapitel.  555 

urfprüngliche  Bedeutung  beinahe  verloren  hat, 
und  von  der  realen  Natur  der  Dinge  faft  gänz- 
lich auf  die  künftliche  Einrichturg  der  Gat- 
tungen und  Arten  übergegangen  ift.  Es 
ift  wahr,  ein  realeN  Wefen  der  Arten  wird  im 
Allgemeinen  zugeüanden  ,  und  es  ift  unbe- 
zweifelt,  dafs  davon  der  Inbegriff  einfachet 
verbundener  Vorltellungeu  abhingen  raufs. 
Da  aber  gleichwohl  die  Dinge  nach  Worten 
in  Gefchlt-chter  abgetheilt  werden  ,  nur  info- 
fern Ge  mit  abftra-uen  Begriffen  übereinßitn- 
mpD,  an  welche  diefe  Worte  geknüpft  und, 
fo  ift  es  einlenchtend,  dais  das  Welen  jeder 
Gattung  und  Art  nichts  ift  als  der  abftrakte 
Begriff,  welcher  durch  den  Gattungs  -  und 
Artnamen  bezeichnet  wird.  Und  diefes  ift  die 
gewöhnliche  Bedeutung  des  Worts  Wefen«. 
Beide  können  am  ücherften  durch  die  Worte 
Realwefen  und  Wortwefen  unterfchieden  wei- 
den. 

§.    Iö. 

Zwifchen  dem  WortweTen  und  dem 
Worte  ift  eine  fo  enge  Verkn  üpfung.  dafs 
kein  Wort  einem  Dinge  beigelegt  werden  kann, 
als  welches  diefes  Weien  bat,  wodurch  es 
dem  fo  bezeichneten  abltrakten  Begriffe  ent- 
fprichu 

Z    2  §.    17, 


356  Diätes    Buch, 

§.      17- 

In  Anfehung  des  realen  Wefens  körperli- 
cher Subfianzen,  (um  nur  bei  dielen  flehen 
zu  bleiben)  giebt  es  ,  Wo  ich  nicht  irre, 
zwei  Meinungen.  Einige  bezeichnen  durch 
das  Wort  Wefen  etwas ,  fie  willen  l'elbfl  nicht 
was,  und  nehmen  eine  beftimmte  Anzanl  von 
Wefen  an,  nach  denen  als  Muft'errl  alle  natür- 
liche Dinge  gebildet  find,  woran  fie  alle  glei- 
chen riieil  nehmen,  und  dadurch  unter  diel'el- 
be  Gattung  gehören.  Vernünftiger  ift  wohl 
die  andere  Meinung,  nach  welcher  die  Sub- 
ftanzen  eine  reale  aber  uns  unbekannte  Natur 
Und  E  nrichtung  in  ihren  unbekannten  Be- 
ftaudti) eilen  haben,  von  welchen  die  finnli- 
chen Eigenfchaftfcn  abhängen,  welche  zur  Un- 
terfcheulung  der  einen  von  der  andern  dienen, 
je  nachdem  man  Gelegenheit  hat,  fie  unter 
gemeiufchaftliche  Benennungen  in  Gattungen 
zu  ordnen.  Die  elftere  hat  die  Erkenntnifs 
natürlicher  Dinge  fehr  verwirrt.  Die  häufigen 
Milsgeburien  in  allen  Thieraiten,  die  Abwei- 
chungen und  Veränderungen  iu  den  menfeh- 
lichen  Geburten  führen  Scbwieiigkeiten  bei 
fich,  welche  mit  diefer  Hypothek*  unverträg- 
lich find.  Denn  es  ift  fo  unuegreiflich ,  wie 
zwei  Dinge,  die  an  dem/elben  realen  Wefen' 
Theil  nehmen  ,  als  wie  zwei  Zirkelfiguren, 
verfchiedene     Eigenfchaften     haben     können.  II 

Auch 


Dritte»  Kapitel.  gj^ 

Auch  ift  die  Vorausfetzung  eine,  realen  Wg. 

fens,  das  unerkennbar  ift,  und  doch  das  Un- 
terfcheidungstnerkinal  der  Arten  ausmachen 
foll,  abgefehen  von  allen  andern  Gründen,  fo 
unnütz  und  zur  Erkenntiiifs  unbrauchbar, 
dafs  diefes  allein  uns  beftimmen  roüfste,  fie 
bei  Seite  zu  le^en  und  uns  biofs  allein  *n  das 
Wefen  der  Gattungen  zu  halten  ,  welches 
in  dem  Kreife  unfrer  Erkenntnifs   lieget» 

§.     18» 

Nach  jener  Unterfcheidung  des  Wefens, 
bemerken  wir  noch,  dafs  das  reale  und  Wort- 
wefen  in  allen  Arten  von  einfachen  Vorftellun- 
gen  und  Beftimmuogen  völlig  einerlei» 
beide  aber  bei  den  Subftauzen  ganz  verfchie- 
den  find.  Ein  durch  drei  Linien  eingefchlof- 
fener  Kaum  ift  fowohl  das  Wort  -  als  das  Sach- 
wefen  des  Triangels  ;  es  ift  nicht  allein  der 
abftrakte  Betriff,  der  mit  diefem  Gattungs-, 
worte  verknüpft  ift,  fondern  auch  das  Wefen 
und  die  Natur  der  Sache  felbft,  in  welcher 
alle  Eigenfchaften  diefer  Figur  unzertrennlich 
gegründet  find.  Ganz  etwas  anders  ift  es  mit 
dem  goldnen  Ringe  an  meiner  Hand.  Mehr 
davon  unten,  wenn  wir  von  den  Wortzeichen 
der  Subüanzen  handeln. 


Z  3  §.  19* 


'<*  Diines  Buch. 

§•      19. 

Noch   ein  Grund ,    dafs   die   abftrakten   Be- 
griffe mit  ihren  Sprachzeichen   das  Wefen   aus- 
machen ,   liegt  in   der  alten    bekannten  Behaup- 
tung,   dafs    die    Wefen    nicht    entstan- 
den   noch    zerftörbar    find.      Diefes    kaun 
Bi'cht  von   dem  realen  Wefen   gellen  ,  welches 
mit     den   Dingen    entfteht   und   vergeht.       Alle 
Dinge,  ihren  Urheber  ausgenommen,   find  der 
Veränderlichkeit  unterworfen  ,    vorzüglich  die 
uns  bekannten  und  in  Klaffen  geordneten   Din- 
ge.     Was  heute   noch    Grafs    war,    iß   morgen 
ein  fleifehigter  Theil  des   Schafes,  und  wird  in 
wenigen    Tager.    ein    Befiandtheil   eines   Men- 
fchen    feyn.     Bei  allen    diefen   V"e ränderungen 
wechselt  offenbar   auch    das    reale   Wefen,    es 
wird  mit    den    Dingen    zerfiöhret.        Verftehet 
man   hingegen    unter    dem   Wefen   Begriffe  des 
Verftandes  mit  ihren  Wortzeichen,   fo    werden 
lle,    ungeachtet  aller  Veränderungen,  welche  in 
den  SubfUnzen  vorgehen,   worauf  ße   fich   be 
ziehen,     zu   allen    Zeiten    als     unveräuderlicli 
gedacht.       Was    auch    immer    aus    Alexander 
und  Bi-'cephalus  oder  allen  Individuen  der  Gat- 
tung Menfch  und    Pferd    werden  mai;,  fo    find 
doch  diefe  Gattungsbegriffe  gegen  jeden  Wech- 
sel gefichert.      Wenn  es  auch  in   der   Welt  kei 
ne  Cirkelßgur  giebt,  welches,    wenn  man  auf 
lie  gröfsre  Strenge  in    der    Zeichnung  Gehet, 

gar 


Drittes    Kjpitel.  3f$ 

gir  wohl  der  Fall  feyo  kann;  fo  hört  doch  der 
an  diefes  Wort  geknüpfte  Begriff  nicht  auf  zu 
feyn,  was  er  ift,  und  er  dienet  bei  der  B?ur. 
theiiuDg  aller  Figuren,  die  reit  diefetn  Ausdruck 
bezeichnet  oder  nicht  bezeichnet  werden  kön- 
nen, unabänderlich  zur  Richtfchnur.  Eben 
fo  ift  es  auch  mit  Begriffen  von  Dingen  ,  die 
vielleicht  nie  wirklich  exiftierten ,  z,  B.  den 
Begriffen  von  Einhorn  und  Sirenen;  wenn  fie 
nur  keinen  innern  Widerfpruch  enthalten  .  ?ö 
haben  fie  eben  fo  gut  ihre  beftimmte ,  fefte 
und  unveränderliche  Bedeutung,  als  die  Be- 
griffe von  Menfch  und  Pferd,  Die  Lehre  von 
der  Unverändeilichkeit  der  Wefen  beweifst 
alfo,  dafs  diefe  nichts  anders  als  die  abftrak- 
ten  Begriffe  find,  dafs  fie  fich  auf  das  beftimm- 
te Verhäknifs  zwifchen  diefeu  und  ihren 
Sprachzeichen  gründen  ,  und  dafs  fie  fo  lange 
wahr  bleiben,  als  die  Bedeutung  der  letzten 
unverändert  bleibt. 

§.      So. 

Das  Refill  tat  ift,  um  alles  kurz  zufammea-- 
zufaffcn ,  diefes:  Gattungen,  Arten  und  ihr 
Wefen,  und  das  ganze  grofse  Gefchäft  des 
Verbandes  mit  ihnen ,  läuft  nur  dahin  aus, 
dafs  die  Menfchen  abftrakte  Begriffe  bilden, 
und  dafs  fie  fich  durch  die  Bezeichnung  derfel- 
ben  in  den  Stand  fetzen,  eine  Anzahl  von 
Z  4  Din- 


$6*  Drittes  Buch. 

Dingen  zufammenrufHlTen.  Dietes  erweitert 
ihre  Erkenntnifs  und  befördert  die  Mittheilting 
derielben,  welches  nicht  möglich  wäre,  vvenu 
fich  Begriffe  und  Worte  nur  auf  einzelne  Din. 
ge  einfehränkten« 


yievte»    Kapitel. 

Von  den  Sprach  zeichen  der  einfachen 
Vorftellungen. 


f.    i. 

EigenthümlichkeitendieferSprach- 
z  ei  che  n. 

Weun  gleich  alle  Worte  unmittelbar  nur 
die  Vorftellungen  des  Sprechenden  bezeichnen, 
fo  werden  wir  doch  bei  näherer  Betrachtung 
finden,  dafs  die  Worte  für  einfache  Vorftellun- 
gen, gemifchte  Beftimmungen  (worunter  ich 
auch  Verhältnifle  begreife,)  und  Subftanzen  et- 

-    was 


Viertes  Kapitel.  361 

was  Eigenes  und  von  einander  Abweichendes 
haben. 


§.     a. 

J)  Die  Worte  für  einfache  Vorftellungen 
und  Subiianzen  weifen  auf  etwas  Realexi- 
ftierendes  hin,  von  welchem  als  ihren 
Originalen  diefe  abgeleitet  find;  die  Worte 
für  gemifchte  Beftimmungen  beziehen  lieh 
blofs  auf  Vorftellungen  des  Gemütbs  ,  und 
führen  den  Verftand  auf  nichts  weiter  hin« 
aus, 

>     3. 

H.  Die  Worte  für  die  einfachen  Vorftel- 
lungen und  Beftimmungen  bezeichnen  allezeit 
fowohl  das  R  ea  1  als'  N  om  inal  w  e  fen  ih- 
rer Gattungen;  die  Worte  für  Subftanzen  hin- 
gegen feiten  oder  niemals  etwas  anders,  als  das 
Wortwefen  (6,  Kap.) 

$.     4- 

III.  Die  Worte  für  einfache  Vorftellungen 
find  keiner  Definition  fähig;  diefe  findet 
aber  bei  allen  zufammengefetzten  ftatt.  Auf 
diefen  Unterfchied  fcheint  mir  bis  jetzt  noch 
gar  nicht  Rückficht  genommen  zu  Feyn,  wel* 
ches  zu  giofsen  Zänkereien  und  Verwirrungen 
Z  5  Ver- 


362  -Drittes    Buch. 

Vera nla Hang  gegeben  hat.  Denn  einige  fo- 
dern  Erklärungen  von  Worten,  wo  fie  unmög- 
lich find,  andere  find  mit  einer  fchulgerechten 
Erklärung  durch  ein  allgemeineres  Wort  und 
feine  Einfchränkung  (oder  in  der  Kunftfprache, 
durch  die  Gattung  und  den  Unterfchied)  zufrie- 
den, ob  fie  gleich  keine  deutlichere  Vorftellung 
von  d  r  Hedeutung  des  Worts  giebt.  Es  liest, 
wie  mich  dünkt,  nicht  ganz  aufser  meinem 
Plan,  zu  zeigen ,  welche  Worte,  und  welche 
nicht,  einer  Definition  fähig  find,  und  was  zu 
einer  guteu  Definition  erfordert  wird;  und  viel- 
leicht verbreitet  dies  zugleich  fo  viel!  icht  über 
die  liefchafieuheit  diefer  Begriffe  und  ihrer 
Zeicheu,  dafs  es  gar  wohl  eine  befondere  Un- 
terfuch:!ng  verdient. 

Nicht  alle  Worte  könnRn  erklärt  werden, 
denn  diefes  würde  ins  Unendliche  fortgehen; 
und  wenn  die  Ausdrücke  einer  Definition  wie- 
der erklärt  werden  müfsten,  wo  Tollte  man  zu- 
letzt (lülo  fiehpn.  Doch  dabei  halte  ich  mich 
nicht  aif,  fondern  zeige  vielmehr  aus  der  Na- 
tur nnleter  Begriffe  und  ihrer  Zeichen,  wel- 
che Worte  erklärt  und  welche  nicht 
erklärt  w  erden  können. 


§.  6. 


"Viertes  Kapitel.  563 

Worterklärung. 

Darin  ift  man  wohl  einig,  dafs  eine  Erklä 
rung  nichts  anders  ift,  als  die  Angabe  der 
Bedeutung  eines  Worts  durch  ande- 
re nicht  fynonyme  Ausdrücke.  Die 
Bedeutung  der  Worte  beftebet  nur  in  den  Vor- 
stellungen, zu  deren  Bezeichnung  fie  beftimmt 
find;  die  Bedeutung  wird  angegeben,  oder  das 
Wort  wird  erklärt,  wenn  man  durch  andere 
Worte  die  mit  jenen  in  dem  Verftande  des 
Sprechenden  verknüpften  Vorftellurgen  dar- 
Hellt  und  gleichfam  vor  die  Augen  eines  andern 
bringt,  und  dadurch  die  Bedeutung  beftimmet. 
Dieles  ift  der  einzige  Endzweck  und  Nutzen 
einer  Definition,  und  alfo  auch  der  Maafsftab 
ihrer  Güte. 

§.    7. 

Einfache    Vor ft eilungen    find    un- 
erklärbar. 

Nach  dirfen  Voraiisfetznngen  behaupte  ich, 
dafs  nur  allein  die  Worte  einfacher  Vor- 
ftellungen  uner  kl  urbar  lind.  Denn 
(He  verfchiedenen  Ausdrücke  einer  Definition, 
welche  verfchiedene  Vorftellungen  bezeichnen, 
können  keine  Vorftellung  darftellen,  welche  gar 
nichts  Zufnrunengefetztes  enthält.     Daher  kann 

eine 


3tf4  Drittes  Buch. 

eine  Definition  .  d.  i.  die  Anzeige  der  Bedeu- 
tung eines  Worts  durch  mehrere  andere  nicht 
fynonyiuifchc  bei  diefer  Art  Vorfteilungen  nicht 
ftati  finden, 

§.     8- 

Die  Vernachläffigung  diefes  TJnterfchiedes 
in  den  Vorfteilungen  und  ihren  Ausdrücken  hat 
die  uijübertreflicben  Spielereien  der  Schulen 
hervorgebracht,  welche  bei  den  verdichten  Er- 
klärungen einiger  wenigen  einfachen  Vorftei- 
lungen fo  fehr  in  die  Augen  fallen.  Denn  diefe 
berühmten  Ivieifter  im  Definiren  waren  der  Un- 
möglichkeit wegen  gezwungen  ,  den  grofsteu 
Tbeil  derfeiben  unerklärt  zu  laflen.  Konnte 
wohl  der  men!chliche  Verftand  ein  gelehrteres 
Gewäfch  ausiinnen  ,  als  folgende  Erklärung  der 
JJevvegung:  Actus  entis  in  potentia  quateuus  in 
potentta.  Eine  Definition,  die  jedem  vernünf- 
tigen fylenfchen  Mühe  machen  kann,  das  Wort 
zu  rathen ,  welches  erklärt  werden  foll ,  wenn 
er  es  nicht  fchon  durch  den  berühmten  Unfinn 
jener  kennt. 

$•    9» 

Neuere  Philofophen  fuchten  diefes  Schul- 
ge'Väfch  zu  verbannen,  und  fich  verftiindlicher 
auszudrücken;  allein  fie  waren  in  ihrem  Ver- 
fuch,  einfache  Vorfteilungen  durch  ihre  Urfa- 

chen 


Yiertes  Kapitel,  363 

chen  oder  auf  andere  Art  zu  definiren  nicht 
glücklicher.  Die  AiQmiften  erhlären  dieBewe- 
guu2  durch  einen  Fortgang  von  einem 
Orte  zum  andern.  Allein  das  heifst  ein 
Synonym  für  ein  anderes  fetzen.  Ift  Fortgang 
etwas  anders  als  Bewegung,  und  ift  nicht  die 
Definition:  Fortgang  ift  Bewegung  von  einem 
Ort  zum  andern*  eben  fogutah:  Bewegung 
ift  Fortran**  vou  einem  Ort  zum  andern!  Von 
z\\f-A  Worten  mit  einerlei  Bedeutung  eins  für 
das  andere  fetzen,  heifst  noch  nicht  erklaren, 
fondern  nur  vertaufchen  ;  ift  das  eine  verfiänd« 
lieber  als  das  andere,  fo  kann  es  wohl  zur 
Auffuchung  der  Bedeutung  des  andern  dienen, 
aber  es  ift  bei  weitem  noch  keine  Definition. 
Sonft  würde  jedes  engüiche  Wort  eine  Erklä- 
rung von  dem  dabei  hebenden  la;einifcheri  feyn. 
Die  Erklärung  der  Kaitelianer,  Bewegung  fey 
die  fucceffive  Zukehiung  der  Theile  der  Ober- 
flache  eines  Körpers  zu  der  Oberfläche  eines 
andern  ,  hält   auch  eine  fcharfe  Prüfung  nicht 

SUIS. 

DiePeripatetiker  erklären  das  Licht  durch 
die  Wirklichkeit  des  durchfichtigen,  infofern 
es  durchiich.ig  ift.  Diefe  Definition  ift  nichs 
weniger  ungereimt,  als  die  elftere  ,  aber  Ü8 
veiräth  ihre  Unbrauchbarkeit  und  Bedeutung- 
loiigkeit   noch  mehr.      Denn  fchwerlich   wird 

üch 


Drittes  Bueh. 

fich  jemand  überreden  hflen,    dafs  ein  Blinder 
dadurch  ilie  Redeutnng  des  Worts  Licht  verlie- 
hen lerne       Von  diefer  Seite  läfst  fich  jener  De- 
finition   der  Bewegung    nicht    fo    beikomtnen. 
Denn  da  di<   e  einfache  Yorftellung  nicht  allein 
durch    das   Geficht,     fondern    auch  durch   das 
Gefühl  in   die   Seele  kommt,    fo  läfst  fich  gar 
wohl  der  Fall  denken,  dafs  einer  auf  einem  an- 
dern Wege  als  durch  die    blofse  Definition   die 
Bedeutung    des    Worts   lernte.       Wenn  andt-re 
Tagen,  das  Liebt  beliebe  aus  einer  grolsen  Men- 
ge von  kleinen  Kügelfchen  ,    welche  fchnell  an 
die  Oberfläche  des  Auges  anprallen,  fo  drücken 
fie  fich  zwar  verfländlicher  als   die  Schule  aus, 
aber  dennoch   kaun  fich    niemand   durch   diefe 
Worte  eine  deutliche  Vorftelluns  von  dem  Uch- 
te  machen,     wenn  er  das    Wort  nicht  vorher 
fchon  verlt.ind.     Denn  gefetzt,   diefe  Erklärung 
wäre  noch  fo  richtig,    fo  kann  doch  der  Begriff 
von  der  Urlache  des  Lichts  uns  eben  fo  wenig  die 
Vorftellung  von  dein  Lichte  als    einer  beftim in- 
ten Veränderung  der  Seele  tfeben ,  als  die  Vor- 
ftellung  von    der   Figur   und   Bewegung    eines 
fcharfen  Stahls  die  Vorftellung  von  dem  Schmerz 
als  einer  Wirkung  davon  in  uns  bewirken  kann» 
Die  Lirfache  einer  Empfindung  und  die  Empfin- 
dung felbft  lind  bei  allen  einfachen  Vörftellun- 
gen  zwei  und  zwar  ganz  verschiedene  VoTfteN 
lungen.     Wenn  daher  diefe  Kügelchörl  des  Des- 
cartes  auch   noch  fo  lange  die  Netzhaut  eines 

Man- 


Viertes  Kapitel,  367 

Mannes  mit  dem  Staare  berührten,  fo  würde 
er  lieh  doch  weder  das  Licht  noch  etwa;  Aehn- 
liches  vorteilen,  wenn  er  auch  fonft  jene  Aus- 
drücke noch  fo  gut  verftünde.  Daher  unter- 
fcheiden  die  Cartefmier  ganz  recht  das  Licht, 
welches  die  Urfache  von  der  Empfindung  des 
Lichts  ift,  und  die  dadurch  bewirkte  Vorftel- 
liin»,  welche  im  eigentlichen  Sinne  das  Licht 
ift. 

§,     II* 

Einfache  Vorftellungen  kann  die  Seele  nur: 
allein  vermittels  der  dazu  beftimmten  Organe 
durch  Eindrücke  erlangen,  welche  die  öbjeite 
auf  uns  machen.  Hat  man  Ge  nicht  auf  diefem 
Wege  erbalten,  fo  kennen  alle  z'ur  Erklärung 
ihrer  Sprachztichen  gebrauchte  Worte  keine 
hervorbringen.  Wo  te  find  nur  Töne  und  kön- 
nen keine  andere  Verkeilungen,  als  von  eben 
diefen  Tönen  erzeugen.,  und  nur  diejenigen 
erwecken,  welche  mit  ihnen  als  Zeichen  will- 
kühriiehfind  verknüpft  worden.  Wer  das  nicht 
äonimnu,  kann  den  Verfuch  machen,  ob  ihm 
Worte  die  Empfindung  von  dem  Gefchmacke 
der  Ananas  erzeugfeii  können.  Er  kann  Geh 
heilich  eine  analogifche  vorftellung  d.ivon  ma- 
chen, in  feuern  er  von  Hörenfa^en  weift*  dafs 
ändert  G*-fchniatksemphndungtn  von  Dingen, 
die  er  gekoftet  hat,  mit  den  Ananas  Aehnlich- 
keit  haben  j   allein  das  heifst  noch   nicht  durch 

die 


Drittes  Buch. 

die  Definition  eine  Vorftellnng  geben  ,  fondern 
man  erweckt  nur  pndere  einfache  Vbrftellun- 
gen  durch  ihre  Zeichen  ,  welche  von  jenen 
noch  weit  gienug^fieb,  pntferneu.  Durch  Töne 
Vbrftelhm;>en  von  Licht,  Farben  u.  f.  w.  her- 
vor bringen  wollen,  ift  foviel .  als  erwarten, 
dafs  die  Töne  fichtbar  und  die  Farben  hörbar 
werden,  und  das  Gehör  an  dio  Stelle  aller  an- 
dern Sinne  fetzen.  Wer  daher  einfache 
Yorfteliungen  nichr  durch, ihre  eigentümlichen 
Organe  empfangen  hat,  kann  von  der  Bedeu- 
tung ihrer  Ausdrücke  d-irch  keine  andere  Worte, 
wenn  fie  auch  nach  alle»  Regeln  der  Definition 
zufamtnensjeletzt  find  ,  verltändigef  werden. 
Es  inufs  ihm  lö  gehen,  wie  jenem  blinden  Ge* 
lehrten,  der  lieh  über  Gegenftände  des  Ge- 
fichts  den  Kopf  zerbrochen ,  und  die  Belehrun- 
gen fein.r  Hncher  und  Freunde  dizu  gebraucht 
hatte,  um  die  Worte  ton  Licht  und  Farben, 
die  ihm  oft  vorkamen,  verliehen  zu  lernen; 
als  et  eir>5  Tages  lieh  rühmte,  das  Wort  Schar- 
lach in  verleben  und  gefragt  würde,  was  denn 
die  Sch.v!  ic.-ifarbe  wäre,  fo  gab  er  zur  Ant- 
wort:  es  fey  fo  etwas,  wie  der  Schall  einer 
Trompete, 


$,    12. 


Viertes  Kapitel.  369 

§.      IC. 

Z  ufam  meng  e  fetzte    V  orftellungen 
können  erkläret  werden. 

Gamanders  ift  der  Fall  mit  den  zufamrr.en- 
gefetzten  Vorftellungen.  Da  fie  aus  mehreren 
einfachen  beliehen ,  fo  ift  es  möglich,  durch 
die  Worte,  welche  die  Beftandtheile  bezeich- 
nen, zufamraengefetzte  Vorftellungen  hervor- 
zubringen, die  nie  zuvor  vorhanden  waren. 
Hier  finden  Definitionen  ftatt  ;  man  kann 
durch  fie  Worte  von  Dingen  ,  die  man  nie  zu- 
vor empfunden  hatte,  verliehen  lernen,  und 
Vorftellungen  bilden,  die  denen  anderer  Men- 
fchen  entfprechen,  Wenn  fie  fich  diefer  Worte 
bedienen.  Nur  darf  in  der  Definition  kein 
Ausdruck  einer  einfachen  Vorftellung  vorkom- 
men ,  welche  derjenige,  dem  man  die  Sache 
erklären  will,  noch  nie  gehabt  hat.  DasWoit 
Statue  kann  einem  Blinden  erklärt  werden,  aber 
nicht  das  Wort  Gemälde»  denn  feine  Sinne 
haben  ihm  die  Vorftellungen  von  Figuren,  aber 
nicht  von  Farben  gegeben ,  welche  letztem 
daher  durch  keine  Worte  erzeugt  werden 
können. 

$•     13. 

Wenn  einer  noch  nie   einen  Regenbogen 

gerehen ,    aber  alle  Farben  einzeln  empfinden 

hat,  fo  kann  diefesWort  durch  die  Aufzählung 

Lo«ke'«.  II.  Tkeil.  Aa  der 


37<>  Drittes    Bucii. 

der  Geftalt,  der  Breite,  der  Lage  und  Ordnung 
der  Farben  für  ihn  fogut  erkläret  werden,  dafs 
er  es  vollkommen  verftehet.  Bei  einem  Blin- 
den ift  das  hingegen  unmöglich,  weil  ihm  meh- 
rere einfache  Vorftellungen  fehlen,  die  durch 
keine  Worte  hervorgebracht  werden  können» 

$.     M- 

EinracheVorftellungen  können,  wiefchon  ge* 
zeigtworden.  nur  allein  durch  die  Erfahrung  voa 
denjenigen  Objecten  ,  deren  Wirkungen  fie  ur- 
fprünglich  find,  erzeugt  werden.  Sind  diefe 
Vorhanden  und  ihre  Ausdrücke  bekannt,  fo  ift 
man  im  Stande,  die  aus  ihnen  zufamraengefetz- 
ten  Vorstellungen  zu  definiren  und  durch  die 
Definition  ihre  Ausdrücke  verftehen  zu  lernen» 
Durch  kein  Wort  kann  hingegen  die  Bedeutuno- 
eines andern  erklärt  werden,  welches  eine  noch 
iie  gehabte  einfache  Vorftellung  bezeichnet» 
Wenn  ein  Menfch  eine  Vorftellung  hat ,  aber 
nicht  weifs  ,  dafs  ein  Wort  das  Zeichen  derfel- 
ben  ift,  fo  kann  er  durch  ein  anderes  gelaufi- 
geres, welches  diefelbe  Vorftellung  ausdrückt, 
die  Bedeutung  von  jenem  /ich  verftändlich 
machen. 


$.  15, 


Viertes  Kapitel.  571 

fc     15. 

Die  Sprachzeichen  der  einfachen 
Vorfteliungen  find  am  wenig- 
ften  zweifelhaft. 

IV.  Obgleich  Hie  Ausdrücke  der  einfachen 

Vorfteliungen  der  Hülfe  der  Definitionen   zur 

Beftimmung  ihrer  Bedeutung  entbehren,  fo  find 

"fie  doch   weniger  zweifelhaft   und  un- 

gewifs,   als  die  Sprachzeichen  der  gemifch« 

ten  ßeftimraungen  und  der  Subftanzen.     Denn 

man  ftiramt  leicht  und  völlig  in  ihrer  Bedeutung 

überein,  weil  fie  nur  aus  einer  Vorftellung  be- 

fteht;    und  es  giebt  daher  hier  wenig  Stoff  za 

Mifsverftandniffen    und  Streitigkeiten.       Wer 

einmal  weifs,  dafs  das  Wort  Weif  s  die  Farbe 

des  Schnees  oder  der  Milch  bezeichnet,   kann 

daffelbe,     fo  lange   er  die  Vorftellung  behält* 

nicht  auf  einen  unrechten  Gegenftand  beziehen» 

und   ift  De  verfchwunden ,    fo    kann  es  noch 

weniger  mifsverftanden  werden.     Hier  kommt 

1  keine  Menge  von  einfachen   zu  verbindenden 

i  Vorfteliungen  ,  wie  bei  den  gemifchten  Beftim- 

mungen,  noch  ein  unbekanntes  Realwefen  mit 

den  darin  gegründeten  "Eigenfchaften   vor,  de« 

ren   beftimmte    Zahl    ebenfalls    unbekannt    ift; 

Ihier  wird  im  Gegentheil  die  Bedeutung  auf  ein- 

imal  gefafst ,  fie  befteht  nicht  aus  Theilvorftel- 

lungen ,  dafs  die  Vorftellung  durch  das  Zufam- 

menfaff«n  mehrerer  oder  wenigerer  verändert 

Aa  2  und 


I^l  » Di i  lies  Buch. 

und  die  Bedeutung  dunkel  oder  ungewils  könn- 
te gemacht  werden, 

§.     16. 

V.  Es  giebt  hei  den  eii  fachen  Vorftellungen 
nur  wenig  Grade  zwifchen  der  nie- 
drigften  Art  und  der  höchften  Gat- 
tung Denn  die  niedrigften  Arten  Gnd  einfa- 
che Vorftellungen,  aus  denen  nichts  ausgelaflen 
werden  kann,  um  fie  nach  Abfonderung  <les  Un- 
terfchiedes  mit  einem  andern  Dinge  in  einem 
gemeinCchafilichen  Gattung shegriff  iibereinftirn- 
mend  zu  machen.  Aus  der  Vorftellnng  Roth 
und  Weifs  kann  nichts  herausgenommen  wer- 
den ,  um  beide  mit  einer  allgemeinen  Erfchei- 
nung  einftimmig  zu  machen  ,  fo  wie  der  Be- 
guff  Meufrh  ,  wenn  man  das  Merkmal  der 
Vernunftfähigkeit  absondert,  mit  demG^ttungs- 
b*griff  Thier  einftimmig  ift.  Wenn  daher  die 
Menfchen  Roth,  Weifs  und  mehrere  Vorfiel 
lungen  der  Art ,  um  unangenehme  Aufzählun- 
gen zu  vermeiden,  unter  ein  allgemeines  Wort 
zufammefifairen ,  fo  waren  üe  genüthigt,  dazu 
ein  Wort  zu  gebrauchen  ,  welches  nichts  ak 
die  Art  und  Weife  bezeichnet,  wie  diefe  Vor- 
llellmigen  erzeugt  werden.  Das  Gathingswort 
Farbe  bedeutet  nehmlich  alle  Vorftellungen, 
welche  in  der  Seele  durch  das  Sehorgan  her- 
vorgebracht werden. 

§♦    17» 


Viertes  Kapitel,  3^3 

$.      17. 

VI.  Die  Worte  der  gemachten  Bpßimroun- 
gen  bezeichnen  ganz  willkührliche;  die 
Worte    der    Subftanzen    nicht   ganz  will/ 
kührliche  Vorftellungen,    weil  fie   /ich 
doch  mit  einiger  Einfchränkung    auf  wirkliche 
Gegenftände  beziehen.     Die  Worte    der  einfa* 
ehen  Vorftellungen  eidlich,  fchliefsen  alles  Will- 
kührliche aus,  da  fie  ganz  von  Hern  objeetiven 
Seyn  der  Dinge  abhängen.      Welchen  Einfl:;fs 
diefes  auf  die  Bedeutung  diefer  Art  von  Wor> 
ten  hat,  werden  wir  in  den  folgenden  Kapiteln 
fehen.  —     Die  Worte  der  einfachen   Beftiin- 
mungen  weichen   nur  wenig  von  denen    der 
einfachen  Vorftellungen   ab. 


Fünftes  Kapitel. 

Von  den  Wortzeichen  für   gernifcht« 
Beftimraungen  und  Verhältnifle, 

§.    1. 
Eigentümlichkeiten  diefer  Worte» 

Auch  diefe  Worte  find  allgemein,  da  Ce  Alten 

von  Dingen  nach  ihrem  verlchiedenen  V\erea 

Aa  5  be« 


574  Drittes  Buch. 

bezeichnen.  DasWtfen  tiefer  Arten  ift  nichts 
anders,  als  der  abftracte  BegrifF,  der  mit  dem 
Worte  verknüpft  ift.  Ungeachtet  diefer  Aehn- 
lichkeit  mit  andern  Begriffen  haben  fie  doch 
bei  näherer  Anficht  noch  manches  Eigentüm- 
liche ,  welches  vielleicht  unfeie  Aufmerkfam- 
keit  verdient, 

§.     *. 

I,  Diefe  abftracten  Begriffe»  oder» 
Wenn  man  lieber  will,  dasWefen  der  verfchie- 
denen  Arten  von  gemifchten  Beftiinmungeiu 
find  ein  Product  des  Verllandes.  Da- 
durch, unterfcheiden  (ie  lieh  von  den  einfachen 
Vorftelluugen ,  welche  der  Verftand  nicht  ei-, 
genmächtig  machen,  fondern  nur  von  den  exi- 
ftire.nden  Dingen  empfangen  kann, 

§.    3, 

II,  Sie  find  nicht  nurvondemVer- 
ftande  gebildet,  fondern  auch  will-: 
kühriieh  lufainmengefetit,  ohne  Rück- 
licht auf  ein  reales  Object.  Hierin  befteht  ihr 
Unterfchied  von  den  Subftanzen.  Der  Verftand 
nimmt  fich  hier  die  Freiheit,  exiftirende  Ob- 
ject« nicht  fo  genau  nachzubilden  ;  er  bildet 
gewiffe  zufammengefetzte  Begriffe  als  eben  fo 
viele  Arten,  und  fafst  fie  in  Worte,  während 
mancher  Stoff  dazu  in  der  Außenwelt  nicht  fo 

ver* 


Tüpftes  Kapitel.  3^5. 

verarbeitet  wird.  Den  Maafsftab  zu  ihrer  Beur- 
theilung  pilegt  man  auch  nicht  von  den  Auflen- 
dingen  zu  nehmen,  welche  einen  folchen  In- 
begriff von  Merkmalen  enthalten.  Wird  wohl 
ein  Menfch,  um  zu  wiflen,  ob  fein  Begriff  von 
Ehebruch  richtig  ift  ,  ihn  irgendwo  aufser  fieh 
aufTuchen  ?  Oder  ift  er  deswegen  wahr,  weil 
er  Zeuge  von  einer  folchen  Handlung  gewefen 
ift?  Nein,  es  ift  genug,  dafs  die  Menfchen 
folche  Vorftellungen  in  eine  zufammengefetzte 
verbunden  haben ,  die  nun  als  Original  und, 
Artbegriff  anzufehen  ift,  es  mag  eine  folche 
Handlung  in  der  Welt  begangen  werden,  ode? 
nicht, 

§-.     4. 

Doch  darf  man  das  nicht  fo  verftehen  ,  als> 
brächte  derVerftand  eine  ganz  neue  Vorftellung 
hervor;  er  fetzt  nur  vorhergehabte  zufainmen. 
Hier  kommen  drei  Akte  vor:  zuerft  wird  eins 
gewiffe  Anzahl  von  Vorftellungen  gewählt; 
dann  werden  diefe  in  eine  Vorftellung  verbun- 
den, und  endlich  durch  ein  Wort  zufammen- 
geknüpft.  Wenn  wir  unterfuchen,  auf  welche 
Art  und  jmit  welcher  Freiheit  der  Verftand  da- 
bei verfähret,  fo  wird  Geh  die  Bemerkung  von 
felbft  aufdringen,  dafs  das  Wefen  der  Artbegrif- 
fe von  den  gemifchten  Beftiflaniungen  ein  Pro- 
duet  des  Verftandee  ift, 

Aa  4  §.  5, 


37Ö  Drittem  Buch. 

§♦    5- 

Kein  Mm  Ich  kam  leugnen,  dafs  dieTeVor- 
ftellungen    willkührliche    Verbindungen    von 
Vorstellungen  find,  die  unabhängig  von  einem 
Originale  in  der  N^tur  gebildet  werden,  wenn 
er  nur  bedenkt,  dafs  fie  gebildet,  abftrahirt,  und 
mit  Worten   bezeichnet,  altb  Arten   feftgefetzt 
werden  können,  ehe  noch  eiu  einzelner   Fall 
diefer  Art  emittierte.     Warum   follten    nicht  die 
Begriffe   von    Teinpelraub    und    Ehebruch    in 
dem  menfchlichen  Verbände  Geh  gebildet  ha- 
ben, ehe  noch  eine  folche    Handlung    ausge- 
übt war?    Und  follte   man   nicht  eben   fo  gut 
über    fie    gefproeben,     nachgedacht,    und  ge- 
wirte  Wahrheiten  in  Beziehung  auf  fie  feftge- 
fetzt haben,  als  fie  nur  noch  in  dem  Verftande 
exiftierten ,  als  jetzt,  da  fie  nur  zu  häufig  auf- 
fer  demselben   vorkommen?     Die   Gefetzgeber 
verordneten  ohne  Zweifel  oft  Gefetze  für  ge- 
wiffe  Arten  von  Handlungen ,  die  blofs   in  ih- 
rer Vorftellung  exiftierten. 

§.  6, 

Man  darf  nur  einige  gern i fehle  Beftimmun« 
gen  etwas  aufmerkfam  betrachten ,  um  fich 
zu  überzeugen,  daTs  das  Wefen  derfelben  blofs 
willkührlich  von  dem  Verftande  gebildet  ift; 
dafs    er   verfchiedene  zerftreute  Vorftcllungen 

ver- 


Fünftes  Kapitel.  37y 

vereiniget  ,  die  znfammengefetzten  und  mit 
eiuem  Worte  bezeichneten  zum  Wefen  einer 
ge  willen  Art  macht,  ohne  fich  nach  ihrer  Ver- 
bindung in  der  Natur  zu  richten.  Ift  wohl 
die  Verbindung  zwifchen  Menfch  und  Tödten 
gröfser,  als  zwifchen  Schaaf  und  Tüdten  ,  dafs 
jene  allein  als  befondere.  Art  einer  Handlung 
mit  dem  Wort  Mord  bezeichnet  wurde  ?  Hat 
die  Vorftellung  des  Tödten  eine  natürlichere 
Beziehung  und  Verbindung  mit  Vdter,  als  mit 
Sohn  oder  Nachbar?  Und  doch  wird  aus  jenen 
ein  Begriff  Vatermord,  aus  diefen  aber  keiner 
zufaramengefetzt,  In  einem  Begriffe  Blutfchan- 
de  fiud  hingegen  die  Vorftellungen  von  Sohn 
und-  Tochter  eben  fo  gut  als  die  von  Vater 
und  Mutter  vereiniget.  So  verfährt  der  Verftand 
willkührlich,  er  vereinigt  wo  er  es  zweckmäfßg 
findet,  und  läfst  andere  natürliche  Verbindun- 
gen und  Verhältnifle  zwifchen  den  Dingen 
ohne  Begriffe  und  Sprachzeichen. 

§.  7» 
Obgleich  diefe  zufaramengefetzten  Vorfiel- 
lungen von  dem  Verftande  und  feiner  Willkühr 
abhängen ,  fo  find  fie  doch  nicht  auf  das  Ge- 
rathewohl  und  ohne  alle  Gründe  gebildet. 
Sie  beziehen  fich  auf  diefelben  Zwecke  als  ab- 
ftrakte  Begriffe  überhaupt,  wenn  fie  gleich 
nicht  immer  der  Natur  nachgebildet  find,  nehm, 
lieh  auf  die  leichtere  Mittheilung  der  Gedan- 
Aa  5  ken 


37§  Dritte»  Buch. 

kon  ,  als  dem  Hauptzwecke  der  Sprache»  Ihr 
Gebrauch  bcftehet  darin,  durch  wenig  zufaru- 
mengefeUte  Sprachlaute  allgemeine  Begriffe 
mit  Leichtigkeit  anzuzeigen,  unter  weichen 
nicht  nur  eine  grofse  Menge  einzelner  Vorfiel« 
Jungen  enthalten,  fondern  auch  eine  Menge 
ifolirter  Vorftellungen  in  eine  vereiniget  find. 
Bei  Bildung  der  Artbegriffe  von  gemifchten 
Beftimmungcn  fehen  daher  die  Menfchen  blofs 
auf  folche  Verbindungen,  zu  deren  Gebrauch 
die  gewöhnlichen  Vorfälle  des  Lebens  mehr 
Veranlagung  geben.  Wenn  man  mit  dem  Be- 
griff Mord,  den  von  Vater  oder  Mutter  ver- 
band, und  diefe  Art  von  Handlung  vor  andern 
durch  einen  fignen  Begriff  auszeichnete,  fo 
gefchah  es,  ihrer  gröfsern  Abfcheulichkeit  und 
Straffälligkeit  wegen. 

§.     8. 

Eine  mäfsige  KenntfdCs  verfchiedener  Spra* 
chen  ftellt  uns  eirre  grofse  Menge  von  W  o  r« 
tcinauf,  für  welche  es  in  einer  an. 
dern  keinen  entfp  rechenden  Aus- 
druck giebt.  Dieles  beweifset  offenbar, 
dals  die  Bewohner  eines  Landes  vermöge  ih- 
rer Sitten  und  Lebensart  ein  befonderes  Be- 
dürfnis zur  Bildung  und  Bezeichnung  gewif- 
fer  zufammengefetzten  Vorftellungen  hatten, 
welches   unter    andern   Völkern  fehlte.      Dies 

hatte 


Fünftes  Kapitel.  370 

hatte  aber  nicht  gefchehen  können,  wenn  die- 
fe  Arten  unveränderliche  Producte  der  Natur 
und  nicht  vielmehr  willkührüche  Verbindun» 
gen  der  Vorftellungen  zum  Behuf  ihrer  Mitthei- 
lung wären«  Für  die  Ausdrücke  unferer  Ge- 
fetze,  die  doch  nicht  ohne  Inhalt  Gnd,  wird 
man  fchwerlich  in  dem  Spanifchen  und  Italie* 
aüchen,  an  fich  gar  nicht  wortarmen  Spra- 
chen, entfprechende  Worte  finden;  noch  we- 
niger würden  lie  in  die  Karaibifch«  Sprache 
zu  überfetzen  feyn.  Für  die  Verfura  der  Rö- 
mer und  das  Corban  der  luden  finden  fich 
keine  paffenden  Ausdrücke.  Die  Urfache  da- 
von leuchtet  aus  dem  vorhergehenden  ein» 
Ja  es  findet  fich  bei  näherer  Unterfuchung  und 
Vergleichung  der  Sprachen,  dafs,  obgleich  die 
Ueberfetzungen  und  Wörterbücher  gleichgel- 
tende Worte  zweier  Sprachen  au  die  Hand 
zu  geben  fcheinen ,  doch  unter  zehen  folchen 
Wörtern  ,  welche  zufaramengefetzte  Vorftel- 
lungen ,  zumal  der  gemifchten  Beftimmungen 
bezeichnen,  kaum  [  eins  vorkommt,  das  in 
feiner  Bedeutung  dem  aus  einer  andern  Spra- 
che vollkommen  entfpricht.  Von  den  gewöhn» 
lichften  und  am  wenigften  zufamrnengefetz- 
ten  Zeit- Länge- und  Gewichtsmaafsen  kön- 
nen die  lateiuifchen  Worte  Hora,  Pes ,  Libra 
leicht  mit  Worten  aus  andern  Sprachen  ver- 
täu (cht  werden;  aber  offenbar  ift  die  Vorfiele 
lung  dss  Römers  von  einem  pes  etwas   anders, 

als 


380  Dritt«    Buch. 

als  die  de*  Ensjel'bnders  von  einem  Foot,  und 
wenn  der  eine  mit  den  M-iafsen,  die  durch  die 
Worte  des  andern  ausgedrückt  werden  ,  mef- 
fen  wollte,  fo  würde  er  lieh  Oark  verrechnen, 
Diefe  Beispiele  fprechen  in  laut  für  unTere 
Wahrheit,  als  dafs  de  könnte  bezweifelt  wer- 
den; aber  noch  mehr  beweifet  fie  der  gröfste 
Theil  der  Worte  für  abftraTuere  und  zufara- 
mengefetztere  Begriffe,  z,  B.  von  moralifchen 
Ge^enftänden ;  wenn  man  Ge  aus  einer  Spra- 
che in  die  andere  üüerfetzt,  fo  wird  man  nur 
zu  bald  inne,  dafs  f;ch  nur  wenige  finden, 
die  durch  andere  gleichgeltende  dem  ganzen 
Umfang  ihrer  Bedeutung  nach  ausgediückt 
werden  können. 

$.     9- 

Ich  bin  hier  etwas  umfiändlicher  geweTen, 
um  den  Irrthum  zu  verhüten,  als  wären  Gat- 
tungen ,  Arten  und  ihr  Wefen  ein  unveränder- 
liches Werk  der  Natur,  und  als  hätten  fie  ob- 
jeetive  Exiftenz,  Bei  näherer  Anficht  erfchei- 
nen  Ge  als  künftliche  Bildungen  des  Verftandes, 
um  folche  Verbindungen  der  Vorftellungen 
anzuzeigen,  welche  in  der  menfehlichen  Ge- 
fellfchaft  öfters  vorkommen,  und  Ge  durch  all- 
gemeine Ausdrücke  zu  bezeichnen,  damit  man 
durch  fie  alle  einzelnen  verfchiedenen  Fälle, 
di e  mit  dem  abftrakten  Begriff  einitimmig  find, 
zulaininenf  äffen  könnte. 

§.    IO. 


Fünftes  Kapitel.  381 

§.  TO. 
Dies  enge  Verbältnifs  zwifchen 
Begriffen  der  Gattungen,  Arten,  We- 
fen  und  ihren  allgemeinen  Sprach- 
zeichen, zum  wenigften  bei  gemifchten  Be- 
ftimmungen  ,  wird  noch  deutlicher  durch  die 
Bemerkung  werden,  dafs  Worte  eigentlich  die» 
fem  Wefen  Beftar.d  und  Dauer  geben.  Denn 
da  die  Verbindung  zwischen  den  auzufarnrneti- 
bä.ngenden  B;  ftandtueilen  diefer  Begriffe  von 
dem  Vc-ritinde  herrührt,  und  nicht  in  der  Na- 
tur gegründet  iß,  lo  würde  fie  bald  wieder 
aufhören,  weun  nicht  etwas  da  wäre,  welches 
der  Verbindung  Haltung  und  Fettigkeit  gäbe. 
Welche  Mannigfaltigkeit  von  Vorftellunjjen  ent- 
hält nicht  das  Wort  Triumph?  Wäre  diefes 
Wort  nicht  gebildet  worden  oder  verloren  ge- 
gingen, fo  hätten  wir  wahrfcheinlich  zwar  Be- 
fehreibungen  von  diefem  Pr ichtaufiuge  erhal- 
ten ;  aber  gleichwohl  macht  nur  allein  das  Wort, 
dafs  wir  die  verfchiedenen  Theile  dtffclben  in 
eine  zuCjmmengcfetzie  Vorftetlung  vereinigen, 
und  würden  ohne  diefes  fo  wenig  c!amn\  den- 
ken, ais  man  bei  einem  andern  Schauspiele, 
das  vorher  nur  einmal  gefeheu  worden,  an  ei- 
ne Verbindung  der  TheilvOrfteilungen  in  eine 
Vorftellung  untpr  einem  Namen  denket.  Wie 
fehr  alfo  die  Einheit  des  Wefens  in  gemifchten 
Böfttmmun°en  von  dem  Verfeinde,  und  dieFi- 
xirung    und  Bdßändigkeit    diefer  Einhrit    von 

dem 


3S2  Britta  Bach. 

dem  Worte  und  dem  gemeinen  Sprachgebrauch« 
abhänge,  diefe  Unterfuchung  empfehle  ich  de- 
nen, welch«  die  Gattungen  und  ihr  Wefen  füt 
reale  Objecto  in  der  Natur  halun. 

§.     II. 

Diefcm  gemäfs  werden  nurfolche  gemifchte 
neftimmungen  als  Arten  vorgeftelit,    die   durch 
Worte   ausgezeichnet   find.      Das  Wort  ift  das 
Zeichen,  dafs  ein  Menfch  verfchiedene  unter- 
bundene Vorftellungen  in  eine   vereiniget    hat, 
und  es  giebt  diefer  Vereinigung  erft  Feftigkeit. 
Sobald  ein  Wort  an   einen  zufammengefetzten 
ßegriff  angeknüpft  ift,  fo  ift  das  Wefen  der  Art 
gleich fam  fixirt  und  vollendet.     Denn  zu  wel- 
chem  Zwecke  follte  fich  das    Gedächtnifs  mit 
folchen  Verbindungen  überladen,  wenn  es  nicht 
der  wäre,  um  fie  durch  Abftraction  allgemein 
zu  machen,  und  zu  was  könnte  diefes  dienen, 
als  um  fie  zur  Beförderung  einer  leichten    Ge- 
darkenmittheilung  mit  allgemeinen  Sprachzei- 
chen zu  verteilen  ?     So   wird  die  Ermordung 
eines  Menfchen  durch  ein  Schwerdt  oder  durch 
eine  Axt  als  keine  verfchiedeneArt  von  Handlung 
angefallen ,    aber  die  Handlung,  wo  die  Spitze 
des  Degens  zuerft  in  den  Körper  eindringet,  als 
eine  befondre  Art  durch   ein  eignes  Wort,  das 
Erftechen  (ftabbing)  ausgezeichnet.    Wenn  aber 
in  einem  Lande  diefes  Wort  fehlet,  fo  ift  auch 
nicht  diefer  Artbe  griff  gebildet.     Die  Arten  kör- 

per- 


Ffiuftes  Kapitel.  983 

petlicher  Subftanzen  hingegen  werden  als  ver- 
schiedene Arten  angefehen,  welche  nicht  erft 
durch  den  Verftand  ihr  Dafe.yn  erhalten,  un- 
geachtet diefer  das  Nominal  wefen  bildet,  weil 
man  annimmt,  dafs  die  verbundenen  Vorftel- 
lungen  fchon  in  der  Natur  ohne  Zuthun  des 
Verßandes  in  Verknüpfung  flehen, 

§.     12» 

Da  alfo  hier  die  Arten  und  ihr  Wefen  mehr 
das  Werk  des  Verbandes  als  der  Natur;  find,  fo 
führen  ihre  Sprachzeichen  auch  un- 
fere  Gedanken  nicht  auf  etwas  an- 
ders, fondern  nur  auf  den  Verftand 
zurück.  Wenn  wir  von  Gerechtigkeit  und 
Dankbarkeit  fprechen,  fo  fällt  es  uns  nicht  ein- 
mal ein,  ein  exiftirendesDing  uns  vorzufallen, 
und  das  Denken  gehet  nicht  über  den  abftrak- 
tenBegrifF  diefer  Tugenden  hinaus.  Hingegen 
beziehen  lieh  die  Vorftellungen  Pferd,  Eifen 
auf  Dinge  aufser  dem*  Verftande,  als  ihre  Ori- 
ginale. Bei  dengemifchten  Beftimraungen  und 
vorzüglich  bei  Begriffen  von  moralischen  Din- 
gen ,  welche  den  beträchtlichften  Theil  derfel- 
ben  ausmachen,  betrachten  Wir  das  Mufter  als 
in  dem  Verftande  enthaltend,  und  hierauf  fehen 
wir,  um  die  einzelnen  Dinge  zu  klaffificiren». 
Daher  denn  auch  die  Begriffe  von  dem  Wefen 
und  Arten  derselben  N  o  t  i  0 11  e  0.     Vefftandes- 

b*- 


384  Drittes  Buch. 

begriff«  heifsen  ,   als  hatte  der  Verband  ein  be- 
fondeits  Eiientautusrecht  an  ihnen. 


Hierin  liegt  auch  der  Grund ,  warum  dieTo 
Begriffe  auf  mannichtaltig^ere  Art  zu- 
fammengefetit  werden.  Denn  weil  fie 
bu  s  Producie  des  Verftaudes  find,  die  nur  zu 
leinen  Zwecken  und  zur  Beförderung]  der  Ge- 
dankenmittheiiung  dienen,  io  verbindet  er  hier 
mit  gröfserer  Freiheit  Dinge  ,  die  in  der 
Natur  nicht  zufarnmenhangen,  und  vereiniget 
unter  ein  Wort  «ine  giofse  Menge  von  ein- 
fach und  doppelt  zufarn mengefetzten  Vorftel- 
lungen.  Welche  Mifchung  von  Perfoiier. 
Kleidungen,  Fackeln,  Ordnung,  Bewegung, 
Tönen  ili  nicht  in  dem  Wort  Procefiion 
ausgedrückt  und  wilikührlich  verbunden?  Und 
aus  wie  wenig  einfachen  Vorftellungen  bege- 
hen dagegen  die  zurainmen^efetzteu  Begriffe 
von  den  Arten  der  Subftanzen? 

§.     14. 

Wenn  die  Wr0rte  der  gemifchten  ßefrirn- 
mungen  eine  beftimmte  Bedeutung  haben,  fo 
bedeuten  fie  allezeit  das  reale  W  e- 
fen  ihrer  Arten.  Denn  diefe  abftr<<ktea 
Begriffe,    lii   blufse    Pioducte  d«i   Verftaudes, 

be- 


Fünftes  Kapitel.  385" 

beziehen  fich  auf  kein  reales  Object,  und  der 
Verftar.d~will  durch  ihre  Sprar.hzeichen  nichts 
als  eben  diefe  zufemineneefetzten  Begriffe  aus- 
gedrückt haben,  von  denen  alle  Eigenfchaften 
diefer  Alten  abhanden.  Das  Sach-  und  Wort- 
wefen  ift  hier  alfo  einerlei.  Von  wehhem 
Eiuflius  diefes  auf  die  Erkenntnifs  allgemeiner 
Wahrheiten  ift,  werden  wir  weiter  unten  fehen» 

%  *?♦ 

Hieraus  läfst  Geh  die  Urfacbe  einfehen, 
warum  diefe  Worte  gröfstentheils  vor 
der  völligen  Kenntnifs  der  dadurch 
bezeichneten  Begriffe  gebildet  find« 
Denn  da  diefe  Altbegriffe  nur  dann,  wenn  lie 
mit  Woiten  bezeichnet  fiud,  bemerkt  wer- 
den können,  und  wiiikührlich  zufammenge- 
fetzte  Abftraktionen  find,  fo  ift  es  beinahe  notb> 
wendig,  die  Worte  zu  kennen,  bevor  man 
diefe  Begriffe  bilden  will»  Wer  fein  Gedächt- 
nifs  mit  Begriffen  anfüllt,  für  welche  andere 
keine  Worte  haben,  der  kann  nichts  mit  ihnen 
anfangen  .  als  fie  bei  Seite  legen  und  wieder 
vergeffen.  Zwar  mufs  man,  wenn  eine  Spra» 
che  fich  bildet,  den  Begriff  vor  dem  Worte 
haben,  und  fo  ift  es  auch  bei  Bildung  neuer 
Begriffe.  Diefes  gilt  aber  nicht  für  fchon  ge- 
bildete Sprachen,  welche  gewöhnlich  reichli- 
chen Stoff  und  Anlafs  zu  unentbehrlichen  Be- 
Locke's.     IL  Tlieil.  ß  D  grjf_ 


3?6  Drittes  Buch. 

griffen  enthalten.  Lernen  nicht  in  diefen  die 
Kinder  gewöhnlicherweife  eher  die  Worte  als 
die  Begriffe  von  gernifchten  Beftimmungen  ? 
Wie  wenige  unter  taufenden  bilden  wohl  den 
Ergriff  von  Ruhm  und  Ehrgeitz ,  ehe  lie  die 
Worte  davon  gehört  haben  ?  Bei  einfachen 
Voiftellungen  und  Subftanzen,  welche  objec- 
tive  Realität  und  Verbindung  in  der  Natur  ha- 
ben, können  freilich  bald  die  Worte,  bald  die 
Begriffe,  je  nachdem  es  der  Zufall  will,  frü- 
her entliehe«. 

§.    16. 

Das  Gesagte  kann  mit  wenig  Veränderung 
auch  auf  die  Verhäitniffe  angewendet  werden, 
und  ich  überlaffe  diefes  um  fo  mehr  jedem  Le- 
ier, da  vielleicht  fchon  manche  denken,  dafs 
ich  in  diefem  Buche  weitläufiger  bin,  als  ein 
fo  unbedeutender  Gegenftand  erfodern  konnte. 
Ich  hätte  allerdings  alles  dieles  mehr  zufam- 
xuendrängen  können;  allein  ich  wollte  abficht- 
lich  den  Lefer  auf  einen  Gegenftand  aufmerk- 
lam  machen,  der  mir  neu  zu  feyn  und  nicht 
weit  aufser  meinem  Plane  zu  liegen  fchien, 
(woran  ich  aber  wirklich  bei  dem  Anfang  des 
Weiks  nicht  dachte)  um  durch  gründliche  Un- 
terfuchung  von  allen  Seiten  ieinen  Berührungs- 
punkt für  andere  zu  finden  ,  und  den  Trägern 
Veranlalfung  zu  geben,   über    einen  allgeinei* 

pen 


fünftes  Kapitel.  $tj 

nen ,  wenig  bemerkten  aber  in  feinen  Folgen 
weit  ausfeilenden  Fehler  nachzudenken. 
Wenn  man  bedenkt,  welcher  Unfug  mit  dem 
Wort  Effentia  getrieben  worden,  und  welche 
Verwirrung  und  Schwierigkeit  ein  unbedacht- 
famer  und  fchwankender  Gebrauch  der  Worte 
über  alle  Arten  von  Kenntnifle,  RaTonnemenis 
und  Gefpräche  gebracht  hat,  fo  wird  man  es 
nicht  der  Mühe  unWerth  halten,  das  ganze 
UnweTen  offen  darzulegen.  —  |  Und  ich  glaube 
der  Wahrheit  ,  der  Verträglichkeit  und  tder 
Gelehr famkeit*  einen  Dienft  zu  erweifen,  wenn 
ich  die  Menfchen  zum  Nachdenken  über  den 
Gebrauch  der  Sprache  bringe,  und  durch  Grün- 
de den  Verdacht  errege,  was  andern  fo  oft 
begegnet,  könne  auch  ihnen  begegnen,  dafs 
fie  fich  beim  Reden  und  Schreiben  guter  und 
bewährter  Worte  bedienen,  die  doch  fchwan- 
kend  und  von  kleiner  oder  gar  keiner  Bedeu> 
tung  find« 


Bb  a  Sech* 


3IS 

Sechftt*    Kapitel. 

Von   den  Porten  für  Subftanzen. 


§.    i. 

Die  gemeinen  .Wort«  der  S  u  b- 
[tanzen  bezeichnen  Gattungen 
und  Arten. 

L'ie  gewöhnlichen  Worte  der  Subftanzen  be- 
zeichnen,  wie  andere  allgemeine  ,    Gattungen 
und  Arten  d.   h«  fie   und  Zeichen   von    folchen 
zufammengefetzten  Begriffen,  in  welchen  meh« 
rere  eiuzelne  Subftanzen  übereinftiinmen  oder 
übereinftimmen  können,  fo  dafs  fie  dadurch  un- 
ter einen  allgemeinen  Begriff  und  ein  Wort  zu- 
faunnengefafst  werden,     Ichfage,    fie   können 
übereinftiinmen.     Denn  ob  es  gleich  nur  eine 
Sonne  giebl ,  fo  ift  doch   der  Begriff  abftrakt, 
dafs,  wenn    es   mehrere   Sonnen  gäbe,   fie  in 
denselben  einftimmig  feyn  würden,  und  er  ift 
daher    als   ein    Gattungsbegriff  änzufehen.     Es 
fe  dt  nicht  an  Gründen,  die  Mehrheit  der  Son- 
nen anzunehmen  ,  und  jeden  Fixftern  für  ein« 
zu  (halten;   zum  wenigften  würden  die  Fixfter- 
ne  dem  Begriff  der  Sonne  entfprechen  ,   wenn 
wir    ihnen    näher     wären.       Hierdurch   wird 

es 


Sechßes  Kapitel.  3&J 

es  einleuchtend  ,  wie  die  Arten  und  Gat- 
tungen von  zufammengefetzten  Begriffen  der 
Menfchcn  un.l  nicht  von  der  realen  Natur  der 
Dinge  abhängen.  Denn  es  ift  ".nicht  unmög- 
lich, dafe  dem  einen  eine  Sonne  ift,  was  für 
den  andern  ein  blofser  Stern  ift,  h  der  es  dabei 
det  fich  blofs  auf  die  EigenthümliGhkeit  der 
Sprache  ankommt, 

*      2. 

Das    VVefen    jeder   Gattung   ift   der 
abftrakts  Begriff, 

Der  Maasftab  und  die  Grenze,  wodurch 
jede  einzelne  Gattung  beftimmt  und  von  an- 
dern unerLhuden  wird,  ift  das  Wefen  der- 
felben,  d.  i.  der  ablirakte  Begriff ,  der  an  das 
Wort  geknüpft  ift.  Alles  was  in  diefeni  Begriff 
enthalten  ift,  ift  für  diefe  Gattung  wefentlich. 
Obgleich  diefes  Wefen  alles  iß,  was  wir  von 
den,  Subftanzen  "erkennen,  und  woruach  wir 
fie  in  Gattungen  ordnen,  fo  nenne  ich  es  doch 
mit  dem  beCondern  Namen,  Wort  wefen, 
um  es  von  der  realen  Befchaffenheit  der  Sub- 
ftanzen, von  welcher  das  Wortwefen  abhän- 
get, zu  unterfcheiden.  —  Der  Uuferfi.hied 
zwilchen  beiden,  ift,  ob  fie  gleich  eine  ge- 
rneinfehaftliche  Benennung  führen,  doch  bei 
dem  erften  Anblick  zu  bemerken, 

B  b  3  §•  3. 


38»  ;  Drittes  Buch. 

§•      5» 

UnterTchied    des    Wort-  und    Sach- 

wefens. 

Der  Betriff ,  den  wir  mit  dem  Wort 
MenTch  verknüpfen,  belteht  aus,  folgenden 
Merkmalen  :  willkührliche  Bewegung  ,  Em- 
pfindung ,  Vernunft  und  ein  Körper  von  be- 
ftimmter  Geftalt.  Diefer  Begriff  macht  das 
Wortvvefen  diefer  Gattung  aus;  aber  auch  das 
Sachvvefen  ,  die  Quelle  aller  Thätig'teiten ,  die 
bei  irgend  einem  Individuum  gefunden  wer- 
den? Das  wird  wohl  niemand  behaupten. 
Der  reale  Grund  aller  Eigenfchaften ,  welche 
Beftandiheile  jenes  Begriffs  find,  ift  gewii'i 
etwas  ganz  verfchiedenes.  Hätten  wir  von 
feiner  innern  Natur,  worin  das  Vermögen 'der 
Bewegung,  der  Empfindung,  Vernunft  uud 
feine  regelmäßige  Geftalt  gegründet  ift,  die 
Erkenntnifs  ,  welche  der  Schöpfer  befitzt, 
wir  würden  zuverlafsig  einen  andern  Begriff  von 
demWefen  desMenfchen  haben, als  jetzt  in  irgend 
einer  Definition  ausgedrückt  ift.  Dann  würde 
der  Begriff  von  einem  individuellen  Menfchen 
in  eben  dem  Verhälmifs  zu  unfern  jetzigen 
ftehen  als  ein  Mann,  der  alle  Räder,  Triebfe- 
dern und  Mafchinen  der  berühmten  Strafsbur- 
ger  Uhr  erkannt  hätte,  zu  einem  neugierigen 
Reifenden  i  der  nur  die  Bewegung  des  Ham- 
mers 


Seclifies  Kapitel,  391 

mers  gefehen  ,    den   Schall  gehört,    und    die 
Auffenfeite  der  Uhr  beobachtet  hat» 


§.     4.. 

Bei    einem   Individuum    ift   nichts 
we  ffen  ilich. 

Das  Wpfen  in  der  gewöhnlichen  Bedeu- 
tung des  Worts  beziehet  fich  auf  Gattungen, 
und  es  kommt  bei  -ndividuen  nicht  weiter  in 
Betrachtung  als  infofern  fie  Gattungen  und 
Arten  untergeordnet  find.  Denn  wenn  man 
den  abftrakten  begriff  aufhebt,  durch  welchen 
diefe  Klaffification  gefchiehet,  fo  verfchwindet 
fogleich  jeder  Gedanke  von  etwas  wefentlichen 
in  eine;n  einzelnen  Dinge,  Wir  können  das 
eine  ohne  das  andre  nicht  denken ,  und  daraus 
erhellet  die  Beziehung  zwifchen  beiden»  Ich 
bin  nothvvendig  das,  was  ich  bin;  Gott  und 
die  Natur  haben  mich  fo  gebildet  j  aber  an  alle 
dem  ift  nichts  wefentliches  für  mich.  Eine 
Krankheit  kann  meine  Farbe  und  Geßalt  än- 
dern, ein  Fieber  oder  Fall  mein  Gedächtnifs 
oder  Vernunft  rauben;  ein'Schlagßufs  alles  Be- 
wufstfeyn  nehmen,  und  nur  das  Leben  noch 
übrig  laffen.  Andere  Wefen  von  meiner  Ge- 
ßalt können  mehrere  und  beffere,  oder  weni- 
gere und  fchlechtere  Fähigkeiten  haben ,  als 
ich;  anderein  einem  ganz  anders  gebauetea 
Bb  4  kör^ 


393  Drittes  Buch. 

Körper    Empfindung     und    Vernunft    befiUen. 
Von    allem    ditfen    ift    nichts    für   mich,    oder 
ein  andeies    Individuum   wefentlich,    bis  diefe 
Individuen  unter  eine  An  oder  Gattung  geord- 
net werden.      Wenn   man   vou    etwas  Wefent- 
lichen   fpticht,    fo   ftellt   Geh    fogleich   der   Be- 
griff von  einer  Gattung  oder  einem  allgemeinen 
zu^animengefetzteij  Begriffe  dar;    und   in  die- 
fer  Beziehung  ift  eine  Eigenfchaft  oder  Meik- 
mal   ttvvas    Wefeniliches.     So  gehört  die   Ver- 
nunft zum  Wefen   eines   einzelnen   Menfchen, 
infofern  er  unter  die  Gattung  Menfch   gezählt 
wird,  und  Vernunft  ein    Merkmal  des    zulam- 
mengeretzten  Gattung  begriffs  ift.     Wefent- 
lich   und    Nicht  wefentlich"  beziehet 
fich  alfo  allein  auf  unfere  abftrakte 
Begriffe      und     ihre     S  p  räch  reich  e  n, 
oder  was    eben   fo    viel    ift;    ein  Individuum, 
das  nicht  die  in  dem  abttraktcn  Begriffe  ent- 
haltenen  Eigeufchaften  hat,  kann  nicht  unter 
diele  Art  oder  Gattung  gezählt  werden. 

Wenn  nach  einigen  blofs  Ausdehnung  oder 
der  Raum  den  Begriff  des  Körpers  ausmacht, 
fo  ift  die  Dichtheit  nichts  wefentliches  für  den 
Körper,  He  ift  es  aber  dann,  wenn  man  nach 
andern  jenen  Begriff  aus  Dichtheit  und  Aus- 
dehnung   bsftehen    läfct,       Dasjenige    ift  alfo 

allein 


Sechftes   Kapitel.  301 

allein  weltlich ,  was  ein  Beftandtheil  eines 
zufammengefetzten  Gatlungsbegriffs  ift,  und 
ohne  Beziehung  auf  einen  folchen  abftrak'en 
Begriff  kann  in-in  von  keinem  GattUBTgs  oder 
Art'interfchied  der  Dinge  auf  eir.e  verftändliche 
Art  fprechen.  Denn  wenn  man  drefen  Maas- 
ftab  auf  die  Seite  legt,  und  die  einzelnen 
Dinge  nur  an  fich  betrachtet,  io  ift  entweder 
alles,  was  Geh  an  ihnen  findet,  wefeutlich  oder 
gar  nichts  weftmtlich.  Man  kann  wohl  fragen, 
ob  das  Angezogen  werden  vom  Ma^nec  ein 
wesentliches  Merkmal  des  Eifens  ift:  aber  eben 
diefe  Frage  von  dem  Fe  iermeüer  aufzuwerten, 
Ohne  es  als  zur  Gittung  des  Eifens  zu  betrach- 
ten.  wäre  ungereimt.  Die  abftrakten  Begriffe 
beftimmen  die  Grenzen  zvvifchen  den  Arten 
und  Gattungen  der  Dinge,  und  daher  kann 
nichts  wefentlich  feyn,  als  was  in  jenen  Be- 
griffen enthalten  ift. 

§.     6. 

Ich  habe  oft  eines  realen  Wefer.s  j'der  Sub- 
ftanzen  gedacht,  welches  noch  von  dem  Wort- 
wefen ,  oJer  ihren  abftrakten  Gattungsbegrif- 
fen verfchiedeu  ift.  Ich  verftehe  darunter  die 
innere  Einrichtung  der  Dinge,  die  Grundur- 
fache  aller  Eigenfchaften,  welche  in  dem  Wort- 
wefen  beftändig  vereiniget  angetroffen  werden, 
die  eigenthümliche  ßefchaffenheit  ,  welche 
Bb  5  je- 


~r)l  Dritte«  Buch. 

jedes  Ding  an  Tich  ohne  Beziehung  auf 'ein 
anderes  bcfifzf.  Allein  auch  in  dir  em  Sinne 
hstieliet  Geh  das  Wefen  auf  Gattu>i<.'en ,  und 
fetzt  'fie  voraus,  weil  das  reale  YVe'en  der 
Grund  der  Figenfchaften  ift,  und  diefe  nicht 
-Individuen  fondern  Arten  und  Gattungen  ange- 
hören. Das  Wortwpfen  des  Golde-  befteht 
z.  i».  darin,  da^s  es  ein  ^Körper  von  befonde- 
rer  Farbe,  Gewicht,  Schmelzbarkeit  und  Aus- 
dehnbarkeit durch  den  Hammer  ift  j  das  reale 
Wefen  ;iber  in  der  Befchaffenbeit  diefer  Mate- 
rientheiJe  ,  wovon  cliefe  Eigenfchaften  un4. 
andere  Eigentümlichkeiten ,  welche  in  lie- 
fern zufammengefetztf  n  Begriff  vorkommen, 
nebft  ihrer  Verbindung  .ibhangen.  Das  We- 
fen und  die  Eigenrchaften  laffen  fieh  'alfo  nur 
unter  der  Vorausfetzung  eines  Gattungs  oder 
abftrakten  Begriffs  denken,  der  als  unveränder- 
lich betrachtet  wird;  mit  keinem  Theil  der 
l^aterie  find  aber  diefe  Eigenfchafien  fo  ver- 
knüpft, dafs  fie  demfclben  wefentlich  und  un- 
zertrennlich anhieugen.  Freilich  fetzen  wir 
das  reale  Wefen  der  Subftanzen  nur  voraus, 
ohne  es  heftimmt  zu  kennen  j  unterdeflen 
wird  es  doch  immer  durch  das  Wortwefen, 
wovon  jenes  als  die  Grundurfache  ansefehen 
wird,  an  die  Gattungen  und  Arten  geknüpft» 


$♦  7. 


Secliftcs  Kapitel.  .     395 

Das  Wort-  nicht  das  Real  wefen  be- 
nimmt die  Alten  und  Gattungen. 

Es  ift  einleuchtend,  dafs  nicht  das  reale, 
fondern  das  Wort  wefen  die  Gattungen  und  Ar- 
ten der  Subftanzen  beftimmt.  Denn  das  letzte 
drücken  aliein  die  Worte  der  Gattungen  und 
Arten  aus.  Nun  kann  aber  nur  allein  der  Be- 
griff, der  durch  diefe  Worte  bezeichnet  wird, 
d.  i.  das  Wortwefen,  die  Gattungen  und  Arten 
beftimmtn.  Wenn  wir  fagen,  das  ift  ein  Pferd, 
ein  Maulefel,  eiu  Thier,  eine  Pflanze,  fo  ge- 
fchiehct  es  deswegen  ,  weil  diefe  Individuen 
reit  dem  durch  diefe  Worte  bezeichneten  abftrak- 
ten  Begriffe  übereinftimmen. 

_§.    8. 

Dafs  aber  die  Dinge  unter  folche  Gefchlechts- 
Worte  nach  unfern  Begriffen  und  nicht  nach  ih- 
rem realen  Wefen  geordnet  werden,  ift  daraus 
klar,  dafs  oft  Dinge  unter  eine  Gattung  oder 
Art  gerechnet  werden,  die  doch  nach  ihrer 
eigenthümlichen  Natur  Befthaffenheiten  haben, 
die  unter  einander  fo  verfchieden  find  ,  als  an- 
dere, von  denen  fie  ficht  fpecififch  unterfchei- 
den  follen.  Die  Erfahrung  überzeugt  davon 
alle  diejenigen  ,  welche  Geh  mit  Beobachtung 
natürlicher  Körper  befchäftigen,  vorzüglich  die 
Chemiker.  Oft  fuchen  he  vergeblich  diejeni- 
gen 


3gtf  Drittes  Tuch. 

g'^n  Eigenfchaften  an  einem  S:iick  Schwefel, 
AiiiiuiOniuiii  o, kr  Vitriol ,  welche  he  !on(t  an 
andern  der  Ait  enrdec k:e n.  Denn  obgleich 
diefe  Körp  i  zu  einer'  Ait  gehören  un>i  einerlei 
INan  n  haben,   fo  findet)  fich  doch   nach 

febärferer  Ünterfuchung  fo  abweichende  Eigen- 
fchaften, dafs  oft  die  Arbeit  und  die  Erwartung 
ft-hr  bedacht  famer  Scheidekünfticr  getäufebt 
wird.  Wenn  aber  die  Dinge  nach  ihrem  tteal- 
cn  in  Arten  und  Gattungen  eingetheilt  wa- 
ren ,  fo  mühte  es  eben  fo  unmÖglic  h  ftyn,  in 
*wei  individuellen  Subflanzen  einer  Art,,  als  in 
zwei  Cirkeln,  verfcLifedenarti-e  Eigenfchaften 
zu  hnden. 

§•     9- 

E<  ift  unmöglich,  die  Dinge  nach  ihrern 
realen  VVefen  in  Gattungen  und  Arten  zu  ord- 
nen, und,  worauf  dii's  ab/.weckt,  zu  benennen, 
weil  vvir  diefes  VVefen  nicht  kennen.  Unfer 
Erkenntnisvermögen  bringt  uns  in  der  Er- 
ke  ntnifs  und  Unterfcbeidung  der  Subftanzen 
nicht  weiter,  als  dafs  wir  die  an  ihnen  beob- 
ach'eten  Eigenfchaften  zufammenfaflen ;  und 
w  t  iin  wir  auch  dabei  mit  der  möglich  gröfsten 
Genauigkeit  verfahren,  fo  kommen  wir  doch 
der  inneren  INaiur,  woraus  jene  Eigenfchaften 
entfuringen,  nicht  näher.  Das  verüchtlichfte 
T.-ier  oder  die  geringfte  Pflanze  kann  die  aus- 
gtbreitefle  Kenntnifs  zu  Schande  machen»    Die 


Scclißes  Kapitel,  5^7 

tägliche  Anficht  und  Benutzung  der  uns  umge- 
benden Dinge  vermindert  onfer  Staunen ,  oh- 
ne unfere  UnwÜlenheit  zu  heben»  Wenn  man 
die  Steine,  die  man  mit  Füfsen  trift,  und  das 
Eifen  ,  das  wir  täglich  in  Händen  haben,  un- 
terteilen wollen,  fo  findet  man  fogieich  ,-dafs 
wir  ihren  innere  Bau  nicht  kennen,  und  kei- 
i;e  Rechenfchaft  von  ihren  abweichenden  Ei- 
genfehaften  geben  können.  Worin  befieliet 
die  Verbindungen  der  Beftandtheile ,  die  in- 
nere Natur,  welche  macht,  dafs  Blei  und  An- 
timonium«  aber  nicht  Holz  und  Steine,  fchmelz- 
bar  find,  dafsjene,  aber  nicht  die  letzten,  durch 
den  Hammer  ausdehnbar  find?  Und  in  wel- 
chem unendlichen  Abftande  ftehen  nicht  diefe 
Eigenfchaften  zu  dem  feinern  Mechanismus, 
zu  der  unergründlichen  Natur  der  Pflanzen  und 
Thiere?  Die  Werke  des  Allmächtigen  in  dem 
grollen  B.iu  des  Univerfums  und  aller  einzelnen 
Theile  überfteigen  weit  mehr  die  Konnrnifs  und 
Fällung  kraft  des  weifeftenund  eitillchfsvoliften 
Menfchen,  als  die  heften  Kunftftücke  des  er- 
finderifchften  Kopfes  die  Voiftcllung^kral't  des 
üb  Willen  dften  Menfchen,  Jeder  Verfuch  ,  die 
Dinge  nach  ihrem  innern  uns  unerkennbaren 
Wefen  zu  klaflificiren  ift  daher  umfonft,  und 
es  wäre  wohl  noch  eher  für  einen  Blinden  mög- 
lieh«  die  Dinge  nach  ihren  "Fatb«o  tu  unltvr- 
fcheiden  ,  als  dafs  diefer  Veifuch  gelinget! 
füllte« 

§.    10. 


39t  Drittes    ßuch. 

§.      Io.' 

Daher  verirrten  fich  diejenigen  noch  weiter 
vom  rechten  Wege,  welche  vorgaben,  \er- 
fcliicdene  Arten  von  Subftanzen  hätten  ihrever- 
fchicclenen  innern  f  u  b  ft  a  n  t  i  e  1 1  en  Fo  r  in  en, 
und  da.Cs  durch  diefe  die  Umerfchtidung  in  Gat- 
tungen und  Arten  bewirkt  Werde  ',  denn  fie 
verwickelten  fich  in  fruchtlofe  Speculationen 
über  fubftantielle  Formen,  die  ganz  unverständ- 
lich find,  und  von  denen  kaum  fo  etwas  als 
eine  dunkle  verwirrte  Voißellung  im  Allgemei- 
nen möglich  ift. 

Noch  ein  Beweis  für  unfere  obige  Behaup- 
tung liest  in  den  Begriffen  vonGeiftern,  Denn 
da  alle  einfache  Vorfiellungen  ,  welche  diefen 
Wefen  als  Eigenfchaften  beigelegt  v/erden,  nur 
durch  die  Reflexion  über  die  Wirkungen  des 
Hienfchlichen  Geiftss  entliehen,  fo  ift  nur  da- 
durch ein  Begriff  von  einem  Geifte  möglich, 
dafs  man  diefe  in  uns  beobachteten  Thätigke!- 
ten  einer  Art  von  Wefen,  ohne  Rückficht  auf 
Materie  beileget.  Selbft  der  Begriff  von  Gott 
ift  auf  keine  andere  Weife  gebildet.  (2.  Buih, 
28-  Kap.  §.  15,  35.)  Aber  ob  uns  gleich  ge« 
fagt  wird,  das  es  verfchiedene  Ordnungen  der 
Engel  .'giebt,  fo  können  wir  uns  doch  keine 
fpeciiifchen  [Cegriffe  davon  bilden.     Auch   hat 

der 


Sechfies  Kapitel.  39g 

der  Gedanke,  dafs  es  nur  eine  Art  von  Ergein 
giebt,  nichts  widertprechendes.  Da  -wir  nun 
aber  keine  andere  Begriffe  haben,  welche  auf 
diefe  Wefen  anwendbar  find,  als  jene  wenigen 
Vorfteüungen  der  Reflexion ;  fo  können  wir 
die  Arten  der  Geifter  nicht  anders  unterfchei- 
den,  als  dafs  wir  ihnen  nnfere  Vermögen  und 
Thätiskeiten  in  einem  höherri  oder  niedern 
Grade  beilegen.  Daher  ift  nur  allein  der  Be- 
griff von  Gott  beftimmt,  weil  diefem  Wefen 
alle  diefe  Prädicate  mit  Unendlichkeit ,  den  an- 
dern Geillern  aber  mit  Ein'ch  änkung  beigelegt 
werden.  Demi. ach  entfernt  fich  das  unendliche 
Wefen  in  der  Erhabenheit  feiner  Natur  unend- 
lich weiter  von  dem  höchften  und  vollendet- 
flen  evfchaffeneu  Wefen,  als  der  erhabt  nfte 
IVIenfch,  ja  der  reinfte  Seraphim  von  der  un- 
vollkomiiienften  Materie,  und  ift  daher  unend- 
lich weit  über  das  erhaben ,  was  wir  uns  nach 
unferm  befchränktem  Vermögen  von  ihm  vor- 
Aellen  können, 

§.     12, 

Es  läfst  fich  ohne  WiderfpTuch  denken,  dafs 
es  verfchiedene  Arten  von  Geiftern  ^iebt,  wel- 
che Geh  durch  beftimmte,  von  uns  nicht  wei- 
ter vorftellbare  Eigenfchaften  eben  To  unter- 
fcheiden  ,  als  die  Dinge  der  Sinnenwelt  durch 
Eigenfchaften  ,  welche  wir  an  ihnen  wahrneh- 
men und  erkennen,      Dafs  es  vielmehr    noch 

mehr 


4.Q0  Dutt«  r.nch. 

mehr  Arten  von  Intelligenzen  über  uns,  als 
von  materiellen  Dingen  unter  uns  giebt,  ift  für 
mich  daraus  wahrfcheiulich ,  dals  wir  in  der 
fichtbarep  Weh  keine  Lücken  finden.  Die  Na« 
tutwefen  unter  uns  machen  eine  gffchloflene 
Stufenleiter  mit  allmähli^eu  IA  behängen  und 
wenigen  Unterrcheidungbinerkmaltn  aus.  Es 
gif-bi  Fi  Gehe  mir  Flügeln,  die  kcir.e  Fremdlinge 
in  der  Lq&regjon  find;  Vögel,  die  im  Waller 
wohnen,  deren  Blut  fo  kalt,  als  der  Fifche, 
und  deren  Fleuch  im  Gefchmack  den  letztern 
fo  nahe  kommt,  dals  es  äng  (Hieben  Leuten  an 
Fafltagen  erlaubt  wird.  Manche  Thiere  find 
mit  den  Fliehen  und  Vierfüfsigen  fo  verwandt, 
dafs  fie  eine  Mittelgaitung  ansruachen.  Die 
Amphibien  verbinden  die  Waifer  -  und  Land- 
thiere  mit  einarder.  Einige  Thiere  fcheinen 
fo  viel  Kenntnifs  und  Vernunft  zu  befiuen,  als 
manche  Menfchcn.  Das  Thier-  und  Pflanzen- 
reich und  fo  nahe  mit  einander  verbunden,  dafs 
man  zvrifchen  dem  unvollkommer.Üen  aus  jenem 
und  dem  vollkommensten  aus  diefem  nur  ei- 
nen kittinen  Unterlchied  findet.  Man  fteige  von 
da  bis  auf  die  niedrigfte  und  am  wenigften  or- 
ganiürte  Materie  herab,  und  man  wird  alle- 
zeit bemerken,  dafs  verfchiedene  Arten  an  ein- 
ander grenzen  ,  und  nur  nach  unmerklichen 
Graden  verfchieden  find.  Es  ift  alfo  in  Hin- 
ficht  auf  die  unendliche  Macht  und  Weisheit 
des  ScliQufers  allerdings  vernünftig  ,  anzuneh- 
men, 


Secfoßes  Kapitel.  /pi 

men,  dafs  es  der  erhabenen  Harmonie  des 
Weltalh,  dem  großen  Plane  und  der  unendli- 
chen Güte  des  Urhebers  angemeffen  ift,  dafs 
die  Wefen  von  uns  an  durch  allmählige  Taufte 
Abfhiffung  fich  erheben  und  der  unendlichen 
Vollkommenheit  nähern,  fo  wie  fie  von  uns 
ab  gradweife  herabfteigen.  Und  dann  ift  es 
wahricheinlich,  dafs  es  weit  mehr  Arten  von 
Wefen  über,  als  unter  uns  giebt,  weil  wir  von 
der  unendlichen  Vollkommenheit  Gottes  weiter 
entfernt  find,  als  von  dem  unterften  zunächft 
an  Nichts  gränzewdem  Grade  des  Seyns.  Und 
doch  haben  wir  aus  den  angeführten  Gründen 
von  allen  diefen  Arten  keine  deutlichen  Be- 
griffe. 

Doch  wir  kehren  wieder  zu  den  Arten  kör- 
perlicher Subftanzen  zurück.  Sind  Waffer  und 
Eis  zwei  verfchiedere  Arten  von  Dingen?  Die 
bejahende  Antwort  ift  wohl  unftreitig  die  rich- 
tige. Gefetzt  nun  ein  Engländer,  der  zu  Jama- 
ika geboren,  und  in  feinem  Leben  nichts  von 
Eis  gefehen  oder  gehöret  hat,  kommt  des  Win- 
ters nach  Engelland,  findet  eines  Morgens  d<*s 
Waffer  in  dem  Becken  gröfstentheiK  gefroren, 
und  nennt  es,  weil  er  kein  eigenes  Wort  dafür 
hat,  etwa  verhärtetes  Waller,  Ift  nun  das  Eis 
ihm  eine  vom  Wafler  verfchiedenc  Aft  ?  Ge* 
Locke's.  II,  Thcil,  C  c  v>'ifa 


4<g2  Drittes  Buch. 


vtiU  eben  fo  wenig,  als  warme  und  kalte  Gal 
lerte.  Es  ift  alfo  daraus  einleuchtend  ,  dafj 
verfchiedene  Gattungen  und  Arten 
nichts  anders  find  ,  als  verfchiedene  zu- 
fa  m  in  enge  fetzt  e  Begriffe,  geknüpft  an 
ge wille   Sprachzeicheu. 

§.  14—20. 

Schwierigkeiten  gegen  die  Hypo- 
thefe  vom  realen  Wefen,  al$ 
Grund    der   Klaffi  f  ik  ation. 

Wenn  man,  wie  gewöhnlich,  vorausfetzt, 
dafs  es  gewiffu  beftimmte  Wefen  und  For- 
men giebt,  nach  welchen  alle  exiftirenden  Din- 
ge durch  die  Natur  in  Gattungen  und  Arten 
geordnet  find  ,  fo  würde  die  wirkliche  KlafTifi- 
kation  der  Dinge  nur  unter  folgenden  Bedin- 
gungen möglich  feyn  :  i)  Die  Ueberzeugung, 
dafs  die  Natur  bei  Hervorbringung  der  Dinge 
immer  die  Abfichthabe,  dafs  die  hervorgebrach- 
ten Dinge  an  dem  beftim  raten  Wefen  als  feftge- 
fetzten  Model,  allezeit  Theil  nehmen  follen. 
Ehe  man  diefes  in  dem  gewöhnlichen  rohen 
Sinne  annehmen  kann,  müfste  erft  eine  befle- 
re  Erklärung  davon  gegeben  werden,  2)  Die 
Erkenntuifs,  dafs  die  Natur  bei  Hervorbrin- 
gung der  Dinge  diefes  Wefen  als  Model  alle- 
zeit erreicht.  Die  abweichenden  Bildungen 
und  Mifsgeburten,  die  bei  einigen  Thierartcu 

beob- 


Sechfies  Kapitel.  403 

beobachtet  werden,  berechtigen  uns,  das  eine 
und  das  andere  zu  bezweifeln.  3)  Es  müfste 
beftimmt  werden,  ob  die  Mißgeburten  von  be- 
ftimmter  objectiv  realer  Art  (in  dem  Sinne  der 
Scholaftiker)  find.  Es  ift  unläugbar,  daTs  je- 
des exiftirende  Ding  feine  eigentümliche  Na- 
tur hat;  und  einige Mifsgeburten  haben  wenig 
oder  gar  keine  Eigenfchaften  von  denjenigen 
an  lieh,  "welche  dem  Wefen  der  Art  anhängen 
Tollen  ,  der  fie  ihre  Erzeugung  verdanken. 
4)  Das  reale  VVefen  der  Dinge  müfste  von  uns 
durch  Begriffe  erkennbar  feyn.  Da  wir  aber 
in  dielen  vier  Punkten  unwiflend  find  ,  fo 
hilft  uns  die  Vora  usfet  z  ung  des  rea- 
len Wefens  zur  Unterfcheidung  der 
Subftanzen  in  Gattungen  und  Arten 
gar  nichts.  5)  Ein  vollftändig  zufammen* 
gefetzter  Begriff  von  den  Eigenfchaften  derDin* 
ge  ,  welche  aus  ihrem  realen  Wefen  entfprin- 
gen,  würde  uns  bei  diefer  Unterfcheidung  noch 
allein  zu  Statten  kommem  Aber  auch  diefes 
ift  unmöglich.  Da  wir  das  reale  Wefen  nicht 
erkennen,  fo  ift  es  auch  nicht  möglich,  alle 
Eigenfchaften  zu  erkennen ,  welche  in  densel- 
ben gegründet,  und  mit  derofelben  fo  verknüpft 
find,  dafs  wenn  eine  fehlte,  man  mit  Gewifs- 
heit  fchliefsen  könnte  ,  das  Wefen  fey  nicht 
vorhanden,  und  das  Ding  gehöre  nicht  unter 
die  Gattung.  Wir  können  nie  die  beftimmte 
Anzahl  von  Eigenfchaften  willen ,  welche  von 
Cc  2  dem 


404  Drittes    Buch. 

dem  realen  Wefen  des  Goldes  abhängen,  fodafs 
mit  dem  Mangel  der  einen  diefes  Wefen  felbft 
aufgehoben  wäre,  wofeme  wir  von  diefem 
Wefen  felbft  keinen  Begriff  haben.  Das  Re- 
fultat  aus  dein  allen  ift ,  dafs  die  KlaiTihkation 
der  Subftanzen  durch  Gefchlecbtsnamen  fich 
nicht  auf  ihr  reales  Wefen  gründet,  und  dafs 
es  ein  vergebliches  Unternehmen  ift,  nach  ih- 
ren innern  wefentlichen  Unterfchieden  ihre 
Gattungen  und  Arten  befümmen  zu  wollen. 

$'♦      21. 

Die  KlaTfifik  a  tion  gründet  Tich  auf 
ab  ftrakte  Begriffe  und  ihre  Zei- 
chen. 

Ob  wir  gleich  das  reale  WeTen  der  Dinge 
nicht  erkennen ,  fo  können  wir  doch  der  all- 
gemeinen Worte  nicht  entbehren.  WTir  kön- 
nen daher  nichts  anders  thun,  als  die  einfachen 
Merkmale,  die  man  nach  genauer  Unterfucbung 
in  den  exiftirenden  Dingen  vereiniget  findet, 
zu  fainmeln  und  Ge  in  einen  Begriff  zufammen 
zu  faffen.  Diefes  ift  zwar  nicht  das  reale  We- 
fen einer  exiftirenden  Subftanz,  aber  doch  ihr 
fpeufifches  Wefen,  welchem  das  Sprachzeichen 
anhänget.  Das  Wefen  und  das  Ding,  deffen 
Wefen  es  ift ,  find  gleichgeltend ;  eins  mufs 
ohne  Irrthum  an  des  andern  Stelle  können  ge- 
fetzt werden  j  hierin  liegt  der  Probierftein  der 

Wahr- 


Sechfi.es  Kapitel.  4°? 

Wahrheit  des  Wortwefens.  Man  fetze  z,  B. 
Ausdehnung  fey  das  Wefen  des  Körpers, 
fo  mufs  man  auch  eben  fo  gut  fagen  können : 
der  Körper  bewegt,  als,  die  Ausdehnung  be- 
wegt. Allein  die  Unftatthafiigkeit  des  letztern 
Ausdrucks  offenbaret  fich  fogleich.  Denn  das 
Wefen  eines  Dinges  in  Beziehung  auf  uns  ift 
der  ganze  in  dem  Worte  defTelben  enthaltene 
zufammengefetzte  Begriff,  und  in  den  Begriffen 
der  Subftanzen  ift  aufser  den  einfachen  Vorftel- 
lungen  allezeit  noch  ein  notwendiger  Befiand- 
theil,  nehmlich  der  dunkle  Begriff  der  Sub- 
ftanz  als  Grund  und  Subject  der  Verbindung 
der  einfachen  Vorftellungen.  Daher  macht 
nicht  blofs  die  Ausdehnung,  fondern  eine  aus- 
gedehnte dichte  Subftanz  das  Wefen  des  Kör- 
pers aus.  Man  kann  alfo  gleich  wahr  und  ver- 
ftändlich  Tagen :  ein  ausgedehntes  dichtes  We- 
fen oder  ein  Körper  beweget;  ein  thierifches 
vernünftiges  Wefen,  oder  der  Menfch  ift  ge- 
fellig.  Aber  unrichtig  würde  man  fagen :  die 
Vernunfifähigkeit  ift  gefeilig ;  denn  diefe  ift 
nicht  das  ganze  Wefen  des  Menfchen. 

§.     22. 

Es  giebt  Gefchöpfe,  welche  eine  menfehen- 
ähnliche  Bildung  haben,  aber  behaart  find,  und 
weder  Sprache  noch  Vernunft  befitzen»     Eini- 
ge haben  eine  vollkommene  menfchlkhe  Ge- 
Cc  3  ßalt, 


406  Drittes  Ruch. 

ftalt,  aber  es  fehlt  ihnen  an  Vernunft  oder  gar 
auch  an  der  Sprache.  Andere  haben  nach  ge- 
wiffen  Berichten  ,  (welche  ihre  Urheber  ver- 
bürgen mögen,)  Sprache,  Vernunft,  vollkom- 
mene menrchliche  Geftalt,  kurz,  alles,  wie  wir, 
aber  aufserdein  noch  behaarte  Schwänze,  In 
gewiffen  Ländern  find  die  Männer  unbärti» 
und  die  Weiber  bärtig.  Sind  alle  diefe  Wefen 
Menfcheu  ,  gehören  fie  zur  Menfchengattung 
oder  nicht  ?  Diefe  Frage  beziehet  fich  offenbar 
nur  auf  das  Wortween  ;  denn  alles  dasjenige 
ift  ein  Menfch.  was  mit  dem  durch  diefes  Wort 
bezeichneten  Bt-^riffe  übereinftirnmt.  Gehet 
aber  jene  Frage  auf  das  reale  Wefen,  und  will 
man  willen,  ob  die  innere  Natur  jener  verfchie- 
denen  Gefchöpfe  fpecififch  verfchieden  ift,  fo 
iß  Ge  für  uns  ganz  unbeantwortlich,  weil  in 
unferm  Gattungsbegriff  nicht  das  geringfte  von 
der  innern  Natur  enthalten  ift,  Dafs  die  in- 
nere Natur  nicht  ganz  diefelbe  ift,  wo  die  Ver- 
mögen und  die  äufsere  Geflalt  fo  fehr  abwei- 
chen, dies  läfst  fich  mit  Grund  denken  J  wel- 
che Abweichung  aber  in  der  innern  Natur  ei- 
nen fpecififchen  Unterfchied  begründet  ,  dies 
läfst  fich  nicht  ausmachen,  weil  wir  jene  nicht 
kennen ,  und  diefen  blofs  nach  unfern  abftra,- 
cten  Begriffen  beftirament 


§.  23, 


Sechftes  Kapitel.  407 

$.      2?. 

Wenn  auch  das  Vorgeben  ,  als  wenn  das 
Zeugungsvermögen  der  Thiere  und  Pflanzen 
die  Gattungen  und  Arten  rein  und  unvermifcht 
«rhalte«  wahr  wäre,  fo  würde  es  uns  doch  nur 
bei  der  Klaffifikation  der  Pflanzen  und  Thiere 
zu  Statten  kommen,  und  felbft  hier  reicht  es 
nicht  aus  Denn  wenn  die  Gefchiehte  nicht 
lügt,  fo  find  Weiber  von  grofsen  Affen  fchwan- 
ger  worden;  und  es  entfteht  alfo  eineneueFra- 
ge,  unter  welche  reale  Art  oder  Gattung  ein 
folches  Naturerzeugnifs  gehört.  Unglaublich 
ift  das  Factum  nicht,  da  es  Tbiere  giebt ,  wel- 
che aus  der  Vermifchung  eines  Ochfen  und  ei- 
nes Efels  mit  einer  Stutte  entfiehen.  Ich  fahe 
einmal  ein  Thier,  welches  von  einer  Katze  und 
Ratte  erzeugt  war,  und  von  beiden  Thierarten 
Merkmale  an  fich  hatte;  die  Natur  fchien  hier 
nicht  eine  Thierart  von  beiden  zum  Mufter  ge- 
wählt, fondern  aus  beiden  eine  neue  Ferm  ge- 
bildet zu  haben.  Man  fetze  noch  die  fo  häufi- 
gen Mifsgeburten  hinzu,  und  man  wird  die 
Schwierigkeit  fühlen  ,  durch  den  Stammbaum 
die  Art  zu  beftimmen  ,  wohin  jedes  Erzeugnifs 
des  Thierreichs  gehört.  Und  dann,  wenn  man 
wiffen  will,  ob  dies  ein  Tyger  und  dies  Thee 
ift,  mufs  man  denn  erft  nach  Indien  gehen, 
und  die  Alten  von  jenem,  die  Pflanze  von  die- 
fem  in  Augenfchein  nehmen? 

Cc  4  §.  24» 


4-oS  Drittes  Buch. 

§.     24. 

Die  Cperififcheu  Begriffe  von 
dem  Wefen  find  Producte  des 
Verbandes  und  daher  veränder- 
lich und  ungewifa. 

Kurz,  es  ift  einleuchtend,  dafs  das  Gat- 
tungsweTen  der  Subftanzen  in  nichts  andern 
als  den  zufmimengeretzfen  Begriffen  ihrer 
finnlicnen  Merkmale  beftfhet.  Ihre  innere 
Katnr  kommt  dabei  nicht  in  Betrachtung,  noch 
weniger  denkt  jemand  an  fubftanzielle  Formen 
d*bei,  es  müTste  denn  einer  feyn  ,  der  die 
SchulTprache  gelernt  hat.  Die  Uugelehrtea 
nnfren  fich  keiner  Einficht  in  das  innere  We- 
fen an,  und  zerbrechen  fich  den  Kopf  nicht  über 
fubftanzielle  Formen,  fondern  Gnd  zufrieden, 
wenn  fie  ein  Ding  von  dem  andern  nach  finn- 
lichen Merkmalen  unterfcheiden.  Dennoch 
lind  dieTe  oft  baffer  mit  den  Unterfcheidnngs- 
zeichen  bekannt  ,  unterTcheiden  die  Dinge 
fchnrfer  nach  ihrem  Gebrauch,  und  wilTen 
richtiger,  was  von  ihnen  zu  erwarten  ifl,  als 
die  fcharffichtigen  Gelehrten ,  die  fo  tief  in 
die  Dinge  fchauen,  und  fo  kek  von  verbor- 
genem und  wefentlichern  Dingen  fpreehen. 


§.  35. 


Sechfies  Kapitel.  409 

§»      23. 

Gefetzt  aber  auch ,  das  reale  Wefen  der 
Dinge  kannte  von  den  Gelehrten  entdeckt 
werden,  fo  ift  es  doch  nicht  denkbar,  dafs 
die  Subftanzen  darnach  unter  allgemeine  Worte 
geordnet  worden.  Denn  die  Sprachen  haben 
fich  [in  (allen  Ländern  lange  vor  den  Wiffen- 
fchaften  gebildet.  Keine  Philofophen,  keine 
Logiker,  die  den  Kopf  voll  von  Formen  und 
Wefen  hatten,  bildeten  die  Subftantiva,  die 
in  allen  Ländern  gewöhnlich  find  ,  fondern 
fie  bekamen  ihre  Bildung  und  Bedeutung  [von 
unwiflenden  und  ungelehrten  Leuten,  welche 
die  Dinge  nach  ihren  finnlichen  Merkmalen 
klafuficirten  und  durch  Worte  bezeichneten» 

§.     26» 

Das  Namenwefen,  nach  welchem  die  Sub- 
ftanzen in  Gattungeu  und  Arten  geordnet  wer- 
den, ift  von  dem  Verftande  und  nicht 
von  der  Natur  gebildet;  fonft  würde 
es  nicht  bei  verfchiedenen  Menfchen  fo  abwei- 
chend und  veränderlich  feyn ,  als  die  Eriah- 
rung  beweifet.  Denn  wir  werden  kaum  alle 
Menfchen  in  dem  Namenwefen  einer  Gattung, 
auch  derjenigen,  mit  der  fie  am  bekannteften 
find ,  einftimmig  finden.  Die  Uneinigkeit  in 
dem  abftrakten  Begriff,  der  mit  dem  Wort 
Cc  5  Menfch 


4»o  Drilles  Buch. 

Menfch  verknüpft  ift,  könnte  nicht  ftait  finden, 
wenn  er  ein  Werk  der  Natur  wäre.  Der  eine 
denkt  lieh  in  diefem  Begriff  die  ( Merkmale, 
Empfind  im»  ,  willkührliche  Bewegung  und 
einen  KörpeT  von  beftimmter  Geftalt;  der  an- 
dere  fetzt  noch  das  Merkmal  Vernunfifähig- 
keit  hinzu  j  beide  haben  eine  andre  Vorftel- 
lung  von  dem  Wefen  des  Menfchen,  und  dem 
einen  ift  nach  denselben  ein  Individuum  ein 
wahrer  MeüTch ,  dem  andern  nicht.  Nicht 
leicht  wird  jemand  die  aufrechte  Stellung  für 
den  wefentlichen  Unterfcheidungscharakter 
der  Menfchengattung  halten  ;  gleichwohl  liegt 
es  am  Tage,  in  wieferne  die  Menfchen  die 
Klaffe,  wohin  ein  Thier  gehört,  eher  nach 
der  Geftalt  als  nach  der  Abkunft  beftimmen, 
da  fchon  mehr  als  einmal  darüber,  ob  ein 
menfehlicher  Fötus  auferzogen  und  getauft 
werden  follte  oder  nicht,  ein  Streit  blofs  des- 
wegen entftand  ,  weil  feine  äufsere  Geftalt 
nicht  die  gewöhnliche  der  Kinder  war,  da  man 
doch  nicht  wilfen  konnte ,  ob  er  nicht  fo  gut 
als  anders  gebildete  Kinder  der  Vernunft  fähig 
feyn  weTde.  Dazu  kommt  noch,  dafs  einige 
Kinder  von  gewöhnlicher  Geftalt,  ihr  ganzes 
Leben  hindurch  nicht  mehr  Vernunft  als  ein 
Affe"  oder  Elephante  zeigten.  Hiernach  würde 
alfo  die  äufsere  Geftalt  und  nicht  das  Vernunft- 
v^rmögen  zum  wefentlichen  Charakter  der 
Menfchengattung  gemacht,   und  die  Gotte^ge- 

lehrtep 


Seeliftes  Kapitel.  4.1 1 

lehrten  und  Rechtsgelehrten  muffen  in  folchen 
Fällen  an  die  Stelle  ihrer  '  geheiligten  Defi- 
nition von  dem  vernünftigen  Thiere  eine  an- 
dere fetzen. 

§♦     27. 

Worin  beftehet  denn  alfb  der  befummle, 
unveränderliche  Grenibegriff  diefer  Gattung  ? 
Offenbar  hat  die  Natur  keinen  folchen  ge- 
macht ,  und  unter  den  Menfchen  als  unverän- 
derlich aufgeftellt.  Wir  kennen  das  reale 
Wefen  weder  diefer  noch  einer  andern  Gat- 
tung; und  daher  kommt  die  Uneutfchieden- 
heit  in  dem  Namenwefen,  welches  unfer  eig- 
nes Machwerk  ift,  dafs  wenn  man  mehrere 
Menfchen  fragen  follte,  ob  ein  etwas  unge- 
ftalteter  Fötus  gleich  nach  der  Geburt  ein 
Menfch  fey  oder  nicht ,  gewifs  mehrere  abwei- 
chende Antworten  erfolgen  würden.  So  we- 
nig wiffen  wir,  was  ein  Menfch  ift;  ob  es 
gleich  vielleicht  für  die  gröfste  Unwiffenheit 
gelten  wird  ,  diefes  in  Zweifel  zu  ziehen.  Al- 
lein ich  darf  demungeachtet  behaupten,  dafs 
die  Grenze  zwifchen  einer  und  der  andern 
Gattung,  die  beftimmte  Anzahl  von  einfachen 
zu  dem  Namenwefen  der  einen  gehörigen  Ver- 
fiellungen,  fo  wenig  beftimmt  und  erkennbar 
ift,  dafs  immer  bedeutende  Zweifel  darüber 
entflehen  werden.     Keine  Definition  von  dem 

W7ort 


4.12  Drittes  Bück. 

dem  Wort  Menfch,  keine  Befchreibung  die- 
fer  Gattung  von  Wefen  iß,  meines  Bedünkens 
fo  febari"  und  vollkommen,  dafs  fie  einer  ftren- 
gen  Prüiiins:  Genüge  thun,  oder  allgemeine  Ein" 
ftimmung  erhalten,  und  endlich  in  allen  ftrei- 
tigen  Fallen,  die  Leben  und  Tod,  Taufe  und 
Nichttauf«  u.  f.  wr.  betreuen,  volle  Entfchei- 
dung  geben   könnte. 

§.      28. 

Dennoch  nicht  fo  willkührlich 
als  die  gemifchten  B  e  ft  i  m  m  u  n- 
gen. 

Wenn  gleich  die  Begriffe  von  dem  Nomi- 
nal wefen  der  Subltanzen  von  uns  geraachte 
Begriffe  find,  fo  verfährt  doch  der  Ver- 
band nicht  fo  willkübrlich  dabei 
als  bei  den  gemifchten  Beft immun, 
gen.  Zu  ihrer  Bildung  ift  erfoderlich,  dafs 
die  ßeltandiheile,  wie  fie  auch  zufammengefetzt 
werden  mögen,  nur  einen  Begriff  ausmachen  ; 
und  dann  ,  dafs  die  fo  verbundenen  Begriffe 
identifi.he  und  numerifche Einheit  haben.  Denn 
wenn  zwei  abfirakte  ziifanimengefetzte  Be- 
griffe entweder  in  der  ßefchaffenheit  oder 
Zahl  der  Beftandiheile  verfchieden  find,  fo 
niarlini  fie  nicht  ein  fondern  zwei  verfchie- 
deue    Wefcu   aus.     In  dem  aßen  Punkte  be- 

fol- 


SecLiies  Kapitel,  a\$ 

folget  der  Verftand  bei  Bildung  diefer   Begriffe 
die  Natur,  und  fetzt  keine  Vorstellungen  zufara- 
men,  die  nicht  wirklich  oder  vermeintlich   in 
der  Natur   Verbindung  haben.     Niemand  ver- 
bindet das  Blöcken  des  Schafs  mit  der  Gefialt 
des  Pferdes,  oder  die  Farbe  des  Bleis  mit  dem 
Gewicht  und  der  Dichtheit  des  Goldes,  wenn 
er    Begriffe    von    wirklichen    Subftanzen    und 
keine  Hirngefpinfte  bilden  will;     fondern  man 
beobachtet  Eigenfchaften  ,  die  immer   verbun- 
den    mit    einander    exiftieren  ,     und    copieret 
darin  die  Natur.     Die  Wenrchen   können  zwar 
willkührlich  Begriffe  zufaramenfetzen  und  mit 
Worten  bezeichnen;  aliein,  wenn  fie  von  wirk- 
lichen Dingen  auf  eine  verftändliche  Art  fpre- 
chen  wollen ,  fo  muffen  fie  ihre   Begriffe  doch 
einigermaafen    den    Dingen ,     von   denen    Ge 
fprechen  ,    anpaffen.     Es  würde  fonft  eine  Art 
von  Sprachverwirrung   entliehen  j     die  Worte 
würden  nur  immer  den  Einzelnen  verständlich 
feyn ,  und  nicht  zur  allgemeinen    Miitheilbav- 
keit  und  in  die  VerhältnilTa  des  tnenfchlichen 
Lebens  paffen,  wenn  die  Begriffe,  die  fie  be- 
zeichnen ,:   nicht  den  allgemeinen  Erfcheinun- 
gen  der  Subftanzen  entfprüchec. 


§.   29, 


414  Drittes  Bn«.h. 

Obgleich  fehr  unvollkommen. 

Obgleich  der  Verftand  bei  Bildung  diefer 
Begriffe  die  Einheil  von  der  Natur  entlehnt, 
fo  hangt  doch  die  beftiinmte  Zahl  der 
Theilvorftellungen  von  dem  Verän- 
derlichen Grade  der  Aufmerkfam- 
ke  i  t,  d  es  Nachdenkens  und  der  Ein- 
bildung s  kraft  deffen  ab,  der  fie  bildet. 
Gewöhnlich  fchränken  lieh  die  Menfchen  auf 
einige  wahrnehmbare  Eigeufchaften  ein,  und 
überfeheu,  wo  nicht  allereit,  doch  oft  eben  fo 
wefentlicbe.  Von  den  wahrnehmbaren  Sub- 
ftanzen  giebt  es  zwei  Arten.  Erftlich  organi- 
fche  Körper,  welche  durch  den  Saamsn  fort- 
gepflanzt werden.  Bei  diefen  ift  die  Geftalt 
die  chaTakteriftifche  Eigen fchaft,  welche  die 
Art  und  Gattung  beftimmt.  Wenn  auch  einige 
einen  noch  fo  hohen  VVerth  auf  die  Definition 
des  Menfchen  ,  ein  vernünftiges  Thier,  fetzen, 
fo  würde  doch  ein  Wefen  ,  das  Vernunft  und 
Sprache,  aber  keine  menfchliche  Geftalt  be- 
fäfse,  eben  To  wenig  für  einen  Menfchen  gel- 
ten, als  Bileams  Efel ,  wenn  er  auch  fein  gan- 
zes Leben  hindurch  fo  vernünftig  gefprochen 
hittCj  als  das  einemal.  So  wie  bei  Pflanzen 
und  Thieren  die  Geftalt,  fo  ift  bei  andern  Kör- 
pern, die  nicht  durch  den  Saamen  fortge- 
pflanzt werden,  die  Farbe  das  charakteriftifche 

Merk- 


Sechftes  Kapitel.  4^5 

Merkmal,  von  dem  man  Geh  am  meiden  lei- 
ten läfst.  Wo  man  die  Farbe  des  Goldes  fin- 
det, da  fetzt  man  auch  alle  andere  in  dem 
Begriff  vorkommende  Eigenfchaften  voraus; 
und  man  halt  die  Geftalt  und  Farbe  für  fo 
entfeheidende  Charaktere  der  Gattungen,  dafs 
man  bei  einem  guten  Gemälde,  hlos  nach  Ver- 
fchiedenheit  der  dargeftellten  Form  und  Farbe 
fogleich  entfeheidet  ,  was  ein  Löwe ,  eine 
Rofe  ,  ein  goldner  oder  ein  Alberner  Be- 
cher ift. 

§♦    3o, 

Dieles  ift  zwar  zu  den  gröbften 
and  daher  auch  unbeftimmtern  Grundzü°en 
der  Begriffe  und  zu  Räfonnements  ,  wo 
nicht  gerade  die  gröfste  Schärfe  eTfoderlich 
ift,  zureichend.  Allein  die  Menfchen  find 
roch  keinesweges  in  der  Anzahl  der  zu 
einem  Gattungsbegriff  gehörigen 
einfachen  Vorftellungen  oder  Merk- 
male einig.  Und  darüber  darf  man  fich 
nicht  wundern  ,  weil  viel  Zeit,  Mühe,  Kenut- 
nifs.ftrenge  Unterfuchung  und  lange  Prüfung 
eifoderlich  ift,  um  zu  beftimmen,  welche 
und  wie  viele  einfache  Vorftellungen  beftän- 
dig  und  unveränderlich  in  der  Natur  vereiniget 
und  in  einem  Subjecte  anzutreffen  und.  Di? 
tneiften  Menfchen ,  denen  es  an  dazu  erfo  lerli- 

cher 


4l6  Duttci  ikich. 

eher  Zeit,  Neigung:  unj  anhaltender  Energie 
fehlet,  begnügen  lieh,  einige  wenige  äufseie 
auffallende  Merkmale  aufzufallen ,  die  Dinge 
darnach  7.u  unterfcheiden ,  zu  klalihciren ,  mit 
neuen  oder  Lhon  gewöhnlichen  VVorteu  zu 
bezeichnen.  Diefe  Worte  lind  wohl  als  Zei- 
chen /einiger  äufserlichen  coexiftirender  Merk- 
male zu  den  Zwecken  des  gemeinen  Lebens 
brauchbar;  allein  he  fallen  keine>wftgs  eine 
beftimmte  Anzahl  von  einfachen  Yoiftellungen, 
noch  weniger  alle  in  dei  Nat.ti  vereinigten,  in 
beftimmter  He^eutung  zuiamuien.  Wenn  man 
beder.kt,  dafs  nach  fo  vielen  Unterfuchuugen 
über  die  Gattungen,  Arten  und  Artunterfchie- 
de  rioch  von  fo  wenig  Worten  beftimmte  De- 
finitionen vorhanden  find  ,  fo  ift  man  wohl 
berechtiget,  die  Formen,  welche  ehedem  fo 
viel  Lärmen  gemacht  haben,  für  blofse  Chi- 
mären zu  {halten,  die  kein  Licht  über  das 
Wefen  der  Dinge  verbreiten.  Und  derjenige 
der  weifs,  wie  wenig  noch  die  Worte  \  der 
Sublianzen  allgemeingeltende  Bedeutung  haben, 
der  daif  mit  Recht  feuliefsen ,  dafs  das  Nomi- 
nalwefen  der  Subftanzen  ,  wenn  es  gleich  als 
von  der  Natur  copirt  angefehen  wird,  doch 
falt  durchgängig,  wo  nicht  allgemein,  fehr  un- 
vollkommen ift.  Die  Eeftandiheile  diefer  Be- 
griffe find  bei  verfchiedenen  Menfchen  fehr 
abweichend  ;  die  Grenzheftimniung  der  Gat- 
tungen ift  nicht  fo,  wie  fie  die  Natur,  fondern 

wie 


Sechfies  Kapitel.  417 

wie  fie  die  Menfchen  gemacht  haben,  wenn 
es  überhaupt  folche  fcharf  gezogene  Grenzli- 
nien in  der  Natur  giebt.  Einige  Subftanzen 
find  zwar  von  Natur  fo  eingerichtet ,  dafs  fie 
gewiffe  Aehulichkeiten  unter  einander  haben, 
und  fo  ihre  Eiritheilung  in  Gattungen  und  Ar- 
ten begründen.  Allein  da  doch  unfre  Klaflifi- 
cation  nur  darauf  abzielet ,  um  die  Dinge  un- 
ter allgemeine  Zeichen  zufammenzufaffen ,  fo 
fehe  ich  nicht  ein,  wie  man  f<gen  könne,  die 
Natur  fetze  diefe  Grenzen  der  Gattungen  und 
Arten;  oder  wenn  es  andern  ift,  fo  mülfen  die 
Ton  uns  gefetzten  Grenzlinien  den  natürlichen 
nicht  ganz  entfprechen.  Denn  weil  wir  all- 
gemeine Worte  zum  jetzigen  Gebrauch  nötbig 
haben  ,  fo  klafftficiren  wir  die  Dinge  nach  den 
auffallenden  Phänomenen,  ohne  die  vollftän- 
dige  Entdeckung  aller  Eigenfchafien  abzuwar- 
ten ,  welche  uns  freilich  die  weTentlichen  Un- 
terfchiede  und  Uebereinftimmungen  der  Dinge 
am  heften  darfteilen  würden, 

§.     3*< 

Diefe  zufammen.-?efetzten  Begriffe  .  in  de- 
nen nach  der  Beobachtung  mehrere  Indivi- 
duen übereinßimmen  ,  werden  auf  fehr  ver- 
fehl edene  Weife  ,  bald  mit  mehrerer  bald  mit 
weniger  Genauigkeit  gebildet;  und  fie  enthal- 
ten bald  eine  gröfsere  bald  eine  kleinere  An- 
Locke's.     II.  Theü.  Dd  zahl 


^i$  Drittes    Buch. 

zahl  von  einfachen  Vorftellungen.  Der  Be- 
griff des  Goldes  enthält  bei  Kindern  nur  die 
gelbe  glänzende  Farbe;  andere  fetzen  das 
Merkmal  des  Gewichts,  derjSchlagbarkeit  und 
Schmelzbarkeit,  andere  noch  mehrere  hinzu. 
Renn  die  eine  wie  die  andere  diefer  Eigen- 
schaften hat  das  Recht  ,  in  den  Begriff  diefer 
SnDtt£nz  aufgenommen  zu  werden,  weil  fie 
alle  in  derfelben  vereiniget  find.  Da  aber 
einige  Menfcben  nach  dem  verfchiedenen 
Grad  des  Scbarffinns ,  der  Kenntnifs  und  Be- 
obachtung einige  einfache  Vorftellungen  aus- 
lafT :n  ,  welche  andere  aufnehmen  oder  umge- 
kehrt ,  aufnehmen ,  welche  andere  auslailen, 
fo  haben  üe  nicht  einerlei  Begriff  vom  Wefen 
des  Goldes,  welches  daher  ihr  eignes  nicht 
aber  ein  Product  der  Natur  ift, 

§•      02. 

Je    allgemeiner     die    Begriffe    find, 
defto  unvollständiger  find  fie. 

Wenn  das  Nominalwefen  der  unterften  Ar- 
ten in  Anfehung  der  Anzahl  der  einfachen 
darin  enthaltenen  Vorftellungen  von  dem 
Verftande  abhängt,  fo  ift  das  noch  mehr  der 
F3II  mit  den  noch  allgemeinern  oder  den  Gat- 
tungsbegriffen. Diefe  find  abfichtlich  unvoll- 
ftandig,    infofern    Eigen  fchaften  ,    welche   in 

den 


Seclifies   Kapitel.  41? 

den  einzelnen  Dingen  vorkommen,  nicht  mit 
aufgenommen  werden.  So  wie  der  Verftand 
um  mehrere  Individuen  in  allgemeine  Begriffe 
zufammenzufaffen ,  Zeit,  Ort  und  andere  Um- 
fiände  ausläfst,  welche  fie  nur  auf  ein  Indivi- 
duum einfchränken  würden,  fo  fanden  er  auch 
in  den  Artbegriffen  diejenigen  Merkmale,  wel- 
che nur  einer  Art  angeboren,  von  denen  ab, 
welche  allen  gemeinfchaftlich  find,  und  bildet 
daraus  die  Gattungsbegriffe,  So  entfteht  der 
Begriff  Metall,  der  Gold,  Silber  und  noch 
mehrere  Arten  von  foleben  Körpern  unter  fich 
begreift.  Das  VVefen  diefer  Gattung  ift  diefer 
abftrakte  Begriff,  der  nur  die  Schmelzbarkeir, 
Schlagbarkeit,  einen  gewiff  n  Grad  von  Ge- 
wicht und  Fettigkeit,  worin  alle  diefe  Körper 
iibereinftimmen ,  aber  kein  Merkmal,  welches 
dem  Gold  oder  Silber  allein  angehörte,  ent- 
hält. Bei  diefer  Bildung  wird  kein  Mufrer, 
welches  die  Natur  aufgeteilt  hätte,  befolgt, 
denn  es  giebt  keinen  folcheu  Körper  in  der 
Natur,  der  nur  die  Gittungsmerkmale  in  fich 
vereinigte»  Durch  eine  Gattung  wird  kein 
neues  Ding  gemacht,  fondern  nur  ein  Zeichen 
von  gröfsern  oJer  kleinern  Umfang,  um  damit 
eine  Anzahl  von  Individuen,  welche  in  dem 
allgemeinen  Begriff  einftimmig  find  ,  auszu- 
drücken» Es  ift  leicht  zu  bemerken,  dafs  ein 
allgemeineres  Zeichen  allezeit  einen  unvollfiän- 
digern  Begriff  ausdrückt ,  und  die  Gattung  nur 
Dd  2  einen 


4jo  Duttes  Buch. 

einen  Theil  von  dem  Inhalte  der  untergeord- 
neten Arten  in  Geh  fafst.  Wenn  man  diefe 
allgemeinen  B  gtiffe  vollftändig  npuiu,  lu  kana 
es  nur  in  Beziehung  auf  das  beftimmtp  Verhält- 
nis zwifchen  ihnen  und  ihren  Sprithzeichen, 
nicht  in  Beziehung  auf  ein  exiftierendes  Ding 
gefchehen. 

§.     33- 

Alles  diefes  beziehet  Geh  auf  den  wahren 
Zweck  der  Sprache,  welche  kein  anderer  ift, 
als  die  leichtefte  und  kürzefte  Art,  die  Gedan- 
ken auszudrücken.  So  braucht  einer  nichts 
als  das  Wort  Körper,  um  alle  diejenigen  Din- 
ge zu  bezeichnen,  welche  in  Anfehung  der 
Dichtheit  und  Ausdehnung  in  einem  Begriff 
einstimmig  find}  verbindet  er  damit  die  Merk- 
male, Lebe«  ,  Empfindung  und  willkührliche 
Bewegung,  fo  zeigt  er  mit  dem  Wort  Thier 
alle  diejenigen  Wefen  an  ,  welche  diefe  Eigen« 
fchafteh  gemeinfehaftlich  befitzen.  Dies  ift 
die  eigentliche  Beftimmung  der  Arten  und 
Gattungen.  AhF  das  reale  Wefen  und  die 
Tubftai  ziellen  Formen  wird  dabei  gar  keine 
Rücklicht  genommen. 

§•     34 

Ich  Tab  vor  einiger  Zeit  in  St.  James  Park 
einen  Vögel,  ungefähr  drei  bis  vier  Fufs  hoch, 

be 


Sechfies  Kapitel.  431 

bedeckt jfmit  einem  Mitteldinge  zwifchen  Fe- 
dern und  Haaren,  von  dunkelbrauner  Farbe, 
ohne  Flügel,  anftatt  derfelben  zwei  odpr  drei 
Aeftchen.  die  wie  Spröfslinge  am  Spanifchen 
Genifte  hervorkamen;  mit  grofsen  langen  und 
dreikrallichten  Füfsen ,  und  ohne  Schwanz. 
Diefe  lange  ßefchreibung  ift  nothwendig,  um 
mich  andern  verftändlich  zu  machen.  So- 
bald  ich  aber  weifs,  dafs  der  Name  des  Vogels 
Cafuar  ift,  fo  kann  ich  diefes  Wort  an  ftatt 
jener  gebrauchen.  Wenn  es  aber  gleich  ein 
fpecififches  Wort  ift,  fo  erfahre  ich  durch  daf- 
felbe  von  der  Natur  und  dem  Wefen  diefer 
Vogelart  doch  nicht  mehr ,  als  ich  vorher 
wufste. 

§.     35- 

Die  Men  fchen  bil  den  die  Arten  uno 
Gattung  en. 

Es  ift  aus  dem  Gefagten  deutlich,  dafs  die 
Menfchen  die  Arten  und  Gattungen 
der  Dinge  bilden.  Denn  da  die  Ver- 
Tchiedenheit  der  Arten  und  Gattungen  allein 
durch  die  Verfchiedenheit  des  Nominalwefens 
beftimmt  wird,  fo  folgt,  dafs  diejenigen, 
welche  die  abftrakten  Begriffe,  worin  das  No- 
minalwefen  beftehet,  bilden,  auch  die  Arten 
und  Gattungen  bilden.  WeDn  eio  Stück  Gold 
gefunden  würde,  welches  alle  Eigenfchaften 
Dd  3  der- 


4*2  Piittes  Buch. 

derPelben  aufser  der  Schlagbatkeit  hätte,  fo 
würde  die  Frage  entftehen,  ob  es  Gold, 
ob  es  zu  diefer  Art  gehöre;  diefe  könnte  aber 
nicht  anders  als  nach  deui  mit  dem  Worto 
verbuudeuon  abftrakten  Begriffe  entfchieden 
werdpri.  Es  würde  Gold  für  den  feyn  ,  der 
dis  Merkmal  der  Schlagbarkeit  aus  feinem  Be- 
griff ausgefchloffen  j  es  würde  kpin  ächtos 
GoJd  für  den  feyn ,  der  es  in  denlelben  aufge- 
nommen hätte.  Bilden  alfo  nicht  IMenfchen  die 
fo  verfchiedenen  Artbegriffe,  welche  mit  einem 
und  demfelben  Namen  bezeichnet,]  werden? 
Die  Exiftenz  eines  Körpers  mit  allen  Eigen- 
fchaften  des  Goldes  ohne  die  Schlagbarkeit, 
ift  auch  keine  blof>e  Hypothefe,  da  es  gewifs 
ift,  dafs  das  Gold  zuw<  ilen  fo  fprode  ift,  dafs  ei 
fo  wenig  als  das  Glas  fich  hämmern  läfst.  Was. 
wir  von  einer  Eigenschaft  des  Goldes  gefag.S 
haben,  das  gilt  auch  von  allen  übrigen. 

§.  36> 

Von  der  Natur  rührt  dieAehnlich- 
k  e  i  t  her« 

Alles  kommt  mit  einem  Wort  darauf  hin- 
aus. Die  Natur  bildet  mehrere  Indi- 
viduen, welche  in  vielen  wahrnehm- 
bareu  Eigenfeh  aften,  wahrscheinlich 
auch  in   ihrer    innern  Natur  üb  ere  in  ftim- 

men 


Sechßes  Kapitel.  423 

tnen«  Aber  diefes  reale  Wefen  ordnet  fie 
nicht  in  Arten  und  Gattungen,  fondern  die 
IVIenfchen  thun  diefes  auf  Veranlagung  jener 
wahrnehmbaren  Eigenfchaften  ,  die  in  de» 
Dingen  vereiniget  find  ,  um  lieh  des  Vortheils 
allgemeiner  Wortzeichen  zu  verfichern. 

§•     37. 

Ich  will  keineswegs   behaupten,     dafs  die 
unaufhörlich    bildende   Natur  immer  neue  und 
andere  Dinge  hervorbringe;   fie  bildet  fie  a  11er- 
diugs  fehr  ähnlich  und  mit  einander  verwandt: 
aber  es  ift,    wie   mich  dünkt,    demungeachtet 
wahr,  dafs  die  Grenzlinien   zwifchen   den  Ar- 
ten und  Gattungen  nur  von  den  IMenfchen  ge- 
zogen werden.     Denn   die  Begriffe  von  dem 
Wefen  derfelben^  die  durch  die  Verfchiedenheit 
der   Worte    unterfchieden   werden,    find    das 
Product   des    inenfchlichen    Verftaudes  ,     und 
entfprechen  der  innern  Natur  der  Dinge,   von 
denen  fie   hergenommen  find,  feiten  vollkom- 
men» 

§.     38. 

Jeder  abftrakte  Begriff  ift   ein  Wg- 
f  e  n. 

In  diefer  ganzen  Lehre  wird  ohne  Zweifel 

die  Folgerung,  dafs  jeder  abftrakte,  mit 

Dd  4  ei- 


424  Drittes  Buch. 

einem  Worte  bezeichnet«  Begriff 
eine  befondere  Art  und  Gattung  be- 
nimmt, fthr  paradox  vorkommen.  Genug 
die  Wahrheit  erfoilert  es.  Jener  S;vtz  bleibt 
alfo  ftehen,  bis  uns  jemand  zeigt ,  dafs  die 
Arten  und  Gattungen  durch  etwas  anders  be- 
ftimmt  werden,  und  dafs  die  allgemeinen 
Sprachznchpn  etwas  anders  als  unfre  abftrak- 
ten  Begriffe  bezeichnen» 

§.    59- 

Wie  fehr  die  Bildung  der  .Arten  und  C<at 
tungpn  mit  den  allgemeinen  Worten  in  Yer- 
hältniis  ftehet,  und  wie  unentbehrlich  die 
letztem,  wo  nicht  zur  Wirklichkeit  doch  zur 
Vollständigkeit  und  Anerkennung  der  erfrern 
Gnd,  erhellet  noch  aus  eiueA  bekannten  Bei- 
Fpiele.  Uliren,  die  fchlagen  und  nicht  fchlagen, 
machen  für  denjenigen  ,  der  nur  ein  Wort  für 
beide  hat  ,  nur  eine  Art,  zwei  Arten  aber  für 
denjenigen  aus,  der  zwei  Worte,  (.wie  im  Engli- 
ichen  clock  und  watch)  und  daher  auch 
zwei  deutliche  Begriffe  hat.  Vielleicht  wird 
man  Tagen,  der  innere  Mechanismus  und  Bau 
fey  in  dielen  beiden  verfchieden ,  und  der 
Künftler  habe  eine  deutliche  Verftellung  davon. 
Gleichwohl  machen  beide  nur  eine  Art  ausf 
wenn  nur  ein  Wort  für  beide  vorhanden  ift» 
Und  was    ift  in  dem   innern  Mechanismus  er- 

fo- 


Secttfitrs  Kapitel.  43^ 

foderlich,    um   eine  neue  Art  zu  bilden?   Es 
giebt    Uhren    mit    vier  und  fünf  Rädern,      Ift 
dies  ein  fpecifilcher  Unterfchied  für  den  Künft- 
ler?  Einige  haben  Stricke,  andre  nicht  j   einige 
werden  durch  bewegliche  Perpendikel,  andere 
durch  Springfedern,  andere  durch  Schweinsbor- 
ften    in    Bewegung    gefetzt.       Sind   diefe   und 
andere   Veränderungen   in    dem    Mechanismus 
für  den  Künltler,  der  fie  kennt,   fchon  fpecifi- 
fche  Unterfchiede?  So  viel  ift  gewifs  ,  dafs   fie 
ficht  wirklich  von  einander  unterlcheiden;  ob 
aber  der  Unterfchied  wefentlich  und  fpecififch  ift 
oder  nicht,   das  kommt  allein   auf  den   zufam- 
mengefetzten  Begriff  einer  Uhr  an.     So  lange 
diefer  mit  feinem  Sprachzeichen  nicht  verfchie- 
dene  Arten  unter  fich  begreift,    find  diefe  Uh- 
ren weder   wefentlich  noch  fpecififch  verfehle* 
den;  dann  aber  wenn  einer  nach  Verfchieden- 
heit    des    innern   Baues  feinere  Einteilungen 
macht,    diefe    Unterfchiede    in    Begriffe    und 
Worte  fafst,  emftehen  neue  Arten  ,  unter  wel- 
che die  Uhren  geordnet  werden,  und  das  Wort 
Uhr    wird     ein    Gattungswort.       Diefe    Arten 
Würden  aber    doch   nur    für   denjenigen,    der 
aufser  der  äufsern  Geftalt  auch  Kenntnifs  von 
dem    innern    Mechanismus    diefes  Kunftvverks 
hätte,  deutlich],  für  andere  hingegen  nur  fyno- 
nyine  Worte  für  denfelben  Begriff  feyn.      Ge- 
rade fo  ift  es  auch  mit  den  natürlichen  Dingen. 

Dd  5  §.  4°» 


4-tf  Drittes  Buch. 

§.    40.  41. 

Die    Arten     der     Kunft  werke    find 
weniger  undeutlich,  als    die  der 

Natutwcfen- 

Aus  dem  Gefaxten  erhellet  der  Grund,  war» 
um     in    den     Arten    der     Kunft  werke 
weniger  Verwirrung    und    Ungcwifs- 
heit     als     in     denen     der      INaturpro- 
duete      herrfcht.      Denn     ein    Kunft  werk 
ift  ein  menfchlichcs  Produci,  von  einem  Ki'inft- 
ler  entworfen  ,   dem  daher   der  Begriff  davon 
genau  bekannt    ift.     Das   Sprachzeichen   dafür 
wird    fo   angefehen ,    dafs    es    [seinen   andern 
Begriff,   kein  anderes    VVefen   bezeichnet,    als 
welches    mit     Gewifsheit    erkennt  und  leicht 
von  andern  unterichieden  werden   kann.      Der 
Begriff  und   das   Wefen  eines  Kunftwerkes  be- 
fleht meiftentheils  nur  in  der  beftimmten  Form 
äußerer  Theile,  zuweilen  auch   in  der  davon 
abhängigen    Bewegung,     wozu    der    Künftler 
feinem   Zwecke  gemiils  die  Materie  einrichtet» 
Von  diefein  allen  einen    deuiiichen  Begriff  zu 
raffen,  überfteigt  nicht  das   Vermögen  unferer 
Kräfte  ,     und    daher    kann   die  Bedeutung  der 
Worte,  wodurch  die  Arten  der  Kunftproduc- 
te  unterschieden  werden,  mit  mehr  Gewifsheit, 
Klarheit  und  Befrimmtheit,  feltgefetzt  werden, 
als  bei  iSaturproducien  möglich  ift,  deren  Un. 

ter: 


Sechfies  Kapitel.  427 

terfchiede  und  Wirkungen  von  einem  uns  un- 
erforfchlichen  Mechanismus  abhängen.  —  Man 
wird  mich,  entfchuldigen  ,  wenn  ich  annehme, 
dafs  Kunftwerke  eben  fo  gut  als  Naturwefen 
von  beftimmten  Arten  find.  Denn  ich  finde, 
dafs  fie  gerade  fo  wie  die  letzten  durch  ver- 
fchiedene abftrakte  Begriffe  in  verfchiedene 
Arten  geordnet  werden.  Warum  follte  man 
nicht  eine  Piftole  und, eine  Uhr  für  zwei  eben 
fo  verfchiedene  Arten  als  Pferd  und  Hund 
halten? 

§♦     42» 

Subftanzen    allein      haben     eigene 

Namen,  . 

1 
Diefes  verdient  noch  bemerkt  zu  werden, 
daTs  es  unter  allen  Arten  von  Begriffen  nur  für 
Subftanzen  allein  eigene  Namen  giebt, 
wodurch  ein  einzelnes  Individuum  von  ihnen 
angezeigt  wird.  Der  Fall,  dafs  man  diefes 
nöthig  hätte,  kommt  bei  den  einfachen  Vor- 
ftellungen,  den  gemifchten  Beftimmungen  und 
Verhältniffen  feiten  vor.  Aufferdem  find  die 
gemifchten  Beftimmungen  gröfstentheils  Hand- 
lungen ,  welche  in  ihrem  Entftehen  fchoa 
wieder  verfcbwinden ,  und  daher  keiner  lan- 
gen Dauer  fähig  find ;  dahingegen  die  Subftan- 
zen alswiikende   Wefen  beharrlich,  find, 

§.43* 


42?  Drittes    Buch. 

§•    43. 

Ich  mufs  den  LeCer  um  Verzeihung  bitten, 
dafs  ich  mich  fo  lange  bei  diefem  Gegenftande 
aufgehalten  und  doch  vielleicht  nicht  alle 
Dunkelheit  vermieden  habe.  Aber  man  be- 
deuke  nur  die  Schwierigkeit,  einen  an- 
dern durch  Worte  auf  das  Denken 
eines  Dinges  '  hin  zu  führen,  in  dem 
alle  fpecififchen  Unterfcheidungs- 
merkmale,  die  wir  ihm  crft  beige- 
legt u^aben,  abgefondert  werden.  Ich 
fage  gar  nichts  ,  wenn  ich  diefe  Dinge  nicht 
benenne ,  und  thue  ich  das  lctite,  fo  bringe 
ich  de  unter  die  eine  oder  andere  Gattung, 
und  erwecke  bei  andern  die  gewöhnlichen  ab- 
ftrakten  Begriffe  derfelben,  j  welches  jenem 
Zweck  Abbruch  thut.  Es  wäre  eine  leere 
Spielerei,  wenn  mau  von  einem  Menfchen 
fpräche,  und  doch  zu  gleicher  Zeit  von  der 
Bedeutung  des  Worts  d,  h,  von  dem  daran 
geknüpften  zufammen^efetzten  Begriff,  abftra- 
hirte,  oder  von  dem  Lefer  verlangte,  er 
follte  (ich  den  Menfchen  denken  ,  wie  er  an 
fich  befchaffen,  und  durch  feiue  innere  Natur, 
durch  fein  reales  Wefen ,  das  ift  durch  etwas, 
wovon  man  keine  beftimmte  Erkenntnifs  hat, 
von  andern  Dingen  real  verfchieden  iß.  So 
inu^te  aber  doch  derjenige  verehren,  der  von 
dem  realen  Wefen  ,  den  Arten  und  Gattun- 
gen 


Sechfies  Kapitel.  394. 

gen  der  Dinge  als  Natureinrichtungen  reden 
wollte,  wenn  er  auch  keinen  andern  Zweck 
hätte,  als  begreiflich  zu  machen,  dafs  durch 
die  an  die  Subftanzen  geknüpften  allgemeinen 
Sprachzeichen  nichts  dergleichen  angedeutet 
werde.  *) 


Siebentes  Kapitel. 

Von     den     Partikeln. 


§>    1. 

Die  Partikeln  verbinden  die  ein- 
zelnen Redetheile  und  ganze 
Sätze. 

-t»ufser  den  "Worten  zur  Bezeichnung  der  Vor- 
fiellungen giebt  es  noch  eine  grofse  Menge  an- 
derer, welche  dazu  belHmmt  find«    die  durch 

den 

*)  Die    folgenden  §.    bii   zu  Ende   diefes  Kapitels 
enthalten  nichts  als  Wiederholungen. 


4Jo  Diittes  Buch. 

den  Verfiand  zwifchen  Begriffen  und  Sätzen 
geftiftple  V  erbinduug  anzuzeigen.  DerVeifbnd 
braucht,  uin  feine  Gerfat.ken  mitzutheilen,  nicht 
nur  Zeichen  für  die  Begriffe,  die  er  eben  jetzt 
hat,  fondern  auch  für  feine  eigene  befondere 
Handlung,  die  er  in  derfelben  Zeit  an  diefefli 
Begriffen  ausübt.  Diefe  Hundlungen  find  fehr 
mannichLltig.  So  bedeutet  das  i  (t  «nd  i  ft 
nicht  Bejahung  und  Verneinung.  INiüchftdem 
aber  verbindet  der  Verftand  nicht  allein  die 
Theile  eines  Satzes  ,  fondern  auch  ganze  Sätze 
mit  ihren  Beziehungen  und  Befiimmungen, 
um  eine  zufammenhängende  Rede  daraus  zu 
machen. 

§.      2. 

Die  Wojte,  wodurch  die  Verbindung  Zwi- 
lchen den  verfchiedenen  bejahenden   und  ver- 
neinenden Sätzen  einer  zufamrnenbängenden  Re- 
de angezeigt  wird,  heifsen  gewöhnlich  Partikeln, 
auf    deren    rechten    Gebrauch    vorzüglich    die 
Deutlichkeit  und  Schönheit  der  Schreibart  be-  • 
ruhet.       Das  richtige  Denken    erfodert  mehr, 
als   das  Dafejn    klarer    und  deutlicher  Begriffe, 
oder  die  Beachtung  der  Uebereinftimmung  und 
TSich;übereinftiiumung   einiger  derielben ,    fon- 
dern man    mufs    im    Zufammenhange   denken, 
und  die  Abhängigkeit  des  einen  Gedankens,  des 
einen  SthluiTea  von  dem  andern  wohl  einfehen. 
Um  diefes  Denken  durch   Worte   ausdrücken, 

ZU 


Siebentes  Kapitel.  431 

zn  können,  muffen  Worte  vorhanden  feyn, 
welche  #lie  Verbindung,  Einfchränkung,  Un- 
terfebeidung,  den  Ge,-.enfatz  und  Nachdruck  je- 
de. Theils  der  Rede  anzeigen.  Ein  irriger  Ge- 
brauch diefer  Wörter  mafs  nur  den  Lefer  ver- 
wirren, anftatt  ihn  zu  belehren.  Daher  iß  ihr 
Gebrauch  ,  ob  fie  gleich  keine  Vorftellungen 
ausdrücken  ,  dennoch  fo  unentbehrlich  und 
von  fo  grofsem  Einflufs  auf  den  richtigen  Aus- 
druck. 

Diefer  Theil  der  Sprachlehre  ift  vielleicht 
eben  fe  fehr  vernachläffi^et,  als  andere  mitun- 
verhältnirsmäffigemFleifs  bearbeitet  worden  find. 
Es  ift  jetzt  etwas  leichtes,  über  das  Gefchlecht, 
dieCafus  und  Zeitwörter  zufchreiben;  felbftdie 
Partikeln,  als  die  Vorwörter  und Veirbindungs- 
wörter  u.  f,  w.  find  in  vielen  Sprachen  mit 
grofsem  Anfchein  der  Gründlichkeit  nnteT  Klaf- 
fen gebracht;  allein  es  koftet  weit  mehr  Mühe, 
den  rechten  Gebrauch,  die  Bedeutung  und  den 
Kachdruck  der  Verbindungswörter  zu  zei°en, 
und  man  mufs  zu  dem  Ende  über  fein  eigenes 
Denken  und  deffen  verfchiedene  Modifikatio- 
nen nachdenken. 

§,     4- 

Sie  werden  keinesweges  dadurch  hinläng- 
lich erklärt,  wenn  man    fie,  wie   es    gewöhn- 
lich 


4J2  Dliiic«    Buch. 

lieh  in  Wörterbüchern  gefchiebt,  durcH  Worte 
anderer  Sprachen  überfetzt ,  die  ihnen  an  Be- 
deutung am    nächften   kommen.       Denn    es  ift 
ineiftens  in  der  einen  Sprache  fo  fchwer,   als  in 
der    andern ,     ihre   Bedeutung   verfb'ndlich    zu 
machen.     Sie  find   Zeichen  für  gewifle  innere 
Handlungen  des   Verfiandes,    und    fie   können 
daher  ohne    fleiffiges    Studium    der    Anfachten, 
Standpunkte)    Wendungen,    Einfchränkungen, 
Ausnahmen    und    anderer   Modifikationen    de* 
Denkens,  für  welche  es   entweder  keine   oder 
nur  mangelhafte  Sprachzeichen   giebt,  verßan- 
den    werden.       Die  Anzahl  der    Verbindung« 
wörter  ftehot  mit  diefen  in  keinem  Verhältnifs; 
und  daher  ift  es  kein  Wunder,    dafs   viele  Par- 
tikeln   verfchiedene    oft   entgegengefetzte  Be- 
deutungen haben. 

I.     5- 

Buc  ift  eins  der  bekannteren  Wörter  der 
englifchen  Sprache.  Es  ift  eine  discretiveCon- 
junetion  ,  welche  dem  lateinifeben  fed,  dem 
franzofifchen  mais  entfpricht  ♦  diei  ift  die  ge- 
wöhnliche Erklärung-  Mir  fcheint  es  dagegen 
verfchieden«  Verhältnifle  zwifchen  manchen 
Sätzen  und  ihren  Theilen  auszudrücken.  Als 
l)  einen  StiJlftand  in  dem  Gange  des  Räfonne- 
ments,  ehe  es  bis  zum  Ende  fortgeführt  ift; 
2.  B.  but  to  fay  n  o  more.  2)  Die  Ein- 
rchränkung  der  Bedeutung  eines  Ausdrucks  mit 

Aus- 


Siebentes  Kapitel,  '<l$3 

Ausfchliefsung  jeder  andern:  ifaw  but  two 
Planus.  3)  Die  Annahme  von  etwas  andern, 
als  angenommen  werden  follte  :  you  pray: 
but  it  is  not  that  God  would  bring 
youtothetrüe  Religion,  4)  Den  gera- 
den Gegenfatz  von  dem,  was  vorhergeht:  bufc 
that  he  would  confirm  you  in  your  own.  5) 
Die  SiibTumtion  unter  einen  Oberfatz:  all  Am- 
in als   bave  fenfe:  but  a  Dog  iß  an  Animal» 

§.     6, 

Ich  zweifle  nicht ,  dafs  diefe  Bedeutungen 
BOch  mit  vielen  andern  vermehrt  werden  könn» 
ten,  wenn  ich  fie  vollständig  unter  Tuchen  woll- 
te; und  dann  dürfte  diefe  Partikel  wohl  fchwer- 
Iich  die  Benennung,  dlscreiiv,  durchgehende 
verdienen.  Diefe  ßeifpiele  nsÖ^en  aber  hinrei- 
chen, um  die  Aufmerkfatnkeit  auf  den  Gebrauche 
und  die  Bedeutung  diefer  Wörter  ,  und  die" 
Handlungen  des  Verftandes  zu  lenken,  welche 
dadurch  gewifferrrafsen  offenbaret  werden,  da 
einige  Partikeln  beftändig,  andere  nur  in  ge- 
wiffen  Verbindungen  ,  die  Bedeutung  eine£ 
ganzen  Satzes  in  lieh  fchliefsen. 


Locke'$,  II,  Theil.  £6  4cn* 


434 

Achtes  Kapitel. 

Von  abftracten  und  concreten  Worten. 


§.    i. 

Abftracte  Worte  können  nicht  von 
einander  ausgefagt  werden. 

■L'ie  Betrachtung  der  gemeinen  Worte  einer 
Sprache  und  ihres  gewöhnlichen  Gebrauchs  hät- 
te fchon  Licht  über  die  Natur  unterer  Begriffe 
verbreiten  muffen  ,  wenn  fie  mit  Aufmerkfam- 
keit  wäre  angeftellt  worden.  Der  Verftand  hat 
da.s  Vermögen,  feine  Bpgriffe  abftrakt  zu  ma- 
chen, und  auf  diefe  Art  werden  fie  Begriffe 
für  da«  Wefen  und  das  allgemeine  Wefen ,  wo- 
durch die  Dinjie  in  Arten  und  Gattungen  unter- 
fchieden  werden.  Da  nun  jeder  abftracte  Be- 
griff To  beftimmt  ift,  dafs  von  jeden  zweien  der 
eine  nicht  der  andere  feyn  kann ,  fo  mufa  der 
Verftand  ihren  Unterschied  anfchaulich  wahr- 
nehrnen.  Daher  können  in  Sätzen  nicht  zwei 
abftrakte  Begriffe,  wenn  üe  auch  noch  fo  na- 
he verwandt  find ,  ganz  von  einander  bejahet 
werden.  Diefes  finden  wir  fchon  in  dem  ge- 
meinen Sprachgebrauche  beftätiget.  So  gewifs  (' 
es  ift,  dafs  der  Menfch  einThier  oder  vernünf-  ' 
tig  ift,  fo  gewifs  leuchtet  auch  jedem  unmittel-  !jt 

bar 


Achtes  Kapitel.  435 

bar  die  Falfchheit  der  Sätze:  die  Menfch- 
heit  ift  die  Thierheit,  die  Vernünf- 
tigkeit, ein.  In  allen  unfern  bejahenden 
Sätzen  wird  alfa  nicht  ausgefagt,  dafs  ein  ab- 
ftracter  Begriff  ein  anderer,  fondern  nur  dafs 
einer  mit  dem  andern  verbunder  Cejr.  Dieab- 
Itracten  Begriffe  können  bei  Subft  nzen  Arten 
und  Gattungen  bedeuten,  gewöhnlich  aber  zei- 
gen (je  Vermögen,  und  fonft  ausfchliefsend  Ver* 
hältniffe  an»  Der  Menfch  ift  weifs,  bedeutet, 
das  Ding  ,  welches  das  Wefen  eines  Menfchen 
behtzt,  befitzt  auch  da*  Wefen  der  Weifse  in 
lieh  ,  d.  i.  das  Vermögen,  die  Weifse  Farbe  in 
einem  empfänäüchen  Auge  hervorzubringen; 
der  Menfch  ift  vernünftig  ,  heifst,  er  beüttt 
das  Wefen  der  Vernünftigkeit,  d.  h.  das  Vef> 
mögen,  zu  fchhefsen. 

§.      2. 

Diefer  Unterfchled    in    den   Worten  zeigt 

uns  auch   einen  Unterfchied  in  den  Begriffen, 

Denn   wir  bemerken,     dafs    es    für    unfre 

1  einfachen  Vorftellungen   fowohl  a  b- 

I  firakte  als  concrete  Worte,  oder,  nach 

;  den  Ausdrücken  der  Sprachlehre,  fowohl  Sub- 

!  ftantive  als  Adjective   giebt*    z    B     weifs,  die 

I  Weifse,    füfs,    die  Süfsigkeit.      Eben   das  gilt 

auch  von  den  Begriffen  der  ßeftimmungen  und 

1  VerhähniiTe,  als  gerecht,  Gerechtigkeit;  gleich, 

£  e  2  Gleich- 


4$S  Drittes  Buch. 

Gleichheit;  nur  mit  dem  Unterschiede,  daTs  ei- 
nige concrete  Worte  von  VerhältniiTen  vorzüg- 
lich der  Menfchen  ,  Subftantive  find ,  z.  B.  die 
Vaterfchafc :  wovon  fich  der  Grund  leicht  an- 
geben !ärst.  Für  Begriffe  von  Subftanzen  hin- 
gegen giebt  es  wenig  oder  gar  keine  abftracten 
Worte.  Derm  ub«leich  die  Schulen  die  Th  ier- 
h  e  i  t ,  die  Meiifrhheit,  tii'  K  9  i  p  <•  r  1  i  c  h- 
keit  mit  einigen  andern  der  Art  eingeführt  ha- 
ben, fo  Rehen  fie  doch  in  keinem  Verhältnis 
mit  der  Ui. zählbarkeit  de»  Subftanzen.  Ai*ch 
machte  die  Schule  nie  den  lächerlichen  Verhieb, 
für  alle  Subftanzen  abfiractc  Worte  zu  bilden, 
und  die  wenigen,  die  fie  erfunden  hat,  find 
nie  über]  die  Schule  gekommen,  oder  mit  all- 
gemeiner Beiftimmung  in  den  getneiuen  Sprach- 
gebrauch aufgenommen  worden.  Hierin  fcheint 
mir  einGeftändnifs  der  Menfchen  zu  liegen,  dafs 
fie,  fo  wie  keine  Worte,  fo  auch  keine  Begriffe 
für  das  reale  Wefen  der  Subftanzen  haben;  und 
gewifs  würde  es  an  den  erfien  nicht  fehlen, 
wenn  fie  nicht  das  Bewufstfevn  ihrer  L'nwiflen- 
heit  von  dem  vergeblichen  Verhiebe  zurückge« 
halten  hätte.  Ungeachtet  fie  daher  genug  Be- 
griffe hatten ,  um  Gold  von  Steinen,'  und  Me- 
talle vom  Holze  zn  unterfcheiilrn  ,  fo  wagten 
fie  doch  nur  mit  grofser  Schüchternheit  Worte, 
wie  aurietas,  faxietas,  metalliet.is,  lignietas  und 
ähnliche  zu  bilden ,  welche  das  reale  Wefen 
diefer  Subftanzen,    wovon   es    keinen  Betriff 

giebt 


Achtes  Kapitel,  ^ 

giebt,  anzeigen  zu  sollen  fcheinen*  In  det 
That  war  es  blofs  die  Lehre  von  den  fubftan- 
tiellen  Formen  und  der  Wahn  einer  Erkennt- 
nifs,  was  zuerft  die  Ausdrücke  Thierheit  und 
Menfchheit  prägte  und  einführte,  oh  üe  gleich 
nie  bei  dem  gemeinen  Menfchenverftande  ihr 
Glück  machten,  Humanität  war  freilich  bei 
den  Römern  ein  gewöhnliches  Wort ,  aber  in 
einer  ganz  andern  Bedeutung,  und  bezeichne- 
te das  Abftract«  von  einem  Accidenz,  nicht  vott 
einer  Subfianz,  von  humanus  und  nicht  von 
homo» 


Neuntes   Kapitel, 

Von  der  Unvollkommenheit  der 
Worte, 


Die  Worte  werden  entweder  zns 
Wiedererinnernng  oder  zur  Mit- 
theilung derGedanken  gebraucht»' 

i*us  dem  ,  was  wir  in  den  vorhergehenden 
Kapiteln  gefagt  haben,  läfst  lieb  leicht  einfe- 
Ze  3  henÄ 


438  Drittel  Buch. 

hen ,  welche  Unvollkoramenheit  der  Sprache 
anhängt,  und  dafs  die  Ungewißheit  der  Bedeu- 
tung einiger  Worte  von  ihrer  Natur  faft  unzer- 
trennlich ift.  Die  Unterfuchung  iiber  die  Voll- 
kommenheit oder  Unvollkommenheit  der  Wor- 
te fetzt  aber  eine  andere,  über  ihren  Zweck 
und  Gebrauch,  voraus;  denn  je  mehr  oder  we- 
niger fie  ihrea  Zweck  erreichen  ,  defto  mehr 
oder  weniger  vollkommen  find  fie.  Diefer 
Zweck  ift  nach  dem  vorhergehenden  gedoppelt, 
die  Erinnerung  unferer  Vorfiellungen  und  die 
Mittheilung  derfelben  an  andere. 

Für  den  erften  Zweck  Gnd  alle  und  jede 
Worte  ohne  Unterfchied  tauglich.  Denn  da 
die  Töne  willkührliche  Zeichen  der  Vorftel- 
lungen  find,  fo  kann  Jeder  beliebigen  Gebrauch 
von  Worten  machen ,  um  fie  für  lieh  felbft  zu 
bezeichnen.  Hier  kann  keine  Unvollkounnen- 
heit  ftatt  finden,  wenn  er  nur  befländig  einer- 
lei Zeichen  für  einerlei  Vorftellung  gebraucht; 
denn  es  kann  alsdann  nie  fehlen,  dafs  er  fich 
felbft  verfteht  ,  und  die  Worie  haben  ihren 
Zweck  erreicht. 

*.    3. 

Die  Mittheilung  der  Vorstellungen  ift 
von  gedoppelter  Art,   eine  gemeine  und  ei 


Neuntes  Kapitel»  436 

ne  p  hilofo  phifche.     Unter  der  erden  ver- 
liehe ich  einen  folcheu  Umtaufch  von  Vorftel- 
lungen  und  Gedanken ,  als  die  gefellfchaftliche 
Unterhaltung    und   die  Gefchäfte  und  Bedürf- 
nilTe    des  bürgerlichen  Lebens   erfodern.     Die 
letztere  ift  derjenige  Gebrauch  von  Worten,  wo- 
durch beftimmte  Begriffe  von  den  Dingen  ge- 
geben ,  und  gewiffe  unbezweifelte  Wahrheiten 
in    allgemeinen    Sätzen    ausgedrückt   werden, 
welche  dem  Verftande  Befriedigung  bei  feinem 
Streben  nach  Erkenntnifs  gewähren.        Es  ift 
zwifchen  diefem   und  jenem  Gebrauche  in  An- 
fehung  der  gröfsern  oder  kleinern  Genauigkeit 
ein  grofser  Unterfcbied,   wie  wir  hernach  fe» 
hen  werden, 

§>     f 

Ungewiße  zweifelhafte  Bedeutung 
ift  die  Unvollkommenheit  der 
Worte.      Ur fachen  der felben. 

Der  Hauptzweck  der  Sprache  bei  der  Mit- 
theilung, der  Wunfeh,  verftanden  zu  werden, 
wird  weder  in  dem  gemeinen  noch  in  dem 
phiiofophifchen  Gebrauche  durch  folche  Worte 
fonderlich  erreicht,  welche  in  dem  Zuhörer 
nicht  diefelben  Vorftellungen  erwecken,  wel- 
che der  Sprechende  mit  ihnen  verband.  Da 
nun  die  Sprachlaute  keine  natürliche  Verknü- 
pfung mit  den  Vorfteilungen,  fondein  nur  durch 
Ee  4  will« 


44«  Drittes  Buch, 

willkührliche  Verbindung  ihre  Bedeutung  ha- 
ben, fo  h-it  die  oben  erwähnte  Unvollkommen- 
heit  der  Worte,  oder  das  Ungewilfe  und  Zwei- 
felhafte ihrer  Bedeutung  mehr  ihren  Grund  in 
clen  Verkeilungen,  als  in  den  Sprachzeichen. 
Denn  die  letzten  find  in  Anfehung  ihrer  Taug- 
lichkeit zur  Bezeichnung  der  Vorftelluugen  ein- 
ander vollkommen  gleich.  Es  mufs  alfo  dio 
UrTache,  dafs  die  Bedeutung  des  einen  Worts 
zweifelhafter  als  des  andern  ift ,  in  dem  Unter- 
-fchiede  der  Vorftellungen  liegen. 

Da  die  Worte  urfprünglich  keine  Bedeutung 
haben,  fo  mufs  die  durch  he  bezeichnete  Vor- 
ilellung  von  denjenigen  gelernt  und  behalten 
Werden ,  welche  ihre  Gedanken  umtaufchen, 
und  fich  mit  andern  verftändlich  unterhalten 
wollen.  Diefes  kann  aber  nicht  wohl  gefche- 
hen ,  I)  wenn  die  bezeichneten  Vorftellungen 
aus  einer  zu  grofsen  Anzahl  von  TheilvOrftel- 
lungen  zuTammengefetzt  find  ;  2)  wenn  fie  kei- 
ne gevvifle  Verbindunz,  alfo  kein  beftimmtes 
Object,  in  der  Natur  haben,  nach  dem  Ge  an- 
gepaßt und  berichtiget  werden  können.  3) 
Wenn  die  Bedeutung  eines  Worts  fich  auf  ein 
Object  beziehet,  das  nicht  leicht  erkennbar  ift. 
4)  Wenn  die  Bedeutung  eines  Worts  und  das 
teale  Wefen  eines  Dinges  nicht  vollkommen 

iden- 


Neuntes  KäpiteL  44 1 

adentifch  find.  Diefes  find  die  Schwier;'. 
len,  welche  die  Bedeutung  rerftändlicher  War- 
te betreiFen,  Die  Erwahnuns  ganz  unverftänd- 
Jieher,  als  der  Worte  für  einfache  \  Grftei'un- 
gen ,  wofür  Jemand  keine  Orgme,  keine  Fä- 
higkeit hat,  Worte  der  Farben  für  einen  Bün- 
den ,  gebort  nicht  hiebet.  — ■  Diefe  Unvoll- 
kommenheit  der  Worte  foll  jetzt  weitläufiger 
in  Beziehung  auf  die  verfchiedenen  Arten  der 
Vorftellungen  erklärt  werden.  Denn  es  wird 
lieh  ausweifen,  dafs  die  Worte  der  gemifchten 
Beftimmungen  wegen  der  zwei  erften ,  die 
\\  orte  der  Substanzen  hingegen  wegen  derzwei 
letzten  Gründg  vorzüglich  dieler  Unvollkorr.- 
nienheit  unterworfen  find» 

§.     6, 

ün  g  e  w  ifsheit    der    Worte    der   ge- 
iaifchten    B  eftim  m  un  gen« 

Viele  Worte  der  gemifchten  Beftimmungen 
haben  eine  fehr  ungewiße  und  zweifelhafte  Be- 
deutung ,  I)  weil  fie  zu  fehr  zufain- 
menge  fetzt  Ti  n  d.  Die  Worte  muffen  nach 
dem  Zweck  der  Sprache  eben  dieselbe  Vorftel- 
lung  in  dem  Zuhörer  erwecken,  welche  der 
Sprechende  durch  fie  bezeichnete  ,  woferne 
nicht  der  Kopf  mit  blofsen  leeren  Tönen  ange- 
füllt werden  foll,  die  keine  Vorftellungen  zu- 
führen. W'ena  nun  ein  Wort  eine  Vorhellung 
Ee  5  *.us 


442  Diittes  Buch. 

ausdrückt,  welche  aus  fehr  vielen  auch  fchon 
zufammengefetzten  lieftandtheilen  beftehet ,  fo 
können  die  Menfchen  diefelbe  nicht  immer  fo 
bilden  und  behalten,  dafs  das  Wort  in  dem  ge- 
meinen Gebrauche  immer  diefelbe  Vorftellung 
ohne  die  geringfie  Veränderung  ausdrückte.  Da- 
her haben  die  Worte  für  fehr  zufammengefetzte 
Vorftellungen  ,  dergleichen  ineiftentheils  die 
moralifchen  find,  bei  verfchiedenen  Menfche« 
feiten  durchaus  diefelbe  Bedeutung,  indem  ihre 
dadurch  bezeichneten  Vorftellungen  feiten  mit 
denen  anderer  Menschen  übereinfiimmen,  ja 
fogar  oft  bei  einem  Menfchen  die  heutigen  von 
den  geftiigen  abweichen, 

S,      * 

2)  Auch  deshalb  ift  ihre  Bedeutung  fehr 
veränderlich  und  zweifelhaft  ,  weil  es  in 
der  Natur  kein  Object  giebt,  wo- 
durch als  nach  einer  Regel  ihre  Be- 
deutung könnte  berichtiget  und  b  e  •  . 
ftimint  werden.  Der  Verftand  verbindet  in  ih- 
nen willkührlich  eine  Menge  Vorftellungen  nach 
eignen  Zwecken  und  Anflehten,  ohne  ein  exifti- 
rendes  Ding  zu  kopieren,  blofs  in  der  Abficht,  um 
Dinge,  infofern  fie  mit  diefen  Begriffen  überein- 
fiimmen, zu  benennen  und  zu  ordnen.  Derjeni- 
ge, der  die  Worte  Scherz,  Spafs,  Liebkofung  auf- 
brachte, fetzte  diele  Vorftellungen  nach  Gutbe- 
finden 


Neuntes  Kapitel.  445 

finden  zufammen.  Wie  es  jetzt  mit  neuen 
Modewörtern  ift,  fo  war  es  ehedem  mit  alten, 
als  fie  zuerft  eingeführt  wurden.  Solche  Wor- 
te muffen  daher  nothvyendig  von  ungewißer 
Bedeutung  feyn,  da  ihre  Beftandtheile  nir- 
gends in  der  Natur  beftändig  vereiniget  vor* 
kommen,  noch  ein  Original  vorbanden  ift, 
wonach  (ie  berichtiget  werden  könnten.  Was 
das  Wort  Mord,  oder  Kirchenraub  be» 
deutet,  kann  durch  keine  Anfchauung  de* 
Dinge  felbft  erkannt  werden.  Die  Abficht, 
die  Beziehung  auf  heilige  Sachen ,  welche  in 
jenen  Begriffen  mit  enthalten  ift,  ftehet  in 
keiner  nothvvendigen  Verbindung  mit  der  puf- 
fern Handlung,  und  wird  durch  diefe  auch 
nicht  fichtbar»  Das  (Losdrücken  des  Ge- 
wehrs ,  womit  der  Mord  ausgeübt  wird, 
ift  das  einzige  fichtbare  in  der  Handlung,  und 
doch  in  keiner  natürlichen  Verbindung  mit  den 
andern  Beftandtheilen  jenes  Begriffs.  Da  dief* 
nur  durch  den  Verfiand  in  einem  Worte  ver- 
bunden find,  aber  ohne  Regel,  ohne  Vorbild, 
fo  mufs  die  Bedeutung  folcher  Worte  bei  ver- 
fchiedenen  Menfchen  fehr  veränderlich  feyn, 
da  fie  keine  fefte  Regel  für  folche  willkühr? 
liehe  Begriffe  haben. 


$.    I. 


4.44  lautes    Buch. 

§.     8- 

U  e  jr  eigentliche  Sprachgebrauch 
ift  kein  hinreichendes  Ciyg  e.n* 
m  i  1 1  e. 

Der  gemeine  Sprachgebrauch  kommt  hier 
freilich  durch  die  Feftfetzung  der  Bedeutungen 
gewiflermafsen  zu  Hülfe  ;  und  diefes  reicht 
tum  wenigften  für  d?s  gemeine  Leben  hin, 
Da  aher  kein  Einzelner  das  Anlehen  har,  die 
Bedeutung  der  Worte  unabänderlich  zu  ent- 
fcht -iden,  oder  zu  beftimmen  ,  mit  welchen 
Begriffen  He  verknüpft  werden  follen ,  fo  ift 
der  gemeiue  Sprachgebrauch  unzureichend, 
den  Worten  Beftimmtheit  zu  geben  ,  wie  fie 
für  philoCophitche  Unterteilungen  gehört» 
Denn  es  giebt  kern  Wort  eines  zufarumeuge- 
feU  I       - iffs    (vielleicht    überhaupt  keines) 

welches  nicht  in  dem  geraeinen  Leben  einen  gröf- 
fern  Umpfang  hätte  ,  indem  es,  ohne  die  Gren- 
zen .feiner  eigentlichen  Bedeutung  zu  über« 
fchreiten,  als  Zeichen  ganz  verfchiedener  Be- 
griffe kann  gebraucht  werden.  Dazu  kommt 
noch,  dafs  felbft  keine  Regel  für  den  Sprach- 
gebrauch ieftgefetzt  ift»  und  oft  darüber  ge- 
ltritten wird,  ob  diefe  oder  jene  Bedeutung 
zum  eigentlichen  Sprachgehrauch  gehöre,  oder 
nicht.  Alles  diefes  beweifst,  dafs  die  Worte- 
diefer  Art  ihrer  Natur  nach  der  Unvollkom- 
men heit  einer   ungewißen  [und    zweifelhaften 

/  Be. 


2M«nutes  ^apitsl«  44.5 

Bedeutung  unterworfen  find,  und  felbß  bei 
denen,  die  den  Willen  haben,  einander  zu  ver- 
lieben,  nicht  immer  einerlei  Vorftellung  in' 
dem  Sprechenden  und  Hörenden  bezeichnen. 
Die  Begriffe  ,  welche  durch  die  Worte  R  ü  h  m, 
Dankbarkeit  ausgedrückt  werden,  weichen, 
obgleich  diefe  Laute  in  einem  Lande  vollkom- 
men ernartig  Gnd  ,  doch  bei  verfchiedene^ 
Menfchen  äugen  fcheinlich  fehr  ab. 

§'♦     $ 

Selbft  die  Art,  wie  diefe  Worte 
gewöhnlich  gelernet  werden,  trägt 
nicht  wenig  zur  Unbeftimmtheit  ih- 
rer Bedeutung  bei.  Man  weift  die  Kin- 
der, um  ihnen  die  Worte  für  einfache  Vor- 
Heilungen  und  Subftanzen  verftändlich  za  ma- 
chen,  auf  diefe  Dinge  hin,  und  wiederholt 
oft  dabei  die  Benennungen :  das  ift  weifs,  füfs, 
das  ift  Milch,  Zucker  u.  f.  w.  Bei  den  Wor- 
ten für  geinifchte  Beftimmungen  und  vorzüg- 
lich für  moralifche  Ge?enftände  werden  hinge- 
gen zuerft  die  .Sprachlaute  erlernt,  und  ihre 
Bedeutung  kennen  zu  lernen,  fiberläfst  manl 
entweder  der  Erklärung  anderer,  oder,  wel- 
ches der  gewöhnlich  fte  Fall  ift,  dem  eignen 
Beobachtungsgeifte  und  Nachdenken,  Gewöhn' 
lieh  wird  aber  auf  die  Erforschung  diefes  Ge- 
genftandes  wenig  Mühe  gewendet,  und  daher 

fiindi 


44^  Dritte»  Buch. 

find  (liefe  Worte  bei  den  meiften  Menfchen 
wenig  mehr  als  leere  Töne;  oder  wenn  fie 
auch  noch  einen  Sinn  haben,  fo  ift  er  gröfs- 
lOntheils  verändeilich  und  unbeftimmt,  und 
folglich  dunkel  und  verwirrt.  Auch  felbft  die- 
jenigen, welche  ihre  Sprachzeichen  mit  mehr 
Ji  'onnenheit  beftimmen,  können  doch  Feiten 
den  Nachtheil  vermeiden,  dafs  Ge  damit  zu« 
rammengefetzie  Begriffe  bezeichnen,  welche 
von  denen  anderer  eben  fo  bedachtfamer  Men- 
fchen abweichen.  Wer  bemerkt  nicht  fowohl 
in  den  gefellfchaftlichen  Unterhaltungen,  als 
in  den  gelehrten  Streitigkeiten  über  Ehre, 
Glauben,  Gnade,  Religion,  Kirche  u,  f.  w. 
daTs  die  Menfchen  über  diefe  Dinge  verfchieden 
denken,  oder  dafs  Ge  in  dem  Sinne  diefer  Worte 
Dicht  einltimmig  und  ihre  Streitigkeiten  daher 
Wortftreitigkeiten  find.  Daher  ift  die  Ausle- 
gung der  göttlichen  und  meufchlichen  G'fetze 
endlos;  Hypothek)  erzeugen  Hypothefen,  und 
Erklärungen  geben  Stoff  zu  neuen  Erklärungen, 
und  es  ift  kein  Ende  in  dem  Einfchränken, 
Ünterfcheiden  und  Verändern  der  Bedeutung 
cüefev  Worte.  Solche  Begriffe  werden  dls 
Bildungen  menfchlicher  Willkühr  ins  Unend- 
liche vermehrt.  Viele  Menfchen  ,  welche  hei 
dem  erften  Durchirren  eines  Abfchnitts  in  der 
Bibel  oder  dem  Gefetrbuche  einen  Sinn  gefun- 
den hatten,  der  üe  vollkommen  befriedigte,  ver- 
loren denfelben  wieder,   lobald  Ge  die  Lrklä« 

rer 


Neuntes  Kapitel.  447 

rer  zu  Rathe  zogen ,  und  die  Erläuterungen 
derfelben  erweckten  oder  vermehrten  Zweifel 
und  Dunkelheit  über  jene  Stellen.  Diefes  Toll 
nicht  beweifen .  dafs  die  Kommentare  unnütz, 
fondern  wie  ungewifs  die  Worte  der  gemifch- 
ten  Bedeutungen  ihrer  Natur  nach  t'elbft  bei 
denjenigen  und  ,  welche  den  Willen  und  das 
Vermögen  baben  ,  ihre  Gedanken  fo  deutlich, 
als  es  die  Sprache  erlaubt ,  auszudrücken. 

§.     io. 

Daher     unvermeicl  liehe     D  u  n  k  e  i- 
heit  in  allen  S  ehr  if  t  ßellern. 

Welche  Dunkelheit  diefes  in  die  Schriften 
der  Männer,  welche  in  entfernten  Zeiten  und 
Ländern  fchrieben ,  gebracht  hat.  bedarf  kei- 
ner Erwähnung,  da  die  zahlreichen  zu  ihrer 
Erklärung  gefchriebenen  Werke  nur  zu  fehr 
beweifen,  was  für  Aufcnerkfamkeit,  Gelehrfam- 
keit,  Scharffinn  und  Nachdenken  erfodert  wird, 
um  den  wahren  Sinn  der  Alten  zu  finden.  Da 
aber  nur  diejenigen  Schriften  uns  in  dem  Gra- 
de intereffiren  ,  dafs  wir  ihren  Inhalt  rein  auf- 
zufallen fuchen ,  welche  entweder  Glaubens-1 
Wahrheiten  oder  gefetzliche  Vorfchriften  ent- 
halten, deren  Verfälfchung  und  Uebertretung 
nachtheilig  für  uns  werden  kann,  fo  haben 
wir  weniger  Urfache  .  dem  Sinre  anderer 
Schriftftsller  ängftlieh  nachzuiorichen,    welche 

nur 


/(.'|S'  Diitrcs  Bhcbi 

nur  ihre  eij^en  Aleinungen  fcliTifrlich  nieder- 
legen, die  olme  Einflufs  auf  untere  Glückfelig- 
k*  it  oder  Unilückfeligkeit ,  uns  unbekannt 
bleiben  können.  Wenn  iie  daher  in  ihren 
Schriften  nicht  die  gehörige  Klarheit  und  Deut- 
lichkeit des  Ausdrucks  anwenden,  fo  können 
\  ir  fie  bei  Stile  legen ,  und  ohne  ihnen  Un- 
r  c  ;  i,u  thun,  nach  der  Maxime  verfahren  t 
Wer  nicht  verbanden  leynwill,  der 
verdient    nicht    g  e  1  e  f  e  n   zu   werden. 

§.     ir» 

Üngewilfe     Bedeutung    der    Worte 

für  Subiianzen. 

Wenn  die  Bedeutung  der  Worte  für  ge- 
inifchte  B^ninumm^eri  ungev  üs  ift  ,  Weil  lie 
lieh  auf  kein  reales  Öuject  in  der  Natur  bezie- 
hen,  wonach  fie  könnten  berichtiget  weiden, 
fo  haben  die  Wurte  für  Subltanicn  aus 
der  entgegen  geletzten  Urfache  eine 
i  weife  lha  fi  e  Bedeutung,  weil  man 
vorausletzt,  nals  die  enthaltenen  Begriffe  mit 
realen  Dingen  übereinftirmrieri  und  lieh  auf 
Originale  in  der  Natur  beziehen.  B  V  lielen 
Begriffen  haben  wir  weniger  Freiheit,  ;i)s  l»ei 
jenen;  wir  muffen  der  i\atur  folgen,  die  Be* 
grille  existierenden  Dingen  aupaffen ,  und  nach 
dielen  die  Bedeutung  der  Worte  beitiuimen, 
ttenn    diele    Zeichen  ?on    jenen    fe>n  follen. 

Hier 


Neuntes   Kapitei.  449 

Hier  haben  wir  alfo  wirklich  Originale  vor 
uns,  aber  folche ,  welche  die  Bedeutung  der 
fich  a«f  fie  beziehenden  Worte  fehr  ungewifs 
machen  müITen  ;  denn  das  mufs  die  Folge  feyn, 
wenn  die  Begriffe  fich  auf  Objecte  beziehen, 
welche  entweder  gar  nicht  oder 
doch  fehr  unvollkommen  und  unge- 
wifs  erkannt  werden  können. 

§.     12. 

In     Beziehung    auf    das    reale   Ws- 
f  en. 

Die  Worte  der  Subßanzen  enthalten ,  wie 
fchon  getagt  wurden ,  in  ihrem  gewöhnlichen 
Gebrauche  eine  doppelte  Beziehung.  Erftlich, 
werden  fie  zuweilen  fo  angefehen  ,  als  ent- 
fpräche  ihre  Bedeutung  dem  realen  W  e- 
fen  der  Dinge,  aus  dem,  wie  aus  einem 
Mittelpunkte,  alle  Eigeofchaften  derfeiben  ent- 
fpringen.  Da  aber  diefes  Wefen  für  uus  gana 
unerkennbar  ift,  fo  mufs  jedes  Wort,  wodurch 
es  dargeftalt  w7erden  foll  ,  fehr  ungewifs  in 
feiner  Anwendung  feyn,  und  es  kann  nach  die- 
ler Vorausfetzung  unmöglich  erkannt  werden, 
was  ein  Pferd,  oder  Antimonium  an  fich  für 
Dinge  find.  Die  Bedeutung  diefer  Worte  kann 
daher  durch  Originale,  die  unerkennbar  find, 
nicht  beftiramt  und  berichtiget  werden. 

Locke's.     II.  Theil.  Ff  §■    *3 


*>»  Drittes  fiucli, 

f.      13. 

In  Beziehung  auf  die    coexiftiren- 

den    Eigenfc  haften. 

Zweitens  die  Worte  der  Subftauzen  be- 
zeichnen unmittelbar  die  einfachen  Vorftellun- 
geu,  welche  in  Jen  Subftanzen  vereiniget  vor- 
komu.en  ,  und  diefe  und  daher  in  ihrer  Verei- 
nigung das  eigentliche  Original,  worauf  fictt 
jene  Worte  beziehen  ,  und  wornach  ihre  Be- 
deutung am  beften  berichtiget  werden  kann. 
Demungeachtet  kann  dadurch  allein  noch  nicht 
alle  Veränderlichkeit  und  Ungewifsheit  ihrer 
Bedeutung  verhütet  werden.  Denn  da  diefe 
coexiftireuden  einfachen  Merkmale  'f©  zahl- 
reich find,  und  alle  gleiches  Recht  auf  eine  Stelle 
in  dem  zulammengefetzten  Begriff  der  Art  oder 
Gattung  haben  ,  fo  bilden  die  Menfchen  fehr 
verfchiedene  Begriffe  von  einem  und  densel- 
ben Gegenftande.  Die  Beftandtheile  der  zu- 
fammengefetzten  Begriffe  find  grefstentheils 
Vorftellungen  von  Vermögen ,  und  diefe  in 
Beziehung  auf  die  Veränderungen ,  welche 
die  Subftanzen  bewirken  oder  erleiden ,  faft 
unzählich.  Welche  mannichfaltige  Veränder- 
ungen *  können  nicht  blofs  durch  verfchiedent- 
liche  Anwenduug  des  Feuers  in  den  unedlen 
Metallen  bewirkt  werden?  Und  wie  weit  man- 
nichfaltiger  find  nicht  die  Modifikationen,  wel- 
che   einige   Metalle    unter    den    Händen  der 

Che- 


Neuntes  Kapitel,  45* 

Chemiker    durch   die   Verbindung  mit    andern 
Körpern  erleiden?  Wer  diefes   bedenkt,   wird 
fich  nicht  wundern  ,  wenn   ich  behaupte,   dafs 
die   Eigenfchaften   jeder  Art  von  Körperu  auf 
keinem   Erkenntnifswege   vollftändig    erkannt 
und  gefammlet  werden  können.      Zum   wenig« 
fieu  kann  niemand   ihre  beftiramte  Anzahl  an- 
geben.    Daher  kommt  es,    dafs  nach  Verfchie- 
denheit    der    Kenntnifs  ,     Befchäfcigung    und 
Aufmerkfamkeit ,    der  eine  Menfch   diefe,   ein 
andrer  jene  Eigenfchaften  erkennet;  notwen- 
dig entftehen  daher  von    einer    und   derfelben 
Subftanz   verfchiedene    Begriffe,    und    folglich 
muffen  auch  diefe   Worte  eine  fehr  ungewiße 
und  wandelbare  Bedeutung  erhalten.     (3  Buch 
6  Kapitel  §.    29.  31.).     Wer  foll  darüber  ent« 
fcheiden?  Jeder  hat  feine  Regel  in  der   Natur, 
jeder  hält  fich  mit  Grund  für  eben  fo  berechti- 
get, in  feinen  Begriff  von  Gold  die  Merkmale 
aufzunehmen,     die  er    durch   Verfuche   fand, 
als  ein  Anderer,  der  nicht  fo  genau  beobach- 
tete, fie  auszufchliefsen ,  und  ein  Dritter,  det 
andere  Verfuche  machte  ,  andere  aufzunehmen. 
Hat    einer  mehr  Recht  dazu  ,  als  der  andere« 
da  die  Verknüpfung  aller   diefer  Eigenfchaften 
in  der  Natur  der  wahre   Grund   ihrer    Vereini- 
gung in    einen   Begriff  ift  ?    Die    Begriffe  der 
Snbftanzen  muffen  daher,  ungeachtet  fie  durch 
ein  Sprachzeichen  ausgedrückt  werden,  unver- 
meidlich fehr  verfchieden  und  veränderlich  feyn. 
Ff  2  §.14, 


45i  Din:es  Biuk. 

§.     M- 

Faft  jedes  Individuum  ftimint  in  Riickficht 
gewiffer  Merkmale  bald  mit  m^hrern  bald  mit 
wenigem  andern  exiftirenden  Dingen  überein. 
Wer  foll  in  diefem  Falle  vorfchreiben,  aus  wel- 
chen der  Gefchlechisbegriff  zulammenzufetzen 
ift.  oder  welche  ausgefcblollen  werden  muffen? 
Alle  dbfe  Urfachen  veifehlen  feiten  oder  nie 
ihres  Erfolgs,  die  Bedeutung  der  Worte  für 
Subfianzen  zweifelhaft  und  veränderlich  zu 
machen,  und  dadurch  in  ihrem  philofophifchen 
Gebrauch  Streitigkeiten  oder  Mifsverlläudnille 
zu  veranlagen» 

$•      15» 

Diefe  generellen  Worte  der  Subftanztn, 
welche  in  ihrer  gewöhnlichen  Bedeutung  nur 
eir.ige  in  die  Sinne  fallende  Eigen fchaften  (z. 
B.  Geftalt,  Form,  Farbe)  in  bch  fallen,  ent- 
fprei.hen  zwar  in  dem  gemeinen  Leben  der  Ab- 
hebt ihres  Gebrauchs,  die  Dinge  anzuzeigen, 
welche  man  will  verftanden  und  von  andern 
unterfchieden  willen.  Allein  das  ift  nicht  der 
Fad  in  philofophifchen  Unterteilungen ,  wo 
allgemeine  Wahrheiten  feftgefetzt  und  daraus 
Folge fätze  hergeleitet  werden  follen.  Hier 
wird  mau  finden,  dafs  die  Bedeutung  diefer  Art 
Woite  entweder  nicht  fcharf  genug  oder  gar 
nicht  beftiuunt  ift.  Wenn  einer  z.  B,  die  Schlag- 
bar- 


'Neuntes  Kapitel.  4^3 

barkeit  und  einen  Grad  der  Feuerbeftandigkeit 
in  feinen  Begriff  von  Gold  aufuimmt,  fo  kann 
er  gewiffe  Salze  vortragen  uncf  Folgerungen 
daraus  herleiten  ,  welche  aus  diefer  Bedeutung 
des  Worts  richtig  und  deutlich  abgeleitet  find; 
dennoch  kann  ein  Anderer,  der  diefe  Merkma- 
le nicht  in  den  Begriff  leget  ,  nie  gezwungen 
werden,  jene  anzunehmen  ,  und  fich.  von  ih- 
rer Wahrheit  zu  überzeugen, 

$.     16. 

Diefes  ift  eine  natürliche  und  faft  unver- 
meidliche Unvollkommenheit  ,  welche  Jeder 
faft  an  allen  Worten  der  Subftanzen  in  jeder 
Sprache  entdecken  wird,  wenn  er  von  den  ver- 
wirrten und  lofen  Begriffen  zu  ftrengeren  Un- 
terfuchungen  übergehet  j  und  er  wird  dann  über- 
zeugt werden,  wie  zweifelhaft  und  dunkel  auch 
die  Bedeutung  derjenigen  Worte  ift  ,  welche 
in  dem  gemeinen  Gebrauche  fehr  klar  und  be- 
flimmt  fcheinen.  In  einer  Gefellfehaft  von  ge- 
lehrten und  fcharfünnigen  Naturforfchern  ,  wo 
ich  zugegen  war  ,  wurde  die  Frage  aufgewor- 
fen :  ob  irgend  ein  Saft  (liquor)  durch  die  Ner- 
venfafern  dringen  könne?  Nachdem  der  Streit 
eine  ziemliche  Zeit  gedauert  hatte,  und  eine 
Menge  Gründe  für  und  wider  zur  Sprache  ge- 
kommen waren,  äufserte  ich  den  Wunfeh  :  man 
möchte  den  Streit  einftellen,  und  zuvor  die  Be- 
F  f  5  eleu- 


/|5|  Diu*«  Biiclt, 

deotung  des  Worts   Saft  unterfueben  und  fefi> 
fetzen;    denn  mir  pflege  fich  immer  bei   allen 
Streitigkeiten  der    Verdacht  aufzudringen,  ak 
hätten  fie  mehr  die  Bedeutung  der  Worte,  als 
ahweichende    Begriffe    von    den  Dingen    zum 
Grunde,     Diefer  Vorfchlag  erregte    zuerft   all-» 
gemeines  Erftaunen ,    und  wären  diefe  Männer 
weniger  Denker  gewefen ,    er   wäre  als   finnlos 
und  ungereimt  verworfen  worden.     Jedermann 
bildete  lieh  ein,    das  Wort  genugfam  zu  verlie- 
ben ;    und  in   der  Tbat  ilt  es  auch  keines  von 
den  verwickeltften,     Unterdeffenliefsen  fie  lieh 
doch  den  Vorfchlag  endlich  gefallen  ,    und  die 
Unterfuchung   wies   aus  ,     dafs  die  Bedeutung 
tliefes  Wortes  nicht  fo  gewifs  und  beftimmt  war, 
als  Ge  fich  eingebildet  hatten,    und  dafs  Jeder 
einen  verfchiedenen  zufaminengefeUten  Begriff 
damit  verbunden  hatte.     Nun  fahen  fie  ein,  dafs 
der   Hauptpunkt   ihres  Streits  nur   auf  der  Be- 
deutung eines  Worts  beruhete.     Sie  waren  faft 
völlig  einverftanden,    dafs  eine   gewifle  feine 
flüffige  Materie  durch  die  Nerven  dringe,  nur 
konnten    fie    fich    nicht   darin  vereinigen  ,   ob 
diefe  ein  Saft  (Liquor)  oder  nicht  zu  neu neu 
fey. 

$.     i7- 

Ich  werde  an  einem  andern  Orte  Gelegen- 
heit zu  der  Bemerkung  finden  ,  dafs  diefes 
meiftentheHs    in    den  hitzigften  Streitigkeiten 

der 


Neuntes  Kapitel,  4?? 

der  Fall  ifh  Wir  wollen  hier  nur  rtocb  etwas 
bei  dem  Worte  Gold  flehen  bleiben ,  um  zu 
zeigen  »  wie  fchwer  eine  fcharfe  Beftimmung 
feiner  Bedeutung  ift.  Ich  fetze  als  eiuverftan- 
den  voraus,  dafs  darunter  ein  Körper  von  ei- 
ner gewiffen  gelben  glänzenden  Farbe  verftan- 
den  wird  —  der  erfte  Begriff,  den  Kinder 
mit  diefem  Worte  verbinden.  Andere  entdek- 
ken  aufser  der  Farbe  auch  die  Schmelzbarkeit 
als  Eigenfchaft  diefer  Materie,  und  fetzen  dar- 
aus ihren  \  Begriff  von  Gold  zufammen.  Hier- 
durch werden  alfo  alle  Subftanzen,  welche  die*, 
glänzende  gelbe  Farbe  befitzen,  und  die  das 
Feuer  zum  Schmelzen  bringt,  unter  diefen  Art- 
namen zufammengefafst,  und  alle  diejenigen  aus- 
gefchloffen,  welche  das  Feuer  in  Afche  ver- 
wandelt. Ein  anderer  feizt  aus  demfelben 
Grunde  das  Gewicht  hinzu,  und  hält  den  vo- 
rigen Begriff  für  unvollftändig.  So  gehet  es 
mit  allen  übrigen  Eigen'chafteu.  Und  niemand 
kann  einen  Grund  angeben,  warum  einige  von 
diefen  in  der  Natur  unzertrennlichen  Eigen- 
fcbaften  als  wesentliche  in  den  Betriff  aufge« 
nommen  und  andere  davon  ausgefchloffen  wer- 
den, warum  z,  B,  die  Auflösbarkeit  in  Gold- 
waffer  nicht  eben  fo  gut  als  die  Schmelzbar- 
keit diefe  Art  Körper  beftimmen  foü;  denn  ei- 
ne ift  fo  unzertrennlich  vom  Golde  als  die  an- 
dere, und  beide  find  nichts  als  Verbältnifle  za 
andern  Körpern  ,  welche  mit  verfcbiedenen 
Ff  4  Kräf- 


456  Drittes   Buch. 

Keiften  auf  das  Gold  wirken.  Oder  aus  wel- 
chem Rechte  käme  die  J>chmp!zbarkeit  dazu, 
einen  Theil  d'-s  ^  efens,  die  Auflösbarkeit  hin- 
gegen nur  eine  eigenthümliche  Kefchaffenhcit 
des  Goldes  zu  hedfLhnV  V\  arum  ioll  die  Far- 
be znm  \y  t  fen  ,  die  Schlagbarktit  zu  den  ei- 
gen hümliehea  ßefchaffenheiten  gehören  ?  Ich 
denke  hierüber  fo.  Alle  diefe  Merkmale  find 
nur  eigenthümliche  ,  von  dem  realen  Wefen 
abhängige  Bestimmungen  ,  und  entweder  lei- 
dende oder  thalige  Vermögen  in  Beziehung  auf 
andere  Köiper.  Es  iftalfo  kein  Grund  vorhan- 
den, die  Bedeutung  diefes  Worts  auf  den  Inbe- 
griff diefer  oder  jener  Merkmale  einzufchrän- 
ken  ,  und  fie  mufs  daher  nothwendig  ungewifs 
bleiben.  Denn  verfchiedene  Menfcheu  beob- 
achten auch  verfchiedene  eigene  Merkmale  an 
einer  Subftanz;  aber  keiner  dürfte  fie  wohl 
alle  entdecken. 

§.     18- 

R  e  f  u  1  t  a  t  e. 

Aus  dem  Gefagten  läfst  Geh  leicht  eine  der 
obigen  Bemerkungen  ableiten,  nthmlich  :  dafs, 
und  aus  welchen  Gründen,  die  Worte  für 
einfjehe  Vor  ft  eilungen  am  wenig- 
ften  IMifsverftändnilfen  ausgefetzt 
find.  Sie  bezeichnen  nehtnlich  nur  einzelne 
Vorftellungen,  welche  leichter  gefafst  und  treuer 

be- 


Neuntes  Kapitel.  457 

behalten  werden  können,  als  zufam  mengefetzte. 
Daher  find  diefe  Worte  von  keiner  folchen  un- 
gewißen Bedeutung,  als  gewöhnlich  den  Wor- 
ten für  Subftanzen  und  gemifchte  ßeftimmun- 
gen  anhängt,  da  man  fich  bei  denfelben  über 
die  beftimmte  Zahl  von  einfachen:  Vorftellun-- 
gen  ,  welche  ihren  Inhalt  ausmachen  follen, 
nicht  leicht  vereinigen  kann,  und  das  Ganze 
fchwerer  zu  behalten  ift.  Daun  werden  fieauch 
auf  kein  anderes  Wefen ,  als  die  Vorftellung, 
bezogen,  welche  ihr«  unmittelbare  Bedeutung 
ift;  diefe  Beziehung  macht  aber  die  Bedeutung 
der  fubflanziellen  Worte  fo  verwickelt.  Wenn 
die  Worte  nicht  verkehrt  und  Mbfichtlich  zu 
Selbfttäufchungen  gebraucht  werden,  fo  ver- 
kennet nicht  leicht  jemand  in  einer  ihm  be- 
kannten Spracheden  Gebrauch  und  die  Bedeu- 
tung der  Worte  für  einfache  Voritellungen,  z. 
B,  weifs,  füfs ,  gelb,  bitter;  ihr  Sinn  ift  fo 
einleuchtend,  dafs  man  ihn  eniwcHlerfogleicb. 
vollkommen  fafst,  oder  fich  bewuist  wird,  ihn 
nicht  zu  verftehen. 

§.     19. 

Nach  derTelben  Regel  ift  die  Bedeutung 
der  einfachen  Beftimmungen  nächft 
den  einfachen  Vorftellungen  am  we- 
nig ften  zweifelhaft  und  ungewifs. 
Vorzüglich  gilt  das  von  den  Beftimmungeu  der 
F  f  5  Fi- 


458  Drittes  Buch. 

Figur  und  der  Zahl,  deren  Begriffe  außeror- 
dentlich klar  u  'cutlich  find.  Werhatwohl 
je  den  Sinn  von  fi  eb  en  und  einem  Trian  - 
gel  inifsvcyftanden,  wenn  er  nur  die  Worte 
verftai.i  .1  /  UeLeihaupt  find  die  Worte  der  we- 
niger zufaiuraengefeu-n  B. griffe  in  der  Regel 
auch  weniger  zwtifelhaft. 

§.    20. 

Die  Woarte  der  nicht  fehr  zufammengefetz- 
ten  gemifchteia  Beftitnrnungen  find  daher  ge- 
wöhnlich nicht  fehr  unbeftimmt;  hingegen  iß 
die  Bedeutung  derer,  welche  fehr  zufammen- 
gefetzte  bezeichnen,  in  der  Regel  fehr  fchwan- 
kend  und  zweifelhaft.  Aber  noch  weit  unvoll- 
fcommner.  find  die  Worte  für  Subftauzen,  vor- 
züglich in  ihrem  philofophifeben  Gebrauche, 

§.     2r. 

Inwiefern    diefe    U  n  Vollkommen- 
heit den  Worten  beigelegt  wird. 

Da  die  Unvollkommenheit  der  Worte  für 
SubU^zer  gröf<tentheils  von  dem  Mangel  un- 
ferer  Erkenatnifs  und  von  dem  Unvermögen, 
das  innere  Wefen  der  Subftanzen  zu  ergründen, 
herrührt,  fo  wird  es  wahrfcheinlich  befremden: 
warum  ich  f ie  doch  mehr  den  Wor- 
ten, als  dem  Verftande  beim  eile,  Die- 

f« 


Neuntes  Kapitel.  459 

fer  Einwurf  fcheint  fo  gerecht  zu  feyn,    dafs 
ich   nothwendig  mein  Verfahren  rechtfertigen 
mu^s.     Ich   geftehealfo,    dafs  ,    als   ich   diel'es 
Werk  begann,  und  auch  nachher  noch,  die  Be- 
trachtung der   Worte  ganz  und  gar   nicht  für 
meinen  Zweck  nothwendig  erachtete.     Als  ich 
aber  von   den  einfachen  Vorftellun^en  und  ih- 
rer Zufamrnenfetzung  gehandelt  hatte,    und  im 
Begriff  war,    den  Umfang  und  die  Gewifsheit 
unferer  Erkenntnifs  zu  unterfuchen  ,     Fo   ent- 
deckte fich   der  enge  Zufammenhang  zwifchen 
der  Erkenntnifs  und  den  Worten,  und  daf»  fich 
über  jene  kaum  etwas  Beftimmtes  fagen   lalle, 
wenn  man  nicht  vorher  über   den  Werth   und 
Bedeutung  der  letztern  richtig  nachgedacht  ha- 
be.     Die  Erkenntnifs   hat    die  Wahrheit  zum 
Gegenftande  und  immer  mit  Sätzen  zu  thun  ; 
und  wenn  fie  fich  auch  auf  Dinge  beziehet,  fo 
v    gefchiehet  es  doch  meiftentheils  vermittelft  der 
Worte.     Diefe  können  daher  kaum  von   unfe- 
rer Erkenntnifs  getrennt  werden ;  zum  wenig- 
ften   treten  fie  fo  fehr   in   die  Mitte   zwifchen 
unfern  Verftand  und   der  Wahrheit,    die  man 
erkennen  will,  dafs  ihre  Dunkelheit  und  fehler- 
hafte Befchaffenheit  nicht  feiten,    wie  bei  den 
Gefichtsempfindungen  das  Medium,    das  Auge 
des  Verftandes  umnebelt  und  berückt.     Wenn 
wir  erwägen  ,    welchen   grofsen    Antheil   die 
Worte  und   ihre  unfichere  Bedeutung   an   den 
Täufchungen  und  Mifsverftändniffen  in  Begriffen 

und 


460  Drittes    Ruch. 

und  Streitigkeiten  haben,  fo  müffpn  wir  darin 
kein  geringes  Hiinlerni's  für  den  Fortgang  (1er 
Eikenntnifs  finden,  und  uns  um  fo  forgf dtiger 
davoi  warnen  lafTen,  da  die  Menfchen,  anltatt 
diefes  Hindernifs  mit  allen  nachtheiligen  Fol- 
gon  zu  beachten  ,  vielmehr  auf  Künfte  gedacht 
hab^u,  es  noch  zu  vermehren,  und  diefe  Kün- 
fte fogar  den  Ruhm  der  Gelehrfamkeit  und  des 
Scharf finnes  davon  getragen  haben.  (S.  lo, 
Kapitel,  §.7~ '3)  Wenn  die  Unvollkorn- 
menheiten  der  Sprache,  als  eines  Erkenntnifs- 
miüels  ,  reiflicher  erwogen  würden,  fo  dürfte 
wohl,  wie  ich  denke,  ein  grofser  Theil  von 
Streitigkeiten  ,  welche  in  der  Welt  fo  viel  Ge- 
raufch  machen ,  von  felbft  aufboren,  und  der 
Weg  zur  Erkenntnifs,  \  ielleicht  auch  zum  Frie- 
den, grofsentheils  geebneter  feyn. 

§.     22. 

Folgen    daraus    für    die   Erklärung 
alter  Schrift ft eller. 

So  viel  ift  wohl  gewifs ,  dafs  Menfchen 
von  einer  Sprache  und  ans  einem  Lande  fchon 
unvermeidliche  Schwierigkeit»»  finden  muffen, 
die  beftimmte  Bedeutung  der  Worte  ihrer 
Sprache  zu  finden,- da  diefe  fo  fehr  von  dein 
Denken,  Gefichtspunkt  und  Begriffen  des  Spre- 
chenden oder  Schreibenden  abhängt.  Einen 
augenfcheiulichen    Beweis    davon    liefern    die 

grie 


Neuntes  Kapitel»  461 

griechifchenSchriftfteller.    Wenn  man  fie  durch- 
lieft,  fo  findet  man    zwar    durchgehend   diefel- 
ben  Worte,    aber  bei  jedem  eine  andere  Spra- 
che.    Wenn   aber  zu  diefen  in   der  Natur  ge- 
gründeten    Schwierigkeiten    einer   jeden  Lan- 
desfprache  noch  die  Verfchiedenheit   des  Lan- 
des und  die  Entfernung   des  Zeitalters  kommt, 
worin  die  Sprechenden  und  Schreibenden  ganz 
andere    Sinnesarten,    Begriffe,  Gewohnheiten, 
Ausfchmückungen  und    Wendungen   der  Spra- 
che hatten,  fo  würde  die  Kenntnifs  diefer   uns 
jetzt   unbekannten   Umftande  ,    die  fo   grofsen 
Einflufs   auf  die  Bedeutung  der  Worte  haben, 
fehr  wohlthätig  bei  Erklärung  der  alten  Schrif- 
ten werden ,  welche,  ungeachtet  ihr   richtiges 
Verftändnifs   uns    fo   fehr   intereflirt  ,    dennoch 
allen  unvermeidlichen  Schwierigkeiten  der  Spra- 
che unterworfen  find.      Keine  Sprache  kann, 
wenn    man    nicht   alle  Ausdrücke   entwickelt, 
den  Sinn    und     den  Zweck   des  Sprechenden 
dem  Zuhörer  offenbaren  ,    ohne   einigen   Grad 
von  Zweifel    und  Ungewifsheit  zurückzulaffen, 
die  Worte  für  die  einfachen  VorfteUungen  und 
die  gewöhnlichen  Dinge   des  Lebens  etwa  aus- 
genommen.     Diefe  Schwierigkeit    ift   am    be- 
deutendften    bei   Abhandlungen   von  fo  wichti- 
gem Interefle,  als  Religion,  Moralität  und  Ge- 
setze find. 


$•  23. 


fSp  JJiiuoä  Buch. 

Die  Werke  der  Erklärer  des  alten  und  neu- 
en Teftaments  find  die  fprechendften  Beweife 
davon.  Alles,  was  der  Text  enthält,  ift  un-  • 
trü^üch  wahr;  und  doch  kann,  ja  mufs  der 
Lefer  oft  in  der  Erklärung  deiTelben  irren. 
Und  es  ift  utn  fo  weniger  befremdend  ,  dafs 
der  Wille  Gottes,  in  Worte  eingekleidet,  eben 
den  Zweifeln  und  der  Ungewifsheit  unterwor- 
fen ift,  welche  von  jeder  Sprache  unzertrenn- 
lich ift,  da  fein  Sohn  in  Menfchengeftalt  allen 
Schwachheiten  und  Ungemach  der  menfchli- 
chen  Natur,  die  Sünde  ausgenommen,  ausge- 
fetzt war.  Wir  follten  vielmehr  feine  Güte 
preifen  ,  dafs  er  fo  leferliche  Züge  feiner 
Werke  und  Vorfehung  vor  der  ganzen  Welt 
aufgeftellt  hat,  und  jedem  Menfchen  fo  viel 
Licht  der  Vernunft  gegeben  hat,  dafs  auch  die- 
jenigen, zu  denen  fein  gefchriebeues  Wort  nie 
kam  ,  fich  fowohl  von  dem  Dafeyu  {Gottes  ,  als 
von  den  Pflichten  gegen  ihn  überzeugen  kön- 
nen ,  wenn  fie  ernftlich  darnach  forfchen. 
Weil  nun  die  Vorfchriften  der  natürlichen  Re- 
ligion fo  klar,  fo  allgemein  verftändlich  und 
fo  wenig  ftrittig;  die  geolfenbarten  Wahrhei- 
ten hingegen,  welche  uns  durch  die  Schrift- 
fprache  mitgetheilt  werden,  allen  natürlichen 
Unvollkommenheiten  der  Dunkelheit  und  Un- 
gewifsheit unterworfen   find ,    welche  Worten 


Neuntes  Kapitel.  4^3 

gewöhnlich  anhängt,  fo  möchte  es  uns  viel- 
leicht nicht  übel  anltehen ,  wenn  wir  in  Beob- 
achtung der  erltern  raehrern  Ernft  und  £ifer 
bewiefen  und  mit  weniger  Dünkel  und  Herrfch- 
fucht  unfern  eignen  Sinn  in  die  letztem  hin» 
eintrügen. 


Zehntes  Kapitel,  j 

Mifsbrauch  der  Worte. 


S*    i. 

/»nfrer  der  natürlichen  Unvollkommenheir, 
der  beinahe  unvermeidiichen  Dunkelheit  und 
Verwirrung  in  dem  Gebrauche  der  Sprache, 
machen  fich  die  Menfchen  noch  mancher  vor- 
fätzlichen  Fehler  und  mancher  Nachlafrigkeir. 
fchuldig,  wodurch  die  Bedeutung  der  Gedan- 
kenieichen  noch  dunkler  und  undeutlicher 
wird ,  als  üe  ihrer  Natur  nach  feyn  könnte. 


S.  a 


i|64  Drittel  Buch. 

**  §.      2. 

Gebrauch     der     Wo'rte     ohne     alle 
oder   ohne  b  e  ft  i  in  iu  t  e  Bedeutung. 

Der  eifte  und  auffallendfte  Mifsbrauch  ift 
der  Gebrauch  der  Worte  ohne  klare  und  be- 
fummle Vor  ftellunsen  ,  oder  was  noch  fchlim- 
mer  ift,  ohne  alle  Bedeutung«  Er  ift  aber 
von  zweierlei  Art. 

I)  Es  giebt  in  jeder  Sprache  gewiffe  Worte, 
welche,  wenn  man  ihrem  Urfprung  und  ih- 
rem eigentlichen  Gebrauch  nachforfchet,  keinen 
klaren  und  beftiramten  Sinn  hatten.  Meiften- 
theils  find  diefe  durch  verfchiedene  Seelen  in 
der  Religion  und  Philofophie  eingeführt  wor- 
den Ihre  Stifter  und  Verbreiter  unterlailen 
feiten  ,  neue  und  zwar  folche  Worte  zu  prä- 
gen ,  welche  man  nach  genauerer  Unterfuch- 
ung  mit  Recht  bieutungslofe  A  us  d  r  ü  Ic- 
ke nennen  kann,  theils  aus  Hang  nachdem 
Sonderbaren  und  Ausgezeichneten ,  theils  um 
darauf  fonderbare  Meinungen  zu  gründen, 
theils  um  die  Schwächen  ihrer  Hypothelen 
zu  verbergen.  Sie  knüpften  entweder  an  diefe 
Worte  ihrer  Erfindung  eine  unbeftiinmte  Zahl 
von  Vorftellungen  ,  oder  wenigftens  folche, 
welche  nach  näherer  Unterfuchung  unzulam- 
inenhängeud  befunden  werden  miüleu,     DiefQ 

Wor- 


Zehntes  Kapitel.  4f>5 

Worte  bleiben  nachher  in  dem  gemeinen  Ge- 
brauch derfelben  Partie  nur  leere  wenig  be- 
deutende Töne,  zumal  bei  denjenigen ,  wel- 
che nichts  anders  zu  taim  haben,  al?;.üe  in  der 
Eigenfchaft  unterfebeidender  Merkmale  ihrer 
Kirche  oder  Secte  beständig  im  Munde  zu  füh- 
ren,  ohne  über  ihren  benimmten  Inhalt  müh- 
fam  nachzudenken,  Utifpiele  davon  zu  famm- 
len  ift  unnöthigj  Leetüre  und  Umgang  bieten 
he  Jedem  in  Menge  dar;  und  wer  will  ,  kann 
bei  den  Scholäßiketn  »;ncl  Metaphyfikern  (wor- 
unter auch  die  ffreitfücbtigeÄ  ^3tur  und  ?.!o- 
ralphilofopben  diefer  Zeit  gehören)  weiche 
die  gröfsten  Meiner  in  diefer  Wortmünzerei 
und,  noch,  einen  gröfsern  Vorrath  finden. 

C  r* 

§«       0. 

2)  Andere  treiben  diefen  Mifsbranch  noch, 
weiter,  indem  fie  nicht  nur  wenig  darauf  ach» 
ten  ,  ob  fie  Worte  iu  das  Gedächmifs  iaiFen 
mit  denen  gleich  anfänglich  kaum  eine  deut- 
liche Vorftellung  verbunden  war,  londern  auch 
mit  unverzeihlicher  Nachlafhgkeit  ,  folche 
Worte,  an  die  der  Sprachgebrauch  wichtige 
Begriffe  geknüpft  bat,,  gewöhnlich  ohne  Sinn 
gebrauchen.  Weisheit,  Ruhm,  Gnade 
find  Worte,  die  man  von  allen  Seiten  hört; 
v.Tnn  man  aber  nach  dem  Sinn  derfelben  fra- 
gen follte,  fo  würden  gewifs  nur  wenige  et« 
Locke's.   H,  Theil.  G  o  was 


466  Di  in  es    Buch, 

was  darauf  zu   antworten  willen  ,  ein    Beweif 
dafs  Ge  mit  dii  Ten   gelernten  und    fo    e<' 
Lauten   doch   keinen   deutlicheu     mfllbettbare 
Begiiil   in   ihrem  Verftande  verbunden  haben,  t 


§.     4- 

Veranlaffung      zu     die  lern     IVlifs 
brauch. 

Die  MenCchen  werden  von  Jugend  auf  gc 
wöbnt,  Worte  zu  lernen  und  zu  bebalten, 
ehe  fie  die  daran  geknüpften  Vorftellimgen 
kennen  oder  felbft  gebildet  haben.  Dieles 
fetzen  fie  ihr  ganzes  Leben  hindurch  fort,  ge- 
brauchen Worte  für  ihre  fchwankeuden  und 
verwirrten  Vorftellungen  ohne  weitere  müh- 
fame  Beftimmung,  und  es  ift  ihnen  genug, 
wenn  fie  dtefelben  Worte  ausbrechen  ,  deren 
fich  andere  beJienen  ,  gleich  als  wenn  der 
Laut  nothwendig  sund  unverändei  lieh  denfel. 
ben  Sinn  herbeiführte.  Zwar  behelfen  fie  Geh 
damit  in  den  gewöhnlichen  Angelegenheiten, 
wo  fie  das  Bedürfnifs  fühlen,  verftanden  zu 
weiden ,  und  fie  bedienen  fich  derfelben  Zei- 
chen,  fo  lange  als  fie  den  Zweck  erreichen; 
allein,  wenn  fie  über  ihre  eigenen  Meinun. 
gen  oder  Vortheile  räTonniren,  fo  wird  ihre 
Rede  eben  deswegen  mit  einem  leeren  und  un« 
verftändiiehen  Wortfchvvall  angefüllt,  vorzüg- 
lich 


Zehntes  Kapitel.  467 

lieh  in  moralifehen  Materien  ,  wo  die  Worte 
gröfstentheils  willkührliche  und  fehr  zufam- 
mengefetzten  Begriffe  bedeuten,  für  welcha 
die  Natur  kein  unveränderliches  Object  darbie- 
tet ,  dafs  man  gewöhnlich  nur  an  die  blofsen 
Sprachzeichen  denket,  oder  doch  nur  dunkle, 
fch wankende  Begriffe  daran  bindet.  Die  Men- 
fchen  entlehnen  die  Worte,  die  fie  bei  ihren 
Nachbarn  im  Umlaufe  finden,  und  gebrauchen 
fie  keck  ohne  mühfames  Nachdenken  über 
ihren  Sinn,  um  nicht  den  Schein  zu  geben, 
als  wüfsten  fie  denfelben  nicht.  Hierdurch  er- 
halten fie  auffer  der  Bequemlichkeit  noch  den 
Vortheil,  dafs,  fo  wie  fie  in  ihren  Räfonne- 
ment  feiten  Recht  haben ,  fie  eben  fo  wenig 
von  dem  Gegentheil  überführt  werden  können. 
Denn  Menfchen  ,  die  keine  feiten  Begriffe  ha- 
ben, aus  Irrthümern  herausreifsen  wollen  ,  und 
Landläufer  aus  ihrem  Wohnfitze  verjagen,  iß 
eins, 

§•    5- 

Veränderlicher      Gebrauch     der 
Worte. 

II.  Ein  anderer  bedeutander  Mifsbraueh 
der  Worte  ift  die  Veränderlichkeit  in 
dem  Gebrauche  derfelben.  Es  wird  nicht 
leicht  eine  Schrift  geben  ,  vorzüglich  wenn  fie 
polemifch  ift,  worinn  man  nicht  nach  auf 
Gg  2  merk- 


I< 


Xjgg  Drittes  Ruch. 

merkf.u:ier  Durchlefnng  Sftden  Tollte,,  dafs  die 
hlben  Werta  (meiÜenUr  i's  (Ke  wibhl 
auf  denen  die  ganze  Sache  beruh l)  verfchiede 
ne  Begriife  bezeichnen.  Die  .'s  ift  aber  eil 
Bflift brauch  im  eigentlichen  S'irsne.  Denn  wem 
die  Worte  Zeichen  meiner  \  oilitllungen  feyi 
fallen  *,  um  he  amhrn  zu  offenbaren*  und  da:  i 
nicht    durch    ibre    natürliche  tung    fori 

detn  durch  wiiikühriirhe  Veibindung ,  fo  if 
■es  ein  Mibb>auch  und  .Betrug,  wenn  ich  durch 
fie  ball  diei'e  bald  jene  Sache  ausdrucke.  Wei 
c  wifentlich  thut;  der  macht  lieh  einer  grof 
fco  I'borheit  oder  einer  noch  groTsern  Unred 
Henkelt  fchuldig.  Es  wäre  zum  wenigßei 
ein  eben  fo  unredliches  Betragen,  als  wenn 
einer  in  feinen  Rechnungen  mit  andern  ein 
Zahlzeichen  bald  für  diefe  bald  für  jene  Zahl» 
fetten  wollte.  Wenn  einer  in  Ge  chäften  die  j 
g  bald  für  7  bald  für  g  gebrauchte,  wie  es  fein 
Vu.tlu  il  verlangte,  fo  würde  er  Geh  bald  einen  t 
von  den  zwei  verhafstefien  Namen  zuziehen, 
und  niemand  würde  gerne  mit  ihm  zu  thun 
haben  wollen.  Gleichwohl  gilt  daffelbe  Ver« 
fahren  in  gelehrten  Abhandlungen  und  Streitig- 
keiten für  Witz  und  Gelehrfamkeit ;  allein  mir 
fcheint  es  unmoralifcber  uut\  ein  grösserer  Be- 
trug zu  feyn,  als  wenn  man  die  Zahlen  in  einer 
Schindrechnung  abfichtlich  aus  ihrer  Stelle 
verrückt,  weil  die  Wahrheit  von  grofsernWerth, 
und  lnieteffe,    als   das  Gehl  ift» 

-  $.  6". 


Zehntes    Kapitel.  4^9 

§.     6. 

Ab  fichtlich    gefachte   Dunkelheit. 

III.  Ein  anderer  Mifsbrauch  iit  che  ab- 
"ichtliche  Dunkelheit  theiis  durch  den 
Gebrauch  alter  Worte  in  einer  neuen  unge- 
wöhnlichen Bedeutung,  theüs  durch  die  Ern- 
ährung neuer  zweideutige*  Ausdrücke  ohne 
Weitere  Erklärung ,  theiis  endlich  durch  eine 
olche  Wortverbindung,  diis  die  gewöhnliche 
Bedeutung  verdunkelt  wird.  Die  peripate- 
ifche  Schule  hat  fich  von  diefer  Seite  am 
neillen  ausgezeichnet,  doch  find  die  andern 
philofophifchen  Seelen  auch  nicht  ganz  rein 
iavon  giblieben.  Ihre  Syfteme  find  faß  alle 
nit  Schwierigkeiten  verwickelt;  fie  fuchten 
liefe  durch  dunkle  Ausdrücke  und  durch  Ver- 
wirrung der  Bedeutungen  der  Worte  zu  ver- 
keken,  und  dadurch  che  Augen  anderer  Men- 
chen  in  Nebel  zu  hüllen,  hinter  welchem  man 
lue  Blöfsen  nicht  entdecken  fohte.  Es  kofiet 
nicht  viel  Nachdenken  ,  um  einzufallen ,  dafs 
lie  Ausdrücke  Körper  und  Ausdehnung 
zwei  verfchiedene  Begriffe  bezeichnen.  Denn 
hätten  fie  einerlei  Sinn,  fo  müfste  die  Wort- 
verbindung, der  Körper  einer  Ausdeh- 
nung eben  fo  fchiklich  und  verltändlfch  als 
folgende:  die  Ausdehnung  eines  Kör- 
Ipers,  feyn.  Gleichwohl  giebt  es  Leute,  wel- 
che ein  Intereße  darin  finden,  beide  Bedeutun- 
Gg  3  gen 


470  Dritte«  Buch. 

gen    zu  vermengen.       Die   '  ogik  nebft   anderr 
WißVnfchaften    hat    durch   ihre  Behandlung  in 
den   Schulen   diefem    Mißbrauch   und  dem   l  i. 
w(  T'ii ,  die   Bedeutungen    der  Worte    zu    \  et 
wirren  ,     An Tehen    verfchaft  ;     die    natürliche 
Unvollkominenheit     der     Sprachen    ift     durch 
die  bewunderte    Disputirkunlt   vermehrt    wor- 
den.     Denn  he  läfst  hch   nicht  nur  dazu   brau- 
chen, den  Sinn  der  Worte  zu    verwirren  ,   fon- 
dern  he  giebr  auch  mehr  da^u,  als  zur  Erkennt- 
nis der  Wahrheit,  Anleitung.      Wenn  man  da 
her  einen    Blick    in    diefe    Art   Schriften    thut, 
fo  findet   man  die  Worte  writ  dunkler,    un»e- 
wiiler  und  unbeliimmter,  als   in  dem  gemeinen 
Leben« 


§.     7- 

Die  Logik  und  Difputirkunft  trägt 
viel  zu  diefem   M  i  ('s  brauche  bei. 

DieTes  wird  allezeit  das  unvermeidliche 
Schickfal  feyn ,  wo  tnenfehliches  Wiflen  nach 
der  Geschicklichkeit  im  Disputieren  gefchätzt 
wird.  Und  wenn  dieTe  Eroberungen  ,  welche 
grüfstentheils  von  Subiilitär  und  Spitzfindig- 
keit der  Worte  abhängen  ,  Ruhm  und  Ehre 
begleiten,  fo  darf  mau  fich  nicht  wundern, 
wenn  ein  folcher  Gebrauch  des  Verbandes  die' 
Bedeutung;.der  Worte  Tu  veiwirret,  verwickelt 

und 


Zehntes  Kapitel.  471 

und  auf  die  Spitze  fiellt,  dafs  man  immer  etwas 
zu  fagen  findet,  man  mag  einen  Satz  verthei- 
(iigen  oder  bestreiten,  indem  der  Sieg  nicht  dem, 
der  die  Wahrheit  auf  (einer  Seite  hat,  fondern 
dem,  der  das  letzte  Wort  im  Streite  behält,  zu- 
erkannt wird. 

$.     8. 

Diefe  unnütze  und,  wie  mir  Tcheint,  jedem 
Wege  zur  Erkenntnifs  gerade  entgegengefetz- 
te Kunft  hat  gleichwohl  bisher  den  ehrenvol- 
len Beinamen  des  Scbarffinnes,  den  Beifall  der 
Schulen  und  die»  Aufmunterung  eines  großen 
Theils  der  Gelebt  en  zu  erwerben  gewufst. 
Doch  dies  ift  nichts  Unerwartetes,  Denn  die 
alten  Phiiofophen,  (ich  meyne  die  ftreitfüch- 
tigen,  welche  Lucian  mit  eben  fo  viel  Witz 
und  Spott,  als  Gründlichkeit  geifselt)  und  die 
neuen  Scholaftiker  fachten  durch  ihre  grofse 
und  allumfallende  Wilfenfchaft ,  die  (ich  eher 
voifpiegeln  als  wirklich  erwerben  läfst,  nur 
Ehre  und  Ruhm  zu  gewinnen,  und  fanden  in 
jener  Kunft  ein  gutes  Mittel,  unter  ein  fonder- 
bares  und  undurchdringliches  Gewebe  von  ver- 
wickelten Worten  ihre  Uuwifleijheit  zu  ver- 
decken, und  durch  unverftändliche  Ausdiück«j 
de  je  weniger  man  fie  verftand,  defto  mehr 
15  wunderung  fanden,  Auffeben  b*i  andern 
zi  erregen.  Indellen  zeigt  die  Gefchichte,  dafs 
Gg  4  diefe 


*,"ti  Drittes    Buch, 

di.fc  tieflinnigeh  W'ifPrr  weder  weifer  noch 
.eher  als  ibre  Nebenmenl'cheu  waren,  \:ni 
um  da*  menfcbjiiche  Leben  und  die  Gefeil* 
fchaft.in  der  fie  lebten,  (ich  nur  wenig  Wrdienft. 
erwarben.  Oder  foüte  man  die  Erfind 
neuer  Worte,  die  auf  k-ine  n?ue  Gegeifrftände 
des  Denkens  hinweifen,  die  Verwirrung  und 
Verdunkelung  der  Bedeutung  3lter,  und  die 
Verbreitung  cles  Zweifels  und  der  Sireitb 
über  alle  Gegen.ftände  für  etwas  der  Menftli- 
heit  V'orih' jjijjft-s,  der  Ei:.^i\hlung  und  d§r 
Belohnung    Würdiges  hallen? 


Denn  nicht  diefen  gelehrten  Streitern  un<! 
a'.leswifler.den  Lehrern  haben  die  Staaten  Ruhe, 
Verteidigung  und  Freiheit  zu  verdanken,  fon- 
dern dein  unfcholaftifchen  Staatsmann ,  nnd 
von  ungelehrten,  verachteten  Handwerkern 
erhielten  fie  die  Cuhur  nützlicher  Kaufte.  Uri- 
terdeffen  nahm  doch  in  dem  letzten  Zeitalter 
(liefe  kunftmäfsige  Unwiffenheit  und  dic'fer  ge- 
lehrte Wirrwarr  durch  das  Interelfe  und  die 
Ränke  derjenigen  fo  fehr  überhand,  welche 
auf  keinen»  leichteren  Wege  den  höchften  Gip- 
fel ihres  Anfehens  und  ihrer  Henfchaft  errei- 
chen konnten  ,  als  wenn  fie  Gefchäftsmänneri 
uud  Unwillendeu  mit    fchweren  Worten    eil 

Gai- 


Zehntes  Kapitel.  473 

Cäukelfptel  vormachten,  ariifsigt  und  denken- 
de Köpfq  in  verwirrte  Streitigkeiten  über  un- 
verftänd  liehe  Sat  zo  vervricl'elten  ,  und  in  die- 
fem  Labyrinthe  unaufhörlich  ^verftrickt  erhiel- 
ter». Ungereimte  Lehren  können  überdem 
nicht  endcrs  als  hinter  der  Schutzwehr  einer 
iVTenge  dunkler,  zweifelhafter,  ur.bsftimmter 
Worte  Lhn5r°.n^  firdeu,  und  verlheidiget  wer- 
den. Diefe  gelehrten  Verfr.hanzungen  Jgeben 
jedoch  mehr  d^s  Anfehen  von  einer  Räuber- 
hö!e,  als  einer  Veftung  für  brave  Krieger,  und 
he  find  nicht  fowohl  durch  ihre  natürliche 
Stärke,  als  durch  eine  undurchdringliche  Hecke 
von  Dornen  und  Gefträuch  ,  die  de  von  allen 
Seiten  umgeben,  unüberwindlich.  Denn  Un- 
wahrheit ift  dem  menfshlfc-hrn  Verfhnde  nie 
willkommen,  und  die  Unverrr.n-t  kann  nur 
a'.lciu  in  der  Dunkelheit  Schutz  finden« 

§.     io. 

Auf  diefe  Art  wurde  diefe  gelehrte  Unwif- 
fenheit  und  die  Runll,  feibfiuenkende  Köpfe  von 
der  Erkenntnis  entfernt  zu  halten,  in  der  Welt 
mehr  verbreitet,  und  Ge  verwirrte  den  Ver- 
ftand ,  wahrend  fie  vorgab,  ihn  aufzuklaren. 
Denn  wrirfehen,  dafs  gutdenkende,  verftändi- 
£e  Männer,  ohne  durch  Erziehung  und  eige- 
r.es  Talent  diefe  Spitzfindigkeit  erreicht  zu 
haben»  fich.  verständlich  gegen  einander  aus- 
Og  5  drück« 

/ 


4~4  Drittes  Fiiicli. 

drücken,    und  eben   darin   eine  Wohli hat    der 

Sprache  findeu.  Allein  obgleich  Ungelehrte 
die  Worte  weif«  und  fchwarz  fehr  gut  verfte- 
hen  ,  und  damit  zwei  verfchiedene  \7ori'[eI! lin- 
ken beftändig  verbinden ,  fo  fanden  fich  doch. 
PhiloJii  plres  .  welche  nach  ihrem  Scb.arf.inn 
und  Einficht  beweifen  wollten  ,  der  Schnee 
fey  fchwarz.,  d- i,  VV  e  i  fs  f  e  y  S  c  h  wa  r  z. 
Welcher  Vortheil  konnte  dadurch  erreicht 
weiden,  als  das  Hülfsmittel  zum  Denken,  zur  Un- 
terhaltung, Belehrung  und  Gefelligkeit  zu  zer- 
nichten ,  durch  übergTüfse  Kunft  und  Subiili- 
tät  die  Bedeutung  der  Worte  zu  verwirren  und 
die  Sprache  weniger  brauchbar  zu  machen,  als 
fie  s  bei  ihrer  bios  natürlichen  Unvoükommen- 
heit  f- yn  könnte.  Ein  Vortheil,  deflen  die 
Fwchtgelehrten  freilich  entbehren  muffen. 

§.      n. 

•  Die  Bildung  des  Verbandes  und  das  practi- 
fche  Leben  gevsinnt  durch  folche  Gelehrte  un- 
g  fähr  eben  fo  viel,  als  durch  die  Erfindung 
jenes  Mannes,  der,  um  die  Uebcrle^  enheit  fei- 
nes Verftandes  über  den  genieinen  einfältigen 
Mann  zu  beweifen,  gelernt  hatte,  die  Bedeu- 
tung der  bekannten  Schriftzüge  zu  verändern, 
und  zu  nicht  geringer  Bewunderung  und  Er- 
b.uiung  feiner  Lefer  A  fürB,  D  für  E  zu  fetzen. 
Diefte  Verwechfelung  ifi  fo  Cnnlos,  als  der  Ge- 
brauch 


Zehntes  Kapitel.  475 

brauch  eines  Worts,  an  welches  eine  beftimm- 
te  Vorftellung  geknüpft  ift,  7.  B.  VVeifs,  für  ei- 
ne andere  oder  die  enfgegengefetzte. 

§.      12. 

Diefes  Unwefen  blieb  nicht  bei  legirchen 
Sub.ilitäten  und  leeren  Speculationen  ftehen  j 
es  hat  (ich  über  aües  verbreiten,  was  die  Menfch- 
heit  intereflirt,  die  Wahrheiten  der  Rechtswif- 
feufchaft  und  Theologie  verdunkelt,  Verwir- 
rung ,  Unordnung  und  Ungewißheit  in  die 
menfehlichen  Angelegenheiten  gebracht  und 
die  zwei  grofsen  Grundpfeiler  des  menfehlichen 
Lebens,  Religion  und  Gerechtigkeit,  wo  nicht 
umgeftürzt,  doch  gröTstentheüs  unbrauchbar 
gemacht.  Welchen  Gewinn  haben  die  meiften 
Erklärungen  und  Streitigkeiten  über  göttliche 
und  i.«enfchliche  Gefetze  der  Weh  gebracht, 
als  ihren  Sinn  dunkler  und  verwickelte!  zu  ma- 
chen? Hatten  die  vervielfältigten  lnarfchatfen 
Unterfcbeidungen  und  Spitzfindigkeiten  einen 
andern  Erfolg  als  Dunkelheit  und  Ungewifs- 
heit ,  wobei  die  Worte  immer  unverbindlicher 
werden,  der  Leferimmer  tiefer  verwickelt  wird  ? 
Kommt  es  nicht  daher,  riafs  die  Fürüen,  wenn 
fie  an  ihre  Diener  fchreiben  ,  oder  mit  ihnen 
fprechen ,  oder  etwis  gewöhnliches  befehlen, 
leicht  verftanden  werden,  aber  nicht,  wenn 
fie  in  Ge.etien  zu  ihrem  Volke  fprechen?   Und 

ilt 


)~6  es  Euch, 

ift  es  nicht  ein  gew ohniicher  Fall ,  dafs  ein 
hlann  von  gewöhnlichem  Vcrftande  eine  Schrift  - 
ftellc  oder  ein  Gefeiz  richtig  verhehl,  bis  er  ei- 
nen Ausleget  oder  einen  Gerichtshof  zu  Käthe 
zieht,  welch«,  wählend  fie  die  Stellen  eTklä- 
t  i,  c'it.- -A  orte  entweder  nach  Belieben  deuten, 
oder  gar  alles  Sinnes  berauben  2 

§.     I« 

Ich  will  hior  nicht  unter'uchen  ,  ob  diefe 
Stünde  der  Gelehrten  etwa  ein  NebenintercfJe 
dabei  hatten,  fondern  ich  bitte  nur,  zu  beher- 
zigen, ob  es  nicht  für«Menfchtfii,  deren  Inte- 
reffe  darauf  beruhet,  die  Dmge  zu  erkennen 
wie  fie  find,  zu  thun,  was  fie  ihun  füllen  und 
nicht  ihr  Leben  in  thntenlo'tn  Gerede  zu  vef 
fchw'enden  oder  mit  den  Worten  v.  ic  mit  einem- 
Balle  zu  fpielen ,  ich  Tage,  ob  es  nicht  für  diefe 
IMenfchen  gut  wäre,  wenn  der  Grbrauch  der 
Woite  an  Beftiwmtheit  und  Deutlichkeit  ge- 
wönne,  wenn  die  Sprache,  deien  Zweck  Be- 
füiderung  der  Erkenntnifs  und  Gefeiligkeit  ift, 
nicht  dazu  angewendet  würde,  die  Wahrheit 
/!  verdunkeln  ,  die  Menschenrechte  umzuftür- 
teti,  Religion  und  Moralität  zu  umnebeln  und 
dem  Lichte  des  Verftandes  zu  entrücken;  ob 
nicht  wenigftens/,  wem  fo  etwas  gefchähe,  es 
mit  dem  Titel  der  Gelehrsamkeit  und  Einficht 
Eicht  geftempelt  werden  follte? 

§.  14. 


Zehntes  Kapitel.  477 

§•     H-  v 

Es  i  ft  ein  M  i  f  s  b  r  a  u  c  h  ,  wenn  man 
die  Worte  für  die  Dinge  felbft 
nimmt. 

IV.  Ein  anderer  grorserMifsbraucb  beftehet 
•darin  ,  dafs  man  die  Worte  für  die 
Dinge  nimm.t;  und  er  kar^n  in  einem  ge- 
witfen  Grane  bei  allen,  vorzüglich  aber  docli 
bei  den  fubftanxie'len  Worten ,  vorkommen» 
Diejenigen  Menlchen  begehen  ihn  am  leichte- 
rten ',  welche  ihre  Gedanken  auf  ein  Syfterö 
eiafchrneken ,  und  einen  zu  ftarkeu  Glauben 
an  die  Vollkommenheit  irgend  einer  angenom- 
menen Hypothefe  haben,  wodurch  leicht  die 
Ueberredung entlieht,, als ertfprächen  dieKunft- 
worto  einer  Sccte  der  Natur  der  Dinge  als  hät- 
ten fie  ob jeeti veRerdit.lt.  Ifi  wohl  einer  in  der 
peripatetifchen  Philolbphia  aufgev/achTen,  der 
nicht  die  zehen  Wösrte,  unter  welche  die  zehn 
Prädicarnente  geordnet  find  ,  für  Etwas  der 
Natur  der  Dinge  vollkommen  etitftu  eckendes 
halten  folite.?  Wer  gehört  zu  die  Ter  Schule, 
ohne  mit  inniger  Uebcrzeugung  die  fubftanziel- 
len  Formen,  die  vegetative  Seele,  den  Ab- 
fcheu  vor  dem  Leeren  und  die  fpecies  intentio- 
nales  für  etwas  Reales  zu  halten  ?  Sie  lernten 
diefe  Worte  bei  ihrer  erden  Befchäftigung;  mit 
den  Wifienfchaften,  fahen  ,  welches  Gewicht 
ihra  Lehrer  und  Syfterne  darauf  legten,   und 

kann- 


\fl  Drittes  Bticfa. 

konnten  daher  fich  nicht  von  der  Meinung 
losmachen,  als  flehten  fie  etwas  objecriv  Rea- 
les dar.  Die  Pb'.toniker  haben  ihre  Welt-Teile, 
die  EpikurjSef  ihie  Atomen  mit  dem  Streben 
räch  Bewegung.  Kurz,  fcft  jede  Secte  der 
Philosophie  hat  eine  eigne  Reihe  von  Ausdrük- 
keu  ,  welche  für  andere  unverständlich  lind. 
Diefe  unveriländliche  Kunft  nr.-.clie,  welche  bei 
der  Schwäche  des  menfehiighen  V  erftandes  fehr 
brauchbar  itt,  Unwiffenheit  und  Irrthum  zu  be- 
mänteln, erhalt  dennoch  in  derlelben  Secte 
durch  den  allgemeinen  Gebrauch,  das  Anfehen 
von  der  giöfsten  Wichtigkeit  und  Bedeutung. 

Ein  aufmerM'amer  Lefer  philofophifcher 
Schäften  wird  genug  Stoff  zu  der  Bemerkung 
fiiuiiTi  ,  wie  lehr  die  Worte,  wenn  lie  für  ob- 
jeetive  Realitäten  benommen  werden,  den  \  er- 
ftand  irre  führen  können,  Beifpiele  davonge- 
hen fehr  gemeine  Worte,  die  nicht  den  gering- 
lien  Verdacht  deswegen  erwecken.  Wie  vie- 
le Streitigkeiten  hat  nicht  die  Materie  veran- 
lafst.  ;>ls  wäre  iie  eben  fo  ein  reales  v#n  Körpern 
verfchiedenes  Ding,  als  jenes  Wort  einen  von 
Körpern  verfchiedenen  Begriff  bezeichnet.  Dafs 
beide  Begriffe  vtrfchieden  find,  iit  klar,  denn 
foult  müUte  jeder  in  allen  Fällen  an  des  andern 
Stelle  können  gefetzt  werden.     Allein  man  kann 

wohl- 


Zehntes  Kapitel. 


479 


wohl  Pagen:  alle  Körper  beliehen  aus 
einer  Materie,  ein  Körper  ift  gr  ö  fser 
als  der  andere,  aber  nicht,  alle  Mate- 
rie befteht  aus  einem  Körper,  eine 
Materie  ift  gHifser,  als  die  andere. 
Woher  kommt  du\res  ?  Materie  und  Körper 
find  nicht  real  verfchieden  ,  fondern  wo  das 
eine  ift  ,  da  ift  auch  das  andere;  aber  gleich- 
wohl werden  durch  diefe  Worte  zwei  verfchie- 
dene  Begriffe  ausgedrückt,  wovon  der  eine 
unvollftäudig  und  nur  ein  Beftandtheil  des  an- 
dern ift.  Denn  Körper  bedeutet  eine  diehte 
ausgedehnte  Subftanz,  unter  einer  gewiden 
Form,  Materie  hingegen  fcheint  mir  eine 
dunklere  Theilvorftellung  für  die  Dichtheit  und 
Subftanz  des  Körpers,  abgefondcrt  von  der 
Figur  und  Ausdehnung,  zu  feyn.  Daher  fpricht 
nun  von  der  Mateiie  immer  als  einer,  weil  die- 
fes  Wort  in  Wahrheit  nichts  als  die  Vorftellung 
von  einer  dichten  Subftanz  enthält  ,  welche 
in  jedem  Räume  einerlei  und  einstig  iff.  Man 
denkt  fich  eben  To  wenig  verfchiedene  Mate- 
rien in  der  Welt,  als  verfchiedene  Arten  der 
Dichtheit  ,  aber  wohl  verfchiedene  Körper, 
weil  Figur  und  Ausdehnung  vieler  Modifikatio- 
nen fähig  find.  Da  aber  Dichtheit  ohne  Aus- 
dehnung und  Figur  nicht  exiftiren  kann,  fo 
mufste  die  Annahme  eines  realen  Dinges  ,  wel 
ches  durch  das  Wort  Materie  angedeutet  wür- 
de, noihwendig  die  dunkeln  unveiftändiicuen 

Er- 


4oO  ,.:.ck. 

Erörterungen    und    Streitigkeiten    veranlagen, 
welche   vvir  in  den  Schriften  der  iun 

über  die  lateiie  finden.      Ich  will   l.itr 

nicht  nntf.  lachen,  in 
bei  mehreren  allgemeinen  Ausdrücken  • 
fen  wird;  allein  das  dari  ich   wühl  behau 
daTs  es  weit  weniger  Streitigkeiten  in  der  Welt 
geben:    würde,    wenn  in  ■   nur  für 

das,  was  Ge  und,  für  Zeichen  unterer  Yorftel- 
lungen  und  nicht  der  Dinge  felh  t,  nähme.  Denn 
wenn  die  Materie  nichts  als  ein  übject  im  fers 
Denkern  ift,  fo  denken  wu  blofs  über  den  in 
diefem  Wortzeichen  ausgedrückten  Begriff,  er 
mag  einem  real  exiitirenden  Dinge  vollftändig. 
r  entfprechen  oder  nicht.  Und  wenn  allezeit 
die  Begriffe  beftitnmt  würden,  welche  durch 
Worte  ausgedruckt  werden  foilen,  fo  würde 
m?.n  bei  Eriorfchung  und  Behauptung  der  Wahr- 
heit weriger Dunkelheit  und  Streit  bemerken) 
als  jetzt  wirklich  der  Fall  ift, 

§.     16. 

Au'  er  andern  Xachiheilen,  inofs  clieferMifs- 
brauch  ,  wenn  er  zur  üewohtiheit  wird,  die 
Menfcbea  nothwendig  in  Begriffe  hinemzau- 
bem ,  welche  Och  von  der  V.  ler  Din- 

ge fehr  weit  entfernen.  Es  würde  g-.  Gie- 

rigkeit haben,  einem  die  Ueberieägüng  beiüti- 
bxinges,    clai'i   a;e  Woite,    Weiche  feinVr.tcr, 

Sc 


Zehntes  Kapitel.  4§i 

Schulmeifter.  Prediger  oder  ein  anderer  geehr- 
ter Lehrer  gebrauchte,  nichts  Reales  bedeuten. 
Hierin  li«  gt  vielleicht  keine  unbedeutende  Ur» 
fache,  wjrum  die  Menfchen  felbft  bei  philofo- 
phifchen  Meinungen,  wobei  kein  anderes  In- 
terefle  al  Wahrheit  ftatt  findet,  fo  ungerne  ih- 
re Irrthümer  aufgeben.  Penn  da  die  Worte, 
in  welrhp  fie  eingekleidet  waren ,  (ich  in  dem 
Gedächtnifs  Feßgefetzt  haben,  fo  d^rf  man  fich 
nicht  Wundern,  wenn  die  daran  geknüpften 
falfchen  Begriffe  unbeweglich  find, 

fc     17- 

Es  i  (l  ein  Mifsbraüch,  wenn  man 
fie  zum  Zeichen  deffen  macht, 
was  fie  nicht  bezeichnen  kön- 
nen. 

V.  Ein  anderer  Mifsbraüch  der  Worte  be« 
fleht  darin,  wenn  mau  i  i  e  an  die  Stel- 
le der  Dinge  fetzt,  welche  fie  gar 
nicht  bezeichnen  ,  oder  nicht  be- 
zeichnen können.  Wenn  wir  die  allge- 
meinen Worte  der  Subftanzen,  deren  Nominal- 
wefen  uns  rur  aliein  bekannt  ift,  in  Urtheile 
faffen,  und  von  ihnen  etwas  bejahen  oder  ver- 
neinen ,  fö  fetzt  man  gewöhnlich  fiillfchwei- 
gend  voraus,  dafs  nun  die  Rede  von  dem  rea- 
len VYefen  einer  Art  Subftanzen  fey.  Wenneitt 
Menfch  fa^t:  Gold  läl'st  fich  durch  da$ 
Lecke'».  II,  TheiU  H  h  S  c  h  1  a  - 


482  Drittes  Buch. 

Schlagen  dehnen,  fo  will  er  das  nicht 
vnndem,  was  er  Gold  nennt,  verftanden 
willen,  oh  es  gleich  der  einzige  mögliche  Sinn  j 
des  Satzes  ift,  fondern  er  meint  damit  etwas 
mehreres,  nehmlich  :  Gold,  d.h.  dasjeni- 
ge, was  das  reale  Wefen  des  Goldes 
hat,  ift  dehnbar,  welches  fo  viel  bedeu- 
tet,  als  die  Dehnbarkeit  ift  von  dem 
realen  Wefen  des  Goldes  abhängig 
und  unzertrennlich.  Allein  daer  das  reale 
Wefen  des  Goldes  nicht  erkannt  hat.  fo  kann 
auch  das  Ptädicat  Dehnbarkeit  nicht  mit  diefein, 
fondern  nur  mit  dem  Worte,  welches  an  jenes 
Stelle  gefetzt  ift ,  verbunden  feyn.  —  WVnn 
man  fagt :  ein  vernünftiges  Thier  fey  eine  bef- 
fere  Definition  von  dem  Menfchen  ,  als  die: 
ein  zweifüßiges,  uubefiedenes  Thier  mit  brei- 
ten Nägeln,  fo  fetzt  man  offenbar  voraus,  dafs 
das  Wort  Men'ch  in  diefem  Fall  das  reale  Wefen 
einer  Gattung  bedeute,  und  man  will  damit 
fagen,  daTs  das  reale  Wefen  durch  die  erftere 
Definition  beffer,  als  durch  die  zweite befchrie- 
ben  werde.  Denn  warum  hätte  nicht  Plato 
mit  eben  dem  Recht  das  Wort  av-9-^wJro;  zum 
Zeichen  feines  zufaininen°efeizten  Begriffs  von 
einem  durch  eine  gevvilfe  Geflalt  und  andere 
äursere  Merkmale  von  andern  unierfcbiedenen 
Körper  machen  können,  als  Ariltoteles  damit 
einen  Begriff  bezeichnete ,  der  aus  den  Merk- 
malen Körper    und  Vernunft   2ufammengefelzt 

war. 


Zehntes  Kapitel.  435 

war,  wenn  man  nicht  vo  ausfetzte,  das  Wort 
bedeute  etwas  anders,  als  was  es  bedeutet,  und 
es  vertrete  die  Stelle  eines  andern  Dinges,  als 
desjenigen  Begriffs,  den  Jemand  nach  feiner  ei- 
genen Erklärung  damit  anzeigen  will* 

&     18. 

Freilich  würden  die  Worte  der  Subfranzen 
Von  wichtigern  Gebrauch,  und  die  daraus  ge- 
bildeten Sätze  von  gröfserer  Gewißheit  feyn> 
wenn  das  reale  VVefen  der  S.ibftanzen  der  Be- 
griff des  Verftandes  wäre,  und  durch  jene  Wor* 
te  bezeichnet  würde  Die  Worte  gewähren 
wegen  diefes  Mangels  fo  Wenig  Ke::ntnifs  und 
Gewifsheit  in  dem  Räfonnpment  von  Subßan- 
zen;  und  um  diefe  Unvollkommenheit  fo  viel 
als  möglich  zu  entfernen,  macht  fie  der  Ver- 
ftand  durch  eine  dunkle  Voraus  etzung  zu  Zei- 
chen desjenigen  Dingps,  welches  diefes  reale 
Wefen  hat  ,  als  käme  er  demfelben  daduich. 
näher.  Die  Worte  Menfch  oder  Gold  be- 
deuten eigentlich  nichts  als  einen  zufammenge- 
fetzten  Begriff  von  Eigenfchaften ,  welche  in 
einer  Art  Subftanzen  vereiniget  find.  Dennoch 
gebraucht  feiten  Jemand  diefe  Worte  ohne  die 
Vorausfetzung,  dafs  fie  dasjenige  Ding  bezeich- 
nen, welches  das  reale  Wefen  hat,  von  dem, 
diefe  Eigenfchaften  abhängen.  Hierdurch 
wird  aber  die  Unvollkommenheit  diefer  Worte 
Hb  2  U 


484  Drittes  Buch. 

To  wenig  vermindert,  dafs  Ce  durch  dieTen  ol- 
fenbarenMiu  brauch  mir  noch  mehr  vermeinet 
wirdj  denn  v\  \s  nicht  in  dorn  Begriffe  entfial- 
iei  Üann  auf  keine  Weife  üurdi  das  (VoH 

bVzdiclinel  werden« 

U    19. 

Daher  die  V  o  *  ft  e  U  u  n  g ,  dafs  nicht 
jede  Veränderung  in  den  Bp  grif- 
fen der  Suh (tanzen  auch  die  Gat- 
tung und  Art  andere. 

Hieraus  erhellet  die  Urfache,  warum  bei 
gemifchten  Beftimmuugen  die  Au  laffung  oder. 
Veränderung  eines  Merkmals  in  dem  zulammeh- 
gefetzten  Begriffe  ein  anderes  Ding  oder  eine 
andere  Art  beftimmt,  wie  in  den  Worten  TOctt- 
fchlag,  Mord,  Meuchelmord  einleuchtend  ift, 
Di»1  Urfache  liegt  uehmlieh  darin  ,  dafs  diefe 
"Worte  einen  Begriff  bezeichnen,  Welcher  fowohl 
das  Wort  als  Sachwefcn  ilt,  und  dafs  keine  Be- 
ziehung auf  ein  anderes  Wefen  als  diefes  biet 
flatt  findet.  Allein  bei  Subftan/.cn  ift  es  nicht 
fo.  Wenn  gleich  einer  in  den  Begriff  Gold  ein 
Merkmal  aufnimmt,  was  der  andere  ausfthlicfst 
und  umgekehrt;,  fo  glaubt  doch  in  der  Begel 
Niemand,  dafs  dadurch  die  Gattung  oder  Art 
verändert  werde,  weil  man  unvermerkt  vof- 
ausfetzt,  das  Wort  hebe  in  Beziehung  und  \  er- 
tinünfung  mit  einem  realen  unveränderlichen 


Z?iir.:es  Kapitel.  ii< 

We'on  eine?  exiJHrenden  Dinges  ,  von  dem 
aiefc  Eisen  fcb.aften  abhängen.  Wenn  fc'i  et 
zu  feinem  Betritt  ron  Guide  die  Merkmale  Feu- 
eibeftandUkeit  und  Aflö>barkeit  in  CyoldWaDet 
hinzu  etzt,  die  er  vorher  eicht  Inf nahm  .  fo 
glaubt  er  nicht  eirje  andere  Art  von  Di.  g  Son- 
dern viehnehr  durch  den  Zu'atz  ei-es  neieru 
einfachen,  rrit  den  übrigen  in  der  Natur  ver- 
dienen Merkmals,  einen  vollßä  i.-:rn  Be- 
taset anhaben.     Allein  dir  .   ng 

des  Worts  auf  eine  Sache,  von  der  wir  keine 
Vorfiellu'ng  haben,  hilft  uns  zu  weitet  nichts, 
als  d?.f>  fie  uds  nur  mehr  m  Schwierigkeiten 
verwickelt.  Denu  das  Wert  Guld  wird  da- 
durch völlig  bedeutungslos ,  wenn  es  für  etwas 
gefetzt  wird,  wovoa  wir  gar  nicht  die  gering- 
fie  v  nnd  es  kann  auf  die  Art 

gir  nichts  bedeuten,  wenn  diefer Körper  fclofl 
ei  fernl  l.t.  Es  iß  ein  'ehr  gro  «er  Unter- 
|  aied,  ob  das  GpM  dem  Worte  nach  oder 
sn  T:ch  zum  Geger.hande  der  Be:rachtun£  je- 
eird;  ob  ch  das  gewöhnlich  fmj 

einerlei  halt]  und  gerne  d.J.s  Ding  dem  Worte 


tih  3  >.  Wfc 


4«« 


Drittes    Buch. 


<j.     20. 

Die  Urfache  diefes  Mifsbrauchs  i  ft 
die  falfche  Vo  ra  us  f  e  t  zu  u  g  ,  dafs 
die  Natur  jederzeit  regelmäßig 
wirke. 

Was  die  Menfchen   geneigt  macht ,    blofse 
Worte  an  die  Stelle  des  Realwefens  der  Gattun- 
gen   zu  fetzen,  ift,  wie  ich   glaube,  die  fchon 
erwähnte   Hypothefe,     dafs  die    Natur  immer 
einförmig  bei  Hervorbringung  der  Dinge   ver- 
fahre,    und    jeder    Gattung    und    Art  dadurch 
Grenzen    fetze  ,    dafs    fie    jedem   Individuum , 
das  wir  einem  generellen  Namen   unterordnen, 
diefelbe    innere  Natur  gebe.      Allein   wer  die 
verfchiedenen    Eigenfchaften   der    Individuen 
einer   Art    beobaebtet,    kann    (ich    fchwerlicli 
des  Gedankens  enthalten,  dafs  fie  in  ihrer  in- 
nern   Natur  eben   fo   von    einander  abweichen, 
als    Individuen  verfchjedener    Arten.      Gleich- 
wohl  macht    die    Vorausfetzung  ,    dafs  immer 
diefelbe    innere    Natur    mit  demfelben   fpeeih- 
fchen  Worte  in   Verbindung    ftehe ,    die  Men- 
fchen geneigt,    diefe    Worte    für   Reprä- 
fentanten    des    realen    Wefens    diefer 
Arten  zu  halten,  ob  fie  gleich  nichts  anders 
als  die  zufammengefetzten  Begriffe   ihres  Ver 
Randes  bezeichnen.     Diefe  Art  des  Gebrauchs, 
da  fie  für  etwas  gefetzt  werden ,  was  fie  nicht 
bedeuten  können,  verurfaebt  in  dem  menfeh- 

liehen 


Zehnt«  Kapitel.  487 

liehen  Denken  groTse  Ungewißheit,  vorzüg- 
lich bei  denen  ,  welche  fteif  und  feft  anf  der 
Lehre  von  den  fubftanziellen  Formen  hängen 
und  glauben,  dafs  durch  lie  die  verfch.edVrm 
Arten  der  Dinge  beftimuit  und  unterfeuieden 
werden  muffen, 

$♦     21. 

Es  ift  unflreitig  ein  verkehrtes  und  unge- 
reimtes Verfahren  ,  die  Worte  für  die  Begriffe, 
die  vvir  nicht  haben  oder  welches  eins  ift,  für 
das  Wefen  ,  das  wir  nicht  kennen,  zu  gebrau- 
chen ,  weil  es  den  Erfolg  hat,  dafs  es  die 
Worte  zu  Zeichen  von  einem  Nichts  macht. 
Und  doch  gefchiehet  es  fehr  häufig,  wie  eini- 
ge aufmer'tfame  Beobachtung'  zeigt.  Wenn 
ein  Menfch,  der  etwa  einen  grofsen  AfFen  oder 
eine  menfchliche  Mifsgebürt  liehet,  fragt,  ob 
das  ein  Menfch  fey  oder  nicht,  fo  hat  feine 
Fia.Je  offenbar  nicht  den  Sinn:  ob  diefes  Ge~ 
fchöpf  mit  feinem  Begriff  von  einem  Menfchen 
übereinftimme  ,  fondern  ob  es  das  reale  We- 
fen der  Art  an  fich  habe,  welches  feiner  Mei- 
nung nach  in  dem  Wort  Menfch  enthalten  ift. 
Diefer  Gebrauch  der  Worte  der  Subftanzen 
beruhet  auf  zwei  faifchen  Voransfetziingen. 
I)  Dafs  es  ein  gewiffes  beftimmtes  Wefen  giebt, 
nach  welchem  die  Natur  alle  einzelne  Dinge 
bildet,  und  wonach  fie  in  Arten  und  Gattun- 
Hh   4  gen 


4S8  Drittes  Buch. 

jjen  geordnet  werden.  Es  leidet  keinen  Zwei- 
fel,  dals  jedes  Ding  feine  Natur  hat,  wodurch. 
es  ift .  was  ev  ift,  und  von  welcher  feine  finn- 
licherj  Eigeuf«  haften  abhängen  J  dagegen  ift 
aber  auch,  wie  ich  glaube',  erwiefen  worden, 
dafs  diefes  nicht  die  Unterfcheidurig  der  Arten, 
unter  welche  wir  fie  ouluen,  noch  die  Grenz- 
linie ihrer  Benennungen  bestimmt,  2)  Man 
fetzt  alfo  auch  ftillfchweigend  voraus,  dafs 
wir  diefes  Wefen  begreifen.  Denn  zu  welchem 
Zweck  diente  fonft  die  F/age  :  ob  diefes  oder 
jenes  Ding  das  Realwefen  eines  Alenfcheu  ha- 
be? Und  doch  ift  diefes  durchaus  f.dfch.  Die- 
fer  Gebrauch  der  Worte,  da  man  He  Begriffe 
bedeuten  läfst ,  die  uns  fehlen  ,  mufs  notwen- 
dig grolle  Vei  wirrung  in  dem  Denken  verur- 
fachen ,  und  die  Gedankenmittheilung  durch 
Le  erfchweren. 


§.     22. 

Auch  die  Vosaus  fetzung,  als  hat» 
ten  die  Worte  eine  gewiffe  und 
evidente  Bedeutung,  ift  einMifs- 
br  a  uch, 

VI,  Ein  noch  allgemeinerer  aber  eben 
deswegen  vielleicht  weniger  beobachteter 
Mifsbrauch  beftehet  darin,  dafs  die  Menfchen, 
nachdem  fie  den  Worten  durch  öftern  Ge- 
brauch gewifle  Vorftcllurfgen  einmal  angehängt 

ha- 


Zehntes  Kapitel."  4^ 

haben,  fo  »erne  glauben,  die  Verbindung 
zwiicben     den     Worten     und     diefer 
Bedeutung     f e y     fo     innig     und    noth« 
wendig,  d  a  f  s  }h  r  S  in  n"f  o  g  1  eic  h  muff- 
te   verftanden    werden,     und    dafs  man 
bei   den   überlieferten    Worten    ftehen    bleiben 
muffe,  als  wäre  es  auffer  allem  Zweifel  gefetzt, 
dafs  in  dem  Gebrauch  derfelben  die  Sprechen- 
den und' Hurenden   eben   dlefeibeh   VorftelJun- 
gen  im   Bewufstfeyn  haben.      Da   fie   lieh  nun 
einbilden,     durch'  ein    ausgesprochenes    Wort 
auch  '  den    Gegenftand  ,    wovon  die    Rede  ift, 
andern  gleichfam  vor  Augen  dargeftellt  zu  ha- 
ben, und  die  Worte  anderer    ebenfalls  fo    neh- 
men, als   bedeuteten   fie  von  Natur    eben  das, 
was  fie  mitjdemfelben  zu  verknüpfen  gewohnt 
find,  fo  geben  fie  lieh  keine  Mühe,    den  Sinn 
ihrer    und    fremder   Worte    mit    aller    Schaffe 
zu  erforfchen  oder   zu  beftimmen.     Es  entlieht 
daraus    nur   Lertnen  und  Streit  ohne    Gewinil 
für  die  Wiffenfchaft  und  Belehrung,  wenn  die 
Älenfchen   die  Worte,    die   in    Wahrheit    nur 
wilfkühriiche    und    wandelbare  Zeichen    ihrer 
eignen  Vorftellungen  fi ti :1 ,  für  fefte    befummle 
Zeichen  allgemein    eingeftanilener  Begriffe   an- 
fehen.     Gleichwohl   befremdete;:,    wenn   rhan 
in  Unterredungen  oder  Disputationen,    wo    es 
oft  fchlechterdings  nothwendig  ift-,    nach   dem 
Sinne   der  Ausdrücke  fragt,    da  doch  die  täg- 
liche Beobachtung  desRäfonnemcnts  In  iulchen 
Hh  S  Fäl. 


4'l* 


Diittes  Buch. 


Fällen  es  nur  zu  gpwifs  macht,  dafs  feiten  zwei 
IVlenfchen  ein  b|»tachzeichen  für  zufainnien- 
gefetzte  Begiiffe  mit  einem  und  demfelben 
Betriff  verbinden«  Faß  jedes  Wort  bietet 
fprechende  Beifpiele  dar.  Das  Wort  Leben 
jft  eines  d<.r  gebräuchlichften  ,  und  es  könnte 
faft  beleidigend  Icheinen  ,  wenn  man  einen 
um  den  Sinn  dellelben  fragte.  Wenn  aber 
die  Frage  entlh  in  :  ob  die  Pflanze,  die  in  dem 
Saamen  fchon  völlig  gebddet  dalieget,  Leben 
habe;  ob  der  Embryo  in  einem  Ey  vor  dem 
Ausbrüten,  od<  r  ein  Mciifch  in  einer  Empfin- 
dung und  Bewegung  raubenden  Ohnmacht, 
belebt  Tey  oder  nicht,  fo  ift  es  leicht  zu  bemer- 
ken, dafs  nicht  allezeit  ein  deutlicher  bettimm- 
ter  Begriff  jeden  Gebrauch  dieles  fo  bekann- 
ten Wortes  behieltst.  Einige  grobe  und  dui,kle 
Vorftellungen  veibinden  die  Menfchea  ge- 
wöhnlich mit  den  gemeinen  Worten  ihrer 
Sprache,  und  mit  diefem  fchwankenden  Ge- 
brauch reichen  üe  in  den  gewöhnlichen  Un- 
terredungen und  Gefchäften  aus.  Allein  dies 
ift  für  philofophifche  Unterteilungen  nicht 
genti^:  Eikenntnifs  und  Vernunft  erfodert 
genau  beftimmie  Begriffe.  Alan  will  ivvar 
weder  fo  dumm  und  grob  noch  fo  ein  be- 
fchwerlicher  Kunftrichter  feyn  ,  dafs  man  an- 
dere nie  verlieht ,  ohne  Erklärung  ihrer  Aus- 
diücke  zn  verlangen,  und  jeden  Gebrauch  der 
Worte  i    den  man  von  andern  hört  i    hufmei- 

ftert; 


Zehntes  KopiteL  4^1 

ftert ;  allein  wo  es   Wahrheit   und  Erkenntnifs 
gilt,    kann   es  du  wobl  ein    Verbrechen    feyn^ 
die   Erklärung   der    Worte    zu    fpdern,    derer» 
Sinn  zweifelhaft  fcheint?     Oder  darf  hier  wohl 
Jemand   vordem   Geftändnifs   erröthen ,    nicht 
zu  wiflen  ,  in  welchem  Sinne  ein  Andrer  feine 
Worte  nehme,  da  er  auf  keiuem  andern  Wege, 
als    auf    dem    der   Belehrung     zur    Gtwifsheit 
kommen  bann?  Diefer  Mifsbrauch  ,  Worte  auf 
Treu    und   Glauben  anzunehmen,    ift  nirgends 
fo   ausgebreitet  noch  von  fo  fchädlichen    Fol- 
gen als  unter  den  Gelehrten,    und  er   ift  die 
Haupturfache    von    der    Vervielfältigung    und 
Hartnäckigkeit  der  Streitigkeiten,  welche  die 
gelehrte    Welt  fo  zerrüttet  haben.      Denn  an- 
ftatt   der    gewöhnlichen     Meinung,     dafs    die 
grofse  Mannichfaltigkeit  widerftreitender  Mei- 
nungen in  Büchern  und  Streitigkeiten  die  Welt 
verwirre,  fo  finde  ich   doch  darin   die    Haupt« 
fache,  dafs  die  drehenden  Gelehrten   von  ver- 
fchiedenen   Secten  nicht   einerlei   Sprache  mit 
einauder  reden.     Könnten  fie   nur  mit  Vergef- 
fung    ihrer    Terminologie     über    Gegenftände 
denken,  und  wüfsten    lie,  was  fie  denken,   fo 
würden  fie,  wie  ich   glaube,    alle  eben  daileiba 
denken  ,  wenn  gleich  vielleicht  dasjenige,   Was 
jeder  wünlchte  gefunden  zu   haben,    noch  ia» 
wer  verichieden  wäre, 


$•  23 


4gs  Duttes  Buch. 

§•    2?  —   2). 

Zwecke  der  Sprache. 

Wir  bcTchliefsen  diefes  Kapitel  mit  folgen 
der  Befrachtung.  Der  Zweck  der  iS  p  r  a 
che  bei  Unterredungen  mit  andern  ift  von 
dreifacher  Art.  I)  Andern  feine  Gedan- 
ken und  Begriffe  bekannt  zumachen 
2)  Diefes  mit  fo  viel  Leichtigkeit 
und  G  e'f  c  h  w  i  n  d  i  g  k  e  i  t  als  möglich 
zu  thun;  5)  Dadurch  Erkenntni l*s 
von  Dingen  beizubringen.  Wenn  einer 
von  diefen  Zwecken  verfehlt  wird,  fo  liegt 
es  entweder  an  der  Unvollkommenheit  oder 
an  dem  Mif.I  rauche  der  Sprache.  J)  Die 
Worte  verfehlen  den  erften  Zweck  a)  wenn 
die  Menfchen  Worte  gebrauchen  ,  mit  denen 
Jie  keine  beftimmten  Vorftellungen  bezeichnen; 
b)  wenn  fie1  gewöhnliche  Worte  mit  folchen 
Vorftellungen  verbinden,  auf  welche  fie  nach 
dem  gewöhnlichen  Sprachgebrauch  nicht  ange- 
wendet werden  j  c)  wenn  Tie  in  dem  Gebrauch 
derre!ben  veränderlich  find,  und  mit  einem 
Woit  bald  diefen  bald  jenen  Begriff  bezeich- 
nen. II)  Der  Zweck  einer  leichten  und 
fchnellen  Gedankenmittheilung  wird  verfeh- 
let ,  wenn  man  zufi'ninengefetzte  Begriffe 
denkt,  aber  keine  beftimmten  Sprachzeichen 
für  fie  hat.  Dies  ift  zuweilen  die  Schuld  der 
Menfchen,  die  noch  keine  Zeichen  für  (liefe 

Be- 


I 


Zehntes  Kapitel.  /\ofi 

Begriffe  gelernt  haben.  III)  Die  Worte  ge- 
währen keine  Kenntuifs  der  Dinge,  wenn  die 
bezeichneten  Begriffe  nicht  der  Realüüt  der 
Dinge  entTprecben,  Diefer  Mangel  entTpriiigt 
zwar  aus  unfern  Begriffen,  welche  der  Natur  der 
Dinge  nicht  lo  ange  in  eilen  find,  als  de  es  durch 
Aufmerkfamkeit,  .  Fleifs  und  Nachdenken  wer- 
den könnten,  eutreckifich  aber  auch  überunfr« 
Worte,  wenn  wir  fie  zu  Zeichen  von  realen 
Dingen  machen,  die  doch  keine  objectivi 
Realität  oder  Exiiteuz  haben» 


§.     26, 

Weitere   Ausführung    diefer    Mifs- 
brauche. 

I.  Wer  Worte  in  feinem  Munde  führet, 
ohne  in  feinem  Vcrftaude  deutliche  Voiftellun- 
gen  daran  zu  knüpfen }  der  giebt  einen  biof- 
fen Laut  ohne  Sinn  und  Bedeutung  von  ficht. 
Und  wie  gelehrt  auch  einer  durch  den  Ge* 
brauch  unverßändlicber  Worte  und  Termino- 
logien fcheinen  mag,  fg  ift  er  doch  deshalb 
eben  fo  wenig  in  der  Erkenntnifs  fortgerückt, 
als  ein  Anderer  durch  den  Befitz  von  vielen 
Büchertiteln  Fortfehritte  in  der  Gelehrf^mkeit 
gemacht  hat.  Denn  fo'.che  Worte  haben, 
wenn  fie  auch  nach  den  grammatifchen  Regelri 
äer  Wortverbindung    und  nach  den  Gefetzer! 

hat- 


41.)*-  Drittes  Buch. 

hanriOniTch  gebauter  Perioden,  in  die  Rede 
eingeflocbten  werden  ,  doch  keinen  amlern 
Werth  als  leere  Töne. 


§.       2-7. 

II.  Wer  zufammengefptzte  Begriffe  ohne 
befördere  Sprachzeicheu  bat,  ift  nicht  viel 
belTer  daran  als  ein  Buchhändler,  in  deffen 
Niederlage  Bücher  ungebunden  und  ohne  Ti- 
tel herumliegen,  die  er  andern  nicht -anders 
bekannt  machen  kann,  als  dafs  er  ihnen  einen 
Bogen  nach  dem  andern  in  die  Hände  giebt. 
Er  kann  diefe  Begriffe  aus  Mangel  eines 
Sprachzeichens  andern  nicht  tuittheilen,  und 
ift  daher  genöthiget,  fie  durch  die  Aufzählung 
aller  einzelnen  Theüvorftellungen  kenntlich 
lu  machen*  und  was  ein  Andrer  durch  ein 
Wort  ausdrückt,  dazu  inufs  er  oft  zwanzig 
gebrauchen.         n 

§.     28. 

t!T.  Wer  nicht  immer  einerlei  Zeichen  für 
einerlei  Voiftellung  braucht  fondern  die  Be- 
deutung eines  Wortes  verändert,  ift  in  AnTe- 
hun0  der  Redlichkeit  dein  Kaufmanne  an  die 
Seite  zu  fe'zen ,  der  verfchiedene  VVaaren 
Unter  einem  Namen  verkauft. 

§♦  29. 


1 


Zehntes  Kapitel.  49? 

§•     20. 

IV.  Wenn  einer  die  Worte  einer  Sprache 
mit  andern  Begriffen  verbindet,  als  dem  Sprach- 
gebrauch des  Landes  ange.neffen  ift,  Üb  kann 
er  durch  'olcbe  Worie,  wenn  er  fie  nic.^t  nä- 
her erkläret  ,  nicht  viel  zur  Verbreitung  der 
Wahrheit  und  Aufklärung  beitragen,  wenn 
auch  fein  Verftaud  noch  lo  aufgeklärt  ift.  Die 
Spracbzeichen  find  zwar  bekannt  und  finden 
daher  bei  den  Zuhörern  leichten  Einbog;  da 
fie  aber  andere  Vorftelftingfca  bezeichnen  als 
die  e  gewöhnlich  mit  ihneü  verbinden,  fo 
können  fie  die  Gedanken  deflen  ,  der  fich  ih- 
rer bedienet,  nicht  tu   erkennen  geben, 

§•     33- 

V.  Wer  Subftanzen  dichtet,  die  nie  exi- 
ftierten,  feinen  Kopf  mit  Begriffen  anfüllet, 
welche  mit  der  wirklichen  Natur  in  keinet 
Beziehung  ftehen ,  und  diefe  an  Sprachzeichen 
bindet ,  die  fehon  eineri  beftimmten  Sinn  ha- 
ben ,  der  thut  keinen  Schritt  vorwärts  in  wah- 
rer ETkenntnifs  ,  follte  er  auch  feine  Reden 
oder  fremde  Kopfe,  mit  den  fchimärifchen  Ge- 
burten feiner  Einbildungskraft  vollpfropfen» 

§•     3». 

Blofse    Worte    ohne    Vorftellupppn     haben 
keinen  Sinn  und  lind  leere  löne,     Ztuammen- 


4?<>  Dmtcs  Buch. 

• 

gefetzte  Begriffe  ohne  Sprachzeichen  erfchwe- 
len  die  Gewandtheit  und  Kürze  des  Ausdrucks 
und  nüUiigen  m  Umrchreibungen»  Ein  ver- 
änderlicher unfteter  Gebrauch  der  Worte  hat 
zur  Folge,  dafs  man  nicht  angehöret  oder 
nicht  verbanden  wird.  Wer  mit  feinen  Wor- 
ten andere  Begriffe  andeutet  als  der  Sprachge- 
brauch will,  dem  fehlt  es  an  Sprachrichtig- 
keit, und  er  redet  eine  verfalfchte  Sprache» 
Begriffe  von  Subfianzen  ,  die  der  Natur  wider- 
fpnihei),  und  keine  Materialien  zur  wahren 
Erktnntnils  für  den  Verftand,  fondern  Schi- 
mären» 

§.     32» 
Anwendung    auf  die  Sub  (tanzen» 

Alle  vorerwähnten  Fehler  finden  bei  den 
Begriffen  von  üubfranzen  fialt.  I  )  Einer 
fpr-cht  zum  Beispiel  das  Wort  Tarantel  aus, 
aber  ohne  eine  Vorüellung  von  der  Bedeutung 
deffelben  zu  haben.«  und  fo  lange  denkt  er 
nicht*  dabei  2,  Wenn  einer  in  einem  nett 
a  »deckten  Lande  verfchiedene  Arten  von 
Thieren  und  Pflanze^  Gehet ,  die  ihm  vorher 
unbekannt  waren  ,  fo  kann  er  lieh  dielYIbeh 
zw  r  To  rich'tig  vorftellen,  als  Pferde  oder  Mir- 
fche,  iber  nur  dtirch  Befchreibtingeu  von  ih- 
nen fprechen  ,  bis  er  ihren  Lamleanamen  er- 
fahren, oder  ihnen  felbfi  Namen  gegeben  hari 

5> 


Zehntes  Kapitel,  497 

g)  Wer  das  Wort  Körper  zuweilen  für  die 
b!of>e  Ausdehnung,  zuweilen  aber  für  die  Aus- 
dehnung und  Dichtheit  zufamraengenoounen  ge- 
braucht ,  der  redet  auf  eine  täuTchende  Art. 
4)  Wer  durch  das  Wort  Pferd  dasjenige  Thier 
bezeichnet ,  was  nach  dem  gemeinen  Sprach- 
gebrauch Maulefel  hcifst  ,  redet  uu  eigentlich 
und  will  nicht  verbanden  fejn,  5)  Wer  fich. 
in  dem  Worte  Centaur  ein  wirkliches  Ding 
vorftellt,  täufcht  üch  felbft,  und  nimmt  Worte 
für  Dinge. 

$.     33. 

Anwendung  auf  Reftiraraungen  und 
V  e  r  h  ä  1 1  n  i  fl~e. 

Bei  den  Beftimmungen  und  Verhältniflen 
finden  überhaupt  nur  die  vier  erßen  Fehler  ftatt. 
I)  Man  kann  die  Worte  Dankbarkeit,  Mäldthärig- 
keit  in  dem  Gedächtnifs  haben,  ohne  einen  be- 
ftitnmten  Begriff  damit  zu  Verbinden.  <2)  Man 
kann  Vorftellungen  haben,  ohne  die  ihnen  zuge- 
hörigen Worte  zu  kennen,  z.  ß.  die  VoTftellung, 
dafs  ein  Menfch  bis  zu  dem  Grade  trinkt,  dafs 
feine  Farbe  und  Gemüthsftimmung  fich  ändert., 
die  Zunge  ftammelt,  die  Füfse  wanken  Und  die 
Augen  roth  ausfehen,  ohne  zu  willen,  dafs  fie 
durch  das  Wort  Trunkenheit  bezeichnet  wird* 
3)  Man  kann  Begriffe  von  Tugenden  und  Laftem 
und    ihren  Sprachzeichen  haben ,   aber  üe  un- 

Locke's,    II.  Tlieü,  Jj  recht 


49S  Diittcs  Ruch. 

recht  anwenden  ,  z.  B.  das  Wort  SparTamkeit 
mit  dem  Begriff  verbinden,  den  andere  durch 
das  Wort  Hubfucht  ausdrucken,  4;  Man  kann 
endlich  alle  diefe  Worte  bald  iu  diefer  bald  in 
jener  Bedeutung  nebinen.  Der  fünfte  Feh- 
ler kann  aber  hier  nicht  fiatt  Boden;  Kein  Be- 
griff diefer  Art  kann  einem  exiftirenden  Dinge 
unangemeffen  feyn.  Denn  Beltimmungen  fiud 
beliebig  zu  famra  enge  fetzte  Begriffe,  Verhält- 
niffe,  eine  befUmmte  Art  Dinge  zu  betrachten 
und  zu  vergleichen  ;  beide  find  keine  Kopieen  der 
Din»e,  fondern  ihre  eigenen  Originale.  (3. 
Buch.  5-  Kap.  §.  12  —  14..)  Gewöhnlich  ver- 
lieht man  es  nur  darinn ,  dafs  man  diefen  Be- 
griffen ein  unrechtes  Sprachzeichen  anhängr, 
und  alfo  Worte  in  einem  andern  als  dem  ge- 
wöhnlichen Sinne  gebraucht,  fo  dafs  man  nicht 
verftanden  wird.  Gewöhnlich  fchreibt  man 
diefes  unrichtigen  Begriffen  zu,  da  doch  m.i 
die  Bezeichnung  unrichtig  ift.  Nur  dann,  wenn 
diele  Begriffe  aus  unverträglichen  Vorflellungen 
zufammengefetzt  werden,  füllet  man  den  Kopf 
mit  Schimären  an  ;  denn  alsdcnn  kann  ihnen 
eigentlich  eben  fo  wenig  ein  Dafcyn  in  dem 
Verftande  zukommen,  als  wirkliche  Dinge  nach 
ihnen  benennt  werden  können, 


$?. 


Zehntes  Kapitel.  499 

§.      34. 

Bildliche  Ausdrücke  find  auch  ein. 
Mifsbrauch  der  Sprache. 

VII.  Witz  und  Einbildungskraft  finden  ge- 
wöhnlich eine  heilere  Aufnahme  in  der  Welt, 
als  trockne  Wahrheit  und  reelle  Erkenntnis* 
Bildliche  Ausdrücke  und  Anfpielungen  werden 
daher  kaum  als  eiue  Unvollkommenhcit  und 
als  Mifsbrauch  der  Sprache  betrachtet  werden. 
Wo  der  Zweck  ift ,  mehr  zu  unterhalten  und 
zu  vergnügen  ,  als  zu  belehren  und  zu  unter» 
lichten  ,  da  finden  diefe  Ausfchinückungen  der 
Sprache  ihre  Stelle  und  find  keine  Fehler.  Al- 
lein wenn  man  von  den  Dingen  reden  will» 
wie  fie  find,  da  ift  in  der  That  jede  Redekunft, 
aufser  Ordnung  und  Deutlichkeit,  jede  künft- 
liche  und  uneigentliche  Anwendung  der  Worte, 
welche  die  Bert  dfamkeit  erfand,  nurd2zu  taug- 
lich, falfche  Begriffe  einzußöfsen ,  die  Leiden- 
fchaften  zu  erregen,  den  \  erftand  dadurch  ir- 
re zu  führen,  und  eigentlich  eine  wahre  Be- 
trügerei. So  lobenswürdig  oder  zulaflig  die- 
fes  alles  in  Reden  ,  vorzeitlich  in  den  an  das 
Volk  gerichteten,  nach  den  Anpreifungen  der 
Rhetorik  Teyn  mag,  fo  mufs  es  doch  durchaus 
da  ,  wo  Belehrung  und  Unterricht  der  Zweck 
ift,  vermieden  werden,  und  wo  blofs  das  In- 
terefle  der  Wahrheit  und  Erkenntnifs  gelten 
foll,  ift  es  für  einen  grofsen  Fehler  entweder 
Ii  2  der 


5,^  Drittes  Buch. 

der  Perfon  oder  der  Sprache  anzufeilen.  Die 
verfchiedenen  Alten  diefer  uneigenllichen  Aus- 
drücke aufzuzählen,  ift  hier  überflüfiig,  man 
kann  fie  in  den  fo  zahlreichen  Anweifungen 
zur  Beredfainkeit  finden.  Eine  Bemerkung 
aber  kann  ich  hier  nicht  unterdrücken.  Wie 
wenig  die  Erhaltung  und  Erweiterung  des  Ge- 
biets der  Wahrheit  die  Menfchen  intereffirr, 
fiehet  man  daraus,  dafs  die  Künfre  der  Täu- 
fchung fo  fehr  begünftiget  und  vorgezogen  wer- 
den. Die  Menfchen  wollen  gerne  betrügan 
und  betrogen  werden  ;  denn  die  Redekuufr, 
diefes  mächtige  Werkzeug  deslrrthums  und  der 
Täufchung,  hat  ihre  brfoldetcn  Lehrer,  wird 
öffentlich  gelehrt,  und  war  immer  in  grofsem 
Anfehen.  Wahrfcheinlich  wird  es  für  grofse 
Kühnheit,  ja  wohl  für  einen  Mangel  an  Huma- 
nität angefehen  werden,  dafs  ich  fie  fo  fehr, 
mifsbillige.  Die Beredfamkeit  befitzt,  wie  das 
fchöne  Gefchlecht ,  zu  mächtige  Reize,  als  dafs 
fie  Widerfpruch  erdulden  follte;  nnd  es  ift  um- 
fonft,  die  Künfte  der  Täufchung  zu  tadeln, 
durch  welche  die  Menfchen  fich  mit  Vergnü- 
gen täufchen  laffen. 


Eil/- 


5»i 

"■  Eilftes  Kapitel. 

Von  den  Gegenmitteln  wider  die  an- 
geführten Un  Vollkommenheiten 
und  Mifsbräuche. 


Wichtigkeit    diefer    Gegenmittel, 
Schwierigkeit,    fie  aufzufinden. 

Wir  haben  die  natürlichen  Unvollkommenhei- 
ten  der  Sprache  weidäuftig  dargestellt,  und  ge- 
fehen,  wie  diefe  noch  durch  Fehler  der  Men- 
fchen  vermehrt  werden.  Da  nun  die  Sprache 
das  grofse  Band  der  GefeJlfchaft  und  das  all- 
gemeine Mittel  ift,  wodurch  die  bereicherten 
Kenntniffe  von  einem  Menfchen  dem  andern, 
von  einer  Generation  der  andern  überliefert 
werden,  fo  rnufs  dicfes  unfer  ernftlichftes  Nach- 
denken auffodem,  Mittel  gegen  jene  Unvoll- 
kommenheiten  aufzunähen. 

§.    s. 

Ich  halte  das  Unternehmen   eines  Mannes, 

feine  Landesfprache  oder  gar  alle  Sprachen  in 

,der    Welt  gänzlich    umzubilden,    für    thöricht 

und  lächerlich.     Die  Federung,  dafs  alle  Men- 

1  i  3  fchen 


jos  Drittes  Bück. 

fchen  ihre  Worte  bcftändig  in  einerlei  Beden- 
tuug  und  nur  für  bettimmte  unveründeiliche  Be- 
griffe gebrauchen  lollen,  ift  loviel  ,  als,  dafs 
{ich  alle  einei  «ei  Begriffe  und  nur  dasjenige  den- 
ken lollen,  \vo\on  lie  deutliche  Begriffe  ha- 
ben. So  etwas  kann  nur  derjenige  erwarten, 
der  fo  viel  Eitelkeit  befitzt,  dafs  er  lieh  fchmei 
chelt,  er  könne  die  Menfchen  dahin  bringen, 
dafs  fie  fchweigen  ,  wenn  fie  etwas  nicht  voll- 
kommen wiflen.  Und  derjenige  mufs  febr  un- 
bekannt mit  der  Welt  feyu,  der  glaubt,  eine 
bewegliche  Zunge  fey  immer  in  GefeWchaft 
eines  guten  Verltandes,  oder  viel  und  wenig 
reden  ftehs  in  geradem  Verhähnifs  mit  der  Er- 
kenntuifs. 

$.    3. 

Man  mufs  freylich  dem  Markte  und  den 
Kaff eehäu fem  ihre  Sprache  und  den  Kinderftu- 
ben  ihre  alten  Privilegien  laffen  ;  und  vielleicht 
würden  es  die  Gelehrten  für  keinen  Gewinn 
halten,  wenn  man  ihnen  ein  Mittel  anböte,  wo- 
durch ihre  Streitigkeiten  abgekürzt  oder  ver- 
ringert werden  könnten.  Gleichwohl  mufs  je- 
der, dem  es  ein  Ernft  ift,  die  Wahrheit  zu  Tu- 
chen und  zu  vertheidigen,  es  für  Pflicht  halten, 
auf  Mittel  zu  denken,  wie  er  fich  ohne  Dun- 
kelheit, Ungewifsheit  und  Zweideutigkeit  Feh- 
ler, die  den  Worten  von  Natur  anhängen,  wenn 

man 


Eilftes  Kapitel.  5o5 

man  ihnen  nicht   vorbeugt    —    gegen   andere 
ausdrücken  könne. 

§.     4. 

Mifsbrauch    der   Worte,    eine   Ur- 
fache  grofser  Irrthümer, 

Wenn  man  die  Irrthümer  ,  die  Dunkelheit, 
Verwirrung  und  Mifsverftändniffe  betrachtet, 
welche  durch  einen  verkehrten  Gebrauch  der 
Worte  in  der  Welt  verbreitet  find,  fo  dürfte 
man  nicht  ohne  Grund  bezweifeln,  ob  die  Spra- 
che ,  wie  (ie  bisher  angewendet  wurde,  mehr 
zur  Vervollkomuiung  oder  zur  Einfchränkung 
der  menfchlichen  Erkenntnifs  beigetragen  ha- 
be. Wie  viele  richten  ihre  Äufmerkfamkeit, 
vorzüglich  bei  moralifchen  Gegenftänden ,  nur 
auf  Worte,  während  fie  Objecte  denken  wol- 
len? Und  wenn  fich  das  Denken  nicht  viel 
weiter  als  über  Worte  erftreckt,  an  denen  nur 
dunkle  und  fchwackende  oder  gar  keine  Be- 
griffe angeknüpft  find,  ift  es  denn  ein  Wunder, 
dafs,  nicht  ein  deutliches  Urtheil  oder  Erkennt- 
nifs, fondern  nur  Mifsverftändnifs  und  Dunkel- 
heit zu  Tage  kommen? 

§.    5- 

Diefer  Nachtheil  zeigt  {ich  nicht  nur  in  dem 

Selbftdenken  jedes  Menfchen  ,    fondern    auch 

vorzüglich  in  Unterredungen  undindemDispu- 

li  4  tiren 


J<>4  Drittes  Buch. 

tiren  mit  andern.     Wer  die  Sprache,  diefesgTO- 
fse  Hülfsmittel  Entdeckungen.  Schlufle  und  Er- 
kenntDiITe  einander  mitzntheüen,  unrichtig  ge- 
brauchet ,     verdirbt  zwar   die    Quelle  der   Er- 
kenntnifs,  welche   in  den  Dingen   liegt,   felbfi 
nicht,  allein  er  verftopft  doch,  fo  viel  an  ihm 
ift,     die  Kanäle,     durch  welche   die  Erkennt- 
nifs  zum    allgemeinen  Bellen    der   Menfchheit 
verbreitet  wird.      Wer  mit  feinen  Worten  kei- 
nen feften,    deutliclien  Sinn  verbindet  ,  verlei- 
tet nothwendig  Pich  und  andere  in  lrrthümer, 
und  wer  das  abfichtlich  thut,  Tollte  als  ein  Feind 
der  Wahrheit  und  Erkenntnifs  angefehen  wer- 
den.   Und  wem  darf  es  befremden,  dafsalleWif- 
fenfehaften  und  alle  Theile  der  Erkenntnifs  mit 
dunkeln  und  zweideutigen  Terminologien,    mit 
finnlofen  oder   zweifelhaften  Ausdrücken ,  wel- 
che auch  den  Aufmerkfamften  und  Scbarffinnig- 
ften  wenig  oder  gar  nicht  in  die   richtige  Ein- 
ficht der  Dinge  weiter  einführen,  fo  fchr  über- 
laden  find,    da  die  Spitzfindigkeit    bei   denen, 
welche  die  Wahrheit  zu   lehren    oder  zu  ver- 
theidigen  vorgeben,    den   Rang  einer  Tugend 
erhalten   hat.       Diefe  Eigenfcbaft,    welche  in 
derThat  gröfstentheils  nur  in  dem  bezüglichen 
Gebrauche  dunkler  und  täufchender  Terminolo- 
gien befiehr,  mufs  nur  die  Menfchen  mit  Dün- 
kel    bei    ihrer    UnwilTcnheit   und    mit 
Rechthaberei  in  ihren  Irrthümern  erfüllen. 

§.  6. 


Ellftes  Kapitel.  5c5 

§.     6. 

Wenn  wir  in  die  Streitfchriften  jeder  Art  ei- 
nen Blick  thun ,  fo  finden  wir,  dafs  dunkle, 
zweideutige  oder  fchwankende  Ausdrücke  kei- 
ne andere  Wirkung;  haben,  als  Lärmen  und 
Streit  über  blofseTöne  zu  veranlagen,  wodurch 
kein  Menfch  überzeugt  und  aufgeklärt  wird. 
Denn  wenn  die  Sprechenden  und  Zuhörenden 
nicht  in  dem  Begriffe  einig  find,  der  durch  die 
Worte  bezeichnet  wird  ,  fo  wird  nicht  über 
Pinge,  fondern  über  Worte  geftritten.  So  oft 
ein  Wort,  deffen  Bedeutung  nicht  ausgemacht 
ift,  in  Gebrauch  kommt,  fo  hat  der  Verlland 
kein  Object,  über  welches  man  einverftanden 
ift,  als  den  Laut,  indem  die  Dinge,  die  man 
zu  der  Zeit  als  durch  das  Wort  ausgedrückt  lieh 
denkt,  ganz  verfchieden  find. 

§•    f 

Ein  Beleg  dazu  ift  die  Streitfrage,  ob  die 
Fledermaus  ein  Vogel  fey?  Die  Frageilt  nicht, 
ob  die  Fledermaus  ein  anderes  Ding  fey,  als 
fie  wirklich  ift,  ob  fie  andere Eigenfchaften  ha- 
be, als  fie  wirklich  hat;  denn  diefes  zu  be- 
zweifeln wäre  die  gröfste  Ungereimtheit.  Die 
Frage  findet  vielmehr  I)  entweder  bei  denen 
ftatt,  die  von  beiden  durch  jene  Worte  bezeich- 
neten Thierarten  unvollkommene  Begriffe  ha« 
ben.  Dann  betrifft  fie  eine  objeetive  Unterfu- 
li  5  chung 


5o6  Diiitc*    Buch. 

chung  über  die  Natur  des  Vogels  und  der  Fle-  | 
tlertnaus,  um  den  mang'llufien  Begriff vollflän- 
diser  zu  muhen,  durch  die  Nachforfchung, 
ob  alle  einfache  Vorftelluugen,  welche  einftira- 
inig  durch  d^s  Wort  Vo^el  bezeichnet  werden, 
bei  einer  Fledermaus  anzutreffen  find.  Diefe 
Frage  bezieht  fich  alfo  eicht  auf  Streitende,  fon- 
dern auf  Forfchende,  welche  die  Streitfrage 
weder  bejahen  noch  verneinen,  fondern  unter- 
fuchen.  Einen  andern  Sinn  hat  die  Frage  2) 
bei  Streitenden,  wo  der  eine  bejahet ,  der  an- 
dere verneinet,  dak  die  Fledermaus  ein  Vogel 
ift.  liier  kommt  alles  auf  die  Bedeutung  des 
einen  oder  beider  Worte  an.  Indem  beide 
nicht  einerlei  zufammengeTelzte  Begriffe  mit  die- 
len Worten  verbinden,  fo  bejahet  der  eine, 
was  der  andere  läugnet,  dafs  das  eine  Wort 
von  dem  andern  bejahet  werden  kann.  Denn 
wären  fie  in  der  Bedeutung  derfelbeu  einftim- 
roig,  fo  könnten  fie  gar  nicht  darüber  fireiten, 
fondern  müfsten  fogleich  mit  völliger  Evidenz 
einfehen.  ob  alle  einfache  Merkmale  des  allge- 
meinen Worts  Vogel  in  dem  Begriffe  einer  Fle- 
dermaus enthalten  find ,  oder  nicht.  —  Ich 
wünfehte  hierbei,  dafs  man  recht  ernfilich  un- 
terziehen möchte,  ob  nicht  die  meiden  Strei- 
tigkeiten in  der  Welt  Wortftrcitiekeiten  find, 
die  bald  beendigt  werden,  oder  von  felbft  auf- 
hören würden,  wenn  man  alle  dabei  vorkom- 
mende Worte  forgfältig  bfftiminte  und  auf  deut- 
liche 


Eilftes  Kapitel.  5©7 

liehe  BegrifFe  zurückführte.  Möchte  man  doch 
beherzigen,  wozu  die  Erlernung  der  Disputir- 
kunft  hilft,  und  welchen  Vortheil  für  fich  und 
andere  diejenigen  gewinnen  ,  deren  einziges 
Gefcbäft  ein  leeres  Wortgepränge  ift,  d.  i,  die 
ihr  ganzes  Leben  in  Streitigkeiten  und  Dispuli- 
ren  verfchwenden.  Wenn  ich  aber  einen  die- 
fer  Streitenden  von  aller  feiner  dunkeln  und 
zweideutigen  Terminologie  entkleidet  fehe, 
(welches  jeder  mit  feinen  Worten  thun  kann,) 
dann  erblicke  ich  in  ihm  nicht  einen  Sklaven 
des  eilein  Ruhms,  des  Ehrgeitzes  und  der  Par- 
theifucht,  fondern  einen  Kämpfer  für  die  Wahr- 
heit, Erkenntnifs  und  den  Frieden. 

§.     8. 

Erfies    Gegenmittel.      Kein   Wort 
ohne  Bedeutung  zu  gebrauchen. 

Um  den  angegebenen  Unvollkommenheiten 
der  Sprache,  zum  wenigften  in  einigem  Grade 
abzuhelfen,  und  den  daraus  entftehende  Nach, 
theilen  vorzubeugen,  halteich  die  Beobachtung 
folgender  Regeln  fo  lange  für  möglich  ,  bis  ein 
gelchickterer  Denker  diefen  Gegenftand  feines 
reiflichen  Nachdenkens  werth  findet« 

I.  Jeder  Menfch  follte  darauf  denken,  kein 
Wort  ohne  Bedeutung,    ohne  daran  ge- 
knüpfte Vorftellung  zu  gebrauchen,     Diefe  Re- 
gel 


5c8  Drittes  Buch. 

gel  wird  demjenigen  rieht  g^nz  unnütz  fchei- 
nen,  der  bedenkt,  wie  oft  folche  Worte  als  In« 
ftinet,  Sympathie,  Anthipathie  u.  a.  in  den 
Reden  vni  kommen  und  fo  gebraucht  werden, 
dafs  nun  b<dd  gewahr  wird,  die  Redenden  wif- 
fen  keine  Begriffe  an  fie  anzuknüpfen,  und 
fprechen  fie  blos  als  Töne  aus,  die  doch  gleich- 
wohl in  manchen  Fällen  als  Erklärungsgründe 
manclver  Etfcheinuugen  dienen  müffeu.  Diefe 
Worte  haben  zwar  ihre  eigentliche  Bedeutung; 
da  aber  die  Verbindung  zwifchen  beiden  nicht 
natürlich  fondern  willkührlich  ift,  fo  werden 
fie  durch  die  Gewohnheit  auswendig  gelernt, 
und  von  folchen  Menfchen  gebraucht,  welche 
keine  Begriffe  im  Bewufstfeyn  habeu,  um  fie 
durch  jene  auszudrücken.  Diefes  ift  aber  dor.h 
rothwendig,  wenn  auch  nur  um  lieh  felbft-zu 
verliehen. 

§•     9- 

Man  raufs  bei  Beftimmungen  b  e  - 
ftimmte  Begriffe  mit  den  Wor- 
ten verbinden. 

II,  Es  iß  nicht  genug,  die  Worte  zu  Zeichen 
von  gewiffen  Vorftellungen  zu  machen,  fondern 
die  mit  ihnen  verknüpften  einfachen  Vor- 
ftellungen muffen  klar  und  deutlich,  die 
zuf  ainm  en  g  e  fetz  '  en  aber  beftirnmt» 
d.  h-  nur  eine  feftgefetzte  Anzahl  von  einfa- 
chen 


Eilftes  Kapitel.  5 09 

chen  Vorftellungen,  und  keine  andere,  darfn.it 
dem  Worte  als  Zeichen  verbunden  feym  Die- 
fes  ift  bei  Worten  der  Beftirnmungen,  vorzüglich 
der  movalifchen  fehr  nötbig.  Gerechtig- 
keit ift  ein  fehr  gemeines  Wort,  aber  von  fehr 
fchwankender  Bedeutung,  und  diefe  wird  es 
fo  lange  behalten  ,  bis  man  alle  Beitandtheile 
diefes  BegrifFs  in  dem  Gemuthe  beftimmt  zu- 
famuiengefafst  hat ;  und  find  diefe  wieder  zu- 
fammengefetzt,  fo  mufs  man  fie  fo  lange  zer- 
gliedern, bis  fie  in  ihre  einfachen  Yorftellun« 
gen  aufgelöft  find.  Woferne  diefes  nicht  ge* 
fchiehet,  fo  wendet  man  die  Begriffe  umich« 
tigan.  Ich  behaupte  nicht,  dafs  man  jederzeit, 
wenn  das  Wort  Gerechtigkeit  vorkommt,  auf 
dieTe  Entwickelung  ficbbefinnen,  und  fie  je- 
desmal wieder  von  neuem  vornehmen  muffe; 
aber  nothwendig  ift  es  doch,  die  Bedeutung 
des  Worts  fo  weit  zu  unterfuchen  und  fefbu- 
fetzen,  dafs  man  fie  fo  oft,  als  es  nöthig  fcheint, 
analyfiren  kann.  Wenn  man  unter  Gerechtig- 
keit eine  gewilTe,  dem  Gefetze  angemeflene, 
Behandlung  fremder  Perfonen  und  Güter  ver- 
liehet, kann  fich  aber  keinen  deutlichen  Be- 
griff von  dem  Merkmale  Gefetz  machen ,  fo  ift 
jener  Begriff  felbft  undeutlich  und  unvollkom- 
men. Wahrfcheinlich  wird  diefe  Genauigkeit 
zu  befchwerlich  fcheinen  ,  und  der  gröfsta 
Theil  der  Menfchen  wird  fich  daher  erlauben, 
diefe  Begriffe  nicht  fo  beftimait  zu  fallen ;  dann 

darf 


5io  Drittes  Buch. 

darf  man  fich  aber  auch  (nicht  über  die  Dun- 
kelheit und  Verwirrung  in  ihren  Köpfen  und 
die  Zankereien  in  ihren  Unterredungen  Wun- 
dern» 

§.      10. 

t)ie  Begriffe   von    Subflanzen   muf- 
fen n  a  tu  rgemäfsfey  n. 

Zum    richtigen    Gebrauch   der  Worte  für 
Snbftanzen    ift   noch    etwas   Mthreres  als    die 
Beit  i  in  in  t  hei  t    etfoderlich  ;     fie    muffen 
nehm  lieh    den    Dingen    angemeffen 
feyn,    infofern  fie  exiftieren,     Ich  werde  fo- 
gleich  Gelegenheit  bekommen,  vreitläuftig  da- 
von zu  handeln.      Diefe  Genauigkeit  il\  in  phi- 
lofophifchen   Unteifuchungen    und    Streitigkei- 
ten, wo  es  um  die  Wahrheit  zu  thunift,  durch- 
aus   etfoderlich.      Es   wäre  freilich  auch   gut, 
Vvenn    fie  auch  über  die   Unterhaltungen  und 
Gefchäfte    des     gemeinen     Lebens    ausgedehnt 
würde ;  allein  das  dürfte  kaum  zu  hoffen  feyn» 
Die  gewöhnlichen  Gefpräche  richten  fich  nach 
den  gemeinen  Begriffen;    beide  find   zwar  ver- 
wirrt genug,  aber  doch  reichen    fie   zu  ihren 
Zwecken  aus.     Kauileute  und  Liebhaber,  Kö- 
che und   Schneider  haben    ihre   Worte,    wo- 
durch fie  ihre  Gefchäfte  bequem  abthun  kön- 
nen.      Warum    füllten    das   Philofophen    und 

Dis. 


Eilftes  Kapitel.  Jit 

Dijputirende  nicht  auch,  wenn  fie  den  Willen 
hätten,  einander  zu  verftehen  und  verbanden 
zu  werden. 

§.      II. 

S  p  r  a  chrichtigkeit, 
III,  Nachft  der  Beftimmtheit  der  Begriffe 
mufs  man  fo  viel  als  möglich  darauf  bedacht 
feyn  ,  durch  Worte  diejenigen  Be- 
griffe auszudrücken,  welche  der 
Sprachgebrauch  mit  ihnen  verknüpft 
hat.  Denn  über  die  Worte,  zumal  in  fchon 
gebildeten  Sprachen,  hat  kein  Einzelner  ein  Ei- 
gentumsrecht;  üe  find  das  allgemeine  Mittel 
der  Mittheilung  und  gleichfam  eine  Geldmünze 
des  Gedankenurntaufch.es.  Daher  hat  kein  Ein- 
zelner das  Recht,  ihren  Stempel  oder  die  dar. 
an  geknüpften  Yorftellungen  zu  verändern  ; 
zum  wenig  ften  mufs  er  es  anzeigen,  wenn  er 
dazu  genöthiget  ift.  Der  Zweck  der  Sprache, 
fich  verftündlich  zu  machen,  kann,  wenn  man 
von  dem  Sprachgebrauch  abweichet  ,  nicht 
ohne  öftere  Erklärungen ,  Anfragen  und  aude- 
Te  unangenehme  Unterbrechungen  erreicht 
werden.  Die  Sprachrichtigkeit  verfchaft 
unfern  Gedanken  den  leichteften  und  vor- 
teilhafteren Eingang  bei  andern  Menfchen, 
und  in  diefer  Hinficht  verdient  fie  gewifs  unfe- 
reNachforfchung  und  Achtung,  vorzüglich  bei 

mora- 


S'2  Drittes  Buch. 

moralifchrn  Worten.  Die  fprachriebtige  Be- 
deutung und  Anwendung  der  Worte  lafst  lieh 
am  bcTten  von  denen  lernen,  welche  in  Schrei- 
ben und  Keilen  die  beftimmteften  Begriffe  äuf- 
fern  ,  und  dazu  die  gefchikteften  Ausdrücke 
mit  der  lYhärfften  Auswahl  anwenden.  Wenn 
gleich  «iefer  fprachriebtige  Gebrauch  der  Wor- 
te nicht  allezeit  fo  glücklich  ift,  \  ei  ftändlich- 
keit  zu  gewähren  ,  fo  entgeht  doch  feiten  der- 
jenige dem  Tadel,  der  fo  ungefchickt  ift,  dafa 
er  den  Sprachgebrauch  feiner  Sprache  nicht 
einmal  auffallen  kann. 

§•      12» 

Erklärung     der     Bedeutung     der 
Wort  e. 

IV.  Allein  die  Bedeutung  ,  welche  der 
Sprachgebrauch  an  einige  Worte  geknüpft  hat, 
ift  nicht  allezeit  fo  klar,  dafs  üe  jederzeit  mit 
Beftimmtheit  erkannt  werden  kann.  Auch 
kommen  die  IMenfchen  bei  Erweiterung  ihrer 
Erkenntnifs  auf  Begriffe ,  welche  von  den  ge- 
wöhnlichen und  aufgenommeneq  abweichen, 
und  fie  muffen  daher  für  diefe  entweder  neue 
Wörter  bilden  (.welches  man  aber  feiten  wagt, 
um  den  Schein  der  Neuerungsfucht  zu  vermei- 
den), oder  alte  Wörter  in  neuer  Bedeutung 
gebrauchen.  Daher  ift  es,  nächft  der  Beobach- 
tung der  vorigen  Regein,  oft  noihweudig,  d  i  e 

Be- 


Eilfte«  Kapitel.  513 

Bedeutung  der  Worte  durch  Erklä- 
rung ihres  Sinnes  kenntlich  zu  nia- 
chen,  wo  fie  entweder  der  Sprachgebrauch 
ungewifs  und  fchwankend  gelailen  hat,  wel- 
ches vorzüglich  bei  den  Worten  für  fehr  zu- 
fammengefetzte  Begriffe  der  Fall  ift,  oder  wo 
der  Aufdruck  in  weltlicher  Beziehung  mit 
dem  Hauptgegenftande  ftebet,  und'Alifsveiftänd- 
niffen  unterworfen  ift» 

§.      I?» 

Diefes     kann    auf  dreierlei    Weife 
ge  f  ch  eben. 

Da  die  Vorftellungen,  welche  durch  Worte 
bezeichnet  werden,  verfchieden  Gnd ,  fo  wird 
auch  die  Bedeutung  der  Worte  auf  verfchie* 
dene  Art  erklärt.  Gewöhnlich  wird  die  De- 
finition für  das  einzige  Mittel  dazu  gehalten; 
allein  es  giebt  Worte,  die  nicht  definirt  wer- 
den können,  andere,  deren  Bedeutung  nur 
allein  Definitionen  zu  erkennen  geben,  und 
vielleicht  noch  eine  dritte  Klaffe,  welche  von 
beiden  etwas  Gemeiufchaftiiches  hat.  Wir 
werden  diefes  bei  den  Worten  für  einfache 
Vorftellungen,  Beftimmungen  und  Subftanzen 
zeigen. 


Locke's.  II.  Theil.  Kk  $.14. 


J*4  Dritt«  Euch. 

§.   u- 

l)  Bei  einfachen  Vorftellungen 
durch  fynonyme  Ausdrücke  und 
Aufzeiguug  des  Ge  ge  nftan  d  es. 

Wenn  Jemand  ein  Wort   für   eine  einfache 
VoiTtellung   gebraucht-,    von    dtm    er   vermu- 
then  kann,  dafs  es  nicht  verbanden   oder  mifs- 
veiftanden   werde,  fo  ift  er   durch   die  Pflicht 
der  Aufrichtigkeit  und  den  Endzweck  der  Spra- 
che verpflichtet,   feinen   Sinn  zu  erklären ,  und 
die   Vorsehung ,    welche    er    beseichnen    will, 
bekannt  zu  machen.      Definitionen   finden  hitr 
nicht  ftatt  (5    Buch  4  Kapitel  §.  n,);    wenn  es 
alfo  an  ,fynOnyrnen  Worten   fehlt,    fo  kann  es 
nur  auf  folgende    zwei    Arten  gefchehcn-      Ij 
Zuweilen  kann   man    dadurch   ein    Wort  einer 
einfachen     Vorftellung     vcrftär.dlich      maclient 
dafs  man  das  Objcct    nennt,    worinn 
diefes     Merkmal    angetroffen     wird, 
vorausgefetzt  ,     dafs    jenes    Object    fei  hfl    ein 
verftandliches    Sp-achzcichen    bat,       So    chrf 
man,    um   den    Landieaten  die    Farbe    feuille- 
morte  zu  erklären,   nur  fagun  ,   dafs  es  die  Far- 
be    der     verwelkten    im    Ilcrbfte   abfallenden 
Blatter    ift,      2)    Der   einzig    fiebere    U  eg  ift 
aber   der,    dafs     man     den     Sinnen    das 
Object  d  a  r  ft e  1 1 1.   welches  in  dem  G  e- 
111  ü  I  h  e     diefe     einfache     Vor  Heilung 
erzeugen     kann,    indem   man    dadurch    die 

Vor- 


Eüftes    Kapitel,  515 

VorftelJung,  welche  das  Wort  bezeichnet,  wirk- 
lich entftehen  läfst. 


2)    Bei    gern  i  fchten    B  eftim  m  u  ngert 
durch  Definitionen. 

Da    die    gemifchten   Beftimmungen  ,     vor- 
züglich die  mOralirchen)  meiftentheüs  willkühr- 
liche  Verbindungen  der  Vorftellungen  find,   und 
daher  lieh  auf  kein  beharrliches    Ob/ect  bezie- 
hen ,  fo  kann  die  Bedeutung  ihrer  Sprachzei- 
chen nicht,  wie   bei  den  einfachen  Vorftellun- 
gen ,    durch    Darfteiluog    des  Objects  erklärt, 
dagegen  aber  genau  und  vollkommen  definirt 
werden.      Durch  diefes   Mittel   kann   man  die 
einzelnen    Vorftellungen,  aus  welchen  der  Be- 
griff zufammengefezt  ifi,  vollftändig  erkennen, 
und  die  Worte  in    einer  beftimmten  gewiffea 
Bedeutung  gebrauchen.     Von   diefer  Seite    er- 
fcheinen  diejenigen  fehr  tadelsvviirdig,  welche 
fich  über  rnoralifche  Gegenstände  nicht  deutlich 
und  beftimmt  ausdrücken.     Denn  die  befumm- 
le Bedeutung  der  VVorte  für  geraitchte  Beftira- 
rnungen,    oder  welches  eben  fo  viel  ifi,    das 
Realwefen  jeder  Art  kann  veliftändig  erkannt 
werden,  weil  es  das  Werk  der  Menfchen  und 
nicht  der  Natur  ifi;  und  es  verräth  daher  eine 
grofse  Nachläfßgkeit  oder  Verkehrtheit,  wenn 
&k  3  man 


ölfi  Drittes  Buch. 

man  von  moralifchen  Dingen  dunkel  nnci  nn- 
gewifs  fpricht.  Zum  wenigüen  ift  diefes  ver- 
zeihlicher, wenn  man  von  körperlichen  Sub- 
fianzen  handelt  ,  wo  ans  dem  entgegengefeU- 
ten  Grunde  zweifelhafte  Ausdrücke  weniger 
zu  vermeiden  lind. 

$.     16. 

Die  Moral  iß  einer    Demonftration 
fähig. 

Hierauf  wage  ich  die  Behauptung  zu  grün- 
den ,  da£s  die  Moral  nicht  weniger 
als  die  Mathematik  einer  Demonltra- 
tion  fähig  ift.  Denn  das  reale  Wefen  mo- 
ralischer Gegenfiände,  welche  durch  Worte 
bezeichnet  werden,  kann  vollständig  erkann1, 
und  daher  die  Uebereinftiinmung  oder  Nicht- 
nbereinftimmung  der  Dinge  felbft  mit  Gewifs- 
heit  eingefehen  werden.  Hierin  beftehet  aber 
die  vollkommene  Erkenntnifs.  Ich  erwarte 
hier  nicht  den  Einwurf,  dafs  durch  die  Worte 
der  Subftanzen  ,  welche  ebenfalls  oft  in  der 
Moral  vorkommen,  Dunkelheit  eniftehen  wer- 
de. Denn  in  diefen  Fällen  wird  die  verfchie- 
dene  Natur  der  Subftanzen  in  der  Moral  nicht 
fowohl  unterfucht,  als  vorausgefetzt.  Wenn 
wir  fagen,  der  Menfch  ift  dem  Gefetz  unter- 
worfen fo  wird  unter  Menfth  nur  ein  körper- 
lit-hes,    vernünftiges  Wefen    verftanden,  deffen 

innere 


Eilftes  Kapitel.  $17 

innere  Natur  und  wefentüchen  Eigenfchsften 
hier  nicht  weiter  in  Betrachtung  kommen. 
Ob  ein  Kind  im  pbyfifchen  'Sinne  ein  Menfch 
fey,  kann  vielleicht  unter  den  Naturforfchern 
ftreitig  feyn  ;  allein  das  gebet  den  morali- 
fcben  Menfchen  (wenn  icb  fo  fagen  darf) 
nichts  an,  welcher  nichts  anders  als  diefe  un- 
veränderliche Idee,  finnlich  vernünftiges  We- 
Ten ,  ift.  Der  Gebrauch  der  fubftanziellen 
Worte  kann  daher,  wo  er  vorkommt,  eben  fo 
wenig  der  Moral  als  mathematifchen  Erörte- 
rungen nachtheilig  feyn.  ;Wenn  der  Mathe« 
matiker  von  einem  Würfel  oder  Kugel  von 
Gold  fpricht,  fo  denkt  er  fich  einen  deutlichen 
unveränderlichen  Begriff  ,  wenn  er  gleich 
durch  Mifsverftand  auf  einen  Körper,  dem  er 
nicht  zukommt,  kann  angewendet  werden» 

§.     17» 

Ich  habe  dies  nur  im  Vorbeigehn  erwähnt, 
um;  zu  zeigen  ,  von  welchen  wichtigen  Folgen 
es  ift,  die  Worte  für  gemifchte  Beftimmungen 
und  folglich  auch  in  moralifchen  Abhandlun- 
gen, wo  es  nöthig  ift,  zu  definiren ,  weil  die 
moralifche  Erkenntnifs  hierdurch  zu  einen  ho- 
hen Grade  von  Gewifsheit  und  Evidenz  kann 
gebracht  werden.  Wer  das  nicht  thun  will, 
verräth,  um  nicht  etwas  fchlimmeres  zu  fagen, 
einen  grofsen  Mangel  an  Aufrichtigkeit;  denn 
Kk  5  die 


JlS  Drittes  Buch. 

die  Definition   ift  der  einzige  Weg,    wodurch, 
die    beftimmte    Bedeutung    mor^hfeher    Worte 
mit  völliger  Gevvifsheit  kann  erkmnt  werden. 
Diejenigen,    weiche    fich    nicht  ^deutlicher  in 
moraiifchen  als  in  phyftfchcn  Geoenftänden  aus- 
drücken,  beweii'en   eine  unverzeihliche  Nacii- 
läffigkeiL  oder  Verkehrtheit.      Denn  iu  der  Mo- 
ral befchäftiüe--  min  lieh  mit  Begiiffen  des  Ver- 
Itandes,     die    nseder  fslfch  noch  unangemeiTen 
find,  und  kein  äufserea  Ding,  iura  Vorbild  ha- 
ben ,     dem     he    entfprechen    müfsten«       Es    ift 
leichter,  einen  Betriff  zu  bilden,  nach  welchem 
als  einer   Be^el    alle    Handlungen,    die  damit 
übereinftimmen ,     das    Prädica*    Gerechtig- 
keit erhalten  follen,  als  eine  Vorlttllung  zu- 
fammenfttzen ,    die  dem   Ariftides    in   allen 
Dingen  vollkommen    ähnlich   feyn    foll.      Dort 
darF  man  nur   den  Zufammenhang    der  Vorltel. 
Jungen  ,   welche  in  dem    Verftande  zufammen- 
gefetzt  werden,  erkennen,    hier  mula  man  die 
ganze  innere  verborgene  Natur   und  die   man- 
nichfaltigen    Eigenlchafien    eines    aufser    dem 
Verftande     exiftierendeu     Dinges    erforfchen. 

§•     18» 

Ein  anderer  Grund,  der  die  Definitionen 
hier  noth wendig  macht,  befreitet  darinn,  dafs 
nur  auf  diefem  We  ge  allein  die  Be- 
deutung   der    Worte    für    gemifchte 

Bf- 


Eilftes  Kapitel.  öip 

B  e  ft  i  m  m  u  n  g  e  n  kann  erkannt  wsr- 
den,  Denn  diefe  Begriffe  find  gröfstentheils 
von  der  Art,  dafs  ibre  Beftandtkeile  nirgeris 
zul'ammcn  iondem  zerftreut  und  mit  andern 
Dingen  vermifcht  ,  exiftieren,  und  dafs  fie 
der  Verftand  auffammlen  ,  und  in  einen  Be- 
griff verbinden  muTs,  Dalier  lafst  fieh  nur 
durch  Worte,  indem  man  die  einzeln  Vorfiel- 
langen  aufzählt,  welche  der  Verftand  verbun- 
den hat,  andern  der  Inhalt  dieter  Worte  be- 
kannt machen.  Denn  hier  lallen  uns  die  Sin- 
ne ohne  ßeifhnd,  und  he  können  uns  nicht, 
wie  bei  den  einfachen  Vorfiel!  urigen  und  felbft 
oft  bei  den  Subftanzen,  das  Object  des  Wor- 
tes darliehen, 


§♦     19. 

3)  Bei  Subftanzen  durch  Definitio- 
nen und  durch  Darftcllung  des 
Obj  ects. 

Zur  Erklärung  der  Bedeutung  der  fubftan- 
zielleu  Worte,  infofern  diefe  verfchiedene  Ar- 
ten und  Gattungen  anzeigen,  find  in  vielen 
Fällen  beide  vorhin  erwähnte  W  e  ge,  nehm« 
lieh  die  An fc hauung  und  die  Defini- 
tion, erfoderlich.  In  der  Regel  hat  jede» 
Gattung  und  Art  gewiffe  leitende  Eigenfchaf- 
ten ,  an  welche  wir  uns  die  übrigen  Merkmale 
K.k  4  diefer 


520  Drittes  Buch. 

zufammeDgeretzten    Begriffe  geknüpft  denken, 
und  wir  find  genetzt  ,    das  Gattuogsvvort  dem- 
Üinge     bcitulegen  ,    an    dem    wir   jene 
eharakberi  -     Merkmale    linden,       Diefe 

leite  ü  oder  ciirakteriftifchen  Begriffe  (wie 
ifcb  iie  nrnnen  möchte)  lind  bei  den  Thieren 
ur!  l'H.n/en  vorzüglich  die  Geftalt,  und 
bei  leblofen  Körpern  ihrils  die  Farbe,  theils- 
beide  zufa. innen.  (3.  Buch,  ö.  Kapitel. 
*.   »9). 

§.     20. 

Die  leitenden  Merkmale  werden 
am  heften  durch  die  Anfchauun» 
d  a  r  g  e  ß  e  1 1 1. 

Diefe  leitenden  finnlichen  Merkmale  find  die 
Hauptbeftandtheile  unferer  Gattungsbegriffe  und 
daher  auch  dasjenige,  was  in  den  Definitio- 
nen derjenigen  Gefchlechtsworte  am  rueiften 
ausgezeichnet  und  am  wenigfien  veränderlich 
iß,  welche  den  für  uns  erkennbaren  Artender 
Subftanzen  beigelegt  werden.  Das  Wort 
Menich  kann  an  lieh  fowohl  den  zufammenge- 
leuten  Begriff,  deflen  Merkmale,  Thierheit 
und  Vernunft,  in  einem  Subject  vereiniget, 
lir.i,  als  einen  andern  bezeichnen;  wenn  es 
aber  als  Kennzeichen  für  eine  Art  von  Ge- 
schöpfen gebraucht  wird  ,  welche  wir  zu  unf- 
rei 


Eilftes  Kapitel.  521 

rer  eigenen  Gattung  rechnen  ,  fo  mufs  die 
äufsere  Gelialt  vielleicht  eben  fo  nothwenrlia- 
als  jedes  andere  Merkmal  in  den  durch  diefes 
Wort  bezeichneten  Betriff  aufgenommen  wer- 
den. Von  diefer  Seite  wird  lieh  daher  fchwer- 
licli  etwas  gegen  die  PlatOnifche  Dt fiuitipa 
vom  Menfchen  erinnern  lafltn  Denn  die  Ge. 
ftalt  als  charakteriftifebes  Merkmal  Icheint  die- 
le Gatturg  mehr  zu  beftin.men ,  als  das  Ver- 
nunfiverniöien ,  welches  f  ch  erft  fpäter  und 
bei  einigen  gar  nicht  äußert.  Will  man  die- 
fes nicht  einräumen,  fo  lehe  ich  nicht  ein, 
wie  diejenigen  von  einer  Morclthat  freizufpre- 
chen  find ,  welche  eine  ungeftaltete  Geburt 
(wie  fie  es  nennen;  tödten,  blofs  wegen  der  un- 
gewöhnlichen Geftalt,  ohne  zu  wilfen  ,  ob 
nicht  darin  eine  vernünftige  Seele  wohnet, 
welches  mau  gleicb  uacb  der  Geburt  weder 
einem  wohl  noch  einem  ubelgeftalteten  Kinde  an- 
fehen  kann.  Und  wer  hat  uns  belehrt,  dafs  eine 
vernünftige  Seele  keinen  Körper  bewohnen 
und  beleben  kann,  wenn  er  nicht  gerade  die 
Auffenfeite  und  die  äufsere  Bildung  ,  wie  der 
unfere,  hat» 

§.     21. 

Diefe    leitenden     Eigen  fch  a  ften 

nun  werden  am  heften  und  kaum  auf 

einem     andern    Wege    als    durch   die 

Kk  s  An- 


$22  Drittes  Buch. 

A  n  Tc  h  a  n  u  n  g  bekannt  gemacht.  Don» 
die  Geftalt  eines  Pferdes,  eines  Kafuars  kann 
durch  Worte  nur  fehr  unvollkommen  anfge- 
fafst  werden;  die  Anficht  diefer  Thiere  Riebt 
fie  täuTenduial  befter.  Die  befondere  Farbe 
des  Goldes  läfst  fich  nicht  durch  eine  Befchrei- 
bting  fondern  durch  die  öftere  Betrachtung 
des  Auges  erkennen,  wie  die  Kenner  diefes 
Metalls  beweifen,  welche  fehr  oft  das  ächto 
Gold  von  dein  nachgemachten,  das  reine  ,  von 
dem  verfalfchten  blofs  durch  das  Geficht  unter- 
scheiden, wo  andere,  die  eben  lo  gute  Au- 
gen, aber  nicht  die  beftimmt  treffende  Vorftel- 
lung  diefer  Farbe  durch  die  Ucburg  erlangt 
haben  ,  nicht  den  geringften  Unterfchied  be- 
merken. Eben  das  liifst  fich  auch  von  andern 
einfachen  einer  Art  von  Subftanzen  eigentüm- 
lichen Merkmalen  Tagen ,  für  welche  es  keine 
befondern  Worte  giebt.  Der  befondre  Klang 
des  Goldes,  der  fich  von  andern  uriterfcheidet, 
ift  eben  fo  wenig  als  die  befondere  gelbe  Farbe 
dellelben,  durch  ein  eigenes  Wort  beieich* 
net  worden» 

§•     22. 
Die  Merkmale  von  Vermögen  wer- 
den   am    beften    durch    Definitio- 
nen erklärt. 

Viele  einfache  Merkmale,    welche  den  In- 
halt   unfrei   Gattungsbegriffe  von  Subftanzen 

aus-: 


Eil f tes  Kapitel.  523 

ausmachen,  (ind  Vermuten,  welche  nach   den 
gewöhnlichen  Erlcheinuogen   der    Din^e   nicht 
in    die  Sinne    faller.      Daher  wird   ein  '1  heil 
der  Bedeutung    in  den   fübftanziellen   Vv orten 
bei  Ter    durch  die  Aufzählung  diefer 
einfachen     Vorfte'lungen    als    durch 
dicVorweifung    an     den    Subßauzea 
f  e  I  b/t,  erklaret  werden.     Wenn  Jeniind 
jnit  [der  gelben   Farbe    des    Gelles  ,     die    jhm 
die     Anfchauung    giebt,    folgende    Merkmal« 
verbindet,  fo  wie  ich  lic  in    Worten  darftelie, 
nehmlich,    grofse    n:isdehnbarkeit  ,    Schmelz- 
barkeit  ,     Feuerbeftauiigkeit    und     Auflö:sbar- 
keit   in    Goldwaller  ,     fo   wird    er  ei-ien    voll- 
kommenem BegrilT  von   di^fera    Metalle  erhal- 
ten, als  durch  die  hloi'se  Anficht  eines  Stücks 
Goldes  und  durch  die  Beobachtung  der    ünnh- 
cheu  Eigpufchaffcn  möglich  war.  Ware  aber  die 
innere   Natur  djefes  Metalls ,  woraus  alle  diefe 
Ei  £enu.  haften    entfprinj-en,    eben    fo   anfehau- 
lich    für    die    Sinne     als    das   formale    Weten 
eines     Triangels  ,     fo     könnte    die    Bedeutung 
des    Wortes    Goid      eben    lo    durch    die    An- 
lchamiDg    beftimmt     werden,     als  es  b^i  dem 
Triangel  möglich  ift. 

Hieraus  läfst  fich  beftimmen,  in  wiefern 
alle  unfre  Erkenntnifs  der  Körper  — 
wefen  in  unfern  Sinnen  gegründet 
ift.     Denn  wie  die  gzuz  reinen  G<-ifter,  deren 

Er- 


$24  Diii res  Buch. 

Erkenntnis    doch    gewiS   weit  vollkommener 
;iU  unfere  ift,   De  erkennen,  davon  wir 

keinen   Begriff.      Unfere  eigene   Vonftellui 
auf  unler^  Erkenntfiifsart  erngefchränkt,  begn.-n- 
!fi)   Umfang     unferer  Erkenntnis,    Mi  Ter  et 
Einbildungskraft,        Wenn    es  auch   uiclu   bc- 
W     den  kann,    dafs   die  Gfcifter    einer 
näheren  Ordnung,  als  die  an  Körper  gebundemi 
iiic.be  fv  griffe  von  oem   t-irundwe- 
jblMiuen,    als  wir  von  dem  Triangel 
en,   und   dafs  fie  erkennen,   wie  alle  Eigen- 
n,  alle  Wifkungen  darin  gegründet  find, 
ännen    wir  doch  nicht  die  A.t  und  Weife 
begreifen*    wie  fie  zu  foieher  Erkenntnifs  ge- 
langen. 

§.     -4. 

Aber  obgleich  die  Definitionen  ein  gutes 
Mine)  zur  Erklärung  der  Worte  der  Subfianzea 
find  .  in  :o  lern  die  Worte  unfere  Kegri  He 
bezeichnen,  fo  können  Ge  doch  nicht  alle 
Unvoilkoiumenheilen  dcrlelben  tilgen ,  info- 
fern fte  Dinge  darfteilen.  Denn  diefe 
Wo  te  werden  nicht  blols  als  Zeichen  unferer 
Begriffe  i  londern  zuletzt  auch  als  Zeichen  der 
Dinge«  die  ihre  Stelle  vertreten,  gebraucht, 
Ihre  Bedeutung  rnufts  daher  fowohl  mit  unfern 
Becriffen,  als  mit  der  Wahrheit  der  Dinge  über* 
einlhmtnen.     Folglich  können  wir  bei  Sublt.ni- 

zen 


Eilftes  Kapitel.  $2$ 

zen  nicht  immer  bei  dem  gemeinen  znfammen- 
gefetzten  Begriffe  fteheu  bleiben,  der  gewöhn* 
lieb  für  die  Bedeutung  diefes  Worts  genommen 
wird,  fondern  muffen  etwas  weiter  g^hen,  die 
Natur  und  Eigenfchaften  der  Dinge  felbft  nn- 
terfuchen  ,  und  dadurch  die  Eiegriffe  von  ihren 
Arten  und  Gattungen  lo  vollkommen  machen, 
als  möglich  ift.  oder  doch  von  denjenigen  ler- 
nen, welche  Erfalmmgskenntniile  davon  be- 
fitzen.  Denn  da  die  Sprachzeichen  der  Sub- 
ftanzen  nicht  nur  Begriffe,  wie  fie  in  dem  Ver- 
ftande  anderer  Rlenfchen  vorkommen,  fon- 
dern auch  folche  Inbegriffe  von  einfachen 
Merkmalen  bezeichnen  foilen ,  als  fie  10  den 
Dingen  felbft  wirklich  vorhanden  find  ,  fo 
mufs  man  die  N  a  t  u  r  g  e  fc  h  i  c  h  t  c  ft  u  - 
diren  und  die  Eigenfc  haften  der  Din- 
ge mit  kritifcher  Sorgfalt  ausfin- 
dig machen,  wenn  man  diefe  Worte 
richtig  d  efinir  e  n  will.  Es  ift  nicht  ge- 
nug ,  um  Fehler  in  den  Unterhichurgrn  und 
Räfonnements  über  Körper  und  Naturwefen  zu 
vermeiden,  dafs  man  von  dem  Sprachgebrauchs 
den  gemeinen  aber  dunkeln  oder  unvollkomme- 
nen Begriff  lerne,  an  welchen  jedes  Wort  an- 
geknüpft ift,  und  dafs  man  ihn  bei  dem  Ge- 
brauche allezeit  mit  diefem  verbinde,  ibndern 
wir  muffen  uns  felbft  mit  der  Gefchiehte  die- 
fer  Art  Dinge  bekannt  machen,  dadurch  untere 
Begriffe  berif.htigen  und  fixiren,  und  wenn  uns 
Locke's.     II.  Theil.  L  1  an_ 


ti6  Drittes    Buch. 

andere  mifsverftehen,  den  Begriff  befiimint  an- 
geben, den  wir  durch  diefe>  Wort  ausdrücken. 
Diefe  Pflicht  kann  denen,  welch«  nach  Er- 
kenntnifs  und  j.diiIofophifcher  Wahrheit  ftreben, 
um  fo  weniger  erlaffen  werden  ,  da  wir  a's 
Kinder  bui  fchr  unvollkommenen  Begriffen  von 
den  Dingen  Worte  kennen  lernen,  lie  at:fs 
Geratbewohl  ohne  vieles  Nachdenken  anwen- 
den, und  feilen  beftimmte  Begriffe  bilden ,  um 
fie  durch  jene  auszudrücken.  Diefes  Verfahren 
"wird  zur  Gewohnheit  und  auch  noch  von  Man- 
nern gerne  iortgefetzt,  weil  es  bequem  und  für 
die  Verhältniffe  des  gemeinen  Lebens  zureichend 
iß.  Unterdeffen  fangt  man  es  doch  verkehrt 
an,  dals  man  erft  die  Worte  vollkommen 
lernet,  und  dann  hinterdrein  die  Begriffe,  zu 
welchen  jene  gebraucht  werden,  mit  grofser 
Flüchtigkeit  bildet.  Dadurch  gefchiehet  es, 
dafs  Menfchen ,  welche  nach  dem  Sprachge- 
brauch ihres  Landes  und  den  Regeln  der  Gram- 
matik ganz  richtig  fprechen,  fich  doch  fehr 
unrichtig  von  den  Dingen  felbft  ausdrücken, 
dafs  fie  durch  ihr  Denken  und  Disputiren  doch 
in  Entdeckung  nützlicher  Wahrheiten  und  in 
der  Eikenntnifs  der  Dinge,  wie  fie  an  fich  und 
wicht  in  unferer  Einbildungskraft  exiftiren,  nur 
geringe  Fortfehritte  machen,  und  dafs  es  von 
U  enig  EinHufs  für  die  Erweiterung  der  Er- 
kenntnifs  ift,   wie  fie  die  Dinge  nennen, 

§•  25- 


Eilftes  Kapitel.  527 

§•     2?. 
Es  Ware  daher  zu  wünfchen,  dafs    die  Na* 
turforfcher,  welche  mit  den  verschiedenen  Arten 
der  Körper  bekannt  find,  die  einfachen  Merk- 
male feftfetzten,  welche  fie  an  allen  Individuen 
einer  Art  beobachten.      Hierdurch  würde  gröfs- 
tentheils    der  Verwirrung  abgeholfen,     welche 
daraus   entlieht  ,    dafs  vevfchiedene   Menfchen 
durch   dafielbe  Wort  einen  Inbegriff  von  weni- 
gem oder  mehreren  Gnnlichen  Merkmalen  aus- 
drücken ,  je  nachdem  fie  diefelben  mehr  oder 
weniger  kennen   und  forgfältig  an  den  Obje» 
cten ,  die  unter  dem  Worte  begriffen  und,  un- 
terfucht  haben.     Allein  ein  Wörterbuch   diefer 
Art,     welches  gleichfam   eine  Naturgefchichte 
enthalten  würde,  erfodert  zu  viele  Hände»  zu 
viel  Zeit,  Koften ,  Mühe  und    Scharffinn,    als 
dafs  man  es  je  erwarten  dürfte.     Bis  dahin  mufs 
man  fich  aber  mit  folchen  Definitionen  der  fub- 
flantiellen  Worte  begnügen ,  die  nur  ihre   ge- 
wöhnliche Bedeutung  erklären.     Doch  wäre  es 
fchon   gut,     wenn    auch   diefes    nur,    wo    es 
nöthig  ift,  gefchahe,  welches  aber  der  gewöhn- 
liche Fall  nicht  iß.     Die  Menfchen  drücken  Geh 
vielmehr  in  Unterredungen  und  Disputationen 
durch  folche  Worte  aus,    über  deren  Sinn   fie 
nicht  einverstanden  find;  eine  Folge  von  dem 
falfchen  Grundfatze,  daTs  die  Bedeutung  gemei- 
ner Worte  lieber  feftgefetzt,    und  die  beftimm- 
feen  Begriffe,    welche  dadurch  bezeichnet  wer- 
Ll  2  den, 


$28  Diines  Ruch. 

den.  vollkommen  bekannt  feyen,  und  dafs  man 
Ceti  fch  iüitn  imilste,  wenn  man  fie  nicht  wüfoe. 
Heide  Vorausfelzunjjen  find  ialfeh.  Kein  VVotI 
für  zufammengeletzte  Beritte  hat  eine  fo  fefte 
beftimmte  Bedeutung,  dafs  es  immer  nur  zur  Be- 
zeichnung eins:  und  d<  ffelbenßegrifls  gebraucht 
würde.  Es  HI  auch  kiine  Schande,  eine  ge- 
Wide  Likenutnifs  auf  keinem  andern  Wege  er- 
langen zu  können  ,  als  auf  dem  einzig  mögli- 
chen. Niemand  fetzt  feine  Ehre  dadurch  aufs 
Spiel ,  dafs  er  die  befummle  Bedeutung  nicht 
werfs ,  welche  ein  Anderer  mit  einem  Worte 
verbindet,  fo  finge  dienr  fie  nicht  durch  ein 
belfere^  Mittel,  all  der  blo'.se  Laut  ift,  bekannt 
gemacht  hat.  Das  Bedürfnis ,  fich  durch  die 
Sprache  mhzutheilen ,  nötlu'gtt  die  Aienfthen 
freilich,  (ich  über  die  Bedeutung  der  Worte  in 
einem  gewiflen  Umfinge  zu  vereinigen  ,  fo 
weit  es  für  die  gewöhnlichen  Bedürtniffe  des 
gefelligen  Lebens  nothwendig  ift,  und  man 
kann  daher  vOraiisfetzen ,  dafs  jeder  Bewohner 
eines  Landes  die  Vorftellungen  ,  welche  nach 
dem  Sprachgebrauch  mit  Worten  verbunden 
find,  zum  weniglteii  in  einigem  Grade  kenne. 
Allein  der  Sprachgebrauch  felblt  ift  eine  fehr 
nngewiffe  und  veränderliche  Kegel  ,  weil  er 
zuktzt  doch  nur  auf  Vorftellungen  einzelner 
Menfchen  beruhet.  Wenn  gleich  aber  das 
eben  erwähnte  Wörterbuch  für  unfer  Zeitalter 
picht  zu  erwarten  ift,  lo  ift  doch,  wie  ich  glau- 
->  be, 


Eilftes  Kapitel.  J2q 

be,    der   Vorfchlag  nicht  unßatthaft,     diejeni- 
gen   "Worte,     we'che   Dinge    bezeichnen,    die 
durch   ihre  aufsere  Geftalt  erkannt  und   unter- 
fchieden  werden,  durch  Zeichnungen  und  Ku- 
pferftiche  von   diefen  Dingen  genauer   zu  be- 
flimmern      Ein  Wörterbuch,  nach  diefer  Metho- 
de ausgearbeitet ,  würde  die  Bedeutung   vieler 
Worte,  vorzüglich  aus  Sprachen  entfernter  Zei- 
ten und  Lande,  viel  bequemer  und  in  kürzerer 
Zeit  lehren,   und  von  vielen  Dingen,  welche  in 
der     Leetüre    aiter    Schriftftelier    vorkommen, 
richtigere  Begriffe  verbreiten,    als  die  grofsen 
und    mühfanien    Kommentare    der    Gelehrten. 
Die  Natuikündiger,  welche  von  Piianzen   und 
Thieren  handeln,    haben  die  Vortheile  diefer 
Methode  erfahren  ,  und  wer  he  zu  lefen  Gele- 
genheit hatte,    wird  geftehen  muffen,    dafs  er 
durch  eine  kleine  Abbildung  eine  klarere  Vor- 
ftellung  von  einer  Pflanze  oder  einem  Thiere 
erhielt,    als  ihm  eine  lange  Definition  diefer 
Worte  hätte  geben  können.     Eben  das   würde 
auch  der  Fall  mit  dem  Strigil  und  Siftrum  der 
Römer  feyn.     Die  Worte  Toga,    Tunica  und 
Pallium  laffen  ficu  leicht  durch  die  Worte  Ober- 
kleid, Unterkleid  und  Mantel  überfetzen,  aber 
dadurch  erhält  man  noch  keine  ar.fchauliche  V'or- 
ftellung  von  diefer  Tracht  der  Römer.      Doch 
dies  hier  nur  im  Vorbeigehen, 


LI  5  §,  26. 


53»  Diätes  Buch. 

.§.     c6. 

Einförmigkeit    in    dem    Gebrauch 
der    Worte. 

V.  WennMenrchen  die  Mühe  (ebenen,  den 
Sinn  ihrer  Worte  zu' erklären ,  und  nicht  alle- 
zeit Definitionen  davon  möglich  find  ,  fo  darf 
man  doch  wenigftens  foviel  von  ihnen  erwar- 
ten, dafs  ß'e  da,  wo  gegenieitige  Belehrung 
und  Ueberzeugung  ihr  Zweck  ift,  ein  Wort 
immer  in  einerlei  Sinn  gebrauchen. 
Wenn  diefes  allezeit  gefchähe,  was  jedem  die 
Redlichkeit  zur  Pflicht  macht ,  fo  wäre  man- 
ches gefchriebene  Buch  überflüffig,  viele  Strei- 
tigkeiten würden  beendiget  ieyn,  viele  dicke 
Bande,  aufgefchwellt  mit  zweideutigen  Aus- 
drücken, in  einen  kleinen  Umfang  zufammen« 
f.dlen,  und  vißle  philofophifche  uhd  dichten- 
fche  Werke  in  eine  Nufsfchale  zu  fallen  feyn» 

§.     27. 

Wo    die   Veränderung    der    Bedeu- 
tung mufs  angegeben  werden. 

Bei  dem  allen  iß  doch  derVorrath  der  Wor- 
te in  Verhältnifs  zu  der  unendlichen  Mannich- 
faltigkxit  der  Dinge  fo  klein,  dafs  die  Men- 
fchen,  ungeachtet  aller  angewandten  Vorficht, 
doch  durch  deu  Mangel  an  paflenden  Ausdrük- 
ken  fich  genötbigt  fehen  werden ,  ein  und  daf- 

felbe 


Eilftes  Kapitel.  531 

felbe  Wort  in  einem  etwas  veränderten  Sinne 
zu  gebrauchen.  Wenn  es  gleich  in  einer  zu- 
fammenhänsenden  Rede  oder  Schrift  wohl  im- 
mer an  Räume  fehlen  wird,  jedesmal,  wenn 
die  Bedeutung  eines  "Worts  verändert  wird, 
eine  befondere  Definition  einzufchieben  ,  fo 
wird  doch  die  Einleitung  und  die  Abficht  der- 
felben  einen  redlich  forfchenden  und  denken- 
den Lefer  immer  auf  den  wahren  Sinn  der 
Worte  hinführen  ,  wenn  nicht  etwa  eine  ab- 
fichtliche  Taufchüng  zum  Grunde  liest.  Ift 
diefes  aber  nicht  hinreichend,  fo  erfordert  es 
das  Interefle  eines  Schriftftellers  ,  den  Sinn  zu 
erklären ,  in  welchem  er  in  diefer  Stelle  ein 
Wort  gebraucht  hdt. 


Ende  des  zweiten  Theils, 


♦